POLITIK
16/06/2018 12:33 CEST | Aktualisiert 27/08/2018 15:24 CEST

An alle Sozialbetrüger: Offener Brief einer Hartz-IV-Empfängerin

"Wie könnt ihr ein reines Gewissen haben, wenn ihr Hilfe vom Staat annehmt und ihn gleichzeitig hintergeht?"

Liebe Sozialbetrüger,

eigentlich sitzen wir im selben Boot: Ihr lebt von Hartz IV, ich lebe von Hartz IV.Ihr arbeitet nebenbei, ich arbeite nebenbei.

Was uns unterscheidet, ist: Ich melde meinen Nebenjob beim Jobcenter an – ihr nicht. So könnt ihr euch die Wohnung vom Staat bezahlen lassen, kassiert den monatlichen Regelsatz von 416 Euro und was ihr sonst noch in Schwarzarbeit verdient.

Ich frage mich: Wie könnt ihr nachts ruhig schlafen? Wie könnt ihr ein reines Gewissen haben, wenn ihr Hilfe vom Staat annehmt und ihn gleichzeitig hintergeht?

Ich bin nun seit etwa fünf Jahren Hartz-IV-Empfängerin, vorher habe ich in drei verschiedenen Unternehmen gearbeitet, die allesamt pleite gegangen sind. Mit Ende 50 habe ich keine neue Vollzeitstelle mehr finden können, seitdem beziehe ich also Arbeitslosengeld II und arbeite nebenbei in einem Supermarkt.

Meine Lohnabrechnungen reiche ich monatlich beim Jobcenter ein.

Ich kenne Menschen, die den Sozialstaat betrügen

Ich komme finanziell zurecht, aber ich bin nicht glücklich mit der Situation. Vielleicht ist das der Grund, weswegen ich mir mein Leben nicht noch schwieriger machen will, indem ich versuche, das System auszunutzen.

Ich kenne ein paar Leute, die schwarz gearbeitet haben oder schwarz arbeiten – Bekannte, die ich beim Gassigehen mit dem Hund kennengelernt habe oder Nachbarn.

Eine Freundin, die von Hartz IV lebt, hat jahrelang schwarz geputzt oder Hunde ausgeführt und so bis zu 200 Euro monatlich dazu verdient. Ein Freund lässt sich seine Rente aufstocken und erledigt trotzdem nebenbei kleinere Reparaturarbeiten – ohne sie anzumelden, selbstverständlich.

Ich finde das nicht richtig. Weil ich aber niemandem etwas Schlechtes wünsche, auch euch nicht, liebe Sozialbetrüger, und ich nicht will, dass meine Bekannten ihre gesamte Lebensgrundlage verlieren, melde ich sie nicht.

Gleichzeitig frage ich mich aber, wie man sich dem Sozialsystem gegenüber so respektlos verhalten kann.

Manche nennen mich dumm, weil ich ehrlich bin

Es gibt Menschen, die meinen, ich sei dumm, weil ich meinen Nebenjob beim Amt angemeldet habe, anstatt ein Schlupfloch zu suchen und so ein bisschen mehr Geld zu kassieren.

Diese Menschen haben nicht verstanden, was das eigentliche Problem des Hartz-IV-Daseins ist: Es geht mir nicht darum, auf Teufel komm raus ein wenig mehr Geld zu verdienen. Die paar hundert Euro, die ich pro Monat zusätzlich zur Verfügung hätte, würden meine Lebenssituation auch nicht besser machen.

Ich hätte dann immer noch keine geregelte Vollzeitstelle, keine Kollegen, mit denen ich abends ein Bier trinken gehen könnte, keine berufliche Perspektive. Stattdessen wäre ich nicht nur Hartz-IV-Empfängerin, sondern eine Sozialbetrügerin.

Wir sind nicht alle so.

Hartz-IV-Empfänger sind keine Kriminellen, sondern größtenteils bedürftige Menschen, die tragische Geschichten erlebt haben und nun auf die Hilfe des Staates angewiesen sind:

Vielleicht gab es persönliche Schwierigkeiten, vielleicht mussten sie jahrelang ein krankes Familienmitglied pflegen und konnten so nicht arbeiten gehen, vielleicht waren sie selbst krank oder wurden nach 30 Jahren im Unternehmen gekündigt.

Fakt ist: Selbst wenn Hartz IV seine Schwächen hat und definitiv verbesserungswürdig ist, können wir (auch ihr, liebe Sozialbetrüger) uns glücklich schätzen, in einem funktionierenden Sozialstaat zu leben. Wer keine andere Möglichkeit sieht, als von diesem Sozialstaat zu profitieren, sollte verantwortungsvoll mit den Mitteln umgehen. Und die meisten tun das auch.

 

Hartz-IV-Empfänger werden gerne von ihrer schlechtesten Seite gezeigt

Leider vermitteln die Medien gerne ein anderes Bild. Momentan gibt es den hässlichen Trend, Hartz-IV-Empfänger von ihrer schlechtesten Seite zu zeigen. Vor kurzem erst hat die “Bild”-Zeitung von einem Hartz-IV-Empfänger berichtet, der als Zuhälter angeblich Hunderttausende Euro verdient hat.

Schlechte Menschen gibt es überall, auch Hartz-IV-Empfänger sind keine Heiligen. Den medialen Fokus allerdings auf die vereinzelten schwarzen Schafe zu richten, kreiert ein verzerrtes Bild von bedürftigen Menschen.

Wenn eine Plattform wie die “Bild” in großem Stil zeigt, wie einer den Staat beklaut (denn genau das tut jemand, der das System ausnutzt), bleibt in den Köpfen der Leute nur hängen: Hartzer = Betrüger.

Die Meldung: “Hartz-IV-Empfänger lebt ganz normal und beachtet die Spielregeln” ist medial wohl nicht so wirksam.

Die meisten Hartz-IV-Empfänger leben regelkonform 

Dabei leben die meisten Hartz-IV-Empfänger regelkonform: Die Anzahl der Fälle von Sozialbetrugsverdacht ist laut Bundesagentur für Arbeit im Jahr 2017 um 0,8 Prozent auf 148.524 gesunken. Bei aktuell knapp über 4,2 Millionen Hartz-IV-Empfängern werden also gerade einmal 3,5 Prozent wegen Sozialbetrugs verdächtigt. 

Ausschließlich negativ aufgebauschte Berichterstattung verleumdet die wahren Ziele des Sozialstaates: nämlich Menschen zu helfen, die auf diese Form der Unterstützung angewiesen sind.

Die Medien sollten auch zeigen, wie viele Empfänger die finanziellen Mittel sinnvoll nutzen, sich um ehrliche Arbeit bemühen, ihre Geschichten und Schicksale erzählen.

Wir brauchen ein Sozialsystem, und wer von dessen Mitteln profitiert, sollte auch verantwortungsvoll damit umgehen. Das gilt auch für euch, liebe Sozialbetrüger.

Wer den Sozialstaat allerdings ausnutzt, sollte nicht als negativer Stellvertreter einer ganzen sozialen Gruppe medial gehypt werden. Das schadet am Ende nur den Menschen, die Hilfe wirklich benötigen und sie auch verdient haben.

Der Text wurde von Agatha Kremplewski aufgezeichnet.

(jds)