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02/03/2018 16:48 CET | Aktualisiert 02/03/2018 17:13 CET

Seit ich Stripperin bin, ist die Beziehung zu meinem Freund viel besser

"Wir müssen uns von dem Schandmal befreien, das Sexarbeiterinnen immer noch aufgestempelt wird."

Tatsächlich hat mein Freund kein Problem damit, eine Stripperin zu daten.

“Willst Du wirklich eine Stripperin heiraten?“ – Das war die erste von vielen Nachrichten, die mein Freund von einem alten Bekannten wegen unserer Beziehung erhielt.

Damals waren wir grade mal zwei Monate ein Paar. War seine Sorge nicht ein bisschen übereilt? Heirat?  Es hat bereits fünfeinhalb Jahre gedauert, bis ich mich auf eine monogame Beziehung einlassen konnte.

Beinahe hätte ich unser erstes Date abgesagt, weil ich zu müde war. Mein Freund schlug mir damals einfach vor, ein Nickerchen mit ihm zu machen. 

Über ein Jahr und einige Veränderungen später hat er sich mittlerweile an neugierige Kommentare zu unserer Stripperin-Durchschnittstyp-Beziehung gewöhnt.

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Tatsächlich hat mein Freund kein Problem damit, eine Stripperin zu daten

Er versucht zwar, die Details von mir fernzuhalten, aber er hat erwähnt, dass einige Menschen nicht müde werden, nachzubohren, wie er sich denn in einer Beziehung mit einer Stripperin wohlfühlen könne.

Ein Arbeitskollege hat lange versucht, ihn dazu zu bringen, endlich zuzugeben, dass wir eine offene Beziehung führen.

Nein, das tun wir nicht.

Über Facebook erhielt er eine Nachricht von einem anonymen Profil, in der versucht wurde, ihm die Beziehung zu einer Sex-Arbeiterin auszureden.

Er kann einem wirklich leid tun: Da ist er doch tatsächlich in einer Beziehung mit einer wunderbaren und selbstbewussten Frau gefangen. Wie überlebt er das bloß?

Tatsächlich hat mein Freund kein Problem damit, eine Stripperin zu daten. Anders als all die anderen Männer, die mich kennenlernen wollten und für die mein Beruf eine Art Fetisch war, war dieser Job für ihn nie ein Problem.

Meine Leichen im Keller waren für jeden zu sehen

Mein Freund und ich haben uns über gemeinsame Bekannte kennen gelernt. Offiziell auf einer Party, inoffiziell durch das Cyber-Stalking danach. Seine erste Nachricht lautete “Ich habe dich auf Facebook geaddet, jetzt sind wir Freunde.“

Später hat er mir dann erzählt, dass er zu dem Zeitpunkt bereits mein Instagram-Profil kannte, das ich als Werbeseite für meine Auftritte nutze.

Dort war alles zu sehen, angefangen bei meinen Playboy-Fotos über Twerking-Videos bis hin zu einer Dokumentation von “Vice” über exotisches Tanzen, in der ich auch zu sehen war.

Meine Leichen im Keller waren für jeden zu sehen und es hat ihn nicht abgeschreckt. Ganz im Gegensatz zu anderen Männern, die ich kennen gelernt habe, und die deutlich älter waren als er (mein Freund ist fünf Jahre jünger als ich).

Da mich meine Social Media-Kanäle bereits geoutet hatten, konnte ich ganz ich selbst sein. Er betrachtete das Strippen genauso wie ich: als meinen Job.

Der “Leg eine Stripperin flach”-Punkt auf der Bucket List

Bevor ich meinen Partner kennen lernte, hielt ich bei Dates meine Arbeit geheim, bis es Zeit war, die Karten offen auf den Tisch zu legen.

Dann hieß es entweder “wir können ja Freunde bleiben“ oder die Typen versuchten, den “Leg eine Stripperin flach“-Punkt auf ihrer Bucket List abzuhaken.

Irgendwann reichte es mir mit den Männern. Ich kehrte dem Dating den Rücken zu und konzentrierte mich darauf, ganz ich selbst zu sein – mit allem, was dazu gehörte, dem Strippen eingeschlossen.

Das übte wohl eine magnetische Anziehungskraft aus. Plötzlich tauchte mein Freund auf, der mich zu Dates einlud und den Sex hinten anstellte, bis wir uns besser kennen gelernt hatten.

Ich war ein Freigeist und exhibitionistisch

Schon bevor ich eine Stripperin war, lebte ich recht offenherzig: Ich war ein Freigeist und exhibitionistisch. Von meiner Geburt an reagierte ich allergisch auf Menschen, die mich kontrollieren wollten.

Mit dem Tanzen begann ich vor drei Jahren. Ich brauchte Geld für ein Auto und musste mich endgültig von Vorgesetzten befreien. Als Tänzerin und Stripperin hatte ich den idealen Job für mich gefunden.

Und ich hatte dabei so viel Spaß wie lange nicht mehr. Die ganze Zeit in Unterwäsche herumzulaufen, gab mir eine Freiheit, die ich seit meiner Schulzeit nicht mehr gekannt hatte.

Wie in anderen Berufen auch gab es gute und schlechte Tage. Meistens hatte das damit zu tun, wie viel Geld ich verdiente.

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Am besten war es, wenn ich ungefähr 18 Stunden in der Woche arbeitete, denn so blieb mir noch genug Zeit für meine anderen Hobbys: Stand Up Comedy, das Schreiben, meinen Podcast, Freunde und meinen Hund.

Im Strip Club traf ich Frauen, die in Langzeit-Beziehungen waren

Als ich mit dem Tanzen begann, war meine größte Angst, dass mich jetzt niemand je würde mehr lieben können.

Die Tatsache, dass ich seit sechs Jahren Single war, ließ ich dabei außer Acht. Aber im Strip Club traf ich Frauen, die in Langzeit-Beziehungen waren, einige waren sogar verheiratet. Das gab mir Hoffnung. 

Heute weiß ich: Das Geheimnis, seinen Seelenverwandten zu treffen, liegt darin, sich selbst voll und ganz treu zu bleiben. Ich bin mein ehrlichstes Ich, wenn ich mich in einem pinken Plüsch-Bikini vor 50 Zuschauern zu Drakes “God’s Plan“ räkle.

In jeder Liebesbeziehung ist Kommunikation der Grundpfeiler. Ich beklage mich bei meinem Freund über geizige Kunden und erzähle ihm freudestrahlend von spendablen Männern, die mir hunderte von Euros zustecken. 

Er bietet mir Unterstützung. Er hört mir zu und teilt sich mit mir eine Packung Kekse.

Ich gebe Männern, die ich kenne, keinen Lap Dance

Ich wiederum zeige meine Treue auf andere Art und Weise. Zum Beispiel gebe ich Männern, die ich von außerhalb des Clubs kenne, keinen Lap Dance. Zwar hat mein Partner mir das nie verboten, aber ich finde es unangebracht und habe da meine Grenze gezogen.

Ich gebe auch meine Nummer oder meine privaten Social Media-Profile nicht an Kunden raus. Das würde ich selbst dann nicht tun, wenn ich single wäre.

Mein Freund weiß auch die “Anfassen verboten“-Regel meines Clubs zu schätzen. So lieb er auch ist, er ist auch nur ein Mensch und zu wissen, dass andere Männer ihre Hände nicht überall an mir haben, lässt ihn ruhiger schlafen. Mich übrigens auch.

Das größte Thema in unserer Stripperin-Durchschnittstyp-Beziehung sind die Schmerzen durch das Tanzen in High Heels. Die beeinträchtigen nämlich unser Liebesleben.

Es ist schon schwer genug, mit einem jüngeren Mann intim zu werden und so zu tun, als würde mein Rücken mich nicht umbringen. Ich rufe jedes Mal: “Autsch, pass auch auf meine Knie und meine Hüfte auf!“

Mein Physiotherapeut bringt mir die größte Befriedigung.

Meine Nachtschichten sind auch nicht immer einfach – schließlich arbeitet mein Freund tagsüber. 

Dass wir nur vier Nächte in der Woche gemeinsam verbringen, lässt jedoch das Feuer zwischen uns weiter lodern.

Er besucht mich nicht bei der Arbeit

Eine weitere Regel, die wir aufgestellt haben, ist die, dass er mich nicht bei der Arbeit besucht.

Die Freunde und Partner einiger anderer Mädchen kommen öfters mal im Club vorbei, aber ich würde mich nicht wohl dabei fühlen, wenn mein Freund mir dabei zusieht, wie ich andere Männer umgarne.

Wir haben meinen Club als Paar besucht und das auch die anderen Mädchen wissen lassen.

Ich habe meinen Freund nie gefragt, ob seine Eltern von meiner Arbeit wissen. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass sie es wissen. Aber ich will es nicht zum Thema machen.

Manchmal ist es besser, bestimmte Situationen zu meiden, wenn man der Meinung ist, andere könnten dich aufgrund deiner Arbeit verurteilen.

Schlussendlich muss ich sagen, dass das Strippen einfach mein Talent ist. Und ich weigere mich, dieses von Gott gegebene Talent nicht zu nutzen. Es ist mir nicht peinlich, dass ich mich gleichzeitig mit Kraft und auch mit Anmut bewegen kann.

Unsere Liebe fordert die gesellschaftliche Wahrnehmung der Geschlechterrollen heraus

Wenn andere ein Problem mit meiner Beziehung haben, dann liegt das daran, dass sie Liebe ohne Besitzansprüche nicht kennen.

Unsere Liebe fordert die gesellschaftliche Wahrnehmung der weiblichen und männlichen Rolle heraus.

In vielen Menschen ist es immer noch fest verankert, dass der Mann Rechte an der Sexualität seiner Freundin besitzt.

Auf genau die gleiche Weise betrachten Menschen sexy Selfies oder sexuelle Witze gleich als eine Art Einladung. Vielleicht aber möchte eine Frau so einfach nur ihr ganz persönliches Wesen ausleben.

Meine Sexualität gehört genauso zu meiner Persönlichkeit wie meine Schlagfertigkeit.

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Ich drücke sie ganz offen aus und schlage daraus noch Profit, denn das fühlt sich für mich ganz natürlich an. Das behindert in keiner Weise die tiefe Intimität, die ich mit meinem Partner teile.

Wir müssen uns von dem Schandmal befreien, das Strippern immer noch aufgestempelt wird

Die Sexualität, die ich verkaufe, ist oberflächlich. Es handelt sich dabei nicht um das tiefe Vertrauen zweier Menschen, die sich lieben und Hand in Hand alle Schwierigkeiten meistern.

Wir müssen uns von dem Schandmal befreien, das Sexarbeiterinnen und Strippern immer noch aufgestempelt wird. 

Das Stigma, das letztendlich auch zu Gewalt gegen Sexarbeiterinnen führt, bringt uns um.

Und selbst wenn ihr nicht in dieser Industrie arbeitet, dann verletzt euch doch die patriarchale Kontrolle, die vorschreibt, dass eine Frau in einer Beziehung zu Eigentum wird. Schluss damit, das müssen wir ändern.

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

(fk)