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13/01/2019 12:47 CET | Aktualisiert 13/01/2019 13:17 CET

Stadtplaner: Es gibt eine Lösung für die Wohnungsnot in deutschen Großstädten

"Dass Siedlungen im Umland von Städten entstehen, dürfte nicht mehr passieren."

Getty / Steffen de Rudder
Stadtplaner Steffen de Rudder

Sie sind voll, dreckig, laut, teuer und eng – und trotzdem ziehen immer mehr Menschen in deutsche Großstädte. Laut Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung sind die 66 kreisfreien Großstädte zwischen 2010 und 2016 um 1,35 Millionen Einwohner gewachsen. Das ist ein Anstieg von 5,9 Prozent. 

Städte wie Leipzig, Münster oder Frankfurt erleben sogar einen Zuwachs von mehr als zehn Prozent. 

Das zeigt: Immer mehr Menschen wollen die Vorzüge einer Metropole in Deutschland genießen, das urbane Lebensgefühl erleben. Doch für manch einen wird der Traum schnell zum Albtraum. Die Mietpreise werden immer höher – allein im ersten Halbjahr 2018 sind sie um über fünf Prozent gestiegen. Die Straßen sind verstopft und es scheint keinen Platz mehr zu geben.

Architekt und Stadtplaner Steffen de Rudder von der Bauhaus-Universität Weimar sagt im Gespräch mit der HuffPost, es gibt zwei Dinge, die bislang die größten Probleme erzeugen, aber gleichzeitig auch die größten Chancen auf Verbesserung eröffnen: Städtebau und Mobilität – und die hängen für de Rudder eng zusammen.

Viele Menschen müssen pendeln, weil sie sich das Leben in Großstädten nicht mehr leisten können

Inzwischen können sich selbst Bürger der Mittelschicht ein Leben in der Innenstadt deutscher Städte wie Hamburg oder München nicht mehr leisten. Deshalb ziehen sie ins Umland. Und das sieht de Rudder als einen großen Fehler an.

“Es geht nicht mehr, dass Leute mit Mitte 30, Anfang 40 ein Haus bauen im Umland der großen Städte. Das ist kein nachhaltiges Lebensmodell mehr. Denn daraus folgt das größte Problem aus Stadtplaner-Sicht: Die Leute pendeln.”

Der Verkehr in Großstädten steige durch die Pendler an. Und genau da müsse angesetzt werden. Doch um die Menschen dazu zu bringen, auf den Komfort des Autofahrens zu verzichten und stattdessen Fahrrad zu fahren oder den Nahverkehr zu nutzen, müsse noch viel getan werden.

“Die Verkehrswende wird nicht dadurch kommen, dass wir die Menschen zum Verzicht animieren. Wir brauchen ein gut funktionierendes, infrastrukturelles System, das mit dem Auto konkurrieren kann”, sagt der Architekt.

Mittel und Wege, um Probleme mit Verkehr und Wohnungsnot anzugehen, gebe es ausreichend, nur würde es an der Umsetzung scheitern. Stadtplaner de Rudder hat einige Ideen, wie wir diese Misere lösen könnten.

Das ganze Interview lest ihr hier:

Stadtplaner: Es gibt eine Lösung für die Wohnungsnot in deutschen

Herr de Rudder, was ist das größte Problem unserer Städte?

Generell gibt es aus meiner Sicht als Architekt eine Konkurrenz an Problemen. Ich glaube, die beiden größten Probleme sind Wohnungsbau und Mobilität, denn die bestimmen die Struktur und den Lebensraum von Städten.

Aber gleichzeitig sind das auch die beiden größten Hebel für Verbesserungen. Zum einen, weil daran die Folgen von CO2- und anderen Emissionen hängen, zum anderen, weil unsere Städte immer weiter wachsen und es zu wenig Platz gibt.

Das bedeutet?

Dass Wohnungen und Mieten so teuer sind, führt dazu, dass es sich nur noch Menschen mit einem bestimmten Einkommen leisten können, in der Stadt zu wohnen.

Familien können es sich nicht leisten, in der Innenstadt von München oder Hamburg zu wohnen – außer, sie haben richtig Geld. Und daraus folgt das größte Problem aus Stadtplaner-Sicht: Die Leute pendeln. So entsteht Verkehr, und alles nur, weil der Wohnraum zu teuer ist.

Dass Siedlungen im Umland von Städten entstehen, dürfte eigentlich gar nicht mehr passieren.

Wie können wir das Problem lösen?

Mobilität und Städtebau hängen eng zusammen. Wenn man dafür sorgen will, dass es weniger Verkehr gibt, muss man an die Wohnungsfrage ran. Dass Siedlungen im Umland von Städten entstehen, dürfte eigentlich gar nicht mehr passieren. Also ist die Lösung: Wir brauchen zentralen Wohnungsbau in den Städten.

Aber wie können wir das schaffen? Wie kann es jetzt aus dem Nichts günstigen Wohnraum in unseren Städten geben?

Wenn man das weiterdenkt wird schnell klar, dass Wohnungsbau auch mit der Bodenfrage zusammenhängt. Ist es eigentlich richtig, dass Grund und Boden frei auf dem Markt gehandelt werden? Für eine Versorgung mit bezahlbarem Wohnungsbau wahrscheinlich nicht.

Warum?

Es gibt einige Städte, die das anders gemacht haben. Allen voran Wien. Es gab ja das rote Wien in den 1920er- und 1930er-Jahren, als durchgehend Sozialdemokraten regiert haben. In dieser Zeit wurden Genossenschaften gefördert und zigtausende Gemeindewohnungen gebaut.

Und noch heute sind 220.000 Wohnungen in den Händen der Stadt Wien. Damit hat Wien ein Instrument, das verhindert, dass der Immobilienmarkt explodiert. Wenn Wohnungen gar nicht auf dem freien Markt sind, können Preise auch nicht so stark steigen.

60 Prozent der Menschen leben in Wien im kommunal geförderten Wohnungsbau. Das ist großartig. In Amsterdam ist das ähnlich. Die Stadt ist im Besitz von großen Wohnungsbauprojekten und kann so mehr steuern. In vielen deutschen Städten wurde das aus der Hand gegeben. Was aber auch zeigt: Die Wohnungsfrage ist vor allem Sache der Politik, weniger des Städtebaus.

Können wir das in Deutschland noch umkehren?

Aus der Misere kommen wir nicht mehr raus. Da wurden historisch Fehler gemacht. Dresden beispielsweise hat sich dadurch saniert, dass der gesamte kommunale Wohnungsbestand an eine US-amerikanische Investorengruppe verkauft wurde.

Berlin als Pleite-Stadt hat das nach der Wende auch häufig getan. Damit kamen die Städte an Geld – aber sie haben ein wichtiges Instrument der Stadtplanung aufgegeben.

Also sind wir verloren?

Nein. Aber Städtebau und Mobilität hängen eng zusammen. Und wir können in der Frage der Mobilität noch sehr viel ändern. Wir müssen erstmal damit anfangen, dass wir den ganzen Mist, den wir machen, nicht mehr weitermachen.

Womit sollten wir zum Beispiel nicht mehr weitermachen?

Es ist doch so: Menschen, die im Umland von Städten wohnen und nicht mit dem Auto pendeln, sondern mit S-Bahnen, tun ja eigentlich genau das Richtige – aber bislang müssen sie dafür unangenehme Lasten auf sich nehmen. In Deutschland gibt es keinen wirklich komfortablen öffentlichen Nahverkehr.

Die Verkehrswende wird nicht dadurch kommen, dass wir die Menschen zum Verzicht animieren. Wir brauchen ein gut funktionierendes infrastrukturelles System, das mit dem Auto konkurrieren kann.

Pendeln ist nicht angenehm, wenn man sich jeden Morgen an die Körper fremder Menschen drücken musst. Nahverkehr wäre dann angenehm, wenn die S- und U-Bahnen häufiger fahren würden, es für jeden einen Sitzplatz geben würde, vielleicht sogar einen Kaffee!

Das heißt, der Nahverkehr muss einfach öfter getaktet fahren und dann pendelt keiner mehr mit dem Auto?

Es würde auf jeden Fall helfen. Denn uns muss klar sein, wir treten damit gegen das Bequemste und Privateste an, was es in der Mobilität gibt: Das eigene Auto. Wenn wir uns dieser Tatsache bewusst sind, dann wissen wir auch, wie wir Nahverkehr entwickeln müssen und attraktiver machen können.

Die Verkehrswende wird nicht dadurch kommen, dass wir die Menschen zum Verzicht animieren. Wir brauchen ein gut funktionierendes, infrastrukturelles System, das mit dem Auto konkurrieren kann. Und das müssen wir entwickeln.

Aber das klingt teuer. Und Städte haben ja bekanntlich nie Geld ...

Nein, das muss nicht so teuer sein. Zum Beispiel Fahrradfahren kann man viel bequemer, sicherer und schneller machen – und das im Vergleich mit der automobilen Infrastruktur günstiger und weniger aufwändig. Fahrrad-Schnellstraßen in Holland und Dänemark beweisen das.

In Deutschland gibt es noch immer keine einzige, die fertig ist. Das ist unglaublich. Es gibt ein Bewusstsein, wir wissen, was das Problem ist, wir haben die Mittel, das zu lösen – aber es geht nicht voran.

Woran liegt das?

Natürlich vor allem daran, dass wir ein Autoland sind. Das unterscheidet uns von einigen Ländern, zum Beispiel von Dänemark oder den Niederlanden. In Städten wie Utrecht gibt es gerade mal 29 Prozent Autoverkehr, 51 Prozent der Wege legen die Menschen mit dem Fahrrad zurück.

Dass wir neben den USA und Japan das größte Autoland der Welt sind, lässt mich schon ein bisschen verzweifeln. Gleichzeitig bin ich weiterhin fasziniert von den deutschen Autobauern und Autos. Das sind große technische Wunderwerke, wenn man sich die elaborierte Technik, den Komfort, den Luxus in Flagschiffen von Mercedes, BMW und Audi ansieht – wow. Aber leider auf dem falschen Weg.

Es geht nicht mehr, dass Leute mit Mitte 30, Anfang 40 ein Haus bauen im Umland der großen Städte. Das ist kein nachhaltiges Lebensmodell mehr.

In deutschen Autos steckt das Beste an Kreativität und Erfindergeist, was Deutschland zu bieten hat. Aber ich könnte heulen, weil es eine Verschwendung gesellschaftlicher Gestaltungskraft ist.

Also sollten deutsche Autobauer mehr in Hybrid- und Elektromobilität investieren?

Das ist wichtig, aber ein Wechsel der Antriebe ist nicht die Lösung. Es geht ja nicht nur um CO2, sondern auch um den Platz. Auf den Stadtringen deutscher Städte ist der Verkehr gigantisch, das ändern auch alternative Antriebsmöglichkeiten nicht.

Wenn man sich die Straßen unserer Städte ansieht, dann sind das Autostraßen. Fußgängerzonen sind nur Funktionen der autogerechten Stadt, Ausnahmen der Regel.

Wer kann das ändern?

Interessant ist, dass es nicht den einen Feind gibt, nicht nur Politiker sind verantwortlich oder Autokonzerne, die Mehrheit ist verantwortlich. Die Mehrheit in Deutschland fährt Auto, die Anzahl der zugelassenen Autos nimmt in Deutschland weiterhin zu. Das heißt, fast alle tragen zum Missstand bei. Genau deshalb ist es auch so schwer, etwas zu verändern.

Es ist Gewohnheit sowie Routine, die unser Mobilitätsverhalten bestimmen. Das bedeutet letztlich, der einzige Ausweg besteht darin, dass wir bestimmte Muster und Lebensweisen aufgeben müssen.

Es geht nicht mehr, dass Leute mit Mitte 30, Anfang 40 ein Haus bauen im Umland der großen Städte. Das ist kein nachhaltiges Lebensmodell mehr. Das ist kein Lebensmodell, das uns die Autolobby, die CDU oder SPD einreden. Das ist eine eigene Entscheidung. Deshalb geht es nicht nur um Gesetzesänderungen und neue Antriebe. Sondern auch darum, dass wir uns bewusst machen, was wir selbst tun können.

Aber wie soll das gehen? Menschen ziehen doch ins Umland, weil sie sich das Gründen einer Familie in der Großstadt nicht leisten können.

Wir brauchen für Familien mehr bezahlbare Wohnungen in den Großstädten und sollten uns fragen, ob es nicht auch denkbar ist, in kleineren Städten zu wohnen. Wenn die Alternative zum Leben in der Großstadt das Leben in der Einfamilienhaussiedlung im Umland ist, dann sind gut angebundene kleine Städte vielleicht die bessere Wahl.

Die Vorzüge einer Stadt kann es ja auch da geben. Urbanes Leben mit Theater, Kultur, Sport, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten – und das mit schnellen und bequemen Nahverkehrsverbindungen in die Großstädte.

Wenn immer mehr Leute in den großen Städten wohnen wollen, bedeutet das eben auch, dass wir uns in Zukunft darauf einstellen müssen, dass es enger wird.

Ich weiß natürlich nicht, ob Leute bereit sind, diesen Kompromiss einzugehen. Aber ich glaube, dass es eine gute Alternative werden könnte. Seit 2016 gibt es eine kleine Umkehrbewegung zu beobachten. Zwar wachsen Städte, aber die Binnenmigration innerhalb Deutschlands hat sich umgedreht. Mehr Leute, die innerhalb Deutschlands umziehen, ziehen aus den Städten aus als ein.

Wir müssen die Städte ausbauen, die gut an Metropolen angebunden sind. Das verknüpft mit modernen Arbeitsstrukturen wie Home Office oder Co-Working-Spaces kann funktionieren.

Okay. Und das heißt, wenn ich Normalverdiener bin und die Welt retten will, darf ich nicht mehr in eine deutsche Großstadt ziehen?

Nein. Denn wir können auch noch immer günstigen Wohnraum in den Städten schaffen. Viele Städte sind fertig gebaut. Aber zum Beispiel in Leipzig oder Berlin gibt es noch Platz, da ist noch viel möglich. Und auch in den Städten, in denen es vermeintlich keinen Platz mehr zum Bauen gibt, ist immer noch einiges möglich. Zum Beispiel kann man verstärkt in die Höhe bauen.

Außerdem, wenn immer mehr Leute in den großen Städten wohnen wollen, bedeutet das eben auch, dass wir uns in Zukunft darauf einstellen müssen, dass es enger wird.

Dass das nicht unbedingt schlimm ist, zeigt sich in Paris. Dort leben im Innenstadtraum, der flächenmäßig so groß ist wie der Raum in Berlin innerhalb des S-Bahn-Rings, doppelt so viele Menschen. Und würde jemand sagen, Paris ist nicht lebenswert? Nein. Es gibt Möglichkeiten, nahzuverdichten.

Und was machen wir jetzt mit den verstopften Straßen in den Städten? Pendler sind ja nicht das einzige Problem.

Wenn wir hinschauen, bewegt sich da ja schon etwas. Nur schade, dass das nicht von den Städten in die Hand genommen wird, sondern von den Automobilkonzernen. Die Autobauer sind nicht doof, die machen sich Gedanken um ihr Geschäft in 20 oder 30 Jahren. Deshalb beteiligen sie sich in vielen Städten an Projekten der Stadtentwicklung, wenn es um beispielsweise um Carsharing geht.

Für BMW ist Drive Now ein neues Geschäftsmodell und die Konzerne arbeiten daran, dass sich das in den Metropolen verbreitet und durchsetzt. Sie organisieren sogar Partizipationsverfahren wie Bürgerforen, machen Befragungen in Nachbarschaften, um zu verstehen, wie man die Menschen dazu kriegen kann, ihre Privatautos aufzugeben.

Die Städte könnten steuern, dass solche Konzepte nicht nur ein lukratives Geschäftsmodell sind, sondern auch Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit fördern. Aber die Kommunen verschlafen das.

Aber Carsharing löst das Problem nicht. Denn Carsharing geht – wie Studien zeigen – auf Kosten des öffentlichen Nahverkehrs. Es hat sich dadurch eine Möglichkeit entwickelt, die bequemer ist als U-Bahn-Fahren und das auch noch ohne den ganzen Ärger des Autofahrens wie ewige Parkplatzsuche oder Parkkosten.

Dasselbe gilt für Konzepte wie Ride-Sharing, sprich Mini-Busse, die anfraggesteuet durch die Stadt fahren und die Leute direkt an der Haustür abholen. Das wäre ein super interessantes Projekt für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), ein Ersatz für langsames Busfahren. Aber auch das liegt in den Händen von Automobilkonzernen.

Die Städte könnten steuern, dass solche Konzepte nicht nur ein lukratives Geschäftsmodell sind, sondern auch Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit fördern. Aber die Kommunen verschlafen das.

Gibt es irgendeine Chance, dass wir die Kurve kriegen?

Wissen Sie, ich hatte da ein tolles Erlebnis in Kopenhagen, der Fahrradhauptstadt Europas oder vielleicht sogar der Welt. Ich musste von A nach B, einmal durch die halbe Stadt. Und ich bin auf eine dieser großen, breiten Fahrradstraßen gekommen.

Wenn man dem Rhythmus von Leuchtdioden auf dem Boden folgt, hat man die ganze Zeit grüne Welle. Und das war ein wahrer Geschwindigkeitsrausch. Ich war gefühlt unfassbar schnell. Das hat mich umgehauen. Es hat mich sehr beeindruckt, dass es mit dem Fahrrad möglich ist, ein Gefühl von Freiheit und Geschwindigkeit zu bekommen, das mir einen Kick gibt.

Dass Fahrradfahren den Spaßfaktor bringen kann, den viele so am Autofahren lieben. Und alles nur dank einer super Infrastruktur.

(jg)