POLITIK
09/10/2018 19:12 CEST | Aktualisiert 10/10/2018 07:17 CEST

Wie eine Gruppe von Reportern Putins mutmaßliche Skripal-Attentäter enttarnten

Der Fall Skripal – Chronik eines Spionage-Thrillers.

Handout . / Reuters
Die beiden Verdächtigen im Fall Skripal.

Es ist ein waschechter Spionage-Thriller, der im Frühjahr 2018 in der englischen Stadt Salisbury seinen ersten Höhepunkt fand. Und der seitdem von einer Enthüllung zur nächsten jagt. 

Am 4. März werden im Zentrum der Stadt, die 140 Kilometer von London entfernt liegt, ein Mann und eine Frau bewusstlos auf einer Bank gefunden. Schnell ist klar: Es handelt sich um Sergej Skripal und seine Tochter Julia. Skripal war einst britischer Doppelagent.

Drei Tage später teilt die Polizei mit, dass die Skripals vermutlich gezielt mit einem Nervengift getötet werden sollten. Verdächtigt werden von Anfang an russische Agenten. Moskau soll hinter dem Giftangriff stecken. Es entsteht ein offener Konflikt zwischen Großbritannien und Russland, der sich zunehmend hochschaukelt und an die Hochzeiten des Kalten Krieges erinnert.

Sechs Monate sind seitdem vergangen, nun hat die Polizei Haftbefehl gegen zwei Russen erlassen – die zwei Männer scheinen enttarnt.

Das ist die Chronik eines schier unglaublichen Agenten-Krimis, in dessen Mittelpunkt pikante Fehler des Kremls und das ausdauernde Gespür einer Gruppe von Reportern stehen:

2. März: Ankunft der Verdächtigen

► Auf dem Londoner Flughafen landen zwei russische Staatsbürger im Alter von 40 Jahren: Ruslan Boschirow und Alexander Petrow heißen sie laut ihren Reisepässen.

► Einige Stunden später checken die beiden Männer in einem Hotel in East London ein.

3. März: Vorbereitung des Anschlags

► Von der Waterloo Station nehmen die beiden Verdächtigen einen Zug nach Salisbury, wo sie laut Ermittlern zunächst die Gegend auskundschaften. Anschließend kehren sie in ihr Hotel zurück.

► Skripals Tochter Julia trifft am Londoner Flughafen Heathrow ein, um ihren Vater zu besuchen.

4. März: Der Tag des Giftangriffs

Anhand von Überwachungskameras konnten die Ermittler den Weg der beiden mutmaßlichen Täter exakt nachzeichnen:

► Die Verdächtigen fahren erneut nach Salisbury und werden um 11.48 Uhr von einer Überwachungskamera am Bahnhof gefilmt.

► Ein weiteres Mal fängt die beiden Männer eine Kamera um 11.58 Uhr an einer Tankstelle ein, die sich in der Nähe von Skripals Haus befindet – wenige Stunden bevor Skripal und seine Tochter vergiftet wurden.

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Die Ermittler gehen davon aus, dass die beiden Männer die Eingangstür mit dem Nervengift Nowitschok kontaminiert haben. 

Auch auf ihrem Rückweg werden die Verdächtigen um 13.05 Uhr von einer Kamera gesichtet. 

► Um 13.40 Uhr verlassen die Skripals das Haus, um den Pub “The Mill” zu besuchen. Anschließend gehen sie im Restaurant “Zizzi” Mittagessen wo sie bis 15.35 Uhr bleiben.

► Um 16.15 Uhr verständigen Passanten den Notarzt wegen zwei Bewusstlosen auf einer Bank im Stadtzentrum. Es handelt sich um Sergej und Julia Skripal. Die beiden werden in ein Krankenhaus gebracht. 

Wenige Stunden später untersuchen Spezialeinheiten in Schutzanzügen die Orte an denen sich die Skripals aufgehalten hatten.

Um 22.30 Uhr startet von Heathrow ein Flugzeug nach Moskau. Darin: die zwei Verdächtigen. Alexander Petrow und Ruslan Boschirow waren nur zwei Tage in England. 

5. März: Die Polizei bestätigt Vergiftung

► Die Polizei bestätigt, dass zwei Personen mit einer unbekannten Substanz vergiftet wurden. Die BBC macht die Identität der Opfer bekannt.

► Die Anti-Terror-Abteilung von Scotland Yard übernimmt die Ermittlungen.

7.–31. März: Spannungen zwischen Russland und Großbritannien

► Die Polizei teilt mit, dass es sich um einen gezielten Mordversuch mit einem Nervenkampfstoff gehandelt hat. Auch ein Polizist muss behandelt werden, nachdem er am Tatort ermittelt hatte. 

► Der russische Außenminister Sergej Lawrow bestreitet den Verdacht, dass der Kreml hinter dem Angriff steckt.

► Die britische Premierministerin Theresa May sagt vor dem britischen Unterhaus, dass die Skripals mit Nowitschok vergiftet wurden. May stellt Russland ein Ultimatum bis zum 13. März, eine offizielle Erklärung abzugeben.

► Russland lässt die Frist verstreichen. Lawrow und Präsident Wladimir Putin bezeichnen die Vorwürfe als “Unsinn”, bieten aber ihre Zusammenarbeit bei den Ermittlungen an.

► London lehnt ab. Westliche Länder, darunter auch Deutschland und die USA, ziehen im großen Stile Diplomaten aus Russland ab, da die EU-Staaten es für “höchstwahrscheinlich” halten, dass Moskau hinter dem Anschlag steckt.

Auch Russland reagiert, und zieht als Reaktion ebenfalls zahlreiche Diplomaten aus dem Westen ab.

5.–10. April: Der Zustand der Skripals verbessert sich

► Sergej Skripal ist außer Lebensgefahr.

► Seine Tochter Julia wird aus dem Krankenhaus entlassen. 

4. Mai–8. Juli: Weiteres Opfer von Nowitschok

► Experten finden geringe Dosen des Nervengifts in dem Hotelzimmer der mutmaßlichen Täter.

► Ein anderer Mann findet in einem Altkleider-Container in Salisbury eine Flasche mit Sprühaufsatz. Seine Lebensgefährtin verwendet das vermeintliche Parfum.

Am 8. Juli 2018 stirbt die 44-jährige an den Folgen einer Nowitschok-Vergiftung.

5. September: Großbritannien erhebt Haftbefehl gegen zwei Russen

► Die britische Polizei beantragt einen europäischen Haftbefehl gegen Ruslan Boschirow und Alexander Petrow.

Scotland Yard sagt: Die Männer sind keine Touristen, sondern Offiziere des russischen Militär-Geheimdienstes GRU. Die Namen in ihren Pässen sind nicht echt, sondern Decknamen.

13. September: Zweifelhafter Fernsehauftritt der Verdächtigen

► In einem skurrilen Fernsehinterview mit dem russischen Staatssender RT verteidigen sich die beiden von Großbritannien gesuchten Männer.

Sie seien als Touristen zufällig kurz vor dem Skripal-Attentat nach Salisbury gereist, um die dortige berühmte Kathedrale zu besichtigen. Ihre Aussagen sind allerdings wenig schlüssig, zentralen Detailfragen weichen sie aus.

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 26. September: Identität des ersten Verdächtigen wird enthüllt

► Investigativ-Journalisten des Recherchenetzwerks “Bellingcat” decken zusammen mit “The Insider – Russia” die wahre Identität von Ruslan Petrow auf.

Es soll sich um Oberst Anatoli Wladimirowitsch Tschepiga, einen GRU-Geheimdienstagenten, handeln.

So wollen die Journalisten ihn überführt haben:

► Zahlreiche Quellen – auch aus familiären Kreisen – hätten “Bellingcat” die Identität bestätigt.

► Das Recherchenetzwerk schreibt, dass es in Russland zwar möglich sei mehrere Reisepässe zu besitzen, es sei aber ausgeschlossen mit einem gefälschtem Pass zu reisen.

► Für Zweifel sorgte auch, dass Putin die beiden Männer als Zivilisten bezeichnete, obwohl Tschepiga den “Held der Russischen Föderation”-Orden erhalten haben soll. Diesen bekämen aber nur eine Hand voll Offiziere, weswegen es sehr unwahrscheinlich sei, dass der russische Präsident Tschepiga nicht kennen würde.

Insgesamt soll Tschepiga sogar über zwanzig Mal für seine Dienste mit einer Auszeichnung bedacht worden sein.

► Um die wahre Identität Tschepigas herauszufinden, nahmen die Journalisten Kontakt zu ehemaligen Militäroffizieren auf. Diese empfahlen, sich die Jahrbücher einer renommierten Militärschule genauer anzusehen.

Dort fanden sie einen Mann der Ähnlichkeit mit Ruslan Petrow aufwies und den Namen Anatoli Tschepiga trug.

► Doch die Journalisten brauchten ein aktuelleres Foto, um die Identität bestätigen zu können. “Bellingcat” und “The Insider” sei es dann gelungen über zwei verschieden Quellen an Ausschnitte von Tschepigas älteren Reisepass zu gelangen.

Das Foto wies eine enorme Ähnlichkeit zu dem von Petrov auf, den die englische Polizei von dem Verdächtigten veröffentlicht hatte.

► Auch die übrigen Adressdaten konnten mit geleakten Datenbanken verglichen werden. Über den dort gelisteten Geburtsort Nikolajewka konnten die Journalisten eine Verbindung zwischen ihrem Tschepiga und dem Empfänger des hohen russischen Ordens herstellen. 

9. Oktober: Identität des zweiten Verdächtigen kommt ans Licht

► Die Journalisten von “Bellingcat” wollen nun auch die Identität des zweiten Verdächtigen aufgedeckt haben.

Demnach soll es sich bei dem Mann mit dem Decknamen Alexander Petrow, um Alexander Jewgeniewitsch Mischkin handeln. Er soll ebenfalls für den russischen Geheimdienst GRU tätig sein.

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Dem Bericht zufolge sei er auf einer Elite-Militärakademie zum Arzt ausgebildet und bereits während des Studiums vom Geheimdienst angeworben worden sein.

Der voller Report, den die Journalisten in den kommenden Tagen veröffentlichen wollen, soll neben zahlreichen Zeugenaussagen sogar forensische Beweise für die Identität Mischkin enthalten. Der Thriller geht also weiter.

(mf)