POLITIK
27/02/2018 15:27 CET | Aktualisiert 27/02/2018 20:37 CET

Bericht: UN-Helfer sollen syrische Frauen zum Sex gezwungen haben

"Je mehr das Mädchen dem Verteiler gibt, desto mehr Hilfe bekommt sie."

Erik de Castro / Reuters
In Syrien müssen manche Frauen Hilfeleistungen mit sexuellen Diensten bezahlen
  • Mitarbeiter von UN-Hilfsorganisationen sollen Frauen in Syrien Hilfeleistungen nur gegen Sex zukommen lassen haben
  • Das geht aus einem neuen Bericht des “United Nations Population Fund” hervor

Seit Jahren ist Syrien geprägt von Krieg und Zerstörung. Die Menschen, die noch in den höchst gefährlichen Regionen zurückgeblieben sind, können nur dank externer Unterstützung überleben. Essen oder medizinische Hilfe, bleiben schwer zugänglich und werden meist nur durch die Hilfe von Hilfsorganisationen ermöglicht.

Allerdings müssen manche Hilfsbedürftige einen hohen Preis für diese Unterstützung zahlen. Oftmals mit mit ihrem Körper.

Sexuelle Dienste für eine Mahlzeit

Wie ein aktueller Bericht des “United Nations Population Fund” (UNFPA) offenlegte, wird in den verschiedenen Regionen des Landes humanitäre Hilfe für Sex ausgetauscht. 

In dem Bericht, der unter dem Titel “Voices from Syria 2018″ (Stimmen aus Syrien) veröffentlicht wurde, untersuchen die Forscher geschlechterspezifische Gewalt und sexuelle Belästigung in 14 syrischen Regionen.

Ihre Schlussfolgerung zeichnet ein erschreckendes Bild ab: “In den verschiedenen Bezirken Syriens wurden Beispiele genannt, bei denen Frauen oder Mädchen die Beamten für kurze Zeit für ‘sexuelle Dienste’ heirateten, um Mahlzeiten zu erhalten.“

Weiter schrieben die Forscher, dass männliche Helfer nach den Telefonnummern der Frauen fragten oder ihnen anböten, sie für eine gewisse Gegenleistung nach Hause zu bringen. Auch seien Hilfsgüter nur für eine Dienstleistung, wie ‘eine Nacht mit ihnen’, herausgegeben worden. “Frauen und Mädchen ohne männliche Beschützer, galten als besonders anfällig”, lautete es in dem Bericht.

Frauen verzichten auf Hilfsgüter, um sexueller Ausbeutung zu entkommen

Die UNFPA stufte die Standorte, wo Hilfsgüter verteilt werden, als Gegenden mit einem ‘hohen Risiko’ ein. Über 44 Prozent der Befragten gaben an, dass sie Angst vor sexueller Gewalt und Ausbeutung in den Verteilungszentren hätten.

Aus dieser Angst zogen bereits einige Befragte ihre Konsequenzen: Um sexuelle Belästigung durch Hilfspersonal zu vermeiden, hätten sich viele Frauen entschieden, keine Hilfsgüter mehr zu erhalten, lautet es in dem Bericht. Diese Mädchen und Frauen würden nur noch in männlicher Begleitung zu Verteilungsstellen gehen. Doch an denen mangelt es ebenfalls.

Obwohl an verschiedenen Distributionsstandorten bereits separate Warteschlangen für Frauen und Mädchen eingerichtet wurden, berichteten die Befragten weiter von anhaltenden Belästigungen, wie dem Bericht zu entnehmen ist.

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Die Frauen würden deshalb diese Standorte explizit meiden. Auch würden sich die Betroffenen eingeschüchtert fühlen, da einige Hilfsmitarbeiter angeblich Fotos von ihnen machen, während sie auf die Güter warten müssen.

Doch die Verweigerung von Hilfe bietet für die Betroffenen keine Langzeitlösung. Wie die UNFPA berichtete, handle es sich vor allem um überlebenswichtige Güter und Dienstleistungen, wie medizinische Versorgung, die nur für eine sexuelle Gegenleistung herausgegeben werden würden.

“Viele befinden sich in einer solch schlimmen Situation, dass sie aus Verzweiflung und aus Überlebensgründen zum Sex einwilligen – sei es um Geld zu verdienen, humanitäre Hilfe zu bekommen oder um ihre Kinder zu schützen”, schlussfolgerte das Recherche-Team.

Hilfsorganistionen hätten Augen verschlossen

Danielle Spencer, humanitäre Beraterin im Dienste von Hilfsorganisationen, erklärte in einem Interview mit dem Nachrichtenportal BBC, dass UN-Hilfsorganisationen die sexuellen Übergriffe toleriert hätten, um weiterhin Hilfsgüter in die schwer erreichbaren Regionen Syriens einführen zu können.

“Sexuelle Ausbeutung sowie Missbrauch von Frauen und Mädchen wurde ignoriert. Es war ihnen bewusst und wurde dennoch seit sieben Jahren ignoriert”, sagte Spencer der BBC. Die Vereinten Nationen und ihr ganzes System haben sich dazu entschieden, dass die Körper junger Frauen geopfert werden, zitierte das Nachrichtenportal die Humanitätsberaterin.

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“Irgendwo wurde die Entscheidung getroffen, dass es in Ordnung ist, dass Frauen weiterhin benutzt, missbraucht und misshandelt werden, damit Hilfe für eine größere Gruppe von Menschen geleistet werden kann”, erklärte Spencer dem Newsportal.

Laut BBC erklärten UN-Organisationen und Wohltätigkeitsorganisationen, dass sie keinerlei Ausbeutung tolerieren und keine Fälle von Missbrauch durch Partnerorganisationen in der Region kennen.

Stimmen der Betroffenen

In “Voices of Syria 2018″ wurden ebenfalls die Stimmen derjenigen festgehalten, die in unter diesen Umständen in Syrien leben müssen:

Wir haben von Frauen gehört, die von Lieferanten erpresst wurden. Sie würden belohnt werden, wenn sie ihm einen Gefallen machen – zum Beispiel eine Nacht mit ihm verbringen. Junges Mädchen aus Homs City

“Unsere Nachbarin geht nicht mehr alleine zu den Verteilungsstellen, nur noch in Begleitung von ihrem Vater oder ihrem Bruder. So wird sie nicht belästigt, wenn sie warten muss. Außerdem werden oft Fotos gemacht, all die Frauen hassen das sehr.” – Junges Mädchen aus Badama

Kinder, Alte und Witwen werden gedemütigt, indem sie für Fotos posieren müssen, wenn sie Verpflegung bekommen wollen. Junges Mädchen aus Jarablus

“Besonders Witwen müssen leiden, denn sie haben keine männlichen Verwandte, die ihnen helfen können Verpflegung zu bekommen. Bei ihnen besteht das starke Risiko sexuell belästigt und ausgenutzt zu werden.” – Junges Mädchen aus Daret Azza

Es ist nicht das erste Mal, dass Hilfsarbeiter des sexuellen Missbrauchs bezichtigt werden. Erst vor kurzem hatte sich die Hilfsorganisation Oxfam öffentlich entschuldigt: Nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 hatten Mitarbeiter Frauen in der Region sexuelle ausgebeutet, belästigt, und eingeschüchtert.

(amr)