ELTERN
26/01/2019 14:36 CET

Eltern: Wie ihr mit euern Kindern über sexuellen Missbrauch sprechen solltet, um sie zu schützen

Wir haben Experten gefragt, wie man am besten mit Kindern über dieses schwierige Thema sprechen sollte.

HuffPost US
Eltern können bei ihren Kindern bereits im Kleinkindalter für eine gute Basis zum Schutz vor sexuellem Missbrauch sorgen, sagte die Sexualtherapeutin Melissa Carnagey.

Am 16. Januar 2018 bekam die Weltöffentlichkeit die schockierenden Zeugenaussagen von 169 Frauen und Familienmitgliedern zu hören, deren Leben durch die sexuellen Übergriffe von Larry Nassar aus der Bahn geworfen wurden. Nassar hatte zuvor als Trainer des amerikanischen Turnverbandes USA Gymnastics und der Michigan State University gearbeitet.

Eltern und Betreuern wollen Kinder vor diesem Grauen, das leider allzu häufig vorkommt, selbstverständlich bewahren. Sich mit sexuellem Missbrauch an Kindern auseinanderzusetzen, ist allerdings nicht leicht.

Und dennoch sollte man unbedingt mit Kindern aller Altersklassen über dieses wichtige Thema sprechen. Zum Glück gibt es bereits altersgerechte Methoden, um eine gute Grundlage zu erschaffen.

Außerdem kann man auf Konzepte aufbauen, die dabei helfen, Kinder zu beschützen und sie dazu zu ermutigen, sich anderen anzuvertrauen, wenn ihre Grenzen verletzt werden.

Die HuffPost mit Sexualtherapeuten darüber gesprochen, wie Eltern am besten mit Kindern vom Kleinkindalter bis ins Teenageralter über sexuellen Missbrauch sprechen sollten. Außerdem haben wir nachgefragt, wie man erkennt, dass etwas nicht stimmt.

Bringt euren Kindern die richtigen Begriffe bei

Eltern können bei ihren Kindern bereits im Kleinkindalter für eine gute Basis zum Schutz vor sexuellem Missbrauch sorgen, sagt die Sexualtherapeutin Melissa Carnagey.

► Indem sie die korrekten Ausdrücke für Geschlechtsorgane benutzen, anstatt kitschige Spitznamen zu verwenden, ermutigten Eltern ihre Kinder dazu, deutlich über sich selbst und ihren Körper zu sprechen.

“Wenn sie sich an diesen Tipp halten, erschaffen die Eltern zuhause eine Atmosphäre, in der die Kinder offen und ohne Scham über ihren Körper sprechen können”, erklärt Carnagey der HuffPost.

Und weiter: “Wenn die Kinder dann ins Kleinkind- und Vorschulalter kommen, können die Eltern ihnen beibringen, was körperliche Grenzen sind und was Zustimmung bedeutet, indem sie das ‘Nein’ oder ‘Stopp’ ihrer Kinder auch ernst nehmen. Sie sollten jedoch ebenfalls darauf achten, dass auch ihr eigenes Kind die Grenzen von anderen Menschen wahrt.”

“Wenn man mit kleinen Kindern ein vorbeugendes Gespräch über sexuellen Missbrauch führt, geht es dabei meist gar nicht konkret um sexuellen Missbrauch”, erklärt die Sexualtherapeutin Kim Cavill.

Auch sie empfiehlt Eltern stattdessen, mit ihren Kindern lieber über die korrekte Bezeichnung von Körperteilen zu sprechen. Außerdem sollten sie ihnen erklären, was körperliche Selbstbestimmung, körperliche Privatsphäre und Privatsphäre gegenüber den Mitmenschen bedeutet.

► Darüber hinaus sollten sie ihnen beibringen, wie man “nein” sagt und ihnen den Unterschied zwischen Geheimnissen und Überraschungen erklären.

“Körperliche Selbstbestimmung bedeutet, dass man akzeptiert, dass jeder Mensch Herr über seinen eigenen Körper ist und dass jeder selbst entscheiden kann, was er mit seinem Körper machen möchte. Zumindest, solange man dadurch keinen anderen oder sich selbst verletzt”, sagt Cavill der HuffPost.

Sie fügt hinzu:

“Den Begriff körperliche Privatsphäre bringt man seinen Kindern am besten nahe, indem man ihnen erklärt, dass manche Teile des Körpers privat sind und dass andere Menschen diese Teile nicht ansehen oder anfassen sollten. Ärzte sollten Kinder immer um Erlaubnis bitten, bevor sie intime Körperteile berühren. Außerdem sollte bei Untersuchungen immer eine erwachsene Vertrauensperson anwesend sein.“

Der Begriff “Privatsphäre gegenüber seinen Mitmenschen” bedeutet, dass man seinen Kindern die gesellschaftlichen Vorstellungen und Erwartungen zu verschiedenen Verhaltensweisen erklärt.

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Dass man ihnen beispielsweise beibringe, wie man im Schwimmbad seine Badesachen anzieht, wie man sich in öffentlichen Umkleidekabinen verhalten sollte oder wie man sich in der Schule umzieht.

Seinen Kindern beizubringen, “nein” zu sagen, sei ebenfalls sehr wichtig.

► “Kindern ist oftmals gar nicht bewusst, dass sie auch ‘nein’ sagen dürfen, vor allem gegenüber Erwachsenen. Denn oft wird ihnen nur beigebracht, anderen zu gehorchen”, erklärt Cavill.

“Wir müssen Kindern ausdrücklich zeigen, wie sie ihre eigenen Grenzen ziehen können. Und wir müssen sie dabei unterstützen”, sagt sie. “Auch wenn wir dadurch vielleicht manchmal in unangenehme Situationen geraten. Zum Beispiel, wenn die Kinder sich auf Geburtstagsfeiern weigern, andere zu umarmen.”

Sprich mit deinem Kind über seine Gefühle

“Wir sollten uns in alltäglichen Gesprächen mit unseren Kindern darüber unterhalten, was sich gut anfühlt und was sich nicht gut anfühlt”, erklärt die Sexualtherapeutin Lydia Bowers der HuffPost.

Weiter sagt sie: “Aussagen wie ‘es gefällt mir, wenn du mich umarmst, denn dann fühle ich mich geborgen’ oder ‘es gefällt mir nicht, wenn er mir meine Puppe wegnimmt, denn dann werde ich wütend’ helfen Kindern dabei, ihre Gefühle zu beschreiben. Und das ist sehr wichtig um zu erkennen, ob sie gerade verunsichert, beängstigt oder besorgt sind.”

► Die Expertin betont: Man sollte mit seinen Kindern unbedingt üben, die eigenen Gefühle wie Angst, Verwirrung, Traurigkeit oder Unbehagen zu benennen. Und wenn ein Kind diese Gefühle mitteilt, sollten Erwachsene sie nicht ignorieren oder herunterspielen.

Eltern sollten ihren Kindern erklären, dass man auch anhand von körperlichen Signalen erkennen kann, welches Gefühl man gerade wahrnimmt (dass man zum Beispiel feuchte Hände bekommt, dass man zu weinen anfangen möchte oder dass man plötzlich auf die Toilette muss). 

Kläre dein Kind über ‘unangemessene Berührungen’ auf

Die meisten Sexualtherapeuten sind der Meinung, dass man lieber die Begriffe “angemessene Berührung” und “unangemessene Berührung” verwenden sollte, statt von “guten” oder “schlechten” Berührungen zu sprechen.

Dass eine Berührung im Intimbereich ein Beispiel für eine “schlechte Berührung” ist, ist einleuchtend. Doch manchmal treten bei einer Berührung natürliche physiologische Reaktionen auf, die sich gut anfühlen könnten. Und das kann für Kinder sehr verwirrend sein.

Eine “unangemessene Berührung” kann auch aus bestimmten Arten von Kontakt bestehen, die in einem anderen Kontext “gut” sein könnten.

“Eine Umarmung ist eine ‘gute’ Berührung. Wenn sie jedoch von einem Menschen kommt, der einen nicht umarmen sollte, ist sie ‘unangemessen’”, erklärt Bowers.

“Manche Menschen können auch ‘gut’ wirken und sich trotzdem unangemessen verhalten”, sagt Carnagey. “Deshalb sollte man am besten die Begriffe ‘angemessen’ und ‘unangemessen’ verwenden und seinem Kind erklären, unter welchen Umständen eine Berührung angemessen ist.”

Konzentriere dich nicht nur auf die Gefahren, die von Fremden ausgehen

“Kindern wird meist beigebracht, dass die Gefahr immer von Fremden ausgeht. Der Fall Nassar ist jedoch ein gutes Beispiel dafür, dass diese Theorie nicht ganz aufgeht”, erklärt Carnagey.

Denn: “Kinder werden häufiger von Menschen sexuell belästigt, die sie bereits kennen oder zu denen sie früher einmal eine Verbindung hatten. Deshalb müssen wir mit unseren Kindern auch über ‘durchtriebene Menschen’ sprechen – ein Begriff, den die Autorin Pattie Fitzgerald geprägt hat.”

Mit dieser Methode helfen Eltern ihren Kindern dabei, “durchtriebene” oder unangemessene Verhaltensweisen von vertrauenswürdigem Verhalten zu unterscheiden.

Cavill, die eine Podcast-Folge und ein Arbeitsblatt erstellt hat, um Eltern dabei zu helfen, leichter mit ihren Kindern über das Thema Vertrauen sprechen können, erklärt: “Menschen, denen man vertrauen kann, sagen die Wahrheit. Sie respektieren die Privatsphäre der Kinder und verlangen nicht von ihnen, Geheimnisse für sich zu bewahren. Sie bitten Erwachsene um Hilfe (statt Kinder) und man fühlt sich in ihrer Gegenwart sicher, statt ein mulmiges Gefühl im Bauch zu haben. Sie halten sich an die Familienregeln und fordern die Kinder dazu auf, immer erst die Erlaubnis der Eltern einzuholen.”

Sie weist darauf hin: “Durchtriebene Menschen tun diese Dinge nicht, oder sie tun sogar das Gegenteil davon.”

Mache deinem Kind klar, dass es immer zu dir kommen kann

Eltern sollten ihren Kindern unbedingt klarmachen, dass “die Tür für ein Gespräch mit ihnen immer offen steht”, sagt Cavill. “Deine Kinder werden durch diese Tür kommen und mit dir sprechen. Jedoch nur, wenn sie ihnen immer offen steht.”

► Eltern können ein derartiges Umfeld erschaffen, indem sie immer wieder zeigen, dass sie für sämtliche Fragen und Gespräche zum Thema Sex und Beziehungen offen sind.

Die Aussage “du kannst mir alles erzählen” verliert schnell an Bedeutung, wenn Eltern auf ehrliche Fragen oder Geständnisse ihrer Kinder mit Bestrafungen, aggressivem Verhalten, übertriebenen emotionalen Ausbrüchen oder Ablehnung reagieren.

Eltern sollten auf ihre verbalen und nonverbalen Reaktionen achten, auch wenn es sich um ein schwieriges Gespräch handelt. Ansonsten kann es passieren, dass Kinder sich ihren Eltern nicht mehr anvertrauen, weil sie Angst vor deren Reaktion haben.

“Wenn Kinder erzählen, dass sie sexuell missbraucht wurden, ist es wichtig, den Fokus des Gesprächs beim Kind zu lassen, anstatt sich auf den Täter oder die eigene Reaktion auf das Geständnis zu konzentrieren”, erklärt Cavill.

Sie fügt hinzu: “Das kann zwar sehr schwierig sein, doch es ist äußerst wichtig. Wenn ein Kind erzählt, dass es sexuell missbraucht wurde, sollte man nicht mit Wut, Ekel, Scham oder Verleugnung reagieren. Denn dadurch bricht man das Vertrauen des Kindes und zerstört dadurch die Möglichkeit, weitere Gespräche mit ihm führen zu können.”

Die Therapeutin wurde selbst Opfer von Missbrauch. “Ich selbst wurde zum ersten Mal im Alter von neun Jahren missbraucht. Ich habe mich Erwachsenen anvertraut, doch sie glaubten mir nicht und versuchten, den Vorfall zu vertuschen”, erzählt sie.

Als sie dann erneut missbraucht wurde, habe sie niemandem mehr davon erzählt. “Denn ich war darauf konditioniert worden, dass mein Peiniger in Schutz genommen werden würde, und nicht ich. Dies führte bei mir zu der allgemeinen Überzeugung, dass ich irgendwo tief in mir selbst Schuld an der ganzen Sache war.”

Erkläre deinem Kind, welchen Erwachsenen es vertrauen kann

► Wenn Kinder älter werden, sollten ihre Eltern ihnen erklären, welchen Erwachsenen in ihrem Umfeld sie vertrauen können. Das können beispielsweise andere Familienmitglieder, Lehrer oder Schulpsychologen sein.

“Anstatt einfach irgendjemanden im Umfeld deiner Kinder zu einem ‘vertrauenswürdigen Erwachsenen’ zu erklären, solltest du dein Kind fragen: ‘Wem würdest du vertrauen, wenn du Hilfe bräuchtest?’ oder ‘Mit wem würdest du sprechen, wenn du jemals verletzt werden würdest und Hilfe bräuchtest?’”, sagt Carnagey.

“Kinder sollten mehr als eine Vertrauensperson haben, damit sie immer Hilfe bekommen, wenn sie sie brauchen”, fügt Carnagey hinzu. 

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Viele Sexualstraftäter wurden vorher als vertrauenswürdige Erwachsene eingestuft, wie es auch im Skandal um Nassar bei vielen Familien der Fall war. Deshalb ist es hilfreich, dass Kinder verschiedene Menschen zu Verfügung haben, denen sie sich anvertrauen können.

Mache deinem Kind klar, dass sexueller Missbrauch niemals seine eigene Schuld ist

Kinder müssen lernen, dass sie für die Erwachsenen in ihrem Umfeld nicht verantwortlich sind. Nicht einmal für ihre Eltern.

“Da Kinder immer zu einem gewissen Grad von Erwachsenen abhängig sind, kann es passieren, dass sie sich für die Gefühle und Verhaltensweisen der Erwachsenen in ihrem Umfeld verantwortlich fühlen. Vor allem, wenn es dabei um offizielle Autoritätspersonen oder um Menschen geht, die ihnen sehr am Herzen liegen”, erklärt Cavill. “Leider passiert sexueller Missbrauch meist im engsten Familien- und Bekanntenkreis. Und die #MeToo-Bewegung hat gezeigt, wie oft Autoritätspersonen Menschen missbrauchen, über die sie Macht haben.”

Cavill sagt, dass sie ihre Kinder immer wieder daran erinnert, dass sie lediglich die Verantwortung für sich selbst tragen, und nicht für die Menschen in ihrem Umfeld.

Sie sagt ihnen immer wieder: “Eure Mami muss sich selbst um ihre Gefühle kümmern. Ihr müsst ihr nicht dabei helfen und sie liegen nicht in eurer Verantwortung.”

Wenn die Kinder älter werden, können die Eltern auf diese Botschaften aufbauen, indem sie mit ihnen über gesunde und ungesunde Beziehungen sprechen. Und indem sie ihnen erklären, welche Vorstellungen innerhalb der Familie im Bezug auf romantische Beziehungen bestehen.

Auf der Website ”Talk With Your Kids findest du Material, das dir bei diesen Gesprächen helfen kann.

Kinder müssen unbedingt verstehen, dass es nicht ihre Schuld ist, wenn sie sexuell missbraucht werden. Ebenso wichtig ist es jedoch auch, ihnen zu erklären, dass sie ebenfalls die Grenzen und Wünsche von anderen respektieren müssen.

“Kleine Kinder probieren oft aus, was passiert, wenn sie andere Kinder in ihrem Alter unangemessen berühren”, erklärt Carnagey. “Doch selbst wenn so etwas passiert, ist es wichtig, dass Kinder sich offen darüber zu sprechen trauen, ohne Angst davor zu haben, dass sie bestraft werden könnten. Denn nur so kann man dieses Verhalten in andere Bahnen lenken und für einen besseren Umgang mit anderen Kindern sorgen.”

Achte auf die Anzeichen

Eltern kennen die typischen Verhaltensweisen ihrer Kinder am besten. Und deshalb sollten sie auch auf Veränderungen achten, die ein Zeichen dafür sein könnten, dass etwas nicht in Ordnung ist.

“Mir ist es sehr wichtig zu betonen, dass nicht erst etwas Schlimmes passiert sein muss, bevor man einen Therapeuten zu Rate ziehen oder sich an eine Sexualberatungsstelle wenden kann. Sobald Zweifel auftreten, sollte man sich Hilfe suchen”, sagt Cavill.

Es gebe einige Anzeichen, auf die Eltern achten sollten, erklärt die Expertin: “Zum Beispiel, dass ein Kind plötzlich mehr über Sex weiß, als es in seinem Alter wissen sollte. Dass es wieder ins Bett macht. Dass es sich weigert, sich um- oder auszuziehen. Dass es plötzlich Angst vor dem Alleinsein hat oder sich nicht mehr von seinen wichtigsten Bezugspersonen lösen kann. Oder dass es plötzlich allgemein unter stärkeren Ängsten leidet.”

Die amerikanische Organisation “The Rape, Abuse & Incest National Network” hat eine Liste mit Warnsignalen veröffentlicht, an denen man erkennen kann, ob ein Erwachsener ein Kind missbraucht oder sich gerade seine Nähe erschleicht, um es später missbrauchen zu können.

► Mögliche Anzeichen für sexuellen Missbrauch können körperlicher Art sein, wie beispielsweise das Auftreten von unerklärlichen blauen Flecken oder Blutungen und Hautirritationen im Genitalbereich des Kindes. Sexueller Missbrauch kann sich jedoch auch durch bestimmte Verhaltensweisen des Kindes bemerkbar machen.

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Wenn es beispielsweise – wie bereits von Cavill erwähnt – vermehrt über sexuelle Handlungen spricht oder es sich plötzlich nicht mehr ausziehen will. Darüber hinaus gibt es auch noch emotionale Anzeichen, wie beispielsweise eine Zunahme von Ängsten, Albträumen oder einer verstärkten Angst vor dem Alleinsein.

Wenn Kinder größer werden, kommen sie öfter ohne die Aufsicht ihrer Eltern in Kontakt mit anderen Menschen, wie beispielsweise in der Schule, bei außerschulischen Aktivitäten oder beim Spielen mit anderen Kindern.

Carnagey empfiehlt Eltern deshalb, sich regelmäßig einmal am Tag einen Moment Zeit zu nehmen und sich mit ihren Kindern zu unterhalten. Denn so behalten sie den Überblick darüber, was ihre Kinder gerade durchmachen und wie es ihnen momentan geht.

“Diese Methode hilft Eltern dabei, subtile oder auch größere Veränderungen in der Stimmung oder im Verhalten ihrer Kinder zu erkennen, die von unangemessenen oder verstörenden Erlebnissen herrühren könnten”, erklärt Carnagey. “Für seine Kinder immer einen Raum bereitzuhalten, indem sie offen und ohne Scham über sämtliche Themen sprechen können, erhöht die Chance, dass ein Kind sich an einen vertrauenswürdigen Erwachsenen wendet, wenn es etwas Schlimmes erlebt hat.”

Bereite dich auf deine eigene Reaktion vor, falls doch etwas passieren sollte

► Wenn dein Kind dir erzählt, dass es sexuell missbraucht wurde, solltest du ihm unbedingt zu verstehen geben, dass du ihm glaubst, dass es genau richtig war, sich dir anzuvertrauen, dass es keinen Ärger bekommen wird und dass der Vorfall nicht seine eigene Schuld war. Es ist sehr wichtig, dass du liebevoll, einfühlsam und anerkennend reagierst.

“Kinder haben oft das Gefühl, dass sie den sexuellen Missbrauch selbst ausgelöst haben. Und auch die Täter geben den Kindern oft die Schuld für das Geschehene”, sagt Bowers. “Deshalb musst du deinem Kind versichern, dass es keine Schuld an dem Vorfall hat. Und dass es geliebt wird und in Sicherheit ist.”

“Wenn ein Kind sich einem anvertraut hat, sollte man ehrlich mit ihm kommunizieren, um das Verhältnis von Vertrauen und Offenheit aufrecht zu erhalten. Das kann beispielsweise bedeuten, dass man dem Kind erklärt, dass man die Information an andere Erwachsene weitergeben muss, deren Aufgabe es ist, das Kind zu beschützen. Das könnte zum Beispiel ein Arzt für eine medizinische Untersuchung, ein Polizist, ein Therapeut oder eine andere vetrauensvolle Anlaufstelle sein”, sagt Carnagey.

Carnagey empfiehlt außerdem, dass Eltern und Bezugspersonen von Opfern sich selbst Hilfe suchen sollten. Denn solche Enthüllungen können die Eltern selbst sehr aufwühlen und sogar Traumata aus der Vergangenheit wieder zum Vorschein bringen.

Eltern oder Vertrauenspersonen neigen oft dazu, sich zurückzuziehen und zu isolieren. Dadurch riskieren sie jedoch, von ihren Gefühlen der Scham und des Versagens überwältigt zu werden.

“Die Eltern sollten sich immer wieder daran erinnern, dass das, was ein anderer Mensch ihrem Kind angetan hat, ganz allein die falsche Entscheidung dieser Person war. Es ist nicht die Schuld der Eltern”, betont Carnagey. “Ein Kind, das sexuell missbraucht wurde, ist nicht für immer ‘zerstört’. Mit ein bisschen Hilfe haben sowohl das Kind, als auch seine Familie, die Chance, das Erlebte komplett zu verarbeiten.”

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost US und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.