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12/02/2018 17:23 CET | Aktualisiert 13/02/2018 18:13 CET

Umfrage zeigt erstmals: So verbreitet ist die Machokultur in der arabischen Welt

Für die Studie wurden fast 10.000 Männer und Frauen befragt.

  • Die UN hat das Männerbild im Nahen Osten und Nordafrika untersucht
  • Die Ergebnisse sind erschütternd, doch es gibt Hoffnung
  • Im Video oben: Hier erzählen Muslime, was in ihren Moscheen passiert

Arabische Männer haben im Westen nicht den besten Ruf. Kritiker behaupten, viele von ihnen seien Machos, gewaltbereit, frauenverachtend.

Dramatische Ereignisse wie Terroranschläge oder die Silvesternacht in Köln, in der es zu einer Vielzahl sexueller Übergriffe, mutmaßlich durch nordafrikanische Migranten, kam, haben diese Vorurteile genährt.

Da der überwiegende Teil der arabischen Männer Muslime sind, übertragen viele Deutsche die Stereotypen auf muslimische Männer allgemein. Laut einerForsa-Umfrage aus dem Jahr 2016  ist fast ein Drittel der Deutschen der Meinung, dass sich ihr Alltag durch eine zunehmende Anzahl von Muslimen in Deutschlandnegativ verändere.

Eine neue Studie wirft auf das heikle Thema nun neues Licht: Das Frauenkomitee der Vereinten Nationen, UN Women, hat das Männerbild im Nahen Osten und Nordafrika zusammen mit der Nichtregierungsorganisation Promundo untersucht.

Understanding Masculinities”, so der Titel ihrer Studie, ist die erste umfassende Erhebung zum Thema Männlichkeitsvorstellung, die in der Region durchgeführt wurde.

Dafür wurden fast 10.000 Männer und Frauen zwischen 18 und 59 Jahren, die in Ägypten, dem Libanon, Marokko und Palästina leben, befragt.

Die Studie zeigt: Die Vorurteile gegenüber arabischen Männern kommen nicht von ungefähr. Und die Ergebnisse werfen die Frage auf, was es für die hiesige Gesellschaft bedeutet, wenn Männer aus dieser Region nach Deutschland einwandern.

Die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage:

► Die Mehrheit der Befragten, sowohl der Männer als auch der Frauen, sieht die Rolle der Frau darin,Hausfrau und Mutter zu sein. Der Mann hingegen ist dafür zuständig, die Familie finanziell zu versorgen. 

► Häusliche Gewalt ist ein großes Problem in den untersuchten Ländern. 10 bis 45 Prozent der befragten Männer gaben an, ihre Frau schon einmal geschlagen zu haben.

Bis zu 80 Prozent haben sich nach eigener Aussage des emotionalen Missbrauchs schuldig gemacht. Zum Vergleich: In Deutschland werden 25 Prozent aller Frauen Opfer von Gewalt durch einen Partner.

► Sexuelle Belästigung gehört für die meisten Frauen im Nahen Osten und Nordafrika zum Alltag. Bis zu 60 Prozent der befragten Männer gaben zu, schon einmal eine Frau auf der Straße angestarrt, verfolgt oder anzüglich angesprochen zu haben.

Das deckt sich mit der Zahl der Frauen, die von sexueller Belästigung berichten.

Zum Vergleich: 18 Prozent aller in Deutschland lebenden Männer geben zu, schon mal eine Frau belästigt zu haben.

► Homosexualität ist nach wie vor ein großes Tabu. In Marokko etwa wird sie von 80 Prozent der Männer und Frauen als fremdartig, unmoralisch und als Bedrohung für die traditionelle Familie erachtet.

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► Männer üben Kontrolle über die persönlichen Freiheiten ihrer Frauen aus: was sie anziehen, wo sie hingehen, wann das Paar Sex hat. Bis zu 90 Prozent der Befragten Männer und Frauen haben das bestätigt.

Doch die Studie zeigt auch: Muslimische Männer leiden ebenfalls unter dem Patriarchat.

Die Studie zeigt: Die Männer leiden

Vor allem die finanzielle Verantwortung belastet viele arabische Männer zunehmend, wie die UN-Studie belegt.

► Mehr als 90 Prozent der Befragten klagten über Existenzängste, was nicht zuletzt der schwächelnden Wirtschaft in den Ländern zuzuschreiben ist.

Wenn der Mann seinen Job verliere oder das Einkommen nicht ausreiche, um die Familie durchzubringen, belaste ihn das sehr, heißt es in der Studie. Die Hälfte der befragten Männer in Ägypten und Palästina gab an, dass sie sich häufig gestresst oder depressiv fühle oder sich vor ihren Familien schäme.

Es ist eine Last. Wir sollen arbeiten, heiraten, ein stabiles Einkommen garantieren. Aber das ist sehr schwer.
Julian Love via Getty Images
Männer in einem Café in Marokko. 

Bis zu 38 Prozent der Männer in den vier Ländern wiesen Anzeichen von Depressionen auf.

► “Es ist eine Last. Wir sollen arbeiten, heiraten, ein stabiles Einkommen garantieren. Aber das ist sehr schwer. Männer sind ebenfalls Opfer dieser überkommenen Vorstellungen von Männlichkeit und Patriarchat”, wird ein Marokkaner in der Studie zitiert.

Und der Druck wird nicht unbedingt weniger, wenn Männer aus arabischen Ländern nach Deutschland auswandern. Muslimische Jugendliche in Deutschland leiden ebenfalls unter demdominanten Männlichkeitsbild.

Das hat Burak Yilmaz, Sozialarbeiter bei Jugendinitiative Heroes Duisburg, bei seiner Arbeit schon oft beobachtet.

Screenshot
Sozialpädagoge Burak Yilmaz besucht mit muslimischen Schülern regelmäßig die Gedenkstätte Auschwitz

“Viele junge Männer aus muslimischen Familien leiden an Depressionen und Verlustängsten”, bestätigt er der HuffPost.

“Ein Jugendlicher, den ich mal vor Jahren betreut habe, bekam häufig in seinem eigenen Umfeld beleidigende Sachen zu hören wie ‘Schwuchtel’ oder ‘Weichei’”, sagt Yilmaz. “Er malt und zeichnet gerne, schrieb auch Gedichte und postete sie bei Facebook.”

Für Fußball, einen Sport, der immer noch als sehr männliches Hobby angesehen wird, habe sich der Junge hingegen überhaupt nicht interessiert.

Aufgrund seiner Interessen habe sein soziales Umfeld ihm seine Männlichkeit abgesprochen. “Dieser soziale Druck, ein starker Mann sein zu müssen, führte zu Depressionen und bewirkte starke Einsamkeitsgefühle”, sagt Yilmaz.

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In Deutschland geht die Machokultur zurück

Doch zumindest in Deutschland lässt sich ein positiver Trend verzeichnen: Die Akzeptanz der Machokultur unter arabischstämmigen Migranten sei in den vergangenen 20 Jahren deutlich gesunken, sagt der frühere Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer.

“Sie merken, dass sie durch ihr Verhalten zu Außenseitern werden und leiden darunter. Ihnen ist bewusst, dass ihre sozialen Chancen schwinden, wenn sie an diesen alten Männlichkeitsnormen festhalten.”

 

Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen
Christian Pfeiffer

Der Rückgang der Machokultur unter Männern aus muslimischen Kulturkreisen sei bei türkischstämmigen Jugendlichen besonders ausgeprägt. In Hannover habe der Anteil der “kernigen Machos” unter ihnen beispielsweise zwischen 1998 und 2013 von 41 auf 10 Prozent abgenommen, sagt Pfeiffer der HuffPost. 

In meinem Dorf gelte ich nicht als richtiger Mann, weil ich meiner Mutter, Schwester und Tochter erlaube, arbeiten zu gehen oder zu studieren.

Auch in Ägypten, Marokko, Palästina und dem Libanon lassen sich erste Risse im Männlichkeitsbild erkennen.

“In meinem Dorf gelte ich nicht als richtiger Mann, weil ich meiner Mutter, Schwester und Tochter erlaube, arbeiten zu gehen oder zu studieren. Aber ich bin der Meinung, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben sollten”, zitiert die UN-Studie einen 62-jährigen Mann aus Kairo.                                        

Ich finde es entspannend, den Abwasch zu machen. Andere Männer hingegen sehen es als eine Schande, die Küche auch nur zu betreten.

“Wer Frauen gut behandelt, gilt als verweichlicht”, berichtet ein 60-jähriger Menschenrechtler aus dem marokkanischen Rabat der UN. Für ihn sei es kein Problem, im Haushalt mitzuhelfen.

“Ich finde es entspannend, den Abwasch zu machen. Andere Männer hingegen sehen es als eine Schande, die Küche auch nur zu betreten, da sie fürchten, es könne ihre Männlichkeit ankratzen.”              

Doch der Kampf für die Gleichberechtigung ist zäh. “Mit den Männern in unserem Teil der Welt ist es wie mit Wasser und Öl. Man kann sie im Wasser von Bildung, Kultur, Reisen und Globalisierung baden, aber das Öl traditioneller Ansichten schwimmt immer an der Oberfläche”, beschreibt es eine Marokkanerin.

Auffällig ist, dass sich insbesondere die Ansichten junger Männer über Frauen und ihre Rechte kaum von denen älterer unterscheiden. Das heißt: Von alleine wird die Gleichstellung der Geschlechter in der arabischen Welt sich nicht einstellen.      

Mit den Männern in unserem Teil der Welt ist es wie mit Wasser und Öl. Man kann sie im Wasser von Bildung, Kultur, Reisen und Globalisierung baden, aber das Öl traditioneller Ansichten schwimmt immer an der Oberfläche.

 Was können wir dagegen tun?

Was also können wir tun, damit mehr arabische Männer für Gleichberechtigung empfänglich werden?

Mehr zum Thema:Bitte vergesst nicht, was wir Migranten für Deutschland getan haben

► Die einfache Antwort lautet: Sie müssen einen Zugang zu höherer Bildung erhalten. Denn die UN-Studie belegt: Männer, die wohlhabender sind oder ein höheres Bildungsniveau haben, befürworten die Gleichstellung von Frauen eher.

Auch bei arabischstämmigen Jugendlichen in Deutschland ist das Bildungsniveau ausschlaggebend für das Männlichkeitsbild, sagt Kriminologe  Pfeiffer.

Dass sich immer mehr türkischstämmige Jugendliche von der Machokultur distanzieren, liege nicht zuletzt daran, dass der Anteil von denen, die einen weiterführenden Schulabschluss angestrebt haben, in den vergangenen 20 Jahren von 50 auf 85 Prozent gestiegen sei.

“Bildung befreit von solchen Macho-Normen. Sie ermöglicht selbstkritische Auseinandersetzung und man kommt in ganz andere Diskussionskreise herein”, sagt Pfeiffer.

► Darüber hinaus sind die Lösungsansätze etwas komplexer. So brauchen junge Männer Vorbilder, die sich für Gleichberechtigung einsetzen, etwa durch Väter, die im Haushalt mithelfen, oder mit ihren Kindern über Probleme sprechen. Das fordern nicht nur die Autoren von “Understanding Masculinities”, sondern auch Sozialpädagoge Burak Yilmaz:

“Wir müssen alternative Männerbilder normalisieren.”

Außerdem bräuchten wir eine Debatte über patriarchale Strukturen in unserer Gesellschaft, findet Burak Yilmaz, “denn immer noch ist patriarchale Männlichkeit für viele Männer ein attraktives Modell, womit sie sich identifizieren können. Sie profitieren ja auch schließlich davon – auf Kosten der Frauen.”

(sk/ks)