POLITIK
12/12/2017 15:21 CET | Aktualisiert 12/12/2017 19:56 CET

Sind muslimische Flüchtlinge judenfeindlich? Das sagt eine aktuelle Studie

Längst nicht alle Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak sind judenfeindlich – doch viele glauben an krude Verschwörungstheorien.

  • Ein Historiker der Universität Potsdam hat untersucht, wie Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak über Juden denken
  • Das Ergebnis: Besonders arabische Flüchtlinge streiten das Existenzrecht Israels ab
  • Juden werden derweil unterschiedlich beurteilt

In Deutschland brennen israelische Flaggen. Nachdem US-Präsident Donald Trump vergangene Woche verkündete, die USA würden Jerusalem als israelische Hauptstadt anerkennen, wird der Nahostkonflikt auch in der Bundesrepublik wieder heiß diskutiert.

Doch es blieb nicht bei politischer Kritik: In München, Berlin und anderen Großstädten kam es zu antisemitischen Vorfällen. Die Täter: Sympathisanten der militanten Palästinenser-Organisation Hamas.

Die Vorfälle nähren eine alte Sorge: Aus dem arabischen Raum könnte eine neue Welle der Judenfeindlichkeit nach Deutschland schwappen. Möglicherweise auch durch die Flüchtlinge, die in den vergangenen fünf Jahren aus dem muslimischen Kulturraum eingereist sind.

Der Historiker Günther Jikeli von der Universität Potsdam wollte genau das überprüfen. Er befragte 68 Männer und Frauen zwischen 18 und 52 Jahre, die seit Mitte 2014 aus Syrien oder dem Irak nach Deutschland gekommen sind, nach ihrer Einstellung zu Juden. Der HuffPost liegen die Ergebnisse vor.

Ein Geschichtsbild voller Verschwörungstheorien

Die Studie zeigt auf, dass bei den Syrern und Iraker durchaus unterschiedliche Meinungen zum Judentum und Israel vorherrschen. Eine Auffälligkeit: Viele der Interviewpartner glauben offenbar an krude Verschwörungstheorien, die über die Geschichte und Politik im nahöstlichen Raum kursieren.

Mehr zum Thema: Wie sich der Antisemitismus immer tiefer in die deutsche Gesellschaft frisst

“Die Position, die Welt würde von Juden oder Israel kontrolliert, wird oft als normal beziehungsweise legitim empfunden”, heißt es so in der Zusammenfassung der Erhebung. Viele dieser Theorien werden offenbar bewusst in sozialen Medien gestreut und beeinflussen das Weltbild der muslimischen Zuwanderer nachhaltig. 

Burhan (27) aus Damaskus (Syrien) sagt so etwa: “Alle Statistiken, die wir in den sozialen Medien sehen, besagen, dass die meisten weltweiten Wertpapiere und Banken Juden gehören.” Juden würden “viel mit einer kleinen Gewinnspanne zu verkaufen”, zu einem großen Teil “sehr reiche Leute” sein.

Der Flüchtling erklärte zudem in dem Interview, dass er glaubt, dass die Welt von einer “unbekannten Macht” kontrolliert werde. “Und ich persönlich glaube, dass der internationale Mossad ist.”

Sayid (20) aus Hama (Syrien) glaubt an eine “westliche, amerikanische und israelische Verschwörung gegen arabische Länder, um den israelischen Frieden zu erhalten”.

“Juden sind auch nur Menschen”

Viele der Befragten differenzieren jedoch zwischen ihrer Abneigung gegen den Staat Israel und den Juden als Menschen. “Juden sind fähig, Juden sind die Söhne Gottes”, sagt so Nidal (35, Aleppo, Syrien).

Auch ein kurdischer Befragter (Siwal, 26 aus Quamishli, Syrien) zeigt keine negativen Vorbehalte gegen Juden: “Sie sind ein Volk wie wir, sie sind Menschen, und in Wirklichkeit haben sie harte Zeiten erlebt.”

Vor allem in der Schule würde jedoch eine andere Sicht gelehrt werden, zitiert die Studie Siyamend (22) aus Quamishli, Syrien. “Das ist etwas, was sie uns in den Schulen gelehrt haben, dass jeder Israeli, Jude, schlecht ist”, sagte der Kurde demnach. 

Auch die 20-jährige Inas aus Damaskus (Syrien) erinnert sich an ein Schulbuch: “Ich habe gehört, im Islam, dass wir vor dem Jüngsten Tag Palästina zurückkriegen und den Krieg gewinnen werden.”

“Palästina gehört den Muslimen” 

Insgesamt zeigt sich: Angehörige von religiösen oder ethnischen Minderheiten wie Christen oder Kurden sind oft deutlich weniger anti-israelisch eingestellt als die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft der jeweiligen Herkunftsländer.

Bei vielen der befragten Muslimen vermenge sich dagegen eine politische Kritik am Staat Israel (“ihre Armee darf es nicht geben”) mit Vorurteilen gegen Juden und häufig verschwörungstheoretischen Ansichten.  

Zu welch radikalen Einstellungen das führen kann, zeigen einzelne Interview.

 “Wir sind Muslime und wir wissen, dass Palästina den Muslimen und Arabern gehört und Aksa [der Felsendom in Jerusalem] unser ist und eines Tages wird Palästina frei sein und zu uns zurückkehren“, zitiert die Studie etwa Yasser (41) aus Homs (Syrien).

Nicht alle diese Vorstellungen werden sich einfach revidieren lassen. “Eine Infragestellung des Existenzrechts Israels ist für fast alle arabische Interviewte selbstverständlich”, fasst der Historiker Jikeli so zusammen.

Themenwoche Antisemitismus auf HuffPost - was bisher passiert ist:

Wie sich der Antisemitismus immer tiefer in die deutsche Gesellschaft frisst

Muslimische Flüchtlinge sind judenfeindlich? Das sagt eine aktuelle Studie

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Prien: “Die AfD banalisiert den Holocaust”