POLITIK
24/02/2018 16:49 CET | Aktualisiert 25/02/2018 09:30 CET

Syrien: In Ghouta zeigt der Westen, dass er aufgegeben hat

"Es interessiert uns einfach nicht."

Bassam Khabieh / Reuters
Hamoria in der Provinz Ghouta.
  • Im Westen Syrien bombardiert das Regime eine der letzten Rebellen-Enklaven
  • Der Fall Ghouta zeigt, dass der Westen den Kampf gegen Assad aufgegeben hat

Ghouta-Massaker. Ghouta-Genozid.

Die Wörter, mit denen Beobachter beschreiben, was derzeit in der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus passiert, geben einen guten Einblick in das Grauen in der kleinen Rebellenenklave.

Rund 400.000 Zivilisten sind seit fast fünf Jahren hier eingeschlossen und der Belagerung durch das syrische Regime ausgesetzt.

Bei einer Reihe von Luftangriffen und Einschlägen von mindestens 140 Raketen in der Region seien wenigstens 21 Zivilisten getötet worden, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Samstag. 

Ghouta wird zur Todeszone – und zum Symbol des Siegeszuges des Diktators Baschar al-Assad, der dem Westen seine Macht- und Kraftlosigkeit vorführt.

Wer kämpft hier gegen wen?

Die Gegend ist eines der wenigen noch von Rebellen kontrollierten Gebiete im Westen und Süden des Landes. Sie liegt so nah an Damaskus, dass von hier aus immer wieder die syrische Hauptstadt beschossen wurde.

Besonders zwei rivalisierende Rebellengruppen agieren in der belagerten Enklave. In der Stadt Douma hat die Dschihadisten-Miliz Jaysh al-Islam das Sagen, im Westen der Region die der Freien Syrischen Armee (FSA) zugehörige Gruppe Failaq al-Rahman.

Auch die salafistische Miliz Ahrar al-Sham ist in Ghouta präsent. Ebenso Kämpfer der ehemaligen Al-Kaida-Terrorgruppe Dschabhat Fatah al-Scham.

Die syrische Armee beschießt diese Milizen – ohne Rücksicht auf ziviles Leben.

Ein Rebellenführer sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass auch russische Jets Angriffe flögen. Hubschrauber der syrischen Regierung würden Fassbomben über Ost-Ghuta abwerfen und damit schweren Schaden an Gebäuden anrichten.

Berichten zufolge könnte auch eine Bodenoffensive Assads unter russischer Unterstützung bevorstehen.

Wie groß ist das Leid?

Tatsächlich leiden vor allem Zivillisten unter der Belagerung.

Das Gebiet nahe Damaskus erlebt die schlimmste Angriffswelle seit Beginn des Bürgerkriegs vor fast sieben Jahren.

Seit Sonntagabend wurden etwa 500 Zivilisten getötet, darunter mehr als 100 Kinder, wie die Beobachtungsstelle weiter meldete. Über 2200 Menschen seien verletzt worden.

Bassam Khabieh / Reuters
Ghouta am 7. Februar.

Seit 8 Monaten versucht die UN, 500 schwerverletzte Zivillisten aus dem Gebiet zu bergen, berichtet Syrien-Analyst Aron Lund. Die syrische Regierung weigert sich jedoch, Menschen aus dem Gebiet entkommen zu lassen.

Aber: Auch die Gruppe Jaysh al-Islam soll Zivillisten die Ausreise aus Ghouta verwehren.

► UN-Koordinator Ali al-Zaatari geht von mehr als 270.000 Hungernden aus. Die humanitäre Lage ist so schlecht, wie nirgendwo im Syrienkrieg zuvor, glauben Beobachter, 

► 24 Angriffe auf Krankenhäuser und Einrichtungen des Roten Kreuzes soll es im Februar bereits gegeben haben. “Wir stehen vor dem Massaker des 21. Jahrhunderts”, sagte ein Arzt aus Ghouta zuletzt dem “Guardian”.

Was tut der Westen?

Der UN-Sicherheitsrat hat eine Abstimmung über eine mögliche Waffenruhe in Syrien erneut verschoben.

Der Rat wolle nun am Samstag über eine entsprechende Resolution abstimmen, sagte der schwedische UN-Botschafter Olof Skoog nach rund sechsstündigen, ergebnislosen Beratungen in New York.

“Ich bin extrem frustriert”, sagte der sichtlich verärgerte Skoog. “Wir sind nicht in der Lage gewesen, eine Resolution zu verabschieden, um das Leid des syrischen Volkes zu mildern.”

Bassam Khabieh / Reuters
Ein Krankenhaus am 23. Februar.

Der US-Sender CNN kommentierte resigniert: “Der Westen wird den Horror nicht stoppen, auch wenn er könnte. Es interessiert uns einfach nicht.”

Wenn der Westen keine militärische Eskalation mit Russland riskieren will, hat er kaum eine Möglichkeit, das Massaker zu stoppen, argumentiert Korrespondent Nick Paton Walsh. 

Die UN habe akzeptiert, dass sie in Syrien keine Rolle mehr spielt – und muss nun zusehen, wie sich der syrische Machthaber Assad sein Land mit Bomben zurückholt.

Auch das US-Magazin “The Atlantic” stellt dem Westen – allen voran den USA – ein ernüchterndes Zeugnis aus: “Assad hat die Botschaft verstanden, dass er alles machen kann, was er will – außer Sarin-Gas.”

Mit Material der dpa.