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13/03/2018 21:41 CET | Aktualisiert 13/03/2018 21:41 CET

Star Trek - Mehr als ein halbes Jahrhundert Gesellschaftskritik

Viele kennen sie, die Abenteuer des Raumschiffs “Enterprise“ in den vielen Generationen, angefangen von Captain Christopher Pike über Captain James T. Kirk bis hin zum französischen Kommandanten Jean-Luc Picard. Neben zahlreichen Serienausführungen gibt es auch eine umfangreiche Reihe an Kinofilmen. Die Muster, nach denen die Geschichten aufgebaut sind, sind immer ähnlich. Dreh- und Angelpunkt ist ein Raumschiff. Am bekanntesten dürfte hier die “Enterprise”, in all ihren unterschiedlichen Ausführungen, sein.

In und um dieses Raumschiff tummeln sich die vielen Geschichten, die die Herzen von Trekkies und Physikern in die Höhe schlagen lassen. Immer dabei ist eine bunte Mischung an Besatzungsmitgliedern, die auf ihren Reisen in ferne Welten ständig wieder neuen Herausforderungen begegnet. Jetzt lebt die Star Trek Idee auch auf Netflix weiter. Anfang des Jahres startete die erste Staffel von Star Trek Discovery. Doch worum geht es bei Star Trek wirklich?

Die meisten bringen Star Trek mit Raumfahrt und mit Physik in Verbindung, was grundsätzlich stimmt. Star Trek basiert inhaltlich in weiten Teilen auf echter Physik. Doch in Star Trek steckt viel mehr: Es ist die wohl umfangreichste Kritik an unserem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen System und aktueller denn je.

Was neben den ganzen technischen Effekten eher subtil und weniger offensichtlich auftaucht, ist die Kritik an der Gesellschaft, die die Autoren von Star Trek immer wieder einfließen lassen.

Gene Roddenberry, der Schöpfer der Star Trek Saga, war in seinem Hauptberuf Polizist. Beruflich bedingt hatte er immer mit den eher schwierigen Schichten der Gesellschaft zu tun. Neben seiner Arbeit hatte Roddenberry eine große Leidenschaft für Science Fiction. Und so kam es, dass er die Geschichte von Star Trek schuf. Sein Hauptantrieb war sicher die Leidenschaft für Weltraum, Raumschiffe und fremde Welten. Er betrachtete aber auch weitere Aspekte, die vielleicht nicht so offensichtlich sind.

Roddenberry ging es nämlich auch um das Bild der Gesellschaft, einer besseren Gesellschaft, für die Zukunft. Er nahm an, dass die Menschheit besser miteinander umgehen würde, wenn es eine extraterrestrische Bedrohung gäbe. Mit diesem Kniff konnte er eine Gesellschaft zeichnen, die eine Vision für eine „bessere Welt“ sein kann, in der es um alle Menschen geht und in der die Wirtschaft kein Eigennutz mehr ist.

Der Zeit voraus - oder vielleicht doch nicht?

Auf der Kommandobrücke der ersten Serie von Star Trek dienten, neben einem amerikanischen Kapitän, ein russischer Navigator (Pavel Andreievich Chekov), ein asiatischer Steuermann (Hikaru Sulu), ein schottischer Maschineningenieur (Montgomery „Scotty“ Scott) und eine schwarze Kommunikationsoffizierin (Nyota Penda Uhura).

NASA
Nichelle Nichols als Lieutenant Uhura

Diese Besetzung war in den 1960er Jahren für gewisse Teile der Gesellschaft in Amerika, aber auch in Europa, eine glatte Provokation. Mit Russland war man im kalten Krieg, es tobte der Krieg in Vietnam, Pearl Harbour war noch nicht lange her und eine Frau, die auch noch dunkelhäutig ist, hatte einen Offiziersrang.

Auch heute noch stören sich manche ewiggestrige Gemüter an einer Besetzung, wie der des Raumschiffs Enterprise. Insbesondere die Figur von Lieutenant Uhura polarisierte damals wie auch heute noch, weil sie einerseits weiblich und andererseits dunkelhäutig ist. Nicht umsonst gibt es bis heute zu wenig Frauen in Führungspositionen und oft gibt es direkte oder indirekte Vorbehalte, wenn Menschen gewisse äußere Merkmale haben.

Die Herkunft ist nebensächlich, was zählt ist die Verbesserung

Gene Roddenberry wollte aber genau dieses Bild zeichnen. Es ging auch darum, dass die Menschheit zusammen halten muss, um kontinuierlich besser zu werden. Jeder Mensch, egal welcher Herkunft, egal welchen Aussehens und egal welcher Religiosität, muss im Gesamtbild einer globalen Gesellschaft gleichermaßen vorkommen und seinen Platz haben.

NASA
Originalbesetzung von Star Trek und Space Shuttle

In den Folgeserien, so zum Beispiel bei “Star Trek – The next Generation“, unter dem Kommando von Jean-Luc Picard, wurden auch außerirdische Lebensformen in die Szenerie mit einbezogen. So übte auf der Enterprise-D Lieutenant Worf, ein Klingone, eine extraterrestrische Spezies, mit denen die „Föderation“ ursprünglich im Krieg war, das Amt des Sicherheitschefs aus. Damit wurde der Gedanke, den Gene Roddenberry auf der ersten Enterprise unter James T. Kirk entwickelte, auch um extraterrestrische Lebensformen erweitert. Der Grundgedanke des friedlichen Zusammenlebens blieb dabei erhalten.

Roddenberry und seine Nachfolger, die die Geschichte von Star Trek entwickelten, haben stets die Idee einer besseren Welt im Sinn gehabt. In der Welt von Star Trek kommen alle Menschen und andere Lebensformen vor, einen Rassismus oder Menschen ungleicher Art gibt es nicht, wenn es auch Hierarchien gibt. Beispielsweise gibt es auch eine „zentrale Direktive“, die beschreibt, wie man mit neu entdeckten, fremden Kulturen umzugehen hat.

Es geht darum, diese Kulturen nicht zu beeinträchtigen und zu respektieren, anstatt sie zu unterwerfen und deren Territorien zu erobern. Die Gesellschaft hat als Ganzes das Ziel, kontinuierlich besser zu werden. Auch Geld gibt es im Star Trek Universum nicht mehr. Eine Aussage von Jean-Luc Picard im Kinofilm „Star Trek – Der erste Kontakt“ beschreibt die Vision der Star Trek Autoren sehr treffend:

Der Erwerb von Reichtum ist nicht mehr die treibende Kraft in unserem Leben. Wir arbeiten, um uns selbst zu verbessern, und den Rest der Menschheit.

Star Trek, die Wirtschaft und Politik von heute

Mario Buchinger
Hoshin Kanri - Die Idee der ganzheitlichen, langfristigen Entwicklung

Der Grundsatz, der in Star Trek als gesellschaftliche Basis dient, ist in der Kultur von „Hoshin Kanri“ beschrieben. Dabei handelt es sich um einen Ansatz der Sozialwissenschaften kurz nach dem zweiten Weltkrieg in Japan. Man wollte verstehen, unter welchen Voraussetzungen Menschen langfristig gemeinsam zusammenleben können, ohne dass es immer wieder zu Kriegen kommt. In den 1960er Jahren versuchte man dann diese Erkenntnisse in Unternehmen übertragen.

Leider wird Hoshin Kanri bis heute falsch verstanden, denn die eigentliche Idee einer ganzheitlichen und langfristigen unternehmerischen Entwicklung, bei der Menschen, sowohl in ihrer Identität als Kunden, als Mitarbeiter und auch als Lieferanten, respektvoll vorkommen, wird oft auf eine sehr systematische Reduktion einer Zielableitung oder eines „Policy-Deployments“ reduziert und von einigen Beratern als Verkaufsmaschine missbraucht.

Sicher ist Star Trek zunächst einfach gute Unterhaltung, eine faszinierende Geschichte und für Physiker vielleicht ein sogar ein besonderes Unterfangen. Die Wirtschaft, die Politik aber auch die Gesellschaft als Ganzes können sich aber von Star Trek und dem darin beschriebenen Gesellschaftsbild viele Impulse und Anregungen holen.

Die Frage, was macht man, wenn es kein Geld mehr gäbe, lässt die Gedanken rotieren und bringt einen unweigerlich zu der Frage nach dem Sinn des Seins. Ist Profitmaximierung das Allheilmittel oder gibt es Wichtigeres? Wenn sich unsere Gesellschaft, insbesondere die Entscheider in Wirtschaft und Politik, nur etwas vom Gesellschaftsbild von Star Trek abschauen würden, wäre sicher ein großer Schritt zum Abbau der bestehenden Ungleichheit getan.