POLITIK
15/05/2018 18:07 CEST | Aktualisiert 16/05/2018 10:45 CEST

Verstärken deutsche Medien die Terrorangst? Studie liefert deutliche Zahlen

Auf den Punkt.

Sean Gallup via Getty Images
Die Angst vor Terroranschlägen in Deutschland eint viele Bundesbürger – auch Innenminister Horst Seehofer.

Ob “prügelnde Nikab-Frau”, ein “Frauenmörder, der längst abgeschoben sein müsste” oder gleich ganz “Deutschland im Alarm-Zustand”.

Drei Schlagzeilen, die in den letzten Jahren in Zeitungen erschienen sind. Sie alle vermitteln den Eindruck, dass Deutschland ein unsicheres Land mit grassierender Kriminalität ist. 

Doch tragen die deutschen Medien durch die überproportional starke Berichterstattung zu Kriminalität und Innerer Sicherheit tatsächlich zu einem zunehmenden Unsicherheitsgefühl in unserem Land bei?

Eine aktuelle Studie untermauert diesen Verdacht nun. Welche Ängste geschürt und welche Gefahren dafür vernachlässigt werden – auf den Punkt gebracht

Worum geht es?

► Das Schweizer Medienunternehmen Media Tenor hat für die HuffPost die Schwerpunktthemen deutscher Leitmedien seit 2012 untersucht. 

► Das Ergebnis: Während die Berichterstattung über Attentate und religiös motivierten Terrorismus stark zugenommen hat, sind Tatbestände wie Cyber-Kriminalität und Gewaltdelikte in den Hintergrund gerückt.

► Im Vergleich zu anderen wichtigen Problemfeldern wie etwa Energie- oder Rentenpolitik stehen Kriminalität und Innere Sicherheit mittlerweile überproportional im Fokus.

Media Tenor

Das sind die genauen Zahlen:

► Media Tenor hat die Berichterstattung zum Thema Kriminalität in zehn deutschen Leitmedien, darunter der wichtigsten TV-Nachrichten, von “Bild”, “Focus” und “Spiegel”, seit Anfang 2012 erfasst und dabei knapp 1,4 Millionen Beiträge analysiert.

► Mehr als 17.500 Berichte wurden im Zeitraum von Juli 2015 bis Mai 2018 allein zum Thema Attentate veröffentlicht. Ein Spitzenwert, nachdem dieser Bereich von Januar 2012 bis Juni 2015 “nur” rund 5.200 mal behandelt worden war – ein Anstieg von über 200 Prozent.

► Auch der religiös motivierte Terrorismus verzeichnete mit mehr als 12.200 im Vergleich zu zuvor knapp 8.700 Präsenzien einen starken Anstieg, ebenso die Innere Sicherheit als solche (von 5105 auf 7701). 

► Andere wichtige Themen wie etwa Cyber-Spionage (1727 Berichte im Vergleich zu 3632) oder Gewaltverbrechen (1612 zu 2542) hingegen sind im untersuchten Zeitraum nach und nach aus dem Fokus geraten oder werden wie der Rechtsextremismus generell untergeordnet behandelt.

Media Tenor
Die Entwicklung über bestimmte Themen in prozentualen Anteilen.

Wie sieht es mit anderen Bereichen aus?

► Im Jahr 2018 machten Kriminalität und Innere Sicherheit laut der Studie bislang knapp 9,7 Prozent der Berichterstattung aus, der Spitzenwert lag vor zwei Jahren bei über 13,6 Prozent.

► Zum Vergleich: Energie- und Rentenpolitik, beides ohne Frage zukunftsweisende Bereiche, hatten in den ersten Monaten 2018 gerade einmal 0,25 beziehungsweise 0,32 Prozent Medienpräsenz.  

Woher kommt dieser Trend?

► Obwohl die Zahl der Straftaten in Deutschland laut aktueller Kriminalitätsstatistik um fast zehn Prozent gesunken ist, machen sich viele Deutsche Sorgen um die eigene Sicherheit.

► Genährt wurde dieses Unwohlsein nicht zuletzt durch die Vorkommnisse in der Kölner Silvesternacht 2015/16 sowie den islamistisch motivierten Anschlägen von Würzburg und Ansbach im Juli 2016 als auch auf dem Berliner Breitscheidplatz im darauffolgenden Dezember.

► Bis heute wird das allgemeine Befinden durch die hohe Medienpräsenz der entsprechenden Themen beeinflusst: “Wer tagtäglich vor allem ‘Bad News’ konsumiert, setzt einen Filter – und nimmt automatisch mehr Bedrohungen und Gefahren wahr”, sagte der Angstforscher Klaus Bernhardt der HuffPost.

► Und das, obwohl diese in der Realität vielfach gar nicht zugenommen haben. “Wir haben noch nie in einer sicheren Zeit gelebt als jetzt”, betont Bernhardt. 

► Dazu kommt: Die Meldungen reißen nicht ab. Zuletzt sorgte etwa FDP-Chef Christian Lindner mit seiner Aussage, Bürger würden sich aktuell in der Schlange beim Bäcker nicht uneingeschränkt sicher fühlen, sollte dort jemand in gebrochenem Deutsch etwas bestellen, für Aussehen.

Auf den Punkt gebracht: 

Kriminalität und Innere Sicherheit machen laut aktuellen Erhebungen einen Großteil der Berichterstattung in den deutschen Leitmedien aus. Andere wichtige Themen, wie Energie und Rente, stehen hingegen immer weniger Fokus.

Gerade über Aspekte wie Attentate und islamistisch motivierten Terror wird stark berichtet, was mit einem gestiegenen subjektiven Unsicherheitsempfinden vieler Bundesbürger einhergeht. Es zeigt sich: Der Einfluss der Medien sollte nicht unterschätzt werden – im guten wie im weniger guten Sinne.

(mf)