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05/04/2018 19:28 CEST | Aktualisiert 05/04/2018 19:28 CEST

Superorgan Darm: Kampagne für ein Reizwort

„Darm mit Charme“ von der Autorin Julia Endres ist das erfolgreichste Sachbuch unserer Zeit. Sie macht wissenschaftliche Forschung allgemein verständlich und vermittelt sie auf unterhaltsame Weise. Während ihres Studiums wurde das Thema Darm eher stiefmütterlich behandelt. Also begann sie, sich tiefer mit diesem „Superorgan“ zu beschäftigen, das zwei Drittel unseres Immunsystems ausmacht, 100-mal die Fläche der Haut hat, mehr als 20 Hormone produziert und Heimat für 100 Trillionen Bakterien ist, die bis zu zwei Kilogramm wiegen. Endres ging es darum, den Darm aus der Igitt-Ecke herauszuholen. In ihren Publikationen widmet sie sich auch der Verbindung von Darm und Psyche, denn er hat auch ein beachtliches Mitspracherecht, wenn es um die menschliche Gefühlswelt geht.

Darmkrebsvorsorge rettet Leben. Seit 2002 gibt es in Deutschland die gesetzliche Vorsorge-Koloskopie. Wer um die 50 oder älter ist, sollte dies wahrnehmen, denn wenn Darmkrebs rechtzeitig erkannt wird, ist er gut heilbar. Durch Früherkennung können fast alle Darmkrebsfälle verhindert oder geheilt werden. Dennoch sterben allein in Deutschland noch immer jährlich mehr als 25.000 Menschen an den Folgen einer Darmkrebserkrankung. Die Felix Burda Stiftung engagiert sich deshalb seit 2001 für die Kommunikation der Darmkrebsvorsorge und -früherkennung. Zu ihren jährlichen Projekten gehören u.a. der bundesweite Darmkrebsmonat März, der Felix Burda Award, die Initiative für Betriebliche Prävention, Europas größtes Darmmodell und der Gesundheits-Butler APPzumARZT fürs Smartphone.

Vor über zwei Jahren wurde der Blog reizdarm.one ins Leben gerufen: Ein Arzt und ein Medizinstudent haben der klassischen Arztlaufbahn den Rücken gekehrt und helfen nun in Vollzeit Menschen, die komplett durch das schulmedizinische System fallen und dadurch bei teils äußerst dubiosen Gesundheitsangeboten landen. Mittlerweile haben sie schon Millionen von Menschen erreicht und können sich vor individuellen Anfragen und Geschichten kaum retten. Um auf die unzähligen Hilferufe eine Antwort zu finden, haben sie die kostenlose App Cara ins Leben gerufen. Das intelligente Symptom- und Ernährungstagebuch hilft, individuelle Auslöser für Beschwerden zu finden. Seit kurzem wird darüber auch eine videobasierte Ernährungsberatung angeboten, die von den gesetzlichen Krankenkassen größtenteils erstattet wird. Die App wurde in eine virtuelle Praxis (Cara Care) verwandelt, die immer und überall verfügbar ist, wenn Hilfe benötigt wird.

Ihr Blog ist nach eigenen Angaben die größte deutschsprachige Website rund um das Thema Darmgesundheit. „Wir waren genervt von den schlechten Informationen über Ernährung, Intoleranzen und Verdauung im Netz und haben gesehen, wie wenig Hilfe Betroffene im aktuellen Gesundheitssystem erhalten“, sagt Jesaja Brinkmann, Co-Founder Cara by HiDoc Technologies GmbH.

April ist der internationale Reizdarm-Monat (“IBS Awareness Month”). Das bedeutet: 30 Tage Zeit für Aufklärung rund um das Reizdarmsyndrom. Es wird zur Kampagne #ReizdarmReizwort aufgerufen, außerdem werden Erfahrungsberichte von Betroffenen gesammelt, die unter chronischen Verdauungsbeschwerden wie Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall oder Verstopfungen leiden und schlechte Erfahrungen im deutschen Gesundheitssystem gemacht haben.

Es soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass Millionen Menschen mit Verdauungsproblemen derzeit keine adäquate Hilfe erhalten, was enorme individuelle und volkswirtschaftliche Auswirkungen hat.

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In Deutschland qualifizieren sich etwa 14 Millionen Menschen für die Ausschlussdiagnose “Reizdarmsyndrom”. Reizdarm ist bei vielen aber ein Reizwort. Wer die Ausschlussdiagnose erhält, tut sich schwer, diese als Diagnose zu akzeptieren. Vielmehr fühlt sich das Reizdarmsyndrom wie ein Stempel an, den Patienten bekommen, wenn alle anderen Ursachen für die Verdauungsbeschwerden ausgeschlossen sind und der Arzt mit der Krankenkasse abgerechnet hat, was er abrechnen darf. Einen Reizdarm bekommt man also, wenn selbst Ärzte nicht mehr weiter wissen. Sie nennen das dann „funktionelle Erkrankung“. Das bedeutet eine enorme Einschränkung der Lebensqualität – täglich.

„Die Betroffenen fühlen sich hilflos, weil es keine Pauschallösung gegen die Beschwerden gibt und für individuelle Lösungen und Beratungen keine Zeit und kein Geld da ist. Dadurch fühlen sich Betroffene häufig nicht ernstgenommen und wahre Symptom-Ursachen, wie etwa Nahrungsmittelintoleranzen, Dünndarmfehlbesiedlung, Gallensäureverlustsyndrom oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen bleiben häufig unentdeckt“, so der Gesundheitsexperte.

Hinzu kommt, dass viele Ärzte nicht ausreichend über das Reizdarmsyndrom und aktuelle Therapieoptionen informiert sind. Betroffene werden vorschnell und falsch diagnostiziert oder abwertend und respektlos behandelt („Reizdarm ist doch eh psychisch, was soll ich da machen?”). Verdauungserkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis Ulcerosa und Zöliakie werden häufig fälschlicherweise als Reizdarmsyndrom diagnostiziert, dadurch laufen Betroffene häufig jahrelang mit einer lebensbedrohlichen Krankheit herum.

Wir brauchen mehr Aufklärung: „Wenn sich mehr Leute mit dem Darm auskennen würden, würden wir vielleicht vieles – auch politische Themen – etwas anders sehen“, sagt Julia Endres, die sich manchmal fragt, „ob die zunehmende Wut vieler Menschen und negative Gedanken nicht auch ein Stück weit daher kommen könnten, dass ihr Darm nicht im Gleichgewicht ist. Es gibt ernst zu nehmende Hinweise darauf, dass falsche oder fehlende Bakterien im Darm so eine Wirkung auf die Psyche haben können – oder zumindest solche Launen verstärken könnten.“

Weiterführende Informationen

Blog reizdarm.one

Ratgeber Reizdarm

Informationen zu Digital Health in: CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag. Berlin Heidelberg 2017.