POLITIK
03/08/2018 13:07 CEST | Aktualisiert 14/01/2019 09:44 CET

Jens Spahn: 3 Pfleger rechnen mit seinem Pflege-Plan ab – eine widerspricht

"Ich könnte echt kotzen. Mehr Stellen? Wer soll das zahlen? Und woher sollen die Pflegekräfte kommen?”

“Es war mal mein Traumberuf – jetzt ist es nur noch ein Horrorszenario”, sagt Krankepflegerin Elke W. Sie ist überlastet und desillusioniert, wie Tausend andere Pflegekräfte in Deutschland auch.

Der Pflegenotstand in Deutschland ist seit Jahren akut. Während beispielsweise in Norwegen im Schnitt 4,5 und in den Niederlanden 6,5 Patienten auf einen Pfleger kommen, sind es in Deutschland 13.

Am Mittwoch hat die Bundesregierung den Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gegen den Pflegenotstand verabschiedet.

► Im Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG) steht unter anderem, dass 13.000 neue Stellen in der stationären Altenpflege geschaffen werden sollen.

Die Zahl der zusätzlichen Stellen hängt von der Größe der Heime ab. Häuser mit 41 bis 80 Betten bekommen einen Pfleger dazu.

►In Krankenhäusern sollen Tariferhöhungen und das Gehalt der Azubis künftig von den Kostenträgern gezahlt werden. Krankenhäuser, die im Verhältnis zu dem Pflegeaufwand zu wenig Pfleger haben, sollen bestraft werden.

Kliniken müssten laut Spahn entweder mehr Pflegekräfte einstellen oder weniger Patienten behandeln. Andernfalls werden ihre Honorare gekürzt.

Doch können diese Vorstöße den Notstand wirklich stoppen?

Die HuffPost hat mit Alten- und Krankenpflegern gesprochen und nachgefragt, was sie von Spahns Gesetzesentwurf halten. 

Fabrizio Bensch / Reuters
Gesundheitsminister Jens Spahn

Das sagen Pfleger zu Spahns Gesetzesentwurf

“Insgesamt halte ich davon erst einmal gar nichts”, sagt Alex K.* (Name geändert, der Redaktion bekannt), der seit Jahren als Krankenpfleger arbeitet.

Solange in den Kliniken und Pflegeeinrichtungen keine festen Personaluntergrenzen definiert werden, bringt das alles gar nichts.Alex K., Krankenpfleger

Es sei natürlich ein Fortschritt, dass sich die Bundesregierung um die Finanzierung und Besetzung der offenen Stellen bemühe.

“Aber ich sage bewusst bemüht und nicht kümmert. Denn solange in den Kliniken und Pflegeeinrichtungen keine festen Personaluntergrenzen definiert werden – und zwar solche, die nicht von den Kliniken und Kassen selbst festgelegt wurden –, bringt das alles gar nichts.”

K. glaubt, dass es so weiterhin Wege geben wird, die Aufstockung zu umgehen. Laut einer Erhebung von Ver.di fehlen allein in Krankenhäusern derzeit 80.000 Pflegekräfte.

“Was bitte sollen dann da die 13.000 versprochenen Stellen für eine Entlastung des Gesamtsystems bringen?”

Die Belastung ist zu hoch

Regina S. aus Essen ist angehende Krankenpflegerin und findet Spahns Gesetzesentwurf sinnvoll. “Meiner Meinung nach ist er der erste Gesundheitsminister seit langem, der sich wirklich für uns einsetzt.” Vor allem von seiner Idee, Kliniken zu sanktionieren, wenn sie nicht genügend Personal einsetzen, erhoffe sie sich viel.

Oft müssen wir auch Aufgaben übernehmen, für die wir eigentlich nicht zuständig sind.Regina S., Krankenpflegerin

Sie schließt in einer Woche ihre Ausbildung ab und habe jetzt schon gemerkt, wie stressig der Job sein kann. “In der Regel bin ich zusammen mit zwei ausgebildeten Pflegern für bis zu 38 Patienten zuständig.”

Auch ihre Anleiter seien in der Regel so sehr eingespannt, dass sie sich nicht rund um die Uhr um die Auszubildenden kümmern könnten. “Oft müssen wir auch Aufgaben übernehmen, für die wir eigentlich nicht zuständig sind, wie zum Beispiel Krankentransporte. Auch da mangelt es einfach an Personal, was dann zu Lasten der Patienten geht.”

Deswegen hoffe sie, dass Spahns Pläne die Situation verbessern und die Pflegekräfte entlasten.

Strukturelle Fehler, die die Reform nicht ändern wird

“Es gibt im Gesundheitssystem strukturelle Fehler, die mit der Reform offenbar nicht angepackt werden”, sagt Krankenschwester Susanne Straub aus München.

Ehrlich: Ich werde von den Maßnahmen, die angekündigt wurden, in meinem Alltag gar nichts merken.Susanne Straub, Krankenpflegerin

Zum Beispiel würden Pflegehilfsmittel wie Windeln oder Schläuche zur Beatmung nach dem Gießkannenprinzip ausgegeben statt nach Bedarf. Aus ihrer Zeit in der ambulanten Intensivpflege wisse sie, was die Leute da im Keller liegen haben. “Da wird Verschwendung belohnt.”

“Ehrlich: Ich werde von den Maßnahmen, die angekündigt wurden, in meinem Alltag gar nichts merken. Da ist nichts dabei, was meine Arbeit leichter macht”, sagt Straub.

13.000 neue Stellen, das sei der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. “Eine zusätzliche Stelle für ein Haus mit 41 bis 80 Betten, ich weiß nicht, ob  man das überhaupt spürt.” Sie habe auch im Altenheim gearbeitet, da bräuchte jede Station eine zusätzliche Vollzeitkraft.

Ich könnte echt kotzen. Mehr Stellen? Wer soll das zahlen? Und woher sollen die Pflegekräfte kommen?Elke W., Krankenpflegerin

Krankenpflegerin Elke W. aus Nordrhein-Westfalen sieht vor allem die Krankenhäuser benachteiligt. “Ich sehe die Lösung auf die Kliniken verschoben. Ich könnte echt kotzen. Mehr Stellen? Wer soll das zahlen? Und woher sollen die Pflegekräfte kommen?”

Nach Ansicht von W. liege das Problem vielmehr darin, dass keine jungen Menschen den Beruf mehr ergreifen möchten – und daran würden auch die neuen Stellen nichts ändern. Wie aus einer Anfrage der Grünen an die Bundesregierung hervorgeht, sind 35.000 Stellen derzeit unbesetzt.

Es braucht Anreize und Wertschätzung

“Die Jungen machen das nicht mehr mit. Und das erfahrene Pflegepersonal versucht, nicht kraftlos unterzugehen. Deshalb will ich Jens Spahn und der Bundesregierung sagen: Ihr müsst euch jetzt bemühen, das junge Gemüse wertzuschätzen, zu motivieren, Anreize zu schaffen damit sie bleiben. Sonst gehen die deutschen Kliniken zugrunde”, sagt W.

Eine Idee, um das zu ermöglichen sieht sie darin, unqualifiziertes motiviertes Hilfs- und Fachpersonal einzustellen, um die Masse an Arbeit aufzuteilen. “Dann könnten wir uns wirklich um die Patienten medizinisch kümmern. Die Handlangerarbeiten müssen uns abgenommen werden.”

(ll)