POLITIK
04/10/2018 20:09 CEST | Aktualisiert 05/10/2018 10:52 CEST

"Spinnt der jetzt?": Wie Bürger in Niederbayern über Söders Weltraumpläne denken

Der bayerische Ministerpräsident träumt vom Weltall. Wovon träumen eigentlich seine Bürger?

dpa / leonhard landes

Markus Söder verspricht seinen Bürgern den Himmel. Zumindest ein Stück davon.

Bavaria One” lautet der Titel des ehrgeizigen Projektes, das der bayerische Ministerpräsident am Dienstag vorstellte: 700 Millionen Euro sollen es sein für ein bayerisches Raumfahrtprogramm. Söder fing sich dafür Spott samt den Spitznamen “Major Markus” ein.

In zehn Tagen werden die Menschen in Bayern einen neuen Landtag wählen. Alle Umfragen deuten auf eine herbe Blamage für die CSU von Söder hin. Hat er sich mit seinem Ausflug ins All einen Gefallen getan?

Wir haben die Menschen in der niederbayerischen Gemeinde Mallersdorf-Pfaffenberg gefragt, was sie davon halten – und was sie vor der Wahl bewegt. 

“Das ist lächerlich” 

Franz Graf steht an diesem Donnerstagmittag in seinem Garten zwischen Avocadopflanzen und kleinen Feigenbäumen. In der Rente habe er die Gartenarbeit für sich entdeckt, sagt er. 

Graf ist kein Freund der CSU. Früher war er Deutsch- und Lateinlehrer am Gymnasium in Mallersdorf-Pfaffenberg und eckte regelmäßig bei CSU-nahen Rektoren an.

Er engagierte sich auch gewerkschaftlich und hielt Vorträge bei der SPD. Ein Parteibuch bei den Sozialdemokraten hat er allerdings nicht.

“Das ist lächerlich”, sagt Graf über das Raumfahrtprojekt und zitiert einen seiner ehemaligen Schüler, Hubert Aiwanger, heute Spitzenkandidat der Freien Wähler (FW). Aiwanger stammt aus Ergoldsbach, rund fünfzehn Kilometer von Mallersdorf-Pfaffenberg.

Der FW-Chef hatte am Mittwoch gespottet: “Bayern soll erstmal die naheliegenden technischen Probleme unseres Wirtschaftsstandortes – wie Mobilfunklöcher und fehlendes flächendeckendes Internet – lösen, bevor wir die Staatskasse ruinieren und in den Weltraum abheben.” Dem schließt sich Graf an.

“Arschbacke an Arschbacke” mit der AfD 

Wie viel das Projekt gleich nochmal koste? 700 Millionen Euro.

“Das dient nur den Interessen der Rüstungs- und Raumfahrtindustrie”, schimpft Graf. Er sieht es wie Aiwanger: “Für das Geld gäbe es bessere Verwendungsmöglichkeiten.”

Söder verfolge wohl den alten Traum von Franz Josef Strauß, der die deutsche Atombombe forderte und sich noch drei Tage vor seinem Tod am 3. Oktober 1988 rühmte, dass “das einst rückständige Agrarland Bayern zum Zentrum der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie” geworden sei. 

dpa
Die CSU-Prominenz beim Gedenk-Gottesdienst für Franz Josef Strauß am 3. Oktober, dem 30. Todestag des CSU-Politikers. 

Auch sonst hat Franz Graf nur Spott übrig für die CSU. Die habe sich im Wahlkampf rhetorisch “Arschbacke an Arschbacke” zur AfD begeben. “Aber wie sagt man: Die Menschen wählen das Original”, erklärt er die guten Umfragewerte der AfD in Niederbayern, die hier mit mehr als 15 Prozent rechnen kann. 

“Fängt der Söder jetzt zu spinnen an?” 

Wir fahren weiter. An einer Pferdekoppel am Wegrand sitzt eine Frau mit ihrer Enkelin in der Sonne. Sabine Andritzky stammt nicht aus Mallersdorf-Pfaffenberg, erklärt sie, sondern aus der Nähe von Weiden in der Oberpfalz. Aber seit ihre Tochter hier hergezogen sei, passe sie zwei Tage die Woche auf ihre Enkelin auf. 

Sie habe von Söders Projekt “Bavaria One” im Radio gehört, sagt die gelernte Bauzeichnerin und Hausfrau. Was habe sie da gedacht? “Fängt der jetzt zu spinnen an?”, antwortet Andritzky und lacht. “Für mich war das unrealistisch, das war nichts.”

Es gebe doch wichtigere Themen. “Mir ist wichtig, dass alle Menschen eine gescheite Arbeit haben, die ordentlich bezahlt wird”, sagt sie. “Und die Menschen, die zu uns kommen, die Flüchtlinge…”

“Das ist halt einfach zu viel” 

In Mallersdorf-Pfaffenberg gibt es mehrere Unterkünfte für Asylbewerber. Insgesamt 350 Menschen, die einen positiven Asylbescheid bekommen haben oder noch auf die Entscheidung im Asylprozess warten, leben hier. 

“Das ist halt einfach zu viel”, sagt Andritzky. In ihrem Heimatort gebe es weniger Asylbewerber. “Ich habe nichts gegen die Leute, aber da ist doch irgendwo etwas falsch gelaufen”, sagt sie über die Situation in Mallersdorf-Pfaffenberg. 

Sie betont, die Flüchtlinge seien “arme Leute”. “Die können auch nichts dafür.” 

“Vor allem laufen hier viele Frauen mit Babys herum”, sagt sie und meint, dass die doch Unterstützung brauchten. Ihre Enkelin hat ihren Kopf inzwischen auf das Knie von Sabine Andritzky gelegt und kaut an einer Breze. 

Den Wahlkampf habe sie bisher nicht genau verfolgt, sagt Andritzky zum Abschluss, aber ihre Wahlentscheidung stehe schon fest.

“Die Demokratie ist eigentlich nicht mehr das, was sie einmal war” 

Nicht weit von der Pferdekoppel entfernt wohnt Michael Rautenberg, früher Konditormeister, mittlerweile Rentner. Er bittet uns in seinen Garten, die Sonne scheint auf eine kleine Steinbank, Rautenbergs Hund läuft herum und wälzt sich im Gras. Nebenan kräht ein Hahn.  

“Die Demokratie ist eigentlich nicht mehr das, was sie einmal war”, sagt der Rentner mit langen, weißen Haaren gleich zu Beginn und schimpft über den Diesel-Skandal (“Wer kann sich denn ein neues Auto für 30.000 Euro leisten?”), die Inflation (“Alles wird teurer”) und die niedrigen Renten.

Es gebe eigentlich kein besseres Land als Deutschland, betont er. “Wir haben nach dem Krieg was geschaffen, 70 Jahre sind rum, da kann man stolz drauf sein. Aber momentan sind wir in einer Sackgasse.”

Woher kommt die Angst vor der Zukunft?

Ob er von Söders Raumfahrtprogramm gehört habe? “Nur schwach, um was geht es da?” Wir erklären ihm die Kosten und die Ziele des Projekts.

“Die Grundidee ist nicht verkehrt”, sagt Rautenberg, “aber ich frage mich nur: Wo kommt das Geld her?”

Außerdem sei den Menschen jetzt damit ohnehin nicht geholfen. Viele Menschen seien sehr unzufrieden, betont er. Die müsse die Politik wieder zufriedener machen. 

Leonhard Landes
Rautenberg in seinem Garten.

Wir werfen ein: Aber seien die Menschen in Deutschland und insbesondere in Bayern nicht sehr zufrieden mit ihrer aktuellen Lage? 

58 Prozent der Bayern beurteilen ihre eigene wirtschaftliche Situation laut einer Umfrage als positiv – mehr als im Bundesdurchschnitt. 86 Prozent leben gerne an ihrem Wohnort. 

Woher kommt dann die Unzufriedenheit und die Angst vor der Zukunft? “Die Zukunft kann keiner steuern. Aber es dreht sich alles so schnell”, sagt Rautenberg.

“Und dann darf man nicht vergessen: In Deutschland wird viel Geld verdient. Aber die Unteren, die ganzen Handwerksbetriebe, die radiert man einfach weg”, poltert Rautenberg und redet sich in Rage.

“Wenn ich die Schröder-Politik sehe, mit den Leihwerkern – ich war selbst Leihwerker – wenn Sie mit 50 Jahren outgesourct werden”, sagt er. “Sie haben keine Chance mehr irgendwo reinzukommen. Und dann gehen Sie von einer Firma zur anderen. Das ist eine Tyrannei. Und das schlägt sich auf die Rente nieder.”

Er wisse nicht, wie Leiharbeiter überhaupt ihre Familie ernähren könnten. Früher habe es auch noch Zinsen gegeben. “Da hat man einen Erfolg gesehen.” Jetzt steige die Inflation, die Nebenkosten schössen in die Höhe. Die Welt scheint sich immer schneller zu drehen, während Rautenberg spricht. 

Er blicke nicht negativ in die Zukunft, betont er. “Aber ob wir das alles so halten können, das ist eine andere Frage.”

Früher Brandt – und jetzt? 

Welche Partei er jetzt dann wählen will? “Die Grünen haben eine ganz gute Richtung”, sagt Rautenberg. Er gibt aber zu bedenken, dass er mit der Umweltpolitik der Partei nicht einverstanden sei. “Wo soll der Strom dann herkommen”, sagt er über die Pläne, alle Atomkraftwerke abzuschalten. 

Die SPD habe er früher gut gefunden. Willy Brandt oder Helmut Schmidt hätten noch gehalten, was sie den Wählern versprochen hatten.

“Das Vertrauen fehlt jetzt.”

Vor der Landtagswahl in Bayern ist HuffPost-Reporter Leonhard Landes zurück in seine niederbayerische Heimat gezogen. Diese Texte sind bisher erschienen:  

 “Warum ich für die Bayern-Wahl in mein Heimatdorf zurückziehe”

 “Ich war in Niederbayern beim AfD-Wahlkampf – und verstehe jetzt, warum die Partei in Bayern so erfolgreich ist”

Grünen-Höhenflug in Bayern: In Niederbayern zeigt sich, was einen Wahlerfolg jetzt noch gefährdet

HuffPost Dahoam

(jkl)