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21/03/2018 13:43 CET | Aktualisiert 21/03/2018 16:58 CET

An die Frau, die mich nach Syrien zurückschicken will

Ich muss hier nicht willkommen sein, weil ich kein Gast bin.

Ich habe einen treuen Fan. Genauer Sie, Frau M.

Sie werden nicht müde, zu erwähnen, ich gehöre nicht zu Deutschland. Ich solle zurück nach Syrien, sagen Sie, und stellen sich damit in eine Reihe mit vielen anderen Kommentatoren meiner Beiträge.

Immer wieder wollen mich Menschen wie Sie zurück nach Syrien schicken. Mit dem Land Syrien habe ich jedoch zurzeit genauso viel zu tun wie ein britischer Mallorcaurlauber mit Spanien. Nämlich gar nichts.

Meine deutsche Seite ist in mir genauso stark verankert, wie die syrische

Mit der syrischen Kultur habe ich hingegen sehr viel zu tun, weil ich mit ihr aufgewachsen bin. Allerdings immer mit dem Filter, dass ich in Deutschland geboren wurde und zu gleichen Teilen mit der deutschen Kultur aufwuchs.

Die syrische Kultur in Syrien unterscheidet sich von der individuellen Auslegung meiner Familie um Welten.

Außerdem – ich werde nicht müde, dies zu betonen – ist meine deutsche Seite genauso stark in mir verankert wie die syrische. Sie könnten mich also genauso gut nach Westfalen zurückwünschen, was allerdings die gleiche Reaktion in mir hervorrufen würde: Nö.

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Ich weiß, die Aufforderung, zurück nach Syrien zu gehen, heißt im übertragenen Sinne, dass ich den Mund halten soll. Weil Menschen wie Ihnen, Frau M., nicht passt, dass ich über die deutsche Gesellschaft schreibe und einen Migrationshintergrund habe.

Sie denken, Sie sprechen im Namen der Deutschen, wenn Sie rassistische Parolen schwingen.

Dass das glücklicherweise nicht stimmt, merke ich immer wieder, wenn sich Deutsche ohne Migrationshintergrund über Menschen, wie Sie, Frau M., aufregen.

Diese fühlen sich von Ihnen nicht repräsentiert und möchten nicht, dass die deutsche Gesellschaft im Ausland als weltfremd und intolerant gilt. 

Ihre Aussagen sollen mir verdeutlichen, dass ich hier nicht willkommen bin

Ich frage mich, ob sich Hassredner wie Sie, Frau M., dem Paradoxon ihrer Aussagen bewusst sind. Dass ich nicht meine Koffer packen und wirklich abhauen werde, das ist Ihnen wahrscheinlich klar.

► Ihre Aussagen sollen mir lediglich verdeutlichen, dass ich hier nicht willkommen bin.

► Ich lasse Sie gerne wissen, dass ich hier nicht willkommen sein muss, weil ich kein Gast bin.

Ich muss Sie nicht um Erlaubnis bitten oder in Dankbarkeit zerfließen, weil ich hier lebe.

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Genau wie Sie bin ich deutsche Staatsbürgerin und kann mir aussuchen, wo ich leben will. Und das ist zurzeit mein Geburtsland, Deutschland.

 Im Fernsehen sehen sie, dass Menschen mit Migrationshintergrund manchmal Probleme verursachen. Das macht Sie wütend, so wie mich auch. Aber anders als ich sehen Sie nicht, dass es sich bei diesen Menschen nicht um die Mehrheit handelt.

Das wollen Sie vermutlich auch gar nicht, weil das bedeuten würde, nachzudenken. Sie gehen lieber den einfacheren Weg, indem sie pauschalisieren.

Und, weil Sie so gerne pauschalisieren, sind wir Migranten an allem schuld, was so schief läuft. Ob in Deutschland allgemein oder in Ihrem Leben, ist dabei egal.

Wetter, Armut, Kriminalität, zu viel Stau auf den Straßen.

Die Sache ist klar: Wir, die Unruhestifter, müssen weg, damit alles wieder in Ordnung ist.

Meine Ausreise zu verlangen zeigt mir nur, wie ignorant Sie sind, Frau M.

Ich wette, Sie wissen nicht einmal, auf welchem Kontinent sich Syrien befindet

Frei nach dem Motto “Was weit weg ist, hat mich nicht mehr zu beschäftigen“ wollen Sie mich nach Syrien zurückschicken. Das passt zu Ihrem Denken, Frau M.

Sie wollen den ausgemachten Feind lieber ins Nirwana schicken, obwohl Sie die Gründe für Ihre echten Probleme woanders suchen müssten.

Ich wette, Sie wissen bestimmt nicht einmal, auf welchem Kontinent sich Syrien befindet.

In Anbetracht der angespannten Gesellschaftslage und der wachsenden sozialen Ungerechtigkeit kann ich Ihre krude Weltanschauung, Frau M., irgendwo nachvollziehen.

Ich denke, dass Sie sich in ein konstruiertes Unglück reingesteigert haben, welches die tatsächlichen Gründe Ihrer Unzufriedenheit vertritt. Weil es durchaus Probleme gibt, die sich mit ihrem konstruierten Unglück decken, fühlen Sie sich in Ihrer Meinung bestätigt, Frau M.

Sie fürchten sich davor, dass Deutschland von einer ausländischen Macht eingenommen wird

Ich habe das Gefühl, dass Sie unter starken Verlustängsten leiden. Aus Ihren Kommentaren lese ich heraus: Sie fürchten sich ganz besonders davor, dass Deutschland von einer ausländischen Macht eingenommen wird.

Bei der Dramatik Ihrer Schilderungen frage ich mich, ob ich nicht vielleicht doch wieder meine Sehstärke überprüfen lassen sollte. Denn von den Scharen der “gierigen“ Migranten kriege ich im Alltag gar nichts mit.

Ich bemerke eher zu viele Radfahrer – die können meinetwegen gerne weg.

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Sie verwenden in Ihren Kommentaren gerne Wörter wie “erobern“ und meinen dabei Deutschland und uns Migranten. Sie wünschen uns, dass wir “niemals glücklich werden mit dem eroberten Deutschland.“

Ich kann Ihnen diesen Wunsch leider nicht erfüllen, denn ich bin bereits glücklich in Deutschland. Dafür musste ich Deutschland nicht einmal erobern, ich wurde bereits hier geboren. Diesen Fakt scheinen Sie, Frau M., immer wieder zu überlesen. Oder Sie ignorieren ihn.

Über nackte Wut kann nicht diskutiert werden

Ich denke, ich könnte Sie auch ignorieren, wenn der Hass, den Sie propagieren, nicht so gefährlich wäre. Sie hetzen gegen Migranten, die stellvertretend für all Ihre Ängste herhalten müssen.

Leider spiegeln Ihre Meinungen auch sonst keinen konkreten Sachverhalt wider, der zur Diskussion gestellt werden könnte. Das ist schade, denn über nackte Wut kann im Gegensatz zu konstruktiver Kritik nicht diskutiert werden.

Ich denke, Sie beabsichtigen sowieso nicht, mit mir in Dialog zu treten. Ihre Hassrede zielt nur darauf ab, mich als Person zu verletzen.

► Ich möchte Ihnen sagen, dass Sie mich nicht verletzen.

► Ich möchte Ihnen sagen, dass Ihr Hass bloß der Ausdruck Ihrer Hilflosigkeit ist.

Ich weiß: Wenn Sie einmal die tatsächlichen Gründe Ihres Unglücks erkannt haben, werden Sie damit aufhören, medial konstruierte Plattitüden im Internet zu verbreiten. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Ihnen das gelingt.

Sollte ich demnächst planen, nach Syrien zu fliegen, biete ich Ihnen an, einfach mitzukommen.

Vielleicht können Ihnen die schöne Landschaft und die toleranten Menschen dort helfen, Ihre fehlgeleitete Gesinnung zu korrigieren.

Das wäre mal ein wirklich konstruktiver Vorschlag, finde ich.

(fk)