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19/01/2018 17:31 CET | Aktualisiert 19/01/2018 17:31 CET

Starke Schulen in sozialen Brennpunkten: 5 Dinge, die der Bund tun muss

Wir können Schulen in Brennpunkten besonders stark, aktiv und attraktiv machen.

ullstein bild via Getty Images
Eine Schule in Berlin-Wedding.

Ja, es gibt den fatalen Zusammenhang von Arbeitslosigkeit, Armut und Bildungsferne, der sich dann auch in schlechteren Bildungschancen und Bildungsleistungen von Kindern und Jugendlichen niederschlägt.

Ja, es gibt in Stadtteilen mit überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit und Armut besondere Herausforderungen an den Schulen für die Lehrkräfte, das weitere pädagogische und nicht–pädagogische Personal und auch vielfach für das weitere schulische Umfeld.

Und ja, es gibt Möglichkeiten, diese Schulen in solchen sozialen Brennpunkten besonders stark, aktiv, leistungsfähig und auch attraktiv zu machen.

Wie in anderen Staaten auch, von den USA über Großbritannien bis zu Schweden, gibt es erprobte Modelle für ein Empowerment an solchen Schulen in solchen Stadtteilen.

Erfolgsstory Rütli-Schule

Mit einer engagierten und klaren schulischen Führung durch Schulleitung in enger Kooperation mit dem Kollegium der Lehrkräfte und pädagogischen Mitarbeitern, mit einem klaren Set an Regeln und Vereinbarungen.

Mit einer aktiven Elternarbeit und Elternintegration und einer Öffnung und Aktivierung des Stadtteiles, mit attraktiven und gut gepflegten Räumlichkeiten, mit vielen Möglichkeiten der körperlichen, musischen, eigenaktivierenden Betätigung, mit besonders attraktiv gestalteten Schulprogrammen, die auch für die Kinder und Jugendlichen aus Familien außerhalb der Brennpunkte anziehend sind.

Mit einer erhöhten Ausstattung an Personal und weiteren Fachkräften, von der Sozialarbeit bis zu Trainern, Künstlern, Handwerkern, mit Beratung, Weiterbildung, besonderer Ausstattung für die Lehrkräfte.

Auch in Deutschland gibt es Beispiele für die systematische erfolgreiche Stärkung von Schulen in sozialen Brennpunkten.

Um hier das Bundesland Berlin herauszugreifen: Die dortige Rütli–Schule in Berlin stand lange als Synonym für eine gescheiterte Brennpunktschule und ist jetzt durch ein gezieltes breit angelegtes Konzept von Schulpolitik und Erneuerung aus der Schule heraus positiv entwickelt worden.

Kooperationsverbot ist hoffentlich bald Geschichte

Mit der Schulcampus-Idee sollen die Schulen über den Lern- und Leistungsbereich hinaus breiter ausgerichtet werden, wie auch das Projekt “School Turnaround”, das der Berliner Senat in Zusammenarbeit mit der Robert Bosch–Stiftung entwickelt hat, auch Schulen in sozialen Brennpunkten gezielt in den Blick nimmt.

Und was hat das mit dem Bund zu tun? Einerseits nicht sehr viel, wenn man genau hinschaut, denn hier geht es um konkrete Schulpolitik auf Seiten der Länder und der Kommunen.

Mehr zum Thema: Grünen-Politiker Gehring fordert Bundesprogramm für Brennpunktschulen

Und dennoch kann der Bund auch etwas tun, begrenzte verfassungsrechtliche Möglichkeiten hin oder her, die im Übrigen jetzt ja hoffentlich bald durch die Aufhebung des Kooperationsverbotes im investiven Bereich weiter ausgebaut werden.

Was der Bund tun muss, um Schulen zu helfen:

► 1. Wir wissen viel, aber noch nicht genug, um die Prozesse in den Schulen, den Elternhäusern, der Umwelt in solchen sozialen Brennpunkte zu verstehen und hieraus die richtigen Konzepte zu entwickeln und umzusetzen.

Der Bund kann dazu beitragen, dass sich Wissenschaft und Forschung konzentriert, langfristig und komplex mit diesem Anliegen auseinander setzen.

Der Nationale Bildungsbericht, der alle zwei Jahre von Bund und Ländern vorgelegt wird, kann und muss hierauf einen Fokus richten und auch zu Empfehlungen kommen.

► 2. Bund und Länder können vereinbaren, mit gezielten Projekten Maßnahmen an Schulen in sozialen Brennpunkten zu unterstützen, die Schulen und Schüler stark machen.

Es gibt hierfür bereits ein gutes Bespiel von gemeinsamer Aktion von Bund und Ländern, nämlich das Bund–Länder–Programm zur Förderung hochbegabter Schülerinnen und Schüler. 125 Millionen € investiert der Bund hier hälftig zusammen mit den Ländern, um an beispielhaften Schulen Konzepte zu entwickeln, wie hochbegabte Kinder und Jugendliche noch besser gefördert werden können.

Da sollte auch ein Programm “Starke Schulen in sozialen Brennpunkten” möglich sein und machbar gemacht werden, bei dem der Bund die begleitende Forschung und Evaluation finanziert und die Länder und Kommunen die zusätzliche personelle und sächliche Ausstattung.

Auch muss man fragen, weshalb das hervorragende Bundes-Programm “Kultur macht stark“ sich auf die außerschulischen Lernorte konzentriert und nicht noch zielgenauer in ein Programm zur Stärkung von Schulen in sozialen Brennpunkten integriert werden kann.

Auch in Brennpunkten brauchen wir den Ganztag

► 3. Ob Ganztagsschulen automatisch zu besseren Leistungen von Schülerinnen und Schülern führen, ist noch Gegenstand eines wissenschaftlichen Streites.

Aber unbestritten scheint zu sein, dass Ganztagsschulen zur Entlastung von Eltern und Lehrkräften beitragen und auch die Schülerschaft sich nicht nur wohler an diesen Schulen fühlt, sondern auch eine höhere soziale Kompetenz erwirbt. Ganztagsschulen entlasten und integrieren – zwei Wirkungen, die besonders an Schulen in sozialen Brennpunkten von Bedeutung sind.

Wir brauchen hier ein Gesamtprogramm von Bund, Ländern und Kommunen zur Umsetzung des Rechtsanspruchs auf eine ganztägige Betreuung und Bildung an Kindertagesstätten und an Schulen für Kinder im Grundschulalter.

Dies muss einschließen eine entsprechende finanzielle Ausstattung der Kommunen und der Länder mit Unterstützung des Bundes. Und Schulen in sozialen Brennpunkten müssen hier eine prioritäre Behandlung erfahren.

 4. Leider ist es so, dass es auch einen Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Armut mit der Finanzschwäche von Kommunen gibt.

Der Bund war und ist deshalb gut beraten, gerade für solche Kommunen einen besonderen Investitionszuschuss zur Verfügung zu stellen, der auch in armen Kommunen besonders gut ausgestattete moderne Schulgebäude ermöglicht.

Mit kaputten Schulgebäuden gibt es keine starke Schule; ungepflegte Schulen demotivieren Lehrer, Eltern und Schüler. Die moderne hervorragend ausgestattete und gepflegte Schule muss zum Stolz des sozialen Brennpunktes werden.

Dafür braucht es Geld und das gibt der Bund auch jetzt schon, immerhin 3,5 Milliarden €. Und der Bund kann auch dazu beitragen, die Entwicklung der gesamten Bildungsinfrastruktur eines sozialen Brennpunktes ins Zentrum einer umfassenden Stadtteilentwicklung unter dem Motto Soziale Stadt zu stellen.

Wir müssen auch an Schulen Armut bekämpfen

► 5. Armut ist strukturell und Armut ist individuell. Was Kinder und Jugendliche in Armut betrifft, sind hervorragende öffentliche Schulen sicherlich das beste Ort, Bildung zu fördern und Persönlichkeit zu entwickeln.

Und dennoch bleibt auch immer noch die individuelle Armut, für die es einen Ausgleich geben muss. Das war und ist der Grundgedanke des Bildungs- und Teilhabepakets, mit dem Kinder aus Familien mit einem geringen Einkommen besonders unterstützt werden sollen.

Der Kinderbedarf in den Sozialleistungen muss hier gezielt aufgestockt werden durch ein höheres Schulstarter–Paket, ein kostenloses Mittagessen in den Schulen, kostenfreie Schülerbeförderung, und ein flexibel einsetzbares auskömmliches Guthaben für sportliche und kulturelle Teilhabe.

Hier steht der Bund in der Pflicht und die ersten Ankündigungen, dass die Leistungen hier verbessert werden, können nur begrüßt werden.

Soweit fünf konkrete Handlungsfelder. Doch dabei muss immer daran erinnert werden, dass der Ausgangspunkt der enge Zusammenhang von Arbeitslosigkeit, Armut und Bildungsferne ist, der sich mit schwierigen Wohnverhältnisse, unzureichender Infrastruktur bis hin zur Ghettobildung in den sozialen Brennpunkten verbindet.

Deshalb muss allen bewusst bleiben: Starke Schulen können vieles leisten, aber sie können nicht alles leisten. Mit der Stärkung der Schulen kann gleichwohl eine Dynamik in Gang gesetzt und unterstützt werden, die dann auch dem gesamten sozialen Brennpunkt zu Gute kommt.

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