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17/07/2018 18:52 CEST | Aktualisiert 18/07/2018 11:03 CEST

Ich lebe seit fünf Monaten am Flughafen, weil ich dem Tod entrinnen wollte

Seine Menschenrechte einzufordern, ist ein schmerzvoller, mühsamer Kampf. Aber einer, den man niemals aufgeben darf.

Hassan al-Kontar
Der Syrer Hassan al-Kontar lebt seit fünf Monaten am Flughafen von Kuala Lumpur, Malaysia. 

Hong Kong, 7 Uhr. Singapur, 7:30 Uhr. Südkorea, 7:50 Uhr  – ich stehe vor der Leuchttafel in der Abflughalle und starre auf die vielen Flieger, die den Flughafen in Kürze verlassen werden.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, in eine der Maschinen zu steigen. Wie mein Leben aussehen würde, wenn auch ich diesen Flughafen verlassen könnte.

Wie es sich anfühlen würde, wieder ein richtiges Zuhause zu haben.

Mein Name ist Hassan al-Kontar und ich lebe seit fünf Monaten am Flughafen von Kuala Lumpur, Malaysia. 

Ich komme aus einer kleinen Stadt im Süden Syriens, as-Suwaida. Im Jahr 2011, als der Krieg ausbrach, war ich zum Arbeiten gerade in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Die syrische Regierung wollte mich für den Militärdienst einziehen. Doch ich glaube nicht an Krieg.

Der Krieg hat uns Syrer zu Aussätzigen gemacht

Als mein Reisepass 2012 ablief, weigerte sich die syrische Botschaft in den Emiraten, mir einen neuen auszustellen. Sie wollten erzwingen, dass ich in mein Land zurückkehre und kämpfe.

Ohne einen gültigen Pass konnte ich nicht länger in den Emiraten arbeiten und verlor so auch meine Aufenthaltsgenehmigung. 

Ich wurde über Nacht nicht nur arbeits-, sondern auch obdachlos – zu einem illegalen Einwanderer in den Arabischen Emiraten. Um den Behörden zu entgehen, musste ich untertauchen.

Doch eines Tages griff mich die Polizei doch auf.

Die örtlichen Behörden entschieden, dass ich abgeschoben werden sollte. Ich flehte die Polizisten an, mich überall hinzuschicken, nur nicht zurück nach Syrien.

Als Wehrdienstverweigerer würde man mich direkt bei der Ankunft verhaften und ins Gefängnis stecken. Ich will mir nicht vorstellen was einem dort alles angetan wird.

Oder man würde mich zwingen, doch noch in der Armee zu kämpfen. Aber ich will niemanden töten. Oder getötet werden.

Meine erste Rettung war Malaysia 

Spätestens da wurde mir klar: Der Krieg hat uns Syrer zu Aussätzigen gemacht. Wir sind nirgendwo auf der Welt willkommen, sind ungeliebt, werden von manchen sogar gehasst.

Zum Glück half mir ein Freund, meinen Pass zumindest für zwei Jahre zu verlängern.

So kam ich nach Malaysia, in eines der wenigen Länder, dass Syrern noch ein Visum anbietet. Aber: Malaysia nimmt keine Flüchtlinge auf. Nach drei Monaten war mein Touristenvisum abgelaufen und ich musste das Land verlassen.

Ich kaufte mir ein Ticket nach Ecuador, auch dort braucht man als Syrer kein Visum – doch Turkish Airlines weigerte sich, mich an Board zu lassen.

Für syrische Staatsangehörige ist es inzwischen fast unmöglich, ein Flugzeug zu besteigen. Man befürchtet, dass wir am Zielflughafen, oder sogar beim Umsteigen um Asyl bitten könnten.

Mehr zum Thema:Keine Worte für das Grauen in Syrien: Unicef veröffentlicht leere Pressemitteilung

Ich beschloss daher nach Kambodscha zu gehen. Auch dort wurde ich zurückgeschickt – ohne Angabe eines Grundes.

Und jetzt hatte ich kein Geld mehr.

Ich bin sicher: Diese Länder haben mich nicht aus persönlichen Gründen abgelehnt. Sondern weil ich einen syrischen Pass habe. Weil ich ein Flüchtling bin.

► Seitdem lebe ich also in der Transitzone am Flughafen von Kuala Lumpur.

Ich fühle mich wie in einer Zwischenwelt

Anfangs habe ich auf dem Boden geschlafen, oder auf den Stühlen im Wartebereich. Dann hat mir ein netter Mensch eine Matratze organisiert.

Seitdem schlafe ich unter einer Rolltreppe. Dort habe ich zumindest etwas Ruhe vor den eilenden Passagieren.

Leider rauben mir das grelle Licht und die starke Geräuschkulisse jede Nacht den Schlaf. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal mehr als fünf Stunden geschlafen habe.

Besonders die Durchsagen und Passagieraufrufe machen mir zu schaffen. Sie erinnern mich ständig daran, dass die Menschen, die an diesem Flughafen ein und ausgehen, ihr Leben frei gestalten.

Sie fliegen in den Urlaub, oder gehen auf Geschäftsreise. Vielleicht besuchen sie Verwandte. Ich dagegen bin hier gefangen. Ich fühle mich wie in einer Zwischenwelt.

Um kurz nach Mitternacht ist meistens nicht mehr so viel los am Flughafen. Diese Gelegenheit nutze ich, um mich im Behinderten-Klo zu duschen. Das Wasser ist eiskalt – deshalb bin ich oft erkältet.

Dieselbe Mahlzeit seit 129 Tagen

Das erste, was ich nach dem Aufwachen mache, ist mein Handy zu checken.

Ich sehe nach, ob sich meine Familie gemeldet hat; sie ist noch in Syrien.

Ich habe mich mit dem Reinigungspersonal angefreundet. Sie kennen meine Geschichte und lächeln mir zu, wenn sie mich im Gang treffen.

Wir sprechen zwar nicht alle dieselbe Sprache, aber mit Händen und Füßen verständigen wir uns schon irgendwie.

Manchmal bitte ich einen von ihnen, mir einen Kaffee aus dem Duty-Free-Bereich mitzubringen – denn ich habe dort keinen Zutritt. Für einen kurzen Moment fühle ich mich dann wie ein ganz normaler Mensch, der ein ganz normales Leben führt.

Die Fluglinie Asia Air gibt mir etwas zu essen. So dankbar ich ihnen dafür auch bin, so langsam hängt mir das Essen echt zum Hals raus. Ich bekomme drei Mal am Tag genau dasselbe zu Essen. Und das seit 129 Tagen.

Ich habe das Gefühl, dass mich das krank macht. Wenn nicht physisch, dann zumindest psychisch. 

Traurig, wütend, enttäuscht, machtlos, einsam, müde und kraftlos – so habe ich mich in den vergangenen fünf Monaten jeden Tag gefühlt.

Ich träume davon, mir ein neues Zuhause aufzubauen, in einem Land, in dem es keinen Krieg und keinen Terror gibt. Wo ich in Würde leben und arbeiten kann.

Ein Leben in Würde und Frieden, das ist alles, worum ich bitte.

Die Welt hat Syrien im Stich gelassen

Ich habe meine Geschichte schon vielen Menschen erzählt. Journalisten aus allen möglichen Ländern haben in allen möglichen Sprachen über meine Not berichtet. Ich selbst berichte auf Twitter jeden Tag über meine Situation.

Und ich habe mich an unzählige Regierungen gewandt, und sie gebeten, mich aufzunehmen. Aber es hat alles nichts geholfen.

Die einzigen, die mir ihre Hilfe angeboten haben, waren eine Handvoll Aktivisten aus Kanada. Sie haben mir einen Anwalt besorgt und eine Petition für mich gestartet, damit ich in Kanada Asyl beantragen kann. Bisher hat sich nichts getan.

Seine Rechte einzufordern – und seien es nur die grundlegenden Menschenrechte – ist schwieriger, als ihr vielleicht glauben würdet. Es ist ein schmerzvoller, mühsamer Kampf. Aber einer, den man niemals aufgeben darf.

Das hier ist nicht bloß meine persönliche Geschichte. Es ist zugleich die Geschichte des syrischen Volkes.

Die Syrer verdienen es, in Frieden zu leben

Die internationale Staatengemeinschaft hat versagt. Sie hat die Menschen Syriens im Stich gelassen.

Niemand schert sich um die vielen syrischen Frauen, die um ihre Ehemänner trauern. Oder um die Mütter, die ihre Kinder zu Grabe tragen müssen.

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In anderen Ländern spielen Kinder mit ihren Spielsachen und und gehen zur Schule. In Syrien werden sie zu Hunderten vom Krieg dahingerafft.

Mir allein hat der Krieg 56 Familienmitglieder genommen. Cousains und Cousinen, Onkel und Tanten. Ihr Verlust wird mich den Rest meines Lebens begleiten.

Es bricht mir das Herz, dass ich nicht nach Hause zurückkehren kann. Ich wünschte, es stünde in meiner Macht diesen Krieg zu beenden und das syrische Volk von seinem Leiden zu erlösen.

Die Menschen Syriens verdienen es, in Frieden zu leben.

Wir sind ein zivilisiertes Volk, dass anderen Kulturen offen und mit Respekt begegnet. Meine Landsmänner sind gebildet und fleißige Arbeiter. Wir können uns überall anpassen, wenn man uns nur lässt.

Vor ein paar Tagen hatte ich Geburtstag. Eine Feier gab es nicht. Ich spare sie mir auf für das nächste Jahr. Denn ich hoffe, dass ich meinen Geburtstag dann außerhalb des Flughafens von Kuala Lumpur verbringen kann.

Diese Hoffnung werde ich nicht aufgeben.

Das Gespräch wurde von Anna Rinderspacher aufgezeichnet und aus dem Englischen übersetzt. 

(lp)