ELTERN
09/08/2018 13:39 CEST

Leben mit krebskrankem Kind: Mutter schreibt ergreifendes Gedicht

"Man weint in der Dusche, weil man stark wirken muss."

  • Eine britische Mutter hat ein Gedicht über das Leben mit einem krebskranken Kind geschrieben.
  • Das Gedicht soll anderen Eltern bei ihrem Kampf gegen den Krebs helfen.
Sam Wiggins
Der siebenjährige Talisein hat gerade seine Chemotherapie gegen eine seltene Art von Krebs abgeschlossen.

Die 39-Jährige Sam Wiggins aus dem englischen Ort Sommerset hat ein Gedicht über das Leben und Leiden ihres Sohnes Talisein geschrieben, als er 2017 eine Chemotherapie gegen Langerhans-Zell-Histiozytose (LCH), eine seltene Krebs-Art, erhielt. 

“Er war sechs als er die Diagnose bekam. Jetzt ist er sieben”, sagte Sam der HuffPost UK. 

“Er hat einen eineiigen Zwillingsbruder und war lange getrennt von ihm. Bevor es ihm so schlecht ging, waren die beiden immer zusammen.” 

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Sam Wiggins ist siebenfache Mutter, arbeitet in Teilzeit in einem Supermarkt und hat ihre eigene Firma, die schwere Therapie-Bettdecken und anderen Krankenbedarf vertreibt. Ihr Gedicht hat sie in einer Selbsthilfe-Gruppe auf Facebook veröffentlicht. Es verbreitete sich schnell bei anderen Eltern.

“Dass das Kind Krebs hat, ist das schlimmste, was man Eltern sagen kann”, sagte sie. “Noch schlimmer ist nur, wenn sie sagen, dass sie nichts mehr für das Kind tun können.”

 

Sam Wiggins

In ihrem Gedicht spricht sie darüber, wie sie Nachts die Beine ihres Sohnes massiert, weil sie von der Chemotherapie so weh tun und darüber, wie sie ihm einen Eimer hält, wenn er erbrechen muss – eine weitere schreckliche Nebenwirkung der Chemotherapie.

 Sams Gedicht – Ich kann dich sehen

“Krebs” ist das Wort, das wir alle fürchten.

Das leise Flüstern.

Blicke, die sich nie treffen. 

Es bedeutet, deinem Kind mitten in der Nacht die Beine zu massieren.

Weil sie von der Chemo so weh tun.

Zusehen, wie die Strahlentherapie deinem Kind die Haut verbrennt und ihm sagen, dass es einen guten Grund hat.

Ihm einen Eimer halten, weil es seit Stunden erbricht.

Deinem wunderschönen Baby Gift in die Adern kippen.

Zusehen, wie Steroide es aufblähen. Oder Infektionen und aggressive Medikamente es in ein Skelett verwandeln.

Fremden dein Kind geben, damit sie es operieren können.

Das Kind bei schmerzhaften Untersuchungen und Behandlungen festhalten.

Es trösten, ihm sagen, dass alles gut wird. 

In der Dusche weinen, weil man stark sein muss.

Von anderen Kämpfern Abschied nehmen, die man im Laufe der Zeit getroffen hat. Manche überleben, manche nicht.

50 Milliarden Mal am Tag die Hände waschen.

Die Angst vor Infektionen geht nie weg.

Es sind Blut- und Gewebeuntersuchungen, Spritzen, Medikamente.

MRTs, CTs, PETs und Röntgen.

Es bedeutet am Telefon auf die Ergebnisse zu warten und verzweifelt zu hoffen, dass sich nichts geändert hat.

Dem Kind nachts beim Schlafen zuzusehen und Erinnerungen zu sammeln, solange man noch kann.

Sogar wenn dein Kind eines der glücklichen Überlebenden ist, sind es die Langzeitfolgen.

Es bedeutet Physio-, Spiel- und Beschäftigungstherapie.

Sogar wenn die Therapie endlich abgeschlossen ist und dein Kind glücklich und gesund ist, hinterlässt Krebs eine Narbe, tief in deinem Herzen. 

Er hinterlässt Behinderungen, psychische Narben, Traumata, ständige Angst und Sorgen.

Wenn dein Kind Krebs hat, verändert dich das.

Du siehst, wie dein Kind die Hölle durchlebt.

Du gewöhnst dich so sehr daran, dass dein Kind in Narkose ist, dass du nicht mal mehr weinst.

Ruhig hältst du dein Kind bei schmerzhaften Untersuchungen fest.

Du wirkst so stark.

Aber ich kann dich sehen.

Ich weiß, dass hinter der starken Fassade, der Maske, die du für alle Welt trägst, langsam zerbrichst. Und dass du versuchst, es nicht zu zeigen, aber ich sehe es.

Ich weiß es, weil mein Kind auch ein Kämpfer ist. 

Das Gedicht wurde fast 500 mal geteilt. In seinem Kommentar dazu hat der Facebook-Nutzer Jim Bassi ein Foto seines Kinder hochgeladen und geschrieben: “Danke, dass du diese Erfahrung so treffend zusammengefasst hast.”

Nutzerin Cheryl Wilde schrieb: “Ich kann dich sehen. Ich war du. Mein Kämpfer hat den Kampf nach sieben Jahren kämpfen verloren.”

Talisein bekam eine Chemotherapie und eine Steroidbehandlung und verbrachte lange Zeit mit Infekten im Krankenhaus. “Während der Aufnahme in die Klinik haben wir viele Familien getroffen, deren Kinder auch eine Krebsdiagnose hatten”, sagte Sam. “Letztes Jahr habe ich viele schöne Kämpfer getroffen und musste leider von zu vielen Abschied nehmen.”

Ihr Sohn hat die Chemotherapie kürzlich beendet und durfte deshalb eine Glocke im Krankenhaus läuten. Sam sagte, es gehe ihm im Moment “richtig gut”, obwohl sie nicht weiß, ob die Behandlung funktioniert hat oder nicht.

“Er muss Ende des Monats zu seiner ersten Nachuntersuchung. Dann wissen wir, ob sein LCH immer noch stabil ist oder ob er mehr Chemotherapie braucht. LCH ist eine dieser schwierigen Krankheiten, von denen man nie ganz geheilt ist. Es ist nur aktiv oder inaktiv.” 

Sie fügte hinzu: “Ich habe sieben Kinder und letztes Jahr war es sehr schwierig, die Kindererziehung, Krankenbesuche, Haushalt und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Aber wir haben es geschafft und es geht ihm gut. Also bin ich glücklich.”

 

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost UK und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt.  

(glm)