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30/01/2018 12:55 CET | Aktualisiert 01/02/2018 12:14 CET

Unsere Familie hat Flüchtlinge aufgenommen – so reagierte mein Sohn

Hassan ist aus unserer Familie nicht mehr wegzudenken.

Letzte Woche habe ich meinen Sohn Joseph gefragt, ob er sich denn einen Bruder oder eine Schwester wünsche. Er sah mich so vollkommen empört an, wie nur Vierjährige dreinschauen können, und antwortete: “Sei nicht albern, Mama. Ich habe doch schon einen Bruder und eine Schwester.”

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Eine Tatsache, die mir neu war. Doch dann wurde mir klar, dass er den 30-jährigen Syrer und die einjährige Eritreerin als seine Geschwister bezeichnete, die wir im Rahmen der Initiative “Refugees at Home” bei uns zuhause aufgenommen hatten.

Mein Sohn liebt die beiden Flüchtlinge über alles und für ihn gehören sie bereits zur Familie.

Solange ich denken kann, hat immer irgendjemand in unserem Gästezimmer gewohnt. Mal waren es die Großeltern, mal waren es Cousins, die uns besuchten. Einmal wohnte dort auch ein guter Freund, der gerade eine schreckliche Scheidung durchmachte.

Rachel Mantell
Der 4-jährige Joseph liebt das Essen von Hassan.

Hassan hatte seine Familie im Nahen Osten zurückgelassen

Vor zwei Jahren kam dann ein verängstigt dreinblickender Syrer bei uns an und blieb ein ganzes Jahr. Hassan vermisste seine jüngeren Familienmitglieder, die er im Nahen Osten zurückgelassen hatte.

Er wurde nie müde, mit meinem Sohn zu spielen. Er brachte ihm arabische Lieder bei und gab vor, sich für die “Power Rangers“ zu interessieren. Und so dauerte es nicht lange, bis Joseph ihn fest ins Herz geschlossen hatte.

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Schon bald war Hassan aus unserer Familie nicht mehr wegzudenken. Er war charmant und lustig. Er sprach hervorragend Englisch. Doch eigentlich steckte in ihm eine schreckliche Geschichte voller Gewalt und Verlusten.

Manchmal rutschten ihm Teile dieser Geschichte heraus. Einmal sprang während einer Busfahrt “wieder einmal” seine Schulter heraus. Da erzählte er beiläufig, dass seine Schulter, sein Handgelenk und sein Knie sich von seinem Aufenthalt im Gefängnis nie mehr ganz erholt hätten.

Ob das Ganze bei seiner ersten oder zweiten Inhaftierung passiert sei, konnte er nicht mehr so genau sagen. An diesem Abend durchforstete ich sein Facebook-Profil, um seine ganze Geschichte zu erfahren.

Einzelhaft, Folter, Flucht

In seinen Posts berichtete Hassan von einer goldenen Jugend, vom Arabischen Frühling, von Einzelhaft, von Folter, von seiner letztendlichen Entlassung und von seiner Flucht ins Exil.

Ich hatte die ganze Zeit meine Hand auf den Mund gepresst, als ich erfuhr, welches Grauen er erlebt hatte und welche Ungerechtigkeiten ihm widerfahren waren.

Im Laufe der darauffolgenden Monate erfuhr ich Stück für Stück noch weitere Einzelheiten über seine Geschichte. Ich konnte nur noch darüber staunen, wie unglaublich stark er war und wie entschlossen er um sein Leben kämpfte.

Doch wir wussten nie so genau, was Tag für Tag in ihm vorging. Er kochte regelmäßig unglaublich leckere Gerichte für uns. Seine Mutter passte per Skype auf, dass er alles richtig machte.

Unser iPad stand so gut wie immer aufgestellt in der Küche. Und so wunderte es mich nicht mehr, wenn hinter der Pfeffermühle plötzlich jemand auf Arabisch losschimpfte. Ich winkte Hassans Mutter dann einfach freundlich zu und sie fragte sich laut, warum ich eigentlich nicht richtig kochen konnte.

Mein Sohn liebte sein Essen

Joseph liebte Hassans Essen. Ihm schmecken jedoch auch die leckeren eritreischen Currys unserer aktuellen Hausgäste sehr gut. Mein Sohn isst eigentlich so gut wie alles, oder er probiert zumindest alles.

Ich bin mir sicher, dass das daran liegt, dass er bereits von klein auf so viele verschiedene, besondere Geschmacksrichtungen ausprobieren konnte. Vielleicht ist er aber auch einfach von Natur aus der Typ dazu. Wer weiß das schon?

Und während wir alle eine Riesenportion Injera (eritreisches Fladenbrot) und Zigni Berbere (einen unglaublich leckeren, würzigen Eintopf) genießen, ist uns das eigentlich auch vollkommen egal.

Rachel Mantell

Wenn ich anderen Leuten erzähle, dass wir Flüchtlinge bei uns zuhause aufgenommen haben, lautet die erste Frage meistens, ob wir uns denn keine Gedanken um unsere Sicherheit machen würden.

Nein, ich habe keine Angst.

Nein, wir müssen unsere Türen nicht verriegeln.

Nein, es hat noch nie irgendjemand etwas gestohlen.

Nein, ich habe mich noch nie unsicher gefühlt.

Und ich habe auch noch kein einziges Mal darüber nachgedacht, ob Joseph in Anwesenheit unserer Gäste sicher ist. Denn wenn ich daran Zweifel hätte, dann würden wir mit Sicherheit keine Flüchtlinge bei uns zuhause beherbergen.

Sie passen auf meinen Sohn auf

Unseren Langzeitgästen wie Hassan und der eritreischen Familie, die momentan bei uns wohnt, vertraue ich jedoch bedingungslos. Sie passen auf Joseph auf und unternehmen auch oft gemeinsam mit ihm etwas.

Sie trösten ihn, wenn er weint und sie wissen, wie sie ihn wieder zum Lachen bringen können. Ich habe sogar einen der Flüchtlinge als Notfallkontakt im Kindergarten hinterlegt, falls ich einmal nicht erreichbar sein sollte und jemand Joseph abholen muss.

Doch auch bei den Gästen, die nicht so lange bei uns geblieben sind, habe ich mir nie Sorgen um Josephs Sicherheit gemacht.

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Wir nehmen von Zeit zu Zeit auch Notfälle bei uns auf. Es kann beispielsweise passieren, dass jemand wegen einer organisatorischen Fehlplanung für ein bis zwei Nächte einen sicheren und warmen Unterschlupf sucht, um nicht auf einer Parkbank, in einem Nachtbus oder an einem noch schlimmeren Ort übernachten zu müssen.

Wir lernen diese Gäste meist nicht wirklich kennen. Sie kommen zu uns, übernachten auf dem Klappbett in unserem kleinen Gästezimmer und fahren dann weiter.

Ich mache mir keine Sorgen

Doch bisher waren alle von ihnen höflich und respektvoll. Und vor allem waren sie alle unglaublich lieb zu Joseph. Eines Tages stürmte Joseph aus der Dusche, weil er einem abgelehnten Asylbewerber namens Emmanuel sagen wollte, dass er genauso heiße wie ein Engel.

Emmanuel blieb nur eine Nacht bei uns. Er lachte nur und schickte Joseph zurück ins Bad. Ich glaube nicht, dass ich mir zu wenig Gedanken über die Sicherheit meines Sohnes mache. Eigentlich muss ich sogar eher aufpassen, dass ich meinen geliebten, einzigen Sohn nicht zu sehr behüte.

Doch ich bin fest davon überzeugt, dass der Großteil der Menschen gut ist. Außerdem haben unsere Gäste einen absolut guten Grund, alles daran zu setzen, sich ordentlich zu benehmen.

Das mag zwar jetzt eine extreme Verallgemeinerung sein, doch trotzdem glaube ich, dass viele der Flüchtlinge aus Kulturen stammen, in denen es normal ist, in einer Familie mit mehreren Generationen nah beieinander zu wohnen.

Und deshalb haben sie auch Verständnis für Lärm und Chaos und für die plötzlichen Bedürfnisse von Kindern. Und oft wissen diese Menschen auch, wie sich das gemeinsame Familienleben einfacher gestalten lässt.

Es kam noch nie zu Gewalt oder Diebstahl

Mein Vertrauen in unsere Gäste wurde noch nie enttäuscht. Mit den mehr als 1.000 Gästen, die wir über “Refugees at Home” bei uns aufgenommen haben, gab es nur ein paar wenige Male Probleme. Und dabei ging es nie um Gewalt, sexuelle Übergriffe oder Diebstahl.

Wenn ich mir all das überlege, frage ich mich manchmal, ob diese Bilanz bei anderen Gästen genauso gut ausfallen würde – wie sähe es denn wohl aus, wenn Vertreter unserer Regierung bei uns wohnen würden?

Ich glaube, dass unsere Gäste sich leichter bei uns eingewöhnen, weil wir ein Kind haben. Joseph hat keine Vorurteile. Er interessiert sich nicht für internationale Angelegenheiten oder Zuwanderungspolitik. Er nimmt die Menschen einfach so, wie sie sind.

Man muss auch nicht unbedingt perfekt Englisch sprechen, um sich mit einem Vierjährigen unterhalten zu können. Vielen Gästen hilft es, sich bei uns wie zuhause zu fühlen, wenn mein Sohn sie einfach an der Hand nimmt, weil er mit ihnen ein Lego-Feuerwehrauto bauen will.

Fußball verbindet die Nationen miteinander

Mein fußballbegeisterter Mann Chris nimmt unsere Gäste gerne mit zu Spielen von Dulwich Hamlet. Dort werden sie von vielen seiner Freunde herzlich empfangen und alle versuchen, ihnen die Gepflogenheiten von Fußballspielen außerhalb der ersten Liga näherzubringen.

Fußball ist wirklich etwas, das alle Nationen miteinander verbindet – wie sehr, das war mir bisher gar nicht klar. Unsere Freunde und unsere Verwandten waren alle unglaublich warmherzig und hilfsbereit.

Ich hatte schreckliche Geschichten darüber gelesen, dass manche Menschen ausgegrenzt und angegriffen worden waren, weil sie sich für Flüchtlinge eingesetzt hatten. Doch uns ist überhaupt nichts dergleichen passiert.

Denn selbst wenn man Vorurteile hat, ist es schwer “gegen Flüchtlinge” zu sein, wenn diese Menschen plötzlich einen Namen und ein Gesicht haben und mit dir beim Abendessen sitzen. Und genau deshalb wünsche ich mir, dass noch mehr Leute diese Erfahrung machen! Übrigens mögen die meisten Gäste sogar unsere Katzen.

Die Flüchtlinge bei uns aufzunehmen, ist jedoch keine Dauerlösung. Es ist eine kurzfristige Hilfe für die schreckliche Situation, dass Menschen in unserem Land Schutz suchen und dann plötzlich vor dem Nichts stehen.

Die meisten Gäste werden von Flüchtlingshilfsorganisationen, Anwälten, ehrenamtlichen Helfern oder Freunden zu uns geschickt. Wir schauen uns die Leute dann genau an und unterhalten uns mit ihnen.

Hassan hat einen Job gefunden

Und dann haben die Flüchtlinge oder Asylbewerber einen Schlafplatz und können eine Weile bei einer ganz normalen britischen Familie leben. Nach einer gewissen Zeit ziehen sie dann weiter.

Hassan hat einen tollen Job gefunden und wohnt jetzt zusammen mit einem Freund in einer schicken Wohnung in Nord-London. Joseph hat geweint, ich habe geweint und Chris behauptet, er hätte nicht geweint. Und ich habe mir geschworen, mich nie wieder so emotional an einen unserer Gäste zu binden.

Denn das war der einzige Punkt, an dem ich unsere Entscheidung, Flüchtlinge bei uns zuhause aufzunehmen, in Frage gestellt habe. War es in Ordnung, Menschen in Josephs Leben zu lassen, die dann irgendwann wieder gehen müssen?

Doch man kann seine Kinder nicht vor Verlusten schützen. Und all die Liebe und der Spaß sind es absolut wert. Außerdem treffen wir Hassan trotzdem noch hin und wieder, wenn auch nicht mehr so oft. (Und leider definitiv nicht oft genug, um ihn auf dem Laufenden zu halten, was gerade bei den “Power Rangers“ passiert.)

Rachel Mantell

Eine Woche, nachdem Hassan ausgezogen war, marschierte Joseph in sein ehemaliges Zimmer. Unsere neuen Gäste waren gerade dabei, sich dort einzurichten, als Joseph verkündete: “Das ist Hassans Zimmer!”

Doch als er das vier Wochen alte Baby der Familie sah, hielt er inne und fragte skeptisch: “Kennt ihr vielleicht irgendwelche Spiele?”

Ruftana kannte noch keine Spiele. Mittlerweile ist ein Jahr vergangen und er erklärt ihr wirklich jedes einzelne Spiel. Er deutet mit seinem Finger auf die Anleitung und erklärt ihr, dass sie nicht auf den Einzelteilen herumkauen darf, während Ruftana ihn bewundernd anlächelt.

Ich freue mich schon auf die nächsten Gäste

Joseph liebt auch Ruftanas Eltern. Sie sind höflich, warmherzig, großzügig und auf eine angenehme Weise zielstrebig. Es ist schön, sie im Haus zu haben. Wir sind froh, dass wir sie kennengelernt haben.

Letzten Endes haben wir es alle nicht geschafft, uns “nicht mehr so emotional an unsere Gäste zu binden.” Doch dafür ist unsere Familie ein bisschen größer und unser Zuhause ist ein wenig liebevoller geworden. Und das ist meiner Meinung nach definitiv ein Gewinn.

Ich werde wahrscheinlich weinen, wenn unser “Team Eritrea” wieder auszieht. Doch es wird kein Abschied für immer sein und wir werden sie so oft treffen wie nur möglich. Und dann freue ich mich schon auf das nächste Kapitel. Auf unsere nächsten Gäste und auf alles, was wir gemeinsam lernen und erfahren werden. 

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(kap)