POLITIK
12/10/2018 18:42 CEST | Aktualisiert 12/10/2018 22:00 CEST

Dieser 25-Jährige will Bürgermeister werden – und der SPD damit neues Leben einhauchen

Steffen Haake kandidiert in Aurich. Die HuffPost begleitet ihn dabei.

Wer es nach Aurich schafft, der muss es wirklich wollen. Oder er wurde hier geboren. Auf den 25-jährigen Steffen Haake trifft beides zu. 

Haake ist in Aurich geboren, seine Familie lebt seit Jahrhunderten in der Region rund 30 Kilometer vor Langeoog. Aber: Haake will Aurich auch. Er hat in Groningen studiert und in Berlin, war in Washington und in Paris. Geblieben ist er dort nicht.

Aurich, das ist eine 40.000-Seelen-Gemeinde in Ostfriesland. Sie gilt als die am schlechtesten angebundene Stadt Deutschlands. Nicht einmal einen Bahnhof gibt es hier. Dafür gibt es in Aurich zweisprachige Ortsschilder – in Hochdeutsch und in Platt.

Haake will hier Bürgermeister werden. Der Student hat in der vergangenen Woche seine Kandidatur bekanntgegeben – und schon jetzt ein kleines bisschen Aufregung über den sonst so beschaulichen Ort an der Nordseeküste gebracht.

Denn Haake ist nicht nur auffällig jung, er ist auch in der SPD.

Die vergangenen 12 Jahre lang wurde Aurich von einem parteilosen Bürgermeister regiert. Als der aus Gesundheitsgründen überraschend seinen Rücktritt bekannt gab, schien schnell klar, dass es so auch weitergehen sollte.

Eigentlich hatten sich die Sozialdemokraten schon fast damit angefreundet, wieder einen parteilosen Kandidaten zu unterstützen. Einen Mann auch noch, den die CDU nominiert hatte. Dann kam Haake.

“Das hat etwas mit Stolz zu tun“, sagt er. Für den 25-Jährigen geht es nicht nur darum, Aurich wieder voran zu bringen. Für ihn geht es auch um das Bild seiner Partei. “Das Selbstverständnis der SPD muss sein, selbst anzupacken“, sagt er.

“So kommen keine Visionen zustande”

Haake ist groß gewachsen, hat blondes Haar, ein freundliches Lächeln. Auf einer Juso-Veranstaltung täte man sich schwer, ihn von den anderen groß Gewachsenen, blonden, freundlich Lächelnden zu unterscheiden.

Doch wenn er spricht, sticht Haake heraus.

“Die Partei hat sich auf vielen Ebenen, auch im Lokalen, auf zu viele Kompromisse eingelassen und ihr Profil dadurch verwässert“, sagt er. “Dahinter steckt auch ein grundlegendes Problem: Es gilt in Deutschland als Wert, besonders realpolitisch vorzugehen. So kommen aber keine Visionen zustande.“

Im schlimmsten Fall werde sich die SPD irgendwann dabei ertappen, das Handwerk der Konservativen zu betreiben, glaubt er. “Damit muss Schluss sein – und ich versuche in Aurich, meinen Teil beizutragen.“ 

Er glaubt an die SPD als Volkspartei. Denn in Aurich ist sie das auch noch.

Seit 1949 gewinnt die Partei bei Bundestagswahlen den Wahlkreis, im September 2017 holte Johann Saathoff hier deutschlandweit das beste Erst- und Zweitstimmen-Ergebnis für die Sozialdemokraten. Auch bei den Landtagswahlen gab es für die SPD in Aurich eines der besten Ergebnisse in Niedersachsen.

Die Stadt ist eine der letzten wahren roten Bastionen in Deutschland – und Haake, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Aurich-Upstalsboom, streitet dafür, dass das so bleibt. Er will Aurich durch die Krise führen, in der die Stadt gerade zu versinken droht.

Eine Stadt in der Krise

Denn wer es mit Regionalzügen und dann Bussen doch nach Aurich schafft, der erlebt eine Stadt, die vor Problemen steht, wie sie in vielen deutschen Kommunen akut sind. Das schlechte Verkehrsnetz ist eines davon.

Bis 2015 kursierten Pläne des Windkraft-Konzerns Enercon, eine Güter-Bahnstrecke nach Aurich auch für den Personenverkehr auszubauen. Doch dann legte das Unternehmen die Idee wieder auf Eis, die Strecke zu verbreitern. Es brauchte die Gleise schlicht nicht mehr.

Enercon ist auch mit dem zweiten maßgeblichen Problem in Aurich verbunden.

Der Windrad-Konzern gehört zu den absoluten Vorzeige-Unternehmen im Norden. Die Energiewende bescherte Enercon einen Boom, von einem „Gold-Rush“ spricht Haake – auch weil keine Region in Deutschland so viele EU-Subventionen einsammelte wie Ostfriesland.

Doch der Höhenflug ist vorbei. Weil die Bundesregierung die Ausschreibungspraxis für Windkraftanlagen änderte, rutschte Enercon in eine Krise. Rund 800 Mitarbeitern droht zurzeit die Entlassung. Sogar Wirtschaftsminister Peter Altmaier schaltete sich ein – bisher mit wenig Erfolg.

Für Aurich bedeutet die Flaute einen erheblichen Einbruch bei den Umsatzsteuereinnahmen. Über 50 Millionen Euro fehlen plötzlich in der Kasse.

Sean Gallup via Getty Images
Enercon steckt in der Krise.

Haake sagt: “In der Vergangenheit wurden einige Debatten nicht geführt, die für Aurich sehr wichtig wären. Wir stecken in einer Krise und die müssen wir angehen.“

Einen Haushalt gibt es derzeit nicht. Es herrscht Investitionssperre. Die Gemeinde: unter Zwangsverwaltung. Es könnte leichtere Zeiten geben, um ein Rathaus zu übernehmen.

“Der ist zu jung für das Amt” 

In der SPD herrscht deshalb Verunsicherung.

Die Vorsitzende der SPD-Fraktion im Auricher Rat, Ingeborg Hartmann-Seibt, ist gegen Haakes Bewerbung. Sie sagte der lokalen “Ostfriesen-Zeitung“: “Ich finde, der ist ein bisschen zu jung für das Amt.“

Wer sich jetzt als Bürgermeister bewerbe, dem müsse klar sein, dass sich die Stadt in einer schwierigen Situation befinde. Sie will für den parteilosen Kandidaten stimmen. Haake findet das okay. Er versteht Skepsis und plant keine Meuterei.

Wenn seine Partei ihm beim anstehenden Parteitag Ende nächsten Monats nicht das Vertrauen gibt, will er nicht ohne die SPD antreten. Aber er hofft, seine Leute noch zu überzeugen.

“Ich finde Jugend kann auch ein Riesen-Pluspunkt sein. Denn im schlimmsten Fall kann erfahren auch eingefahren bedeuten. Wenn man immer nur das macht, was schon seit Jahrzehnten nicht geklappt hat, kann es nicht vorangehen“, sagt er. 

Haake spricht mit einem Tonfall, den man nur in Ostfriesland hört, die Vokale immer ein wenig länger gezogen, als man es andernorts tut. Bodenständig wirkt das, irgendwie versöhnlich. Aber Haakes Worte sind schärfer als sie klingen.

“Die AfD ist hier noch nicht angekommen”

Zwei Themen hat er sich für seine Kampagne besonders vorgenommen. 

Die Digitalisierung will er vorantreiben. Aurich ist nicht nur Industrie-, sondern auch Behördenstandort. Seit Jahrhunderten ist die Stadt Regierungssitz der Region, rund 2.600 Mitarbeiter arbeiten in der Verwaltung.

“Da muss eine Kreisstadt auf der Höhe sein“, sagt Haake. Es ist ein Vorwurf. Denn die Realität sieht bislang anders aus. Nicht einmal in jedem Winkel der Stadt hat man eine Internetverbindung. 

Der SPD-Mann will mit einem Digitalisierungsamt im Rathaus entgegensteuern. “Das würde ich gründen“, sagt er. “Auch neue Ideen zur Bürger-Partizipation wie zum Beispiel einen eHaushalt, wo sich Menschen über das Internet einbringen können, würde ich gerne umsetzen.“

Auch beim Thema Mobilität will Haake ein Umdenken anregen. “Die Weichen müssen auf Verkehrswende gestellt werden“, sagt er. Das Problem mit dem Bahnhof kennt er gut, der Öffentliche Nahverkehr sei ebenso ausbaufähig.  “Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum hier alles etwas später ankommt“, sagt er und lacht kurz. “So wie die AfD.“

Allzu lang will Haake den Witz nicht stehen lassen. Dazu ist das Thema zu heikel. “Im Ernst, da müssen wir liefern.“

Haake glaubt an die Chance 

Keine Zeit verlieren. In zwei Monaten, Ende November, steht eine Delegiertenkonferenz der Auricher SPD an. Wenn Haake bis dahin noch im Rennen ist, so glaubt er, könnte es etwas werden mit seiner Nominierung.

Und dann sei seine Chance gar nicht schlecht.

Haake will Aurich verändern. Und damit schaffen, dass sich auch die SPD wieder verändert.

 “Hier bei uns gibt es noch großes Vertrauen in die Partei“, weiß er. “Aber ich denke, wenn man auf lokaler Ebene eine Art Große Koalition zugunsten eines parteilosen Kandidaten eingeht, könnte das Nachteile bringen.“

Ein bisschen ist Haake gedanklich doch auch in Berlin.

(ben)