POLITIK
08/03/2019 07:28 CET | Aktualisiert 08/03/2019 08:05 CET

SPD-Europa-Kandidatin Burkhardt: "Es geht nicht darum, für oder gegen Europa zu sein"

Im HuffPost-Interview erklärt die 26-Jährige, wie sie in der EU auf Seehofer, Salvini und Kurz reagieren will.

SPD
Delara Burkhardt will ins Europaparlament. Da wird sie zu den jüngsten Abgeordneten zählen.

Wie erklärt man das, was nicht zu erklären ist? Diese Frage stellt sich Delara Burkhardt häufig. Sie ist 26 Jahre alt, stammt aus dem Umland von Hamburg, und tritt für die SPD bei der Europawahl an.

► Wie erklärt man, dass die EU über Nacht Milliarden von Euro für Banken mobilisieren kann, während nach wie vor 125 Millionen Menschen in Europa in Armut leben?

► Wie erklärt man, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, weil EU-Staaten jede Hilfe verweigern? Und wie erklärt man den Menschen, dass die EU trotzdem das Beste ist, was Europa passierten konnte?

Burkhardt ist überzeugt: Nur durch den Kampf für ein besseres, ein faireres Europa.

Sie hat es überraschend auf Listenplatz 5 der Sozialdemokraten geschafft – und könnte damit bald die jüngste Abgeordnete im EU-Parlament sein.

Der HuffPost hat Burkhardt erzählt, wie sie dafür kämpft, die großen Widersprüche der EU aufzulösen. Damit sie nicht mehr erklären muss, was nicht zu erklären ist.

HuffPost: “Europa ist die Antwort.” So wirbt die SPD derzeit. Auf welche Frage eigentlich?

Burkhardt: Auf viele Fragen: Wie können wir gemeinsam Regeln organisieren, damit große Konzerne nicht nur das Maximum für sich rausholen, sondern einen gerechten Beitrag leisten. Damit Menschen nicht mehr länger im Mittelmeer ertrinken, obwohl es Städte und Gemeinden gibt, die sie aufnehmen wollen.

Damit junge, gut ausgebildete Menschen nicht arbeitslos bleiben, sondern Perspektiven kriegen. Migration, Klima, Digitalisierung. Alles Herausforderungen, die sich nicht im nationalstaatlichen Kleinklein lösen lassen. Dafür braucht es europäische Antworten.

Das klingt gut. Aber die Realität ist doch eine andere: Die EU ist intransparent, mehr als 30.000 Lobbyisten arbeiten relativ unbehelligt in Brüssel. Man kümmert sich – so nehmen viele es wahr – lieber um Banken als um Bürger. Im Mittelmeer ertrinken immer noch Menschen, wenn sie nicht schon vorher in Libyen eingesperrt und gefoltert werden. Ist eine zu große EU-Begeisterung nicht naiv?

Nein! Und wir müssen aufhören, immer nur zu suggerieren, es ginge darum für oder gegen Europa zu sein. Auch im pro-europäischen Block gibt es Unterschiede darum, wie es jetzt weitergehen muss. Gerade unsere Generation ist da gefragt. Wir sind in Frieden aufgewachsen, eben weil nach zwei schrecklichen Weltkriegen Menschen bereit waren, dieses Riesenprojekt anzustoßen. Nun liegt es an uns, die Geschichte weiterzuerzählen.

Wenn über Nacht Milliarden mobilisiert werden können, aber jedes vierte Kind in Europa in Armut lebt. Wenn Amazon weniger Steuern zahlt als mein Buchhändler nebenan. Wenn Menschen vor den Küsten einer Gemeinschaft ertrinken, zu deren Gründungsprinzipien die Wahrung der Menschenrechte gehört: Dann läuft was verkehrt. Diese Widersprüche müssen wir auflösen, um für Europa zu begeistern.

Ich will mir da aber nicht die Butter von Salvini, Kurz und Seehofer vom Brot nehmen lassen.

Sie reißen ein sehr wichtiges Streitthema an: Migration. Sie plädieren ja sehr vehement für Solidarität innerhalb der EU. Ich habe zuletzt mit vielen Italienern gesprochen. Die sagen: Die Menschen hier wollen schlicht keine Migration von außerhalb der EU nach Italien. Ist es solidarisch, Länder wie Italien aber auch Polen und Ungarn zu einer bestimmten Politik zu zwingen? 

Das stimmt nicht so ganz. Ich hab vor einige Zeit den Bürgermeister von Palermo kennen gelernt. Der, wie viele andere Menschen in Italien, die menschenverachtende Migrationspolitik von der rechten Regierung ablehnt. Überall in Europa gibt es mit den “Seebrücken“ zivilgesellschaftliche Bewegungen, die Bereitschaft signalisieren, Geflüchtete aufzunehmen.

Delara Burkhardt

Es geht Salvini und seiner Lega nicht darum, die Probleme der italienischen Bevölkerung zu lösen. Das fast zehn Jahre nach der Krise noch immer so viele Menschen arbeitslos sind und sich die Wirtschaft kaum erholt. Da spielen sie mit Ängsten und Unsicherheiten und instrumentalisieren sie für ihre rassistische Politik.

Und dennoch ist es eine Realität, dass Lega – wäre heute Wahl in Italien – dort stärkste Kraft werden würde...

Ja, das macht natürlich Sorgen. Aber ich glaube, das muss gerade für sozialdemokratische Parteien Ansporn sein, nicht nur auf die Rechten zu reagieren, sondern aufzuzeigen, dass die keine Lösungen für die echten Probleme haben. Ich erzähle Ihnen dazu mal von einer Begegnung, die ich neulich hatte.

Gern.

Ich war in der Bahn nach Flensburg, da saß eine ältere Frau. Die hat irgendwie mitbekommen, dass ich in der SPD bin. Und mir dann erzählt, dass sie ihr ganzes Leben gearbeitet hat, vier Kinder alleine großgezogen hat und dann mit 48 in Frührente musste. Und nun kann sie kaum leben von dem Geld. Und die Geflüchteten, die bekämen ja alles sofort.

Und ich hab ihr erzählt. Von meiner Familie, die auch geflüchtet ist. Und meinem Freund Tarek, der aus Syrien geflohen ist. Darüber, wie lange es dauert, bis man arbeiten darf, bis man Sicherheit hat, sich hier etwas aufzubauen. Und dass man verdammt noch mal verzweifelt sein muss, wenn man sich entscheidet, alles zurückzulassen. Und sich in ein klappriges Boot setzt und nicht weiß, ob man es überlebt. 

Ich bin überzeugt: So viel Empathie gibt es in jedem Menschen. Und dann kann man eben auch sagen: Dein Problem ist nicht der Flüchtling, sondern dass du nicht genügend Geld bekommen hast für deine harte Arbeit und nicht genügend Rente. Und dafür müssen wir Lösungen finden. Das ist aber ein anderes Thema. Und das tun diese Salvinis. Sie reden nur über Migration. Tun so, als wäre es das einzige Thema. Um davon abzulenken, dass sie für alles andere eben keine Lösungen haben.

Instagram / Delara Burkhardt

Da schneiden wir das Thema soziale Sicherheit an: Wie wird die EU einerseits sozialer und schafft es anderseits, international nicht den Anschluss zu verlieren?

Indem wir aufhören, immer einen Widerspruch draus zu machen. Wohlstand ist nicht besser, wenn nur wenige an ihm teilhaben können. Faire Löhne, soziale Mindeststandards und die Angleichung der Lebensverhältnisse sorgen dafür, das mehr Menschen teilhaben können.

Viele Staaten – gerade im Osten der EU – sind wirtschaftlich aber überhaupt nur wettbewerbsfähig, weil die Löhne dort sehr niedrig sind. In Bulgarien liegt der Mindestlohn bei rund 1,70 Euro. Ist eine Angleichung da nicht glatt utopisch?

Aber gerade das Beispiel Bulgarien zeigt doch, wie wichtig es ist, das wir europäische Mindeststandards festlegen, wenn wir einen gemeinsamen Binnenmarkt haben und Menschen sich zum Arbeiten in ganz Europa bewegen. Gleiches Geld für gleiche Arbeit am gleichen Ort sollte da Maßstab sein. Und dass Lohndrückerei wettbewerbsfähiger macht, das halte ich für Quatsch.

Sie sind 26 und auf Listenplatz 5 der SPD. Gleichzeitig sehen wir, wie sich junge Menschen immer besser politisch mobilisieren, ob bei FridaysForFuture oder bei den Protesten gegen Uploadfilter. Wird diese EU-Wahl zu einer Wahl der neuen Generation? 

Das hoffe ich doch! Der Brexit hat gezeigt, dass es auf unsere Generation ankommt, um für Europa zu mobilisieren. Aber die von dir genannten Bewegungen zeigen ja auch: Europa braucht kein “Weiter so”, sondern muss sich verändern, um fit für die Zukunft zu sein. Das ist doch ein existentielles Interesse unserer Generation. Das wird gerade laut und sichtbar eingefordert. Und das finde ich natürlich cool.

(ll)