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30/06/2018 13:56 CEST | Aktualisiert 01/07/2018 10:58 CEST

"Verstand verloren": Ökonom zerlegt mit einem Tweet die "Spiegel"-Titelgeschichte

Er war nicht der Einzige, der das Cover kritisiert.

  • Der “Spiegel” schreibt in seiner aktuellen Ausgabe auf dem Titel Deutschland ab.
  • Das Cover sorgt für viel Kritik – unter anderem von Ökonomen.
  • Die deutsche Wirtschaft ist stark. Welchen großen Vorwurf Experten der Regierung allerdings immer wieder machen, seht ihr im Video oben. 

Es ist eine Titelgeschichte voller pechschwarzer Untergangsanalogien. “Schland unter” ist der Text überschrieben, auf dem Cover steht:

► “Fußball, Politik, Wirtschaft: Es war einmal ein starkes Land”, darunter die zerfließenden Farben der deutchen Flagge, Schwarz, Rot, Gold. 

Da kann einem schonmal vor Schreck das Papier aus der Hand fallen. 

Mehr zum Thema: An die Untergangspropheten, die Deutschland jetzt abschreiben

“Der Fußball und die Nationalelf waren schon oft ein Seismograf für die Lage des Landes – im Sommer 2018 erst recht”, heißt es gleich am Anfang des zehnseitigen Artikels.

Aber ist die Lage wirklich so schlecht, von der Weltspitze zum Gruppenletzten, nicht nur bei der Fußball-WM, sondern auch gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich?

 Max Roser, Ökonom an der Universität Oxford, etwa sieht das anders.

“Wir sind bei der WM ausgeschieden und der ‘Spiegel’ verliert den Verstand”, schreibt er auf Twitter. Roser gilt als Data-Gott dafür, wenn es um positiven Fortschritt geht.

Weiter schreibt er: “Wir leben doppelt so lange wie nur wenige Generationen vor uns. Unser Einkommen ist knapp 10-mal so hoch wie 1950. Die Arbeitslosenrate ist niedriger als je zuvor nach der Wiedervereinigung.”

Das sind Fakten, die alle im “Spiegel”-Artikel keine Rolle spielen. 

 Grünen-Politiker Ralf Fuecks sieht sogar “ein altes deutsches Problem”. 

“Schwankend zwischen Größenwahn und Weltuntergang, Euphorie und Düsternis. Symptome einer bipolaren Störung”, zeige der “Spiegel” mit seiner Titelgeschichte.

Fücks war Chef der Heinrich-Böll-Stiftung und ist einer profiliertesten Denker, wenn es darum geht, Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit zu vereinen.

Wie unterschiedlich die Blicke auf Deutschland sein können, zeigte die Titelgeschichte des britischen Magazins “Economist” im April.

Die Lage im Land unterschied sich von jener heute nur darin, dass Deutschland nicht aus der Weltmeisterschaft im Männerfußball ausgeschieden war.

► Merkel rettete sich gerade so in eine GroKo.

► Ihre Kanzlerschaft ist spätestens seit der desaströsen Bundestagswahl eine nicht mehr endende, politische Nahtoderfahrung. Und nicht erst, seit der bayrische Löwe völlig durchgedreht ist.

► Und der Abgasskandal war auch da beinahe so alt wie die Flüchtlingskrise. 

“Cool Germany” titelte der “Economist” deswegen.  Das Land würde offener und vielfältiger werden. Sogar “hip”.

Eine Lobrede auf die Kanzerlin war auch dieser Text nicht.

Bei dieser Frage wurde das Magazin ähnlich deutlich wie der “Spiegel”: Deutschland brauche einen Wechsel im Kanzleramt, hieß es.

Der Unterschied: Der “Economist” machte aus der Krise der Kanzlerin nicht gleich eine Krise der gesamten Bundesrepublik. Das sollte noch viel mehr für elf schlecht spielende Fußballer gelten. 

(mf)