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09/07/2018 16:56 CEST | Aktualisiert 09/07/2018 16:56 CEST

Steigende Nachfrage für Gebrauchtsoftware

Was für Autos und Handys schon lange sehr beliebt ist, gilt auch für Software. Der An- und Verkauf von Gebrauchtsoftware liegt im Trend, denn hier können Kunden eine Menge Geld sparen. Worauf beim Kauf gebrauchter Softwarelizenzen zu achten ist, wie man zwischen seriösen Händlern und zweifelhaften Angeboten unterscheidet und welche Rolle die Cloud für das Geschäft spielt – dazu habe ich mich mit Andreas E. Thyen, Präsident des Verwaltungsrats der LizenzDirekt AG, unterhalten.

LizenzDirekt

Welche Voraussetzungen sind nötig, damit der Handel mit Gebrauchtlizenzen rechtskonform ist? Können die Hersteller dazwischenfunken?

Prinzipiell unterscheidet sich der Handel mit Gebrauchtlizenzen nicht von vergleichbaren Gebrauchsgegenständen wie Büchern oder PC-Hardware. Es gilt der sogenannte Erschöpfungsgrundsatz. Mit dem Erstverkauf durch einen Hersteller ist das alleinige Recht zur Verbreitung der lizenzierten Programmkopie erschöpft. Das wurde mittlerweile auch in höchster Instanz vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) bestätigt. Einmal verkauft, kann und soll der Hersteller also keinen direkten Einfluss mehr auf die weiteren Besitzverhältnisse der Lizenz nehmen. Es gibt allerdings zwei Voraussetzungen für einen rechtmäßigen Weiterverkauf. Erstens: Die gebrauchte Softwarelizenz wurde erstmalig in einem Staat der Europäischen Union oder einem Vertragsstaat des Europäischen Wirtschaftsraums in Umlauf gebracht. Und zweitens: Der Ersterwerber muss ein unbefristetes Nutzungsrecht an der Lizenz halten. Stehen hingegen Lizenzen in Deutschland zum Verkauf, die erstmals in einem anderen Markt veräußert wurden – wie etwa den USA, Australien oder Kanada – ist also Vorsicht geboten.

Wie sieht es bei rein digital, also via Download, erworbener Software aus?

Auch in diesem Fall ist die Rechtsprechung des EuGH eindeutig: Wenn man ein Computerprogramm käuflich erwirbt, ist man auch Eigentümer und kann es dementsprechend weiterverkaufen.

Welche Software wird häufig gebraucht gekauft? Wer sind die typischen Kunden?

Microsoft, Adobe und Oracle sind sehr beliebt und zu den typischen Kunden zählen sowohl öffentliche Auftraggeber als auch mittelständische Unternehmen und große Konzerne.

Ist das Thema Gebrauchtsoftware also auch für große Unternehmen interessant oder kaufen diese doch lieber direkt und neu beim Hersteller?

Das Thema ist auf jeden Fall auch für Großunternehmen interessant – allein aus finanziellen Gründen: Einerseits sind auch aktuelle Lizenzversionen gebraucht in der Regel um 20 bis 50 Prozent günstiger. Andererseits lassen sich aus dem Verkauf von Altbeständen zusätzliche Erlöse erzielen. Außerdem können sich Unternehmen mithilfe von gebrauchten Lizenzen auch mit älteren Software-Versionen eindecken, die sich besser in ihre restliche IT-Landschaft einpassen lassen. Da Großkonzerne beim Ankauf von gebrauchten Software-Lizenzen meist große Stückzahlen benötigen, muss der Händler dann natürlich über das entsprechende technische, organisatorische und rechtliche Know-how verfügen und in der Lage sein, mit großen Stückzahlen zu handeln. Bei der Auswahl eines Händlers sollten Großkonzerne also vorab abfragen, ob er bereits Erfahrungen mit Aufträgen in dieser Größenordnung hat.

Wie können Käufer sichergehen, dass sie es mit einem seriösen Anbieter zu tun haben?

Vorsicht ist vor allem geboten, wenn Lizenzen zu extrem günstigen Preisen angeboten werden – dass es in dem Fall mit rechten Dingen zugeht, ist mehr als zweifelhaft. Ein guter Maßstab ist außerdem der Ruf des Anbieters bei einschlägigen Wirtschaftsprüfern. Unternehmen sollten sich also nicht von günstigen Preisen blenden lassen, sondern besser auf renommierte Anbieter vertrauen – das spart Zeit und Nerven und Verantwortliche können dem nächsten Audit gelassen entgegensehen.

Müssen Händler beim Verkauf auch die gesamte Lieferkette offenlegen?

Der Wunsch mancher Kunden, die komplette Lieferkette nachzuvollziehen, ist zwar verständlich – eine entsprechende gesetzliche Regelung gibt es aber nicht. Letztlich ist die Frage aber: Könnten sie die vorgelegten „Beweise“ wie etwa Verträge, Nutzungsberechtigungen oder technische Beschreibungen denn auch auf ihre Echtheit und Aussagekraft hin prüfen? Wenn ein Unternehmen also nicht gerade zufällig einen auf Lizenzrecht spezialisierten Mitarbeiter beschäftigt, sollte es die Überprüfung der Gebrauchtsoftware einem versierten Händler überlassen. Dieser informiert dann beim Ankauf darüber, zu welcher Nutzung die Lizenz berechtigt – denn dazu ist er gesetzlich verpflichtet. Alle seriösen Händler werden beim Verkauf zudem schriftliche Garantien für ihre Ware vorlegen, einschließlich Versicherungen für Vermögensschäden und Haftungsfreistellungen sowie vorgangsbezogene Testate von Wirtschaftsprüfern.

Was sagen eigentlich die Hersteller dazu? Die werden sich ja vermutlich nicht gerade freuen, wenn Sie gebrauchte Lizenzen weitervertreiben?

Das mag sein – unsere Kunden freuen sich dafür aber umso mehr. Spaß beiseite: Die rechtliche Lage ist mittlerweile eindeutig abgesteckt und die Mehrheit der Hersteller hat den sekundären Markt akzeptiert. Zudem nimmt mittlerweile auch die Cloud einen immer wichtigeren Platz auf der Herstelleragenda ein. Statt klassischer Lizenzen kommen verstärkt Cloud-gestützte Mietmodelle zum Einsatz. Hier gibt es dann sowieso keinen sekundären Markt. Man wird sehen, ob diese Taktik bei Kunden so gut ankommt, oder ob diese letztlich doch lieber bei Kaufmodellen bleiben wollen. Vermutlich werden beide Modelle nebeneinander bestehen.

Wie wandelt sich der Lizenzhandel in Zeiten der Cloud und „Mietsoftware“? Hat diese Verschiebung Einfluss auf Ihr Geschäftsmodell?

Diese Verschiebung ist ja nichts Neues. Fakt ist aber auch, dass die Cloud den Markt innerhalb der letzten 15 Jahre eher schleppend erobert hat. Da spielen natürlich Datenschutzbedenken, aber auch das Abhängigkeitsverhältnis, in das sich Unternehmen mit Cloud-Mietmodellen begeben, eine Rolle. Ob sich die Cloud in dieser Hinsicht tatsächlich flächendeckend durchsetzt, bleibt also abzuwarten. Nichtsdestotrotz müssen sich Händler natürlich auf dem neuesten Stand halten und ihr Portfolio entsprechend modernisieren. Außerdem ist in unserer digitalen Dienstleistungsgesellschaft ein erstklassiger Service von Beratung bis zu Support und Nachbetreuung unabdingbar. Vor allem in diesen Bereich werden Händler investieren müssen. Die Devise lautet: einem zeitgemäßen und vor allem kundenorientierten Angebot ein qualifiziertes und jederzeit verfügbares Service-Team zur Seite stellen.