POLITIK
08/10/2018 11:55 CEST | Aktualisiert 08/10/2018 12:08 CEST

SPD-Frust in Bayern: Bei Kohnen-Auftritt entlädt sich die Wut der Basis

“Die Reputation ist schnell verspielt. Aber sie wieder zu bekommen, dauert ganz, ganz lang.”

NurPhoto via Getty Images

“Heute hab’ ich in der Zeitung gelesen: Der Söder ist bei 33 Prozent. Ja, Herr Gott, und wir profitieren davon nicht. Wer schiebt denn an in der Großen Koalition? Wer macht denn was?”

Ein Mann muss seinem Ärger Luft machen, noch bevor die SPD-Veranstaltung losgeht. Er spricht vom ARD-”Bayerntrend”. Die CSU stürzt in dieser Umfrage weiter ab, während die bayerischen Sozialdemokraten wenige Tage vor den Landtagswahlen bei elf Prozent verharren.

Eine Antwort erhält der frustrierte SPD-Anhänger von seinen Sitznachbarn zunächst nicht. Die Veranstaltung im niederbayerischen Straubing am Freitagabend beginnt. “KohnenPlus” heißt das Format.

SPD-Anhänger und Wähler können der SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen hier Fragen stellen.

Die 50-Jährige erklärt ihren Weg in die Politik, sie beantwortet Fragen zur Wohnungsnot, zu den steigenden Mieten, zur Weiterbildung von Arbeitern und zur Zukunft der Elektromobilität.

Die Stimmung ist zunächst gut im Publikum. Die Tische im “Goidhaibal”, einer Mischung aus Strandbar und Wirtshaus, sind voll besetzt. Der frustrierte SPD-Anhänger meldet sich einmal zu Wort. Seine Frage wiederholt er nicht. Stattdessen schimpft er, dass die CSU ihre Versprechen beim Hochwasserschutz am Donauufer nicht gehalten habe. “Das ist Schindluder, was da betrieben wird.”

“Das ist kein Schindluder, das ist CSU-Politik”, spottet ein Mann vom Tisch gegenüber. Das alte Feindbild, die Roten gegen die Schwarzen, wird an diesem Abend noch mehrmals heraufbeschworen.

Fast vergisst man dabei, dass die SPD bei dieser Wahl in Bayern nicht der große Gegenspieler der CSU ist. Holten die Sozialdemokraten 2013 noch 20 Prozent, sehen Demoskopen sie nun weit darunter.

Warum eigentlich? Warum kann die SPD in Bayern nicht von der Schwäche der CSU profitieren?

Ein Mann stellt wütend eine Frage – die ohne Antwort bleibt

► Es ist eine Frage, die nicht nur einen Zuhörer an diesem Abend umtreibt. Als Natascha Kohnen bereits zur nächsten Veranstaltung abgefahren ist, meldet sich ein weiterer Mann zu Wort. Er ist merklich aufgebracht.

Auch er spricht noch einmal von den Umfrageergebnissen und stellt eben diese Frage: Warum gewinnt die SPD keine neuen Wähler hinzu?

Leonhard Landes
SPD-Urgestein Perlak neben Kohnen. 

Jahrzehnte war die SPD der wichtigste Gegenspieler der CSU in Bayern. Selten auf Augenhöhe, aber immer präsent. Und jetzt – die Christsozialen stehen kurz vor einer historischen Niederlage – sehen sich die Sozialdemokraten zur drittstärksten Kraft degradiert. Die Grünen sind schon lange an ihnen vorbeigezogen.  

Die Menschen im Saal beginnen zu diskutieren. Olaf Sommerfeld, SPD-Direktkandidat für den Landtag, versucht über das Stimmengewirr hinweg eine Antwort auf diese Frage zu finden, die mehr ein Vorwurf ist.

Gegenattacke statt Selbstkritik

► Der Ursprung des Problems liegt laut Sommerfeld in Berlin. Die Schwierigkeiten der Großen Koalition seien von der CSU verursacht, Bundesinnenminister Horst Seehofer nennt er einen “politischen Geisterfahrer”.

Die Erfolge der Bundes-SPD wie das Gute-Kita-Gesetz mit einem Umfang von 5,5 Milliarden Euro seien in den Schlagzeilen über die Maaßen-Affäre untergegangen, sagt Sommerfeld.

Neben ihm auf der Bühne sitzt Reinhold Perlak, ein Urgestein der SPD in der bayerischen Kommunal- und Landespolitik. Von 1996 bis Ende April 2008 war er Bürgermeister in Straubing, danach fünf Jahre Landtagsabgeordneter.

► Perlak schaltet gleich in den Angriffsmodus. Wie alle Volksparteien sei auch die SPD von einer Erosion betroffen, sagt er und schiebt hinterher: “Die Erosion der Volksparteien trifft die CSU überproportional. Und ich muss sagen: zu recht.” Der Saal applaudiert, ein alter Mann reckt den Daumen in die Höhe.

Die Worte von Perlak sind Balsam für gedemütigte Sozialdemokraten. Eine wirkliche Antwort auf die Frage des aufgebrachten Mannes sind sie nicht.

“Da ist die Glaubwürdigkeit einfach dahin?” 

“Es fehlt ein bisschen die Selbstkritik. Es gab so viele Momente, wo wir Glaubwürdigkeit verloren haben”, sagt Martin Kreutz. Er ist Vorsitzender des SPD-Ortsvereins in Mallersdorf-Pfaffenberg, einer kleinen Gemeinde rund 30 Kilometer von Straubing entfernt, und Kreisvorsitzender im Landkreis Straubing-Bogen.  

Auch Kreutz hat die Reden am Freitag bei “KohnenPlus” gehört. Wir treffen ihn am nächsten Tag, Kreutz hat auch noch seinen Stellvertreter im Ortsverband, Heinz Kaiser, hinzugeholt.

Kreutz, der auch Dritter Bürgermeister in seiner Heimatgemeinde ist, erinnert beispielsweise an das Versprechen des damaligen SPD-Chefs Martin Schulz, nicht in die Große Koalition einzutreten. “Und was kommt? Eine neue GroKo. Da ist die Glaubwürdigkeit einfach dahin.”

“Hey, kannst du mir das mit Maaßen erklären?”

Oder da wäre die Maaßen-Affäre. Als SPD-Chefin Andrea Nahles zunächst den Deal einging, der umstrittene Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen solle zum Staatssekretär im Bundesinnenministerium befördert werden, sei er gleich am nächsten Tag darauf angesprochen worden, erzählt Kreutz.

“Hey, kannst du das erklären?”, sei er gefragt worden. Er habe diese Entscheidung seiner Partei nicht erklären können.

spd mallersdorf-pfaffenberg
Heinz Kaiser und Martin Kreutz zusammen mit der SPD-Landtagsabgeordneten Ruth Müller.

“Wenn ich die Prognosen anschaue, dann ist das natürlich ein Desaster für uns”, sagt Heinz Kaiser resigniert. Seit mehr als 30 Jahren engagiert er sich für die SPD. Dass die Umfragewerte soweit in den Keller gerauscht sind, verwundert ihn.

Kreutz macht noch ein weiteres Problem aus: “Die SPD macht in Bayern einen sehr sachlichen Wahlkampf. Aktuell habe ich aber den Eindruck, dass Populismus beliebter ist als Sachlichkeit.”

Kohnen müht sich – aber nichts bewegt sich 

Gerade von Sachlichkeit, einem Wort, das man nach den Streitereien in der großen Koalition nun oft hört, spricht Natascha Kohnen bei ihrem Auftritt in Straubing mehrfach.

Sie plädiert für eine “sachliche Politik”. “Die meisten Menschen wollen eine Antwort auf die Herausforderungen, die ihnen im täglichen Leben begegnen.”

Einmal zerlegt sie den Vorschlag der CSU gegen die Wohnungsnot. 10.000 neue Wohnungen in den nächsten sieben Jahren will die Partei schaffen. “Wissen Sie, wie viele Wohnung das für jede Gemeinde in Bayern bedeutet?”, fragt sie das Publikum. Bei knapp 2050 Gemeinden bedeute das 0,7 neue Wohnungen im Jahr.

Kohnen hat ihre Fakten parat. Sie arbeitet sich ab an den Fehlern, die sie bei ihrem politischen Konkurrenten Söder ausgemacht haben will. Sie scheut auch nicht den Konflikt mit der eigenen Partei.

dpa
Nahles und Kohnen in München. 

Als Nahles die Beförderung von Maaßen als Deal mit der Union bekannt gab, war Kohnen eine der ersten, die lautstark protestierte. Letztlich setzten sich die Deal-Gegner in der SPD durch, der umstrittene Verfassungsschutzchef wurde Sonderbeauftragter im Innenministerium – ohne formelle Beförderung.

In den Umfragen hilft all das der bayerischen SPD bisher nicht. In der Lesart der bayerischen SPD bleiben sie Opfer der Fehler der SPD im Bund.

“Die Reputation ist schnell verspielt”

Im ARD-”Bayerntrend” sind immerhin 24 Prozent mit der Arbeit von Kohnen zufrieden, vor ihr landen der Chef der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, und Ministerpräsident Söder, hinter ihr die Spitzenkandidaten der Grünen, Katharina Schulze und Ludwig Hartmann.  

Die SPD kann wohl nur hoffen, dass das Ergebnis am 14. Oktober nicht noch schlechter ausfällt, als die Umfragen erwarten lassen. An der Basis in Mallersdorf-Pfaffenberg haben sie mit diesem Wahlkampf schon abgeschlossen.

Nach der Wahl werde es “Heulen und Zähneknirschen geben”, sagt Lokal-Urgestein Kaiser. Ein Trost für ihn ist nur, dass die Wahl auch für andere Parteien bitter sein werde.

SPD-Mann Kreutz gibt zu bedenken: “Die Reputation ist schnell verspielt. Aber sie wieder zu bekommen, dauert ganz, ganz lang.”

Vor der Landtagswahl in Bayern ist HuffPost-Reporter Leonhard Landes zurück in seine niederbayerische Heimat gezogen. Diese Texte sind bisher erschienen:  

 “Warum ich für die Bayern-Wahl in mein Heimatdorf zurückziehe”

 “Ich war in Niederbayern beim AfD-Wahlkampf – und verstehe jetzt, warum die Partei in Bayern so erfolgreich ist”

► Grünen-Höhenflug in Bayern: In Niederbayern zeigt sich, was einen Wahlerfolg jetzt noch gefährdet

“Spinnt der jetzt?”: Wie Bürger in Niederbayern über Söders Weltraumpläne denken

(ben)