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13/03/2018 21:39 CET | Aktualisiert 13/03/2018 21:39 CET

Strategiedialog Automobilwirtschaft: Welchen Beitrag leistet Baden-Württemberg?

Die baden-württembergische Landesregierung hat bereits im Mai 2017 den „Strategiedialog Automobilwirtschaft Baden-Württemberg“ initiiert, der alle betroffenen Akteure einschließt. Er ist zunächst auf sieben Jahre angelegt und möchte dem Umbruch im Mobilitätsbereich begegnen: Zum einen sorgen technologische Entwicklungen wie Elektrifizierung, Digitalisierung und automatisiertes Fahren für differenzierte Mobilitätsbedürfnisse, zum anderen muss der Verkehr seine Schadstoffemissionen deutlich senken und so einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Ziel der Expertengespräche der Kern-AG Mitglieder und des „Call for Ideas“ wird es sein, Maßnahmenoptionen und Good Practice Beispiele, die spezifisch die Anpassungsfähigkeit und Agilität Baden-Württembergs verbessern, zu sondieren. Sie dienen unter anderem dazu, die Prinzipien dieser Erfolgsmodelle zu übertragen und Maßnahmen in der Umsetzung zu begleiten. Bis Juni 2018 sollen erste Ergebnisse des Prozesses vorliegen. Unterstützt wird der “Strategiedialog Automobilwirtschaft BW” auch von Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl. Die Institutsleiterin am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI und Inhaberin des Lehrstuhls für Innovations- und TechnologieManagement (iTM) Institut für Entrepreneurship, Technologie-Management und Innovation Karlsruher Institut für Technologie (KIT), wurde von Wissenschaftsministerin Theresia Bauer als Vorsitzende der gleichnamigen Kernarbeitsgruppe berufen, die am 8. Februar 2018 ihre Arbeit aufnahm.

Interview mit der Innovationsforscherin Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl

Frau Prof. Weissenberger-Eibl, was ist das allgemeine Ziel des Strategiedialogs?

Es gilt, Handlungsfelder aufzuzeigen, die aus landes-, bundes- und europapolitischer Sicht für den laufenden Transformationsprozess besonders relevant sind. Zudem geht es darum, geeignete Instrumente zu benennen, welche die Transformation im Mobilitätsbereich unterstützen. Aus all diesen Maßnahmen sollen Empfehlungen für Politik und Wirtschaft abgeleitet und langfristig in der Umsetzung begleitet werden.

Weshalb sind Forschung und Wissenschaft wesentliche Aspekte für Transformationsprozesse?

Sie schaffen ein Problembewusstsein, entwickeln Lösungsstrategien und bereiten zukünftige Fachkräfte auf den Struktur- und Technologiewandel im Mobilitätssystem vor. Baden-Württemberg verfügt mit führenden Universitäten, praxisorientierten Hochschulen für angewandte Wissenschaften und international agierenden Forschungseinrichtungen über eine breite Forschungs- und Innovationslandschaft im Bereich zukünftiger Mobilitätstechnologien und der ihr zugrundeliegenden Technologien entlang der Wertschöpfungskette.

Wie ist das Forschungs- und Innovationsumfeldes (F&I) in denStrategiedialog integriert?

Innerhalb des Strategiedialogs hat die F&I-Säule eine horizontale und eine vertikale Funktion - Wissenschaftler/innen sind als Experten in den übrigen Säulen gefragt. In der horizontalen Ausrichtung geht es um den spezifischen fachlichen Input beispielsweise in technologischen Fragestellungen. Die Kern-Arbeitsgruppe (Kern-AG) der F&I Säule bearbeitet die vertikale Funktion. Im Zentrum stehen dabei die systemischen Bedingungen für eine zukunftsfähige Wirtschafts- und Wissenschaftslandschaft, die sich dynamisch an sich ändernde Gegebenheiten anpassen und den anstehenden Wandel aktiv gestalten kann.

Was sollte getan werden, um den dynamischen Wandel von Systemen zu strukturieren, und was heißt das für die Automobilbranche?

Es bietet sich an, die evolutionären Mechanismen in Ökosystemen als Analogie heranzuziehen. Ähnlich wie bei sich rasch wandelnden Umweltbedingungen in einem Ökosystem ist der Automobilsektor (aber auch die Wirtschaft als Ganzes) einem erhöhten Wandlungsdruck ausgesetzt. Die Agilität und Adaptivität des Gesamtsystems werden entscheidenden Einfluss darauf haben, ob Baden-Württemberg weiterhin erfolgreich im globalen Wirtschaftsgefüge mitwirken und seine Stellung behaupten kann. Das heißt, neben der Frage, in welche Richtung sich die Automobilwirtschaft wandelt, tritt die Frage, wie die Anpassungsfähigkeit des Gesamtsystems erhöht werden kann. Die Hochschullandschaft ist in diesem Gesamtsystem eingebettet. Neben dem Wissenstransfer zwischen Hochschulen und Unternehmen ist der Nachwuchs ein Schlüssel zum Erfolg, denn Agilität muss gelebt werden.

Was steht als Nächstes an?

Die Kern-AG der F&I Säule wird nun strukturiert analysieren, welche Faktoren die allgemeine Anpassungsfähigkeit fördern und Maßnahmen erarbeiten, um dahingehende strukturelle Entwicklungen voranzubringen.

Welche Aspekte sind besonders wichtig für die Anpassungsfähigkeit in einem Ökosystem?

Vielfalt ist ein sehr wichtiger Faktor. Baden-Württemberg verfügt bereits heute über eine vielfältige Basis an Kompetenzen und Unternehmen, die die Adaptivität des Gesamtsystems gewährleisten. Langfristig stellt sich die Frage, in wieweit sich das Fach- und Kompetenzspektrum erweitern muss, um der zunehmenden Komplexität globaler Wertschöpfung gerecht zu werden. Ebenso wird es bei zukünftigen Innovationsprozessen notwendig sein, eine Vielzahl an Perspektiven zu integrieren, um möglichst viele relevante Faktoren zu berücksichtigen.

Was heißt das?

Dass verstärkt neue Akteursgruppen im Innovations- und Wertschöpfungsprozess einbezogen werden müssen. Die Vielfalt und damit einhergehend das Innovationspotenzial zu erhöhen, spielt im Mobilitätssektor ebenso wie in der Wirtschaft insgesamt eine entscheidende Rolle, um die Anpassungsfähigkeit zu steigern. Neben der Vielfalt kommt es bei einem stabilen Ökosystem darauf an, dass die einzelnen Komponenten sich zu einem Gesamtsystem vernetzen. Es reicht nicht aus, über eine Vielzahl an isoliert agierenden Akteuren zu verfügen, es ist auch wichtig, dass sie miteinander effizient und zielführend interagieren.

Inwiefern birgt die Digitalisierung völlig neue Chancen, um die Interoperabilität verschiedener Akteursgruppen deutlich zu erhöhen?

Dabei liefern die digitalen Technologien allerdings lediglich das Werkzeug. Voraussetzung für die Bildung von Akteursnetzen ist die Bereitschaft zur Interaktion. Dazu muss zunächst eine gewisse Anschlussfähigkeit der einzelnen Akteure gegeben sein, damit eine Kooperation zustande kommen kann. Die Tragfähigkeit der Netze wiederum ist ganz zentral davon beeinflusst, dass alle Beteiligten einen adäquaten Nutzen aus der Kooperation ziehen. Die langfristige strukturelle Stärke Baden-Württembergs entscheidet sich daran, ob Wertschöpfungspotenziale in der Breite auch in das operative Wirtschaftsgeschehen integriert werden können.

In BW werden bereits heute viele Vorhaben, Programme und Projekte umgesetzt, die die Agilität und Adaptivität des Gesamtsystems verbessern. Was ist entscheidend für den Erfolg?

Es geht nicht um Maßnahmen, die ergriffen wurden, sondern wann diese Maßnahmen wirksam werden. Vor dem Hintergrund sollte das „Window of Opportunity“ mit bedacht werden. Wie bei der natürlichen Selektion in einem Ökosystem hat es Sinn, bereits bestehende zielführende Initiativen zu verstärken. Dazu müssten entsprechende Ansätze sondiert und als Good Practice Beispiele hervorgehoben werden. In der Folge kann durch Multiplikationsmaßnahmen ein Verstärkungseffekt angestrebt werden.

Vielen Dank für das Gespräch.