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15/12/2018 15:59 CET | Aktualisiert 16/12/2018 13:03 CET

So will der Vater eines behinderten Sohnes die Pflege revolutionieren

Wir brauchen wieder mehr Solidarität in der Gesellschaft.

Melanie Dreysee
Arnold Schnittger mit seinem Sohn Nico.

Arnold Schnittger ist Vater eines schwerbehinderten Sohnes. Regelmäßig macht er mit Aktionen auf die Pflegesituation in Deutschland aufmerksam – so ist er beispielsweise mit dem Rollstuhl seines Sohnes zu Fuß von Hamburg nach Berlin gegangen.

Da er will, dass Nico in guten Händen ist, wenn er eines Tages nicht mehr für ihn sorgen kann, hat er “Nicos Farm” gegründet – ein gemeinnütziges Wohnprojekt, das sich gerade in der Entstehung befindet.

Alle Eltern wollen, dass es ihren Kindern gut geht – das ist eigentlich selbstverständlich. Auch mir ist es wichtig, dass es meinem Sohn an nichts fehlt und er glücklich ist.

Ich weiß allerdings auch: Wenn ich alt werde oder gar nicht mehr da bin, gibt es keine Garantie mehr dafür, dass mein Sohn gut versorgt ist. Denn Nico ist schwerbehindert – und die aktuelle Pflegesituation in Deutschland macht wenig Hoffnung, dass der Staat sich später gut um ihn kümmern können wird.

Mehr zum Thema: Herr Spahn, Sie vergessen beim Thema Pflege Menschen wie mich

Deswegen habe ich “Nicos Farm” ins Leben gerufen: Nicos Farm soll ein Wohnprojekt sein, bei dem Kinder mit Behinderung mit ihren Eltern zusammenleben können.

Durch das Miteinander können sich die Familien gegenseitig unterstützen – und mit dieser einfachen Idee könnten wir das ganze Konzept der Pflege revolutionieren.

In Deutschland fehlen immer noch viel zu viele Pflegekräfte

In Deutschland fehlen aktuell immer noch bis zu 80.000 Pflegekräfte. Es ist keine Seltenheit, dass nur zwei Pflegekräfte für über 20 Patienten zuständig sind. Dadurch leiden nicht nur die Pfleger selbst, sondern vor allem die Patienten: 

► Alte, kranke oder behinderte Menschen müssen teilweise sehr lange warten, bis sich jemand um sie kümmert.

► Manchmal dauert es Stunden, bis jemand ihre Windeln wechselt.

► Ganz zu schweigen von der menschlichen Betreuung – wann hat eine Pflegekraft schon mal Zeit, sich intensiv mit einem Patienten zu beschäftigen, mit ihm zu sprechen, ihm etwas vorzulesen?

Ich möchte nicht, dass mein Sohn später mal stundenlang warten gelassen wird, wenn er Unterstützung und Pflege braucht. Oder dass er einfach mit Medikamenten sediert oder ans Bett gefesselt wird. Wer schwer krank oder behindert ist, kann sich gegen solche Maßnahmen meist nicht wehren – deswegen müssen wir umso stärker darauf achten, dass auch diejenigen, die Unterstützung so dringend benötigen, in Würde leben dürfen.

Bei einem Projekt wie Nicos Farm ist die Chance größer, dass Nico Menschen um sich herum hat, die ihn kennen, lieben und sich um ihn kümmern – weil sich alle Familien gegenseitig unterstützen können.

Wenn ich mich für andere Kinder einsetze, kann ich mich auch darauf verlassen, dass andere sich für mein Kind einsetzen.

Auf “Nicos Farm” sollen sich Familien gegenseitig unterstützen können

Bei Nicos Farm soll es Häuser geben, die an die Größen und Bedürfnisse der Familien angepasst und behindertengerecht sind. Es soll ein Therapiezentrum geben, in dem die Kinder zum Beispiel zur Ergo- oder Physiotherapie gehen können, in denen die Kinder von Pflegekräften betreut werden – alles unter der Oberaufsicht der Eltern, die sich eigenständig organisieren. Es soll einen Park und einen Streichelzoo geben.

Wichtig ist mir auch, dass alle Bewohner von Nicos Farm, ob mit Behinderung oder ohne, arbeiten dürfen. Arbeit und das Gefühl, ein sinnvoller Teil der Gesellschaft zu sein, ist ein Recht, das wir alle innehaben sollten. Auch mein Sohn Nico kann arbeiten – zum Beispiel Blumen gießen oder Tiere füttern. Er braucht eben eine Assistenz, die ihm bei der Arbeit hilft – und die wird einem in der Regel natürlich nicht zur Verfügung gestellt.

Auf Nicos Farm sollen Menschen zusammen leben, die wissen, worauf es ankommt, wenn man tagtäglich, rund um die Uhr, einen Angehörigen pflegt. Die wissen, dass wir uns gegenseitig unterstützen müssen, wenn der Staat uns die notwendige Unterstützung verwehrt – finanziell sowie personell.

Deswegen ist es mir auch wichtig, dass auf Nicos Farm Menschen leben, die sich übliche Pflegedienstleistungen nicht leisten können. Die vielleicht sogar auf finanzielle Unterstützung wie Hartz IV angewiesen sind, weil sie aufgrund der Vollzeitpflege ihres Familienmitglieds nicht arbeiten gehen können. Genau für solche Menschen könnte Nicos Farm eine Lösung darstellen und sie in ihrem Alltag entlasten.

Pflege ist ein Thema, das uns alle betrifft 

Momentan ist Nicos Farm noch eine Idee. Ich habe zwar schon ein Grundstück in der Nähe Lüneburgs, wo wir das Projekt aufbauen können. Allerdings fehlt es noch an Geldern, um unsere Idee in die Realität umzusetzen. Bisher haben wir noch keine finanzielle Unterstützung vom Staat erhalten.

Trotzdem nimmt die Idee schon langsam Form an: Einer unserer Architekten hat einen Plan erstellt, wie die Farm aussehen könnte. Das beweist mir: Wenn wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen, können wir etwas auf die Beine stellen – zumindest ein weiterer wichtiger Schritt ist getan.

Ich finde es vor allem wichtig, mit Nicos Farm ein Zeichen zu setzen: Pflege ist ein Thema, das uns alle betrifft – früher oder später. Deswegen sollten wir alle dazu bereit sein, uns für bessere Pflegebedingungen und alternative Pflegeprojekte einzusetzen, die aktuelle Missstände ausbessern könnten. 

Deswegen ist meine Botschaft: Wehrt euch! Empört euch! Ihr dürft euch nicht kleinkriegen lassen.

Ich erinnere mich, dass auch ich erst lernen musste, mutig zu sein. Dass ich mich anfangs geschämt habe, mit Nico von Behörde zu Behörde zu ziehen, Anträge zu stellen, um Dinge zu bitten, die uns, vor allem meinem Sohn, zustehen.

Ich hatte Angst, der Allgemeinheit zur Last zu fallen – aber auch ich bin Teil dieser Allgemeinheit. Wir alle sind es.

Deswegen müssen wir uns trauen, für unsere Rechte einzustehen. Ich weiß, dass viele Menschen das nicht können. Einige sind zu krank, zu arm oder einfach zu beschäftigt, um zu protestieren – weil sie vielleicht ihre Kinder alleine großziehen müssen. Oder weil sie einen Familienangehörigen in Vollzeit pflegen.

Und als Vater eines schwerbehinderten Kindes weiß ich, wie sehr einen alles überfordern kann – die Behördengänge, die körperliche und emotionale Belastung, einfach der Alltag. Aber genau deswegen müssen wir zusammenhalten – wir brauchen wieder mehr Solidarität in der Gesellschaft. Und ich werde nicht aufhören, dafür zu kämpfen.

HuffPost

Dieser Beitrag ist Teil des HuffPost-Adventskalenders. Hier stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, der uns durch seine besondere Geschichte Mut macht. Alle Beiträge findet ihr hier.

(jkl)