POLITIK
26/03/2018 19:21 CEST | Aktualisiert 04/04/2018 12:15 CEST

Studie zeigt, wie AfD, rechte Hetzer und klassische Medien Fake-News verbreiten

Auf den Punkt gebracht.

dpa / HuffPost
Fake-News und eine Richtigstellung

“1000 Migranten randalieren auf Fest in Schorndorf”. Das war eine der weitverbreitetsten Fake-News in Deutschland im vergangenen Sommer. Allein eine halbe Millionen Menschen teilten oder kommentierten Artikel zu dem Thema.

Wie alle überregionalen Medien hatte auch die HuffPost über die Vorfälle berichtet, die auf einem missverstandenen Polizeibericht beruhten. Einen Tag später ließ die HuffPost einen Augenzeugen zu Wort kommen, der die Ereignisse weit weniger dramatisch schilderte.

Doch da hatte sich eine Dorffestschlägerei und einige wenige sexuelle Übergriffe, die über das gesamte Wochenende gemeldet wurden, bereits zu einer “islamische Grapschparty”, so nannte das die AfD, mit einem Ausmaß wie zur Kölner Silvesternacht hochgeschaukelt.

Die Stiftung Neue Verantwortung hat nun erstmals eine Studie zu Fake-News in Deutschland veröffentlicht. Verursacher, Verbreitungswege und Wirkungen von falschen Nachrichten auf den Punkt gebracht.

Die Ausgangslage für die Untersuchung von Fake-News:

Spätestens seit der US-Präsidentschaftswahl 2016 und dem Sieg Donald Trumps wird auch in Deutschland über Fake-News diskutiert. 

► Die Autoren Alexander Sängerlaub, Miriam Meier und Wolf-Dieter Rühl haben nun in ihrer am Montag veröffentlichten Studie die Entstehung und die Verbreitung von absichtlich erstellten, falschen Nachrichten untersucht.

► Im Kern standen mehrere Fragen: Wer ist an den Fake-News beteiligt, wie groß war die Reichweite und wie erfolgreich sind die Gegenmaßnahmen beziehungsweise Gegendarstellungen?

► Sängerlaub, Meier und Rühl haben dafür zehn Fake-News-Fälle mit nationaler Reichweite von März bis September 2017 beobachtet – dem Zeitraum vor der Bundestagswahl.  

Die Verursacher: 

► Fake News in Deutschland “werden vor allem von Rechten, Rechtspopulisten und Rechtsextremen verbreitet”, betonen die Autoren. 

► In sieben der zehn untersuchten Fälle habe dabei die AfD “die Speerspitze der Verbreitung” gebildet.

► Die rechtspopulistische Partei zählt hierzulande zu den Top Ten der reichweitenstärksten Verbreiter. Zu diesem rechtspopulistische Netzwerk zählen die Autoren auch Medien wie die “Epoch Times” und rechte Blogs.

► Fake-News aus Russland und aus dem linkspopulistischen Raum hätten keine wichtige Rolle gespielt.  

Die Verbreitungswege:

► Der mit Abstand wichtigste Verbreitungsweg war Facebook

► Allerdings – das zeigt das eingangs erwähnte Beispiel des Falls in Schorndorf – haben auch etablierte Medien oft Anteil an der Verbreitung von Fake-News, wie Sängerlaub, Meier und Rühl bemerken. Vorneweg: “Bild” und “Die Welt”. 

► Häufig wird unsauber gearbeitet, in zwei Fällen betrifft das sogar die Deutsche Presse-Agentur. Die dpa habe “vor allem eine unrühmliche Rolle bei der Verbreitung der Fake News zum Volksfest in Schorndorf” eingenommen, wie es in der Studie heißt. 

► Die Autoren heben allerdings bevor, dass unter anderem die “Süddeutsche Zeitung” oder der Faktenfinder der ARD “als kritisches Korrektiv und Richtigsteller falscher Informationen” dienten. 

Stiftung Neue Verantwortung
Wie und wo sich der Fake-News von Schorndorf verbreitet hat – der Fall war mit einer halben Millionen Engagements (Shares, Likes oder Kommentare) in den sozialen Netzwerken der reichweitenstärkste.

► Problematisch: Bis auf einen Fall erreichten die Richtigstellungen erheblich weniger Leser als die jeweils vorangegangenen Fake-News. 

► Zudem sind auch staatliche Stellen oder Behörden bei der Verbreitung beteiligt – und können sogar selbst zum Auslöser von Fake News werden. Schuld daran sei oft unprofessionelle oder mindestens sorglose Öffentlichkeitsarbeit, erklären die Forscher.

► Eine unrühmliche Rolle spiele auch die ehemalige CDU-Abgeordnete Erika Steinbach: Wie das Nachrichtenmagazin “Vice” berichtet, hat die heutige Leiterin einer AfD-nahen Stiftung alle zehn untersuchten Fake-News verbreitet

Die Wirkungsweise:

► In allen dokumentierten Fällen hätten rechtspopulistische Akteure die Ungenauigkeiten der Behörden ausgenutzt, um “diese für ihre ideologische Kampagne als Teil ihrer Kommunikationsstrategie zu instrumentalisieren”, schreiben Sängerlaub, Meier und Rühl.

► Wie bereits eine Analyse der HuffPost vom Februar gezeigt hat, verbreiten sich vor allem Hassmeldungen über Facebook – und das immer stärker. Nun bestätigen die Forscher: Die untersuchten Falschinformationen bewegen sich vor allem im Themenfeld “Flüchtlinge und Kriminalität”.

► Acht der zehn untersuchten Fake-News haben das Thema “Flüchtlinge”.

► Eine entscheidende Katalysator-Funktion geben die Forscher allerdings den klassischen Medien: Insgesamt erzielen Fake-News im Vergleich zu regulären Nachrichten nur überschaubare Reichweiten – es sei denn, klassische Medien sind bei der Verbreitung beteiligt.

► Ein zentrales Problem sehen die Forscher in den Filterblasen der sozialen Netzwerken.

► Wie eine Wähler-Befragung zeigt, vertrauen AfD-Anhänger etablierten Medien weit weniger als alternativen Informationsangeboten. Doch gerade letztere sind eher anfällig für Fake-News. Und: “Geglaubt wird, was ins Weltbild passt”, bemerken die Forscher.

► Allerdings sind sich diese mit den Bobachtern einig: Die große Fake-News, die den Wahlkampf beeinflusst hat, gab es nicht.

Auf den Punkt gebracht:

Das Phänomen der Fake-News ist spätestens nach der US-Wahl nach Deutschland geschwappt.

Auch im Bundestagswahlkampf spielten sie eine – erheblich kleinere – Rolle. Zwar wurden die Falschnachrichten mehrheitlich von Rechten, Rechtspopulisten und Rechtsextremen verbreitet, doch auch klassische Medien spielen eine entscheidende Rolle als Katalysator.