ELTERN
20/12/2017 19:53 CET | Aktualisiert 21/12/2017 10:42 CET

Vor einem Jahr beschloss dieser Chef, gezielt Mütter einzustellen - das ist das Ergebnis

"Mamas sind stressresistent, gut vernetzt und oft bestens ausgebildet."

Kasper Communications
Eine Stellenanzeige machte Michael Kasper bekannt - dabei wollte er nur nach gutem Personal suchen. 
  • Vor elf Monaten wurde Michael Kasper mit einer Stellenanzeige zum Held der Mütter – und bekam seitdem auch Kritik
  • Dabei beweist der Agenturchef, wie leicht sich eines der größten Probleme der deutschen Wirtschaft lösen ließe

Zwei Worte reichten, um Michael Kasper bundesweit in die Medien zu bringen: “Mama gesucht.”

Mit diesen Worten überschrieb der Unternehmer aus Freising bei München vor knapp einem Jahr eine Jobausschreibung für seine Kreativagentur auf Facebook.

Er hatte eine Teilzeitstelle zu vergeben und suchte explizit nach Müttern. “Einstellungsvoraussetzung: ein Kind zur Welt gebracht zu haben.”

Die sympathische Begründung: “Mamas sind stressresistent, gut vernetzt, oft bestens ausgebildet und können mit Kindern sowie Kindsköpfen umgehen.”

Zeitungen von München bis Berlin nannten Michi den “Mama-Held”, große Frauenmagazine teilten seine Stellenanzeige online. In seinem Postfach sammelten sich die Mails von Frauen, die ihn für seine Ausschreibung feierten.

Andere, die das Allgemeine Gleichstellungsgesetz damit verletzt sahen, waren weniger begeistert. Doch das war Michael Kasper egal.

Kasper steht zu seiner ungewöhnlichen Recruiting-Strategie

Der Unternehmer hat mit seiner ungewöhnlichen Anzeige unfreiwillig auch den Finger in eine der größten Wunde der deutschen Wirtschaft gelegt: Der Wirtschaftsboom in Deutschland hat dazu geführt, dass es für Unternehmen immer schwerer wird, neue Mitarbeiter zu finden.

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Die Zahl der offenen Stellen war Mitte des Jahres mit über 700.000 auf Rekordniveau. Jede dritte neue Stelle bleibt mangels geeigneter Bewerber unbesetzt.

Ökonomen warnen deshalb schon vor einem Crash-Szenario. Vereinfacht gesagt geht das so: Unternehmen können nicht mehr wachsen, weil sie keine neuen Angestellten finden. Die Produktion stagniert – der deutsche Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Jahre käme damit an sein Ende.

Aber dass das nicht so sein muss, zeigt, was Michael Kasper in den Wochen nach seiner Anzeige erlebt hat. Nach kürzester Zeit hatte der junge Unternehmer aus Freising bei München einen ganzen Stapel Bewerbungen auf seinem Schreibtisch liegen.

Kein Wunder, denn laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Ipsos aus diesem Jahr ist Frauen ihr Beruf längst genauso wichtig wie Männern. 80 Prozent der rund 2000 befragten Frauen gaben an, auf eine sinnvolle Tätigkeit Wert zu legen.

Viele Mütter wollen in den Job zurückkehren, können aber nicht

Wenn sie ein Kind bekommen haben, können aber längst nicht alle Frauen, die das wollen, einem Job nachgehen. Die neuesten Zahlen dazu stammen zwar von 2011, damals jedoch waren laut Statistischem Bundesamt sechs Prozent der 6,7 Millionen Mütter in Deutschland auf Jobsuche.

Ein Viertel aller Mütter war nicht berufstätig und suchte auch nicht nach einer Anstellung. Einer der Hauptgründe: Mehr als die Hälfte (55 Prozent) hinderte die fehlende Kinderbetreuung daran, erwerbstätig zu sein.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch das Familienministerium: 55 Prozent der jungen, gut qualifizierten Frauen planen Untersuchungen zufolge für sich eine Elternzeit von etwa einem Jahr. 

Häufig scheitert eine frühere Berufsrückkehr jedoch an den Rahmenbedingungen: Von Müttern, die länger als sechs Monate ausgestiegen sind, wären zwei Drittel gern früher oder in größerem Umfang wieder arbeiten gegangen.

“Unsere Firma ist unsere Familie”, sagt Michael Kasper

Das sind eben jene Frauen, die Michael im Blick hat. Inzwischen hat der Unternehmer gleich mehrere Mütter an seiner Seite – und steht nach wie vor zu seiner unkonventionellen Recruiting-Strategie.

Zwei der neu eingestellten Mütter sind Anna Wittke und Sandra Smolka, die Kasper seine “rechte und linke Gehirnhälfte” nennt. Wer die drei zusammen erlebt, würde nie denken, dass sie noch nicht mal ein Jahr zusammenarbeiten, so vertraut gehen sie miteinander um.

Kasper Communications
Michael Kasper und seine Mitarbeiterinnen Anna (links) und Sandra (rechts).

“Unsere Firma ist unsere Familie”, sagt Kasper und rückt zufrieden grinsend seine Baseball-Kappe zurecht.

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Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, hat Anna selbst erleben müssen. Ihre Kinder sind zwei und vier Jahre alt. Als das zweite ein Jahr alt war, wollte sie in den Job zurückkehren. Aus finanziellen Gründen, aber auch weil sie sich nicht vorstellen konnte, noch länger zu Hause zu sein, wie sie sagt.

Mütter müssen bei der Jobsuche viele Kompromisse machen

Doch ihr Vorhaben war weniger leicht als gedacht. “Ich habe sicher 40 bis 50 Bewerbungen rausgeschickt”, sagt sie und beim Gedanken daran verfinstert sich ihr Gesicht.

“Teilzeitstellen sind ohnehin rar gesät. Und in den Bewerbungsgesprächen machte man mir unmissverständlich klar, dass ich als Mutter von zwei kleinen Kindern nicht die erste Wahl bin.”

Zu groß sei die Angst, dass Mütter ausfallen, wenn ihre Kinder krank werden oder sie sich wegen der familiären Verpflichtungen nicht angemessen auf den Job konzentrieren können.

Ein weiteres Problem: Anna und ihr Mann hatten zu dieser Zeit noch keinen Krippenplatz für ihre Tochter. “‘Warum brauchen sie den denn, wenn Sie keinen Job haben?’, bekam ich in den Einrichtungen zu hören”, erzählt sie. “Einen Job habe ich wiederum nicht bekommen, weil ich keinen Krippenplatz hatte. Ein Teufelskreis.”

Je länger sie keine Anstellung gefunden habe, desto mehr Kompromisse sei sie bereit gewesen einzugehen.

Sieben von neun Angestellten bei Kasper sind Frauen

Als sie auf die Jobausschreibung der Agentur Kasper stieß, stellte sie erleichtert fest: Hier würde sie keine Kompromisse machen müssen.

Von den inzwischen neun Angestellten der Agentur sind sieben Frauen. Vier davon haben Kinder. Kasper selbst ist auch Vater einer einjährigen Tochter. Mariechen nennt er sie.

Alle außer Kasper selbst arbeiten Teilzeit, zwischen 14 und 25 Stunden pro Woche.

Familie gehört hier zum Konzept dazu – im Job und im Privatleben.

Dass die Kleinen auch mal im Büro dabei sind, ist bei Kasper Communications ganz normal. “Wir würden auch gegenseitig unsere Kinder aus der Kita abholen, wenn der andere mal mehr zu tun hat”, sagt Sandra.

Wie ihre Kollegin Anna hat auch sie zwei Kinder. Ihre sind schon älter, vier Jahre die Tochter und sechs Jahre der Sohn. Sandra konnte erst ins Berufsleben zurückkehren, als ihr Sohn fünf Jahre alt wurde. Zuvor wäre ein Job nicht mit der Arbeit ihres Mannes vereinbar gewesen wäre. Er musste in diesen Jahren geschäftlich viel reisen.

“Mütter sind super organisiert und arbeiten wahnsinnig effizient”

Wenn man Kasper fragt, ob er es bereue, so viele Mütter eingestellt zu haben und noch dazu in Teilzeit, schüttelt er vehement den Kopf.

“Nein, überhaupt nicht”, sagt er. “Mütter sind super organisiert und arbeiten wahnsinnig effizient. Sie wissen: ‘Um zwei muss ich mein Kind aus der Kita abholen, bis dahin muss alles fertig sein’.”

Mit dieser Einschätzung steht er nicht alleine da.

Der Karrierecoach Martin Wehrle berät Mitarbeiter großer DAX-Unternehmen und ist ebenfalls der Ansicht, dass Mütter Qualifikationen mitbringen, die anderen Angestellten häufig fehlen. 

“Moderne Firmen haben erkannt: Mutter-Sein ist die beste Management-Schulung”, heißt es in seinem Buch “Herr Müller, Sie sich doch nicht schwanger?! - Warum das Berufsleben einer Frau für jeden Mann ein Skandal wäre”.

“Mütter trainieren in ihrem Alltag, Menschen zu führen, denn Erziehen heißt leiten. Mütter trainieren, ein Budget zu verantworten, denn jeder Haushalt verlangt Wirtschaften. Und Mütter trainieren, Prioritäten zu setzen und zu organisieren, denn nur so lässt sich der kleine Betrieb namens ‘Familie’ leiten.”

Dennoch scheuten die meisten Mütter davor zurück, diese Stärken bei der Jobsuche zu betonen.

“Nur eine von 25 Müttern kommt beim Bewerben auf die Idee, in ihren Unterlagen hervorzuheben, dass ihre Familienrolle sie fürs Management prädestiniert”, beobachtet Wehrle. “Die anderen 24 entschuldigen sich nahezu dafür, dass sie ihr Arbeitsleben unterbrochen und ein Kind zur Welt gebracht haben. Damit gießen sie Wasser auf die Mühle der Vorurteile.”

Viele Chefs scheuen sich noch immer, Mütter einzustellen

Michi Kasper hat bei seiner Strategie, gezielt nach Müttern zu suchen, übrigens seine Schwester inspiriert. “Sie arbeitet 25 Stunden die Woche. Es ist Wahnsinn, was sie alles gleichzeitig macht. Auf mich wirkt es immer so, als hätte sie vier Arme.” 

Er versteht nicht, dass nicht mehr Unternehmen nach derselben Strategie verfahren wie er. 

“Der Markt ist leer”, sagt der Unternehmer. “Wir haben hier in Freising Vollbeschäftigung.” 

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Für die Arbeitgeber wird es damit immer schwieriger, gut ausgebildetes Fachpersonal zu finden. Umso paradoxer, dass viele Unternehmen sich dennoch immer noch scheuen, Mütter einzustellen.

Auch Michi Kasper findet das nicht nur diskriminierend, sondern auch kurzsichtig. “Wenn nicht bald ein Umdenken stattfindet, dann werden die Firmen ein großes Personalproblem bekommen”, glaubt er. “Frauen sind für viele Firmen B-Ware. Das muss sich ändern.”

Den Menschen werde Familie immer wichtiger. “Viele legen im Zweifelsfall mehr wert auf die Familie als auf ihre Karriere.”

Mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Job

Studien geben ihm recht. Eine Untersuchung im Auftrag des Familienministeriums von 2015 ergab, dass sich fast die Hälfte der Eltern wünscht, dass Vater und Mutter annähernd gleich viele Stunden im Job sind. 45 Prozent der Befragten beklagten sich, ihr Arbeitgeber habe ihn bei einem Teilzeitmodell für beide allerdings Steine in den Weg gelegt. 

“Arbeitgeber müssen flexibler werden”, sagt Anna. Ihrer Ansicht nach vergessen viele Chefs einen sehr wichtigen Punkt, wenn es um loyale Mitarbeiter geht: “Das, was mein Chef mir als Mitarbeiterin entgegenkommt, stecke ich wieder an Herzblut in die Firma. Es ist ein Geben und Nehmen.”

Das gelte nicht nur für Mütter, sondern auch für Väter. “Für Familien eben”, sagt sie. Väter müssen ebenfalls mehr gefördert werden, findet sie. Mit Elternzeit-Optionen, Home Office, reduzierter Stundenzahl.

Dass auch Väter ungerecht behandelt werden, wenn sie ein Kind bekommen, sieht sie an ihrem Mann. “Er wollte nach der Geburt unserer ersten Tochter Elternzeit nehmen”, erzählt sie. “Seine Vorgesetzten haben ihm unmissverständlich klar gemacht, dass er unter den Umständen nicht wiederkommen brauche. Er hat dann von selbst gekündigt.”

Die bereits erwähnte Studie des Meinungsforschungsinstituts Ipsos zeigt, dass Anna und ihr Mann nicht die Einzigen sind, die sich über mangelnde Vereinbarkeit von Job und Familie ärgern.

28 Prozent der Befragten gaben an, dass es für sie nicht leichter, sondern sogar schwerer geworden sei, Kinder und Arbeit zu koordinieren.

Anna selbst scheint das Glück zu haben, einen Chef mit außergewöhnlichem Familiensinn gefunden zu haben.

 Erfolgreiches Team mit Mitarbeitern in Teilzeit

Die Agentur läuft gut, deswegen sucht Michi derzeit schon wieder nach neuen Mitarbeitern. “Ich bin gerade dabei, ältere Menschen oder sogar Rentner halbtags für nachmittags einzustellen”, sagt er. Auch bei ihnen nämlich sieht er im Gegensatz zu vielen anderen Arbeitgebern das unausgeschöpfte Potenzial.

“Ältere Mitarbeiter haben viel mehr Lebenserfahrung. Ich glaube, sie können ein Team enorm bereichern.”

Die Erste ist auch schon gefunden: Karin, 63 Jahre, ehemalige Vorstandssekretärin bei einer bekannten deutschen Firma. 

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Michi beweist, was viele andere Arbeitgeber nicht wahrhaben wollen: Ein Team kann auch dann sehr gut funktionieren und Erfolg haben, wenn viele oder alle Mitarbeiter in Teilzeit arbeiten – und wenn sie Kinder haben.

Außerdem beweist er, dass sich eines der größten Probleme der deutschen Wirtschaft eigentlich sehr einfach lösen ließe. Wenn man dem Personalmangel mit denen entgegenwirkt, die ohnehin bereit stehen: gut ausgebildete Mütter.

(jg)