POLITIK
12/08/2018 22:58 CEST | Aktualisiert 13/08/2018 12:10 CEST

Streit zwischen Türkei und USA verschärft sich – Erdogan spricht von Heimtücke

Auf den Punkt.

Im Video oben seht ihr die wirtschaftlichen Folgen des Streits.

Im Streit zwischen den Nato-Partnern Türkei und USA hat sich der Ton am Wochenende noch weiter verschärft.

Die neuesten Entwicklungen – auf den Punkt gebracht.

Was am Wochenende passiert ist:

► Erdogan wirft den USA Heimtücke vor.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat in mehreren kämpferischen Reden von “Kampagnen” gegen sein Land gesprochen. “Wieder sehen wir uns einer politischen und heimtückischen Verschwörung gegenüber, aber so Gott will, werden wir auch diese überwinden.”

”Ihr versucht, 81 Millionen Türken für einen Pastor zu opfern, der Verbindungen zu Terroristen hat”, sagte er ohne die USA direkt zu erwähnen, am Sonntag in der Stadt Trabzon. “Aber wir haben euren Plot durchschaut und fordern euch heraus.”

► Erdogan sieht einen Wirtschaftskrieg.

Was die USA mit Provokation nicht geschafft hätten, versuchten sie nun mit Geldpolitik zu erreichen. Es sei “ganz klar ein Wirtschaftskrieg”.

Die Kugeln, Granaten, Raketen in diesem Wirtschaftskrieg seien “Dollar, Euro oder das Gold”. Er drohte damit, denen “die Hände zu brechen, die diese Waffen abfeuern”.

Eine Intervention des Internationalen Währungsfonds (IWF), den viele Beobachter anregen, lehnte er ab. “Wir wissen sehr gut, dass die, die uns ein Geschäft mit dem IWF vorschlagen, uns eigentlich vorschlagen, die politische Unabhängigkeit unsere Landes aufzugeben”, sagte Erdogan.

► Erdogan droht mit Ausstieg aus der Nato.

In einem Gastbeitrag in der “New York Times” warf Erdogan dem Nato-Partner USA Respektlosigkeit vor. Sollte der Streit zwischen beiden Ländern so weitergehen, werde seine Regierung damit beginnen, “nach neuen Freunden und Verbündeten zu suchen”, schrieb Erdogan. Damit meint er unter anderem Russland.

Das nächste Treffen steht kurz bevor: An diesem Montag und Dienstag ist der russische Außenminister Sergej Lawrow in Ankara zu Besuch. Nach Informationen aus Moskau soll es vor allem um die Vorbereitung eines Syrien-Gipfels am 7. September gehen.

Das ist der Hintergrund des Streits:

Im Zentrum der Affäre steht der Streit um zwei Geistliche.

► Die USA fordern die Freilassung des US-Pastors Andrew Brunson, der wegen Terrorvorwürfen in der Türkei festgehalten wird.

► Die Türkei wiederum will, dass die USA den dort lebenden türkischen Prediger Fethullah Gülen ausliefern, den Erdogan für den Putschversuch von 2016 verantwortlich macht.

Diese wirtschaftlichen Folgen hat der Streit:

► Die USA erhöhen die Strafzölle.

Nach der Eskalation des Streits in den vergangenen Wochen hatte US-Präsident Donald Trump per Twitter die Verdoppelung der Strafzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte aus der Türkei verkündet.

Stahl aus der Türkei wird in den USA nun bereits von diesem Montag an mit Abgaben in Höhe von 50 Prozent statt bislang 25 Prozent belegt. Die Strafzölle auf Aluminium aus der Türkei sollen nach Trumps Worten auf 20 Prozent verdoppelt werden.

► Die Lira verliert drastisch an Wert.

Die türkische Lira brach danach teilweise um fast 20 Prozent ein. Für einen Dollar wurden zeitweise 6,87 Lira fällig. Zu Anfang des Jahres waren es noch 5 Lira.

Insgesamt hat die Währung seit Jahresbeginn zum Dollar mehr als 70 Prozent an Wert verloren, zum Euro rund 61 Prozent.

► Erdogan plant Maßnahmen, die als wirtschaftlich höchst schädlich gelten. Mittlerweile wird nach Einschätzung einiger Analysten an den Märkten schon die Möglichkeit einer Staatspleite durchgespielt.

Erdogan forderte die Türken auf, ihre Gastfreundschaft gegenüber Touristen weiter zu verbessern. “Denn sie bringen euch Dollar (...).”

Erdogan will lieber die Zinsen senken und mehr produzieren. Der Präsident liegt damit seit Jahren diametral entgegengesetzt zur gängigen Wirtschaftslehre, wonach Zinserhöhungen die Währung stärken und die Inflation bekämpfen. Die hat in der Türkei inzwischen die 15-Prozent-Marke überstiegen.

Mit der Wiederholung dieses von Investoren und Märkten viel kritisierten Credos sabotierte der Staatspräsident zugleich ein Maßnahmenpaket zur Rettung der angeschlagenen Wirtschaft, das sein Schwiegersohn und Finanzminister Berat Albayrak am Freitag in Ankara vorgestellt hatte.

Der Streit USA-Türkei auf den Punkt gebracht:

Erdogan kann noch so laut poltern, kann noch so oft dementieren, dass die Türkei in einer Wirtschaftskrise steckt – er kann damit höchstens kurzzeitig kaschieren, dass sein Land in der weitaus schlechteren Position ist. Erdogan kann einen Handelskrieg gegen die USA – so umstritten Trumps Zollpolitik auch ist – nicht gewinnen.

Erdogan verdankt seine Beliebtheit in der Türkei nicht unwesentlich auch der Tatsache, dass er die Wirtschaft einst in Schwung gebracht hat.

Er ist dabei, den Nimbus als Wirtschaftsheld zu verspielen.

(ll)