LIFESTYLE
08/04/2018 12:22 CEST | Aktualisiert 09/04/2018 09:44 CEST

Mit dem Herzen sehen: Steph sucht ihr Brautkleid – und ist blind

Ein Fotograf hat diese trotz allem magische Zeit in Stephs Leben in starken Bildern festgehalten.

Steph Agnew möchte im November heiraten. Doch aufgrund einer Augenkrankheit verlor die junge Braut in den letzten dreizehn Jahren einen Großteil ihrer Sehkraft. Jetzt stürzt sie sich in ihre Hochzeitsvorbereitungen
- ohne dabei ihr Kleid, ihre Blumen, den Ort ihrer Feier, oder sogar ihren Bräutigam wirklich sehen zu können.

JAMES DAY PHOTOGRAPHY
Steph Agnew ertastet ein Brautkleid. Ihre Freundin und BrautjungferJess, deren Umrisse im Vordergrund erkennbar sind, beobachtet ihreFreundin und assistiert ihr bei der Auswahl.

Gemeinsam mit ihrem Verlobten Rob Campbell lebt Agnew im Süden der australischen Stadt Melbourne. Als sie neunzehn Jahre alt war, teilten ihr die Ärzte mit, dass sie an einer Stäbchen-Zäpfchen-Dystropie leide, einer unheilbaren Netzhautkrankheit, die zur schrittweisen Erblindung führt. Ohne ihre Gehhilfe und die Unterstützung eines Blindenhundes könnte sich Agnew heute in der Öffentlichkeit kaum mehr alleine bewegen.

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Eine Nahaufnahme von Agnew, die ihre rechte Hand auf ihreGehhilfe gelegt hat. Mit ihrer linken Hand hält sie den Griff, einVerlobungsring ist deutlich am Ringfinger zu erkennen.

„Mein Sehvermögen ist stark eingeschränkt,“ erklärt sie der HuffPost. „Licht und Dunkelheit kann ich zwar voneinander unterscheiden. Unter bestimmten Lichtverhältnissen kann ich manchmal auch noch Umrisse oder Schatten ausmachen. Generell ist aber doch alles sehr verschwommen.“

JAMES DAY PHOTOGRAPHY
Agnew und ihr Verlobter Rob Campbell sitzen vor dem Hintergrundeines Sonnenunterganges auf ihrem Balkon. Sie sitzt auf seinem Schoß, erstreicht ihr mit der einen Hand die Haare aus dem Gesicht.

Ein Freund des Brautpaares, der Fotograf James Day, wird Agnew und ihren Verlobten nicht nur an ihrem Hochzeitstag fotografieren, sondern begleitet das Paar auch während der Zeit vor der Trauung (worüber ihr auf seinem Blog mehr erfahren könnt). Als Agnew sich vor kurzem mit ihrer Mutter (die selbst an einer Stäbchen-Zäpfchen- Dystropie leidet), ihrem Vater, ihrem Bruder und mit einer ihrer Brautjungfern auf die Kleidersuche begab, begleitete der Fotograf die kleine Gruppe mit seiner Kamera.

JAMES DAY PHOTOGRAPHY
Agnew und ihr Bruder Cal werfen einen Blick in das Schaufenstereines Brautmodeladens, in dem vier weiße Kleider an Schaufensterpuppenausgestellt sind. An der einen Hand hält Agnew eine Gehhilfe.
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Agnew (links) überquert Arm in Arm mit ihrem Bruder eine Straße.Ein Stück weit vor ihnen gehen ihre Eltern, ebenfalls Arm in Arm. ImHintergrund warten Autos darauf, dass die Gruppe auf der anderen Seiteankommt.

Die Vorstellung, die anprobierten Kleider nicht selber begutachten zu können, machte Agnew am Anfang noch nervös. Die Kaufassistentin des Brautmodeladens half ihr dann aber mit detaillierten Beschreibungen, um sich eine genauere Vorstellung von jedem Kleid zu machen. Danach durften Agnew und ihre Mutter die verschiedenen Brautkleider in aller Ruhe ertasten. Auch die Meinungen ihres Vaters, ihres Bruders und der Brautjungfer flossen letzten Endes in ihre Entscheidung mit ein.

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Eine Verkäuferin hält ein Kleid in ihren Armen. Auf der rechten Seitelächeln sich Agnew und ihre Freundin Jess gegenseitig zu.
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Steph Agnew zeigt ein strahlendes Lächeln. Auf der kleinenSchaubühne eines Brautmodeladens stellt sie ein schulterfreies Kleid zurSchau, im Vordergrund sind die Rücken ihrer Begleiter zu sehen.
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Agnew führt die Hand ihrer Mutter über das maßgeschneiderteBüstenteil eines schulterfreien Hochzeitskleides. Ihr Bruder Cal und eineKaufassistentin schauen dabei zu.
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Eine Nahaufnahme von den Händen der Mutter, die über die Hüftender Tochter fahren, um die Passform eines bestickten und mit Perlenbesetzten Hochzeitskleides zu ertasten.

“Ich wollte von jedem eigentlich nur ein einfaches ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ hören. Mit ihren Kommentaren waren dann aber alle ein wenig zurückhaltend. Fast schon zu zurückhaltend, um ehrlich zu sein. Das fand ich dann schon etwas frustrierend.“

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Agnew's Vater (links) and ihr Bruder (rechts) sitzen im Brautmodengeschäft und sehen sich die verschiedenen Modelle an. 

Letzten Endes entschied sich Agnew am Ende ihres Shoppingtrips dann aber doch für ein Kleid, will dieses aber noch bis zu ihrer Hochzeit geheim halten - die ersehnte “Say Yes to the Dress“-Reaktion gab es aber trotz aller Widrigkeiten dann doch.

“Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal haben würde – dieses Gefühl, endlich das eine Brautkleid gefunden zu haben. Dieser eine Moment, von dem doch jede Braut letztendlich träumt. Sobald die Änderungsschneiderin meine Maße nahm, bekam ich eine richtige Gänsehaut. Aus dem Lächeln kam ich dann gar nicht mehr heraus. Und dachte mir dabei nur so: ‚Wow. So fühlt sich das also an!’ Schon komisch, dass ich das erleben durfte, obwohl ich mein Kleid ja gar nicht wirklich sehen konnte.“

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Die lächelnde Steph Agnew steht auf einer kleinen Schaubühne. Sieträgt ein fließendes, schulterloses Hochzeitskleid. Ihr Vater (links), halb verdecktvom Schatten, betrachtet seine Tochter. Zur Rechten glättet eineKaufassistentin den Saum des Kleides.
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Agnews Vater führt die Hände seiner Frau über die Verzierungeneines bestickten Büstenteils.

Aber auch andere Aspekte ihrer Hochzeitsplanung bereiteten Agnew viele Schwierigkeiten. Schließlich konnte sie sich im Gegensatz zu anderen Bräuten nicht einfach schnell auf Pinterest über die letzten Dekotrends informieren oder sich von den Fotos anderer Hochzeiten inspirieren lassen.

“Als ich noch sehen konnte, sammelte ich bereits Ausschnitte aus Hochzeitsmagazinen, um anderen meine Vorstellungen später besser erklären zu können. Das ist allerdings schon eine Weile her, ich weiß also nicht wirklich, was die neuen Trends sind und was ich vielleicht sonst noch alles kaufen könnte.“

Um ihre Traumhochzeit Wirklichkeit werden zu lassen, musste Agnew sich von Anfang an auf die Unterstützung anderer verlassen.

“Ich musste Lieferanten finden, die sich auf meine Lage einlassen können. Die meisten Firmen wollen ihren Kunden nur Fotos schicken, mit denen ich natürlich nicht arbeiten kann,“ erklärt Agnew. “Unsere Feier wollen wir im ‚Weddings at Tiffany’s‘ in Queensland ausrichten. Als wir uns dort persönlich umsahen, nahm der Geschäftsführer mich an die Hand und beschrieb mir seine Einrichtung bis auf die kleinsten Details. Ich durfte auch alles anfassen, um mir ein besseres Bild machen zu können.“

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Agnews Mutter betastet das Büstenteil eines mit Perlen besetztenHochzeitskleides, das ihre Tochter zur Anprobe trägt. Der Vater der Brautsteht im Hintergrund, er beobachtet beide und lächelt.

Ihren zukünftigen Bräutigam, einen Polizeibeamten, lernte Agnew im Oktober 2016 auf einer Sommerparty auf dem Dach ihres Apartmentgebäudes kennen. Damals stellte sich heraus, dass die beiden schon seit mehr als einem Jahr nebeneinander gewohnt hatten, sich aufgrund seiner langen Arbeitszeiten aber im Flur nie begegnet waren.

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Campbell und Agnew umarmen sich vor einem Brautmodegeschäft.Er hat die Familie zu ihrem Kauftermin gebracht, muss nun aber nachHause fahren. Campbell steht mit dem Gesicht zur Kamera, er trägt eine große Pilotenbrille.

“Ich hatte meine Gehhilfe dabei, es war also allen klar, dass ich an einer Sehstörung leide. Die Tatsache, dass er trotzdem mit mir flirtete, zeigte mir, dass ihm meine Krankheit vollkommen egal war. Das war ein tolles Gefühl,“ erzählt Agnew. “Bevor ich meine Gehhilfe bekam, habe ich anderen nicht gerne von meiner Sehstörung erzählt. Ich hatte einige ziemlich schlechte Erfahrungen mit Typen, die wegen meiner Krankheit nicht mit mir zusammen bleiben wollten.“

JAMES DAY PHOTOGRAPHY
Auf diesem Schwarzweißfoto lehnt sich Campbell über Agnew, erdeckt den Tisch.

Als sie dann ihren Verlobten kennenlernte, hatte Agnews ihre Sehkraft bereits so weit eingebüßt, dass sie die Gesichter anderer Menschen nicht mehr erkennen konnte. Sie weiß also bis heute nicht, wie ihr Ehemann aussieht.

“Rob behandelt mich wegen meiner Sehschwäche zwar nicht anders als andere, er macht sich aber trotzdem häufig Sorgen um mich,“ seufzt die angehende Braut. “Er macht sich aber um alles Sorgen. Auf seiner Arbeit sieht er ja auch viele schlimme Dinge.“

JAMES DAY PHOTOGRAPHY
Auf dem Balkon ihrer Wohnung steht Campbell hinter Agnew, er hatseine Arme um sie gelegt. Das Sonnenlicht fällt auf ihre Gesichter. "DiesesFoto vermittelt den Eindruck, dass Rob seine Verlobte beschützt.Tatsächlich erkennt man aber an Stephs Augen, dass es in Wahrheit sieist, die die Hosen anhat,“ schreibt Fotograf James Day im dazugehörigenBlogpost.

Hochzeitsfotograf James Day erklärte der HuffPost, dass ihn an Agnew und ihrem Verlobten fasziniere, dass diese einen “ganz besonderen Draht“ zueinander hätten.

“Steph und Rob vertrauen sich voll und ganz. Ansonsten führen die beiden aber eine ganz normale Beziehung. Steph ist sehr unabhängig und will ihr Leben voll auskosten. Rob unterstützt sie dabei so gut er kann, lässt ihr aber auch genügend Freiraum.“

In einem Blogpost auf seiner Website veröffentlichte Day die schönsten Fotos von der Hochzeitsvorbereitung. Jedem der Bilder fügte er eine detaillierte Beschreibung bei, damit auch Agnew und ihre Mutter sich ein gutes Bild von seiner Arbeit machen können.

“Auf der Fahrt zum zweiten Brautmodeladen erkundigte ich mich bei den beiden über barrierefreie Fotografie. Steph erklärte mir, dass sie sich den Inhalt eines Fotos normalerweise über die dazugehörigen Facebook-Kommentare erschließt. So entschloss ich mich also, jedes meiner Bilder genau zu untertiteln. Dadurch sind die Fotos nun auch anderen sehbehinderten Menschen zugänglich.“

Agnew hofft darauf, dass ihre Geschichte nun auch andere anregen kann, sich den eigenen Herausforderungen mit Mut und Durchhaltevermögen zu
stellen.

“Wir haben alle unsere eigenen Stärken,“ fügt sie hinzu. “Wie unüberwindbar ein Hindernis auch scheint, es findet sich in jedem Fall eine Lösung. Wer auf seine eigenen Stärken baut, wird dabei am Ende nicht enttäuscht. Ich möchte so vielen Leuten wie möglich helfen und ihnen zeigen, dass auch die schlimmste Zeit irgendwann einmal vorübergeht.“ 

Dieser Artikel erschien im Original bei HuffPost Indien und wurde von Lukas Wahden ins Deutsche übersetzt.

(nmi)