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10/01/2018 11:01 CET | Aktualisiert 10/01/2018 12:39 CET

Erdogan bildet europäische Muslime für seinen neuen Spionage-Krieg aus

Es gibt eine neue Generation der Spionage-Imame.

Anadolu Agency via Getty Images
Erdogan und zwei Soldaten.

Die islamischen Machthaber in der Türkei wollen die Taktik verdeckter Missionierungsversuche im Ausland weiterverfolgen. Und das, obwohl türkische Imame immer schärfer kontrolliert werden.

Peinliche Enthüllungen über tiefgreifende und illegale Spionageaktivitäten in türkischen Moscheen haben die Regierung von Recep Tayyip Erdogan dazu gezwungen, ihre Taktik zu ändern und einen neuen Plan zur Mobilisierung von Diaspora-Gruppen zu entwerfen.

Erdogans Regierung hat dazu ein Programm umgestaltet, das ursprünglich erstellt worden war, um Imame auszubilden, die zur besseren Integration sowohl Türkisch als auch die Sprache ihres Gastlandes sprechen.

Statt Imame aus der Türkei nach Europa zu entsenden, werden Muslime aus Europa in der Türkei ausgebildet, um dann in ihrem Gastland zu agieren. Dabei werben die Behörden mittlerweile nicht mehr nur Türken an – sondern auch andere Muslime.

► Dahinter steckt das Ziel, Stellvertretergruppen aufzubauen, die als Druckmittel eingesetzt werden können. Sie sollen bereit sein, wann immer Erdogan beschließen sollte, dass es an der Zeit wäre, von diesem Mittel Gebrauch zu machen.

Eine neue Generation von Spionage-Imamen

Das Programm bildet nun das aus, was ich als die neueste Generation von türkischen Spionage-Imamen bezeichne. Mit dieser neuen Generation hievt Erdogan seine politisch motivierten Indoktrinierungsversuche von Ausländern auf eine neue Ebene.

Sobald diese jungen Menschen ihre Ausbildung in der Türkei abgeschlossen haben, kehren sie in das Land zurück, in dem sie ihren festen Wohnsitz haben. 

Dort werden sie in ihren Gemeinden als Geistliche oder religiöse Amtsträger tätig. Ihnen fällt es natürlich sehr viel leichter, sich unbemerkt einzuschleusen und die Interessen von Erdogans Regierung durchzusetzen.

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Die bisherige Methode der Entsendung von Imamen aus der Türkei soll deshalb ersetzt werden.

Diyanet wird zum Partei-Instrument

Die ehemals relativ neutrale Institution Diyanet wurde in den Händen der Islamisten der gegenwärtigen Regierungspartei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) in eine parteigetreue Einrichtung verwandelt.

Auch das Programm für ausländische Imamschüler wurde von der Regierung komplett überarbeitet und in ein extrem politisiertes, übereifriges und fanatisches Ausbildungsprogramm ungewandelt.

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Tatsächlich wurden sogar einige Studenten aus dem Programm ausgeschlossen, weil sie nicht in das von der Regierung gewünschte Profil passten und weil sie sich Erdogans fremdenfeindlicher und ablehnender Haltung nicht fügen wollten.

Axel Schmidt / Reuters
Eine DITIB-Moschee in Berlin.

Ebenso erging es dem Personal von Diyanet. In ungefähr einem Jahr wurden 2813 Imame und andere Geistliche fristlos und willkürlich von der Regierung entlassen, von denen man vermutete, dass sie der Regierung Erdogans kritisch gegenüberstanden.

Diyanet bildet junge Muslime aus

Teilnehmer des “Uluslararasi Ilahiyat Programi” (Internationales Theologie Programm, oder UIP) müssen eine ausländische Staatsbürgerschaft besitzen, alleinstehend sein und sie dürfen nicht älter als 25 Jahre sein.

Sie wurden von türkischen Botschaften und islamischen Nichtregierungsorganisationen ausgewählt, die Erdogans Regierung nahestehen.

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Die zukünftigen Studenten werden von türkischen Imamen aus Gemeinden in Europa und anderen Ländern ausgewählt, in denen sich mit Erdogan verbundene Moscheen befinden.

Diese Moscheen werden heimlich von Religionsattachés überprüft, die in türkischen Konsulaten und Botschaften tätig sind.

Instranspartente Auswahlverfahren

Das Auswahlverfahren ist nicht transparent, was Anlass zu Spekulationen gibt, dass nur Teilnehmer zugelassen werden, die die Haltung von Erdogans Regierung teilen.

So befindet sich unter den Bewerbungsunterlagen beispielsweise ein geheimer Anhang, der als “Referenzdokument” bezeichnet wird, und in dem gefordert wird, dass ein von der türkischen Regierung bestätigter Imam sich für den Bewerber verbürgen und ein Empfehlungsschreiben für ihn verfassen muss.

OLIVIER DOULIERY via Getty Images
Erdogan und Ehefrau Emine bei einer Diyanet-Veranstaltung in den USA.

 

Die Imame senden dieses Schreiben dann an den Attaché der türkischen Botschaft, der es wiederum mit einem geheimen Dokumentenstempel versehen and das DİTİB-Zentrum in Straßburg weiterleitet.

In der engeren Auswahl stehende Kandidaten werden anschließend zu einem Vorstellungsgespräch mit einem Expertengremium eingeladen. Dieses Gremium wird nach vorheriger Überprüfung der persönlichen Hintergründe der Bewerber durch das Büro des türkischen Ministerpräsidenten aus der Türkei entsandt.

Stipendien für Spionage-Studenten

Das Programm steht unter der Führung von Abdullah Gümüşsoy, einem ehemaligen Imam, der in die Verwaltung gewechselt ist. Wie Gümüşsoy kürzlich zitiert wurde, solle das Programm ausgeweitet werden und in Zukunft neben Imam-Seminaren auch noch weitere Bereiche abdecken.

Die Studenten erhalten Stipendien, mit denen die Studiengebühren für sechs bestimmte Theologie-Fakultäten in der Türkei sowie die Kosten für die Unterbringung und weitere Kosten abgedeckt sind.

Bisher haben 388 Studenten das Programm abgeschlossen. Im Studienjahr 2016-2017 hatten 671 Studenten aus 15 Ländern, darunter Deutschland (330), Frankreich (166), Belgien (45), die Niederlande (41), Österreich (21), Italien (16), Australien (10), Kanada (10), die USA (8), Dänemark (7), Norwegen (4), das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland (3), Schweden (2), die Schweiz (7) und Japan (1), an dem Programm teilgenommen.

Was, wenn Erdogan den Marschbefehl erteilt?

Neben den regulären Kursen an den Universitäten besuchen die Studenten auch häufig spezielle Seminare und Vorlesungen von Diyanet-Funktionären und anderen Imamen, die der türkischen Regierung nahestehen.

Für die Gastländern wird es schwierig sein, den richtigen Umgang mit den Imamen zu finden, wenn Erdogan erst einmal den Marschbefehl zur Mobilisierung dieser Kräfte erteilt hat. Immerhin sind es in vielen Fällen nun ihre eigenen Staatsbürger.

Ein Geheimdokument, das im September 2016 an die Öffentlichkeit geraten war, hat gezeigt, dass die Diyanet Imame damit beauftragt hatte, Mitglieder der Gülen-Bewegung auszuspionieren.

Die Aufforderung war an alle türkischen Botschaften und Konsulate gesendet worden und von Halife Keskin, dem amtierenden Generaldirektor von Diyanets Abteilung für Auslandsangelegenheiten, unterzeichnet worden.

Diyanet
Keskin löste die Spionage-Debatte auch in Deutschland aus.

In dem Schreiben wurden Imame dazu aufgefordert, detaillierte Berichte über Mitglieder, Schulen und Institutionen der Gülen-Bewegung einzureichen.

Laut Mitgliedern von Oppositionsparteien hat die Diyanet 50 Spionageberichte erhalten, die von Imamen aus 38 Ländern stammen, darunter Deutschland, Australien, Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, die Niederlande, das Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland, Schweden, die Schweiz, Italien, Japan und Norwegen.

Das steht in den Berichten

Einige dieser Berichte sind sehr detailliert und enthalten Fotos von vermeintlichen Anhängern der Gülen-Bewegung.

In einem Bericht eines Imams, der nur über die Initialen N.S. identifiziert werden konnte und der an der Zentralmoschee Bergneustadt tätig war, hieß es beispielsweise, dass Mitglieder der Gülen-Bewegung bei einem gemeinnützigen Nachhilfezentrum namens “Aktive Lernhilfe” tätig seien und eng mit deutschen Behörden und mit der Lokalpresse zusammenarbeiten würden.

Der Bericht war vom Attaché für religiöse Dienste freigegeben worden, der beim türkischen Konsulat in Köln tätig ist. Ein weiterer Imam, der die Initialen H.A. trägt und einer türkischen Moschee in Fürthen angehörte, hatte Berichte über mehrere Menschen verfasst.

► Es war wohl erst der Anfang in Erdogans Spionagekrieg. Denn der türkische Präsident hat erkannt: Das UIP ist der perfekte Weg, seine Interessen in Europa durchzusetzen.   

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Turkish Minute und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt und von Lennart Pfahler editiert.