POLITIK
22/02/2018 19:57 CET | Aktualisiert 23/02/2018 07:50 CET

Bundestagswahl-Studie zeigt, warum die AfD im Osten erfolgreich war

Auf den Punkt gebracht.

Thomas Trutschel via Getty Images
AfD-Fraktionschefin Alice Weidel im Bundestag

Es ist der erwartete Paukenschlag gewesen. Bei der Wahl im September zog die AfD als drittstärkste Partei in den Bundestag ein. 

Etwa jeder achte Wähler machte sein Kreuz bei der rechtspopulistischen Partei. Das größte deutschen Wirtschaftsforschungsinstitut DIW Berlin hat versucht herauszufinden, wo und warum die AfD so erfolgreich war.

Die HuffPost bringt die wichtigsten Ergebnisse der Studie auf den Punkt

Die Ausgangssituation:

► Nach der Wahl hatten Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Infratest Dimap gezeigt, dass die AfD vor allem in Ostdeutschland, bei Menschen mit eher niedriger Bildung, bei den 35- bis 44-Jährigen und bei Männern vergleichsweise erfolgreich war. 

► Menschen in schlechter wirtschaftlicher Situation, Arbeitslose und Arbeiter tendierten ebenso stark zur AfD – nur die SPD hatte bei dieser Gruppe mehr Stimmenanteile.

► In den neuen Bundesländern zeigte sich zudem, dass besonders junge Männer die Partei wählten.

 ► Robert Vehrkamp, Autor einer Studie der Bertelsmann-Stiftung vom Oktober 2017, erklärte mit Blick auf seine Untersuchungen zur AfD: Die Partei werde ganz überwiegend von Menschen gewählt, “die der sozialen und kulturellen Modernisierung zumindest skeptisch gegenüberstehen”.

► Das DIW hat nun speziell nach Zusammenhängen zwischen dem Zweitstimmenergebnis der AfD in den einzelnen Wahlkreisen und den dortigen  wirtschaftlichen und sozialen Strukturen gesucht. 

Das Ergebnis der Studie:

Die Erkenntnisse unterscheiden sich für West- und Ostdeutschland:

► In Westdeutschland war die AfD in Wahlkreisen stark, in denen das verfügbare Haushaltseinkommen unter dem Bundesdurchschnitt liegt und viele Beschäftigte in der Industrie arbeiten.

► Im Osten war die Partei in Wahlkreisen mit hohem Anteil an Über-60-Jährigen und mit einer hohen Dichte von Handwerksbetrieben erfolgreich. Letzteres ist laut DIW ein Hinweis auf eine tendenziell dünnere Besiedlung.

DIW Berlin
Wo und wer die AfD bei der Bundestagswahl gewählt hat. 

► Einfache Erklärungen für ein AfD-Votum würden laut DIW jedoch nicht greifen: “Die AfD ist eben nicht die Partei der Arbeitslosen, der Einkommensschwachen oder der Ostdeutschen, die Realität ist vielschichtiger“, erklärt Christian Franz vom DIW Berlin.

► Dazu kommt: Insbesondere in Ostsachsen und in Bayern sind die untersuchten Faktoren weniger in der Lage, das AfD-Ergebnis umfassend zu erklären. 

Das sagen andere:

► “Die Ergebnisse des DIW gehen in die gleiche Richtung wie bei unserer Studie”, sagt Vehrkamp von der Bertelsmann-Stiftung.

► Er betont im Gespräch mit der HuffPost: “Soziale und strukturelle Unterschiede erklären das Wahlverhalten, weniger pauschale Zuschreibungen auf West- und Ostdeutschland.”

► Klar ist aber: Sozial- und strukturarme Milieus sind in Ostdeutschland nicht nur überrepräsentiert, es sind auch die Milieus, die bevorzugt AfD wählen

► Vehrkamp sieht ein Muster: “Viele AfD-Wähler waren frühere Stammwähler, zum Beispiel der SPD im Ruhrgebiet, dann wurden aus ihnen enttäuschte Nichtwähler, die nun von den Rechtspopulisten wieder mobilisiert werden konnten.”

► Das ist ein Muster, das Vehrkamp und seine Kollegen europaweit bei anderen rechtspopulistischen Parteien wiederfinden, wie beispielsweise dem Front National in Frankreich.

Die Schlussfolgerungen:

► Aus Sicht von DIW-Leiter Marcel Fratzscher müsse die Politik gerade auf die Landstriche im Osten, in denen viele Ältere leben und aus denen die Jüngeren wegziehen, ihr Augenmerk richten.

► Besonders dort müsse die soziale Teilhabe verbessert und öffentliche Investitionen erhöht werden, betont Fratzscher. 

► Das Ziel solle nicht allein sein, die Grundversorgung weiter aufrechtzuerhalten, sondern die betroffenen Regionen auch lebenswerter zu machen. 

► “Vor allem die sozialstrukturellen Unterschiede müssen angeglichen werden”, fordert auch Vehrkamp. Zudem müsse sich die Politik neben den ländlichen Räumen auch um die Milieus kümmern, die von den etablierten Parteien besonders enttäuscht sind. 

► Bereits kurz nach der Wahl hatte der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Frank Richter in der HuffPost auf dieses Problem aufmerksam gemacht. 

► Damals sagte Richter: Alles, was junge Männer auf dem Land “zivilisiere”, wie Bildung, Reisen und Beziehungen, fehle vielfach in diesen Gegenden. Manche Dörfer funktionierten wie eine Männer-WG – in der die Rechten das Sagen haben

Auf den Punkt gebracht:

Die DIW-Studie bestätigt zum einen die bisherigen Erkenntnisse über Wähler der AfD und benennt zum anderen erstmals anfällige Regionen: Vor allem in ländlichen und überalterten Wahlkreisen war die Partei erfolgreich.