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22/09/2018 16:26 CEST | Aktualisiert 22/09/2018 16:26 CEST

Spur der Steine: Ökologisches Bauen mit Naturmaterialien

Ökologisches Bauen mit Naturmaterialien liegt im Trend. Marmor, Granit oder Sandstein eignen sich als Bodenbelag, aus ihnen werden Küchenplatten gefertigt, oder es werden damit Mauern ausgekleidet. Je nach Gesteinsart erfordert die Gewinnung und Bearbeitung von Naturstein verhältnismäßig wenig Energie. Auch ist die Entsorgung im Vergleich zu anderen Baumaterialien weniger problematisch, da in der Regel keine Giftstoffe enthalten sind. Naturstein scheint vor diesem Hintergrund ein ökologisch verträgliches und nachhaltiges Material zu sein: Es kann nicht brennen, ist wetterbeständig und bei richtiger Nutzung sogar Jahrtausende haltbar.

Welche Stoffe beinhalten Bauprodukte? Welche Ressourcen wurden für ihre Herstellung verwendet? Und welche Umweltauswirkungen entstehen dadurch? Antworten auf diese Fragen bieten sogenannte Umwelt-Produktdeklarationen (EPDs), die das Institut Bauen und Umwelt e.V. (IBU) veröffentlicht. Dabei kann der gesamte Lebenszyklus eines Bauproduktes analysiert werden bis hin zu Angaben zum Rückbau, der Recyclingfähigkeit und dem Deponiebedarf. Die Zertifizierung der EPD des IBU beinhaltet eine unabhängige Überprüfung der von PE International erstellten EPD und belegt die Umwelteinwirkungen der Produkte aus Naturstein.

Umweltfreundliche Baustoffe sind aber noch keine Garantie für alle Kriterien der Nachhaltigkeit. An einigen Gesteinsbrocken haben Ökosystem und soziale Nachhaltigkeit jedoch zu „schlucken“: Der Großteil der in Deutschland verwendeten Naturwerksteine wird in China, Vietnam und Indien abgebaut (dadurch entstehen auch lange Transportwege). Indien produziert ein Viertel des weltweiten Natursteinaufkommens. Die Steine werden exportiert und unter der Bezeichnung „Kandla Grey“ oder „Budhpura Grey“ in Terrassenböden und Gartenanlagen verbaut. In den indischen Sandsteinminden erkranken viele Minenarbeiter an Silikose („Quarzstaublunge“), die durch das Einatmen von staubhaltigen Quarzpartikeln entsteht, die vor allem in Sandstein vorkommen. Die Folgen können tödlich sein. Besonders groß ist das Risiko dort, wo Minenbetreiber die Gesetze unterlaufen und beispielsweise beim Bohren auf Wasser verzichten. Auch eine große Anzahl der Steinbrüche ist illegal. Überstunden, schlechte Bezahlung und fehlende Schutzausrüstung setzen den Arbeitskräften hart zu.

Auch Kinderarbeit und die Schuldknechtschaft sind problematische Aspekte: Viele Arbeiter haben durch Lohnvorauszahlungen Schulden bei ihren Arbeitgebern - da die Zinsen für diese Kredite so hoch sind, müssen auch oft noch die nachfolgenden Generationen dafür aufkommen.

Das „Indo-German Export Promotion Project“ (IGEP) ist ein Label für fair produzierte Steine, das besonderen Wert darauf legt, Kinderarbeit zu vermeiden. Das „XertifiX Plus“-Label durch den unabhängigen Verein XertifiX e.V. gewährleistet, dass keine Kinder- oder Zwangsarbeit erfolgt: Die Beschäftigten müssen den Mindestlohn erhalten und auch die Zeiten sollen fair sein, genauso wichtig sind der Arbeitsschutz sowie Maßnahmen für die Umwelt. Regelmäßige Audits garantieren, dass die Anforderungen umgesetzt werden. Dafür werden sowohl die Verarbeitungsbetriebe als auch die Steinbrüche überprüft. Zwei Mal im Jahr macht XertifiX diese Kontrollen, mindestens eine davon unangekündigt. XertifiX ist eine Initiative von Steinmetzen, Gewerkschaften, Hilfsorganisationen und Politik. Zertifiziert und vergibt eigenes Siegel für Naturstein aus indischen Steinbrüchen. Kinderarbeit wird gemäß ILO-Konvention 182 ausgeschlossen.

Mit Hilfe eines Traceability-Systems will XertifiX die lückenlose Rückverfolgbarkeit der Natursteine sicherstellen. Im Steinbruch werden alle Rohblöcke, die ein XertifiX-Siegel bekommen sollen, mit einem Label (XertifiX-ID) versehen. Außerdem wird die Menge der Steine dokumentiert. In der Fabrik werden die Rohblöcke, die die XertifiX-ID haben, getrennt von Steinen aus anderen Steinbrüchen gelagert. Die Kisten mit den Natursteinen, die exportiert werden, müssen ebenfalls individuelle XertifiX-Label tragen. Die Lieferpapiere für den Importeuer behält der Fabrik-Betreiber. Außerdem erstellt er eine Liste mit den Label-ID-Nummern. Diese Liste muss auch die Verschiffungsinformationen enthalten. Die Kisten werden vom Importeur schließlich so gelagert, dass die Label von XertifiX zu jeder Zeit überprüft werden können.

Das Fair Stone-Siegel wurde 2007 als internationaler Sozialstandard für die Natursteinwirtschaft entwickelt. Die Win=Win Agentur für verantwortliches Handeln hat Fair Stone in Kooperation mit der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit und weiteren Fachleuten und Handelsfirmen (IVSS) gegründet. Fair Stone umfasst Steinbruchbetriebe und steinverarbeitende Betriebe in Asien. Das Siegel dient dazu, die Arbeitsbedingungen in Steinbrüchen und steinverarbeitenden Betrieben in Entwicklungs- und Schwellenländern zu verbessern und so einer steigenden Nachfrage seitens der Gesellschaft nach ethischer und sauberer Produktion nachzukommen. Ziel von Fair Stone ist es, einen nachhaltigen und fairen Handel in der Natursteinindustrie zu fördern.

Der Prozess in der Natursteinbranche hin zu mehr sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit wird auch von engagierten Unternehmen angetrieben, bei denen nachhaltige Beschaffung zum Kerngeschäft gehört. Ihnen gelingt es, vergleichbare und nachhaltige Standards entlang der gesamten Kette zu etablieren und deren Umsetzung sicherzustellen.

Weiterführende Informationen:

Naturstein kaufen – aber welcher ist nachhaltig?

Nachhaltigkeitsstudie Naturstein

Alexandra Hildebrandt und Claudia Silber: Wohnen 21.0: Grundzüge des Seins von A bis Z: global – lokal –nachhaltig. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2018.

Alexandra Hildebrandt und Claudia Silber: Nachhaltige Beschaffung: Grundlagen – Management – Praxisbeispiele. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2018.