POLITIK
10/07/2018 17:10 CEST

Sklaverei und Tod: Politiker erlebt auf Flüchtlingsschiff, wie Europa versagt

"Ein Kameruner hat uns erzählt, wie man ihn dreimal verkauft hat."

  • Ein spanischer Politiker hat Flüchtlinge auf ihrer Odysee von Afrika nach Europa begleitet.
  • Was er zu berichten hat, zeugt von politischer Kälte in Europa und grausamen Praktiken in Libyen.

Javi López ist Europarlamentarier und Mitglied der katalanischen Sozialisten (PSC). Er war dabei, als das Rettungsschiff “Open Arms” Ende Juni mit 60 Flüchtlingen nach seiner Odyssee endlich einen Hafen fand, in dem es einlaufen durfte. 

Der Politiker schilderte der HuffPost noch vom Wasser aus am Telefon, was er und die Flüchtlinge erlebt hatten. Das Schiff der Nichtregierungsorganisation Proactiva Open Arms war erst von Italien und Malta abgewiesen worden, bevor es schließlich im Juli in im spanischen Barcelona anlegen durfte. Begleitet wurde die “Open Arms” der von der “Astral”, unter anderem mit López an Bord.

Er hatte das Schiff am 27. Juni in Malta zusammen mit zwei weiteren Parlamentariern bestiegen, um an einer Beobachtermission in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste teilzunehmen. Dann allerdings hatte die “Open Arms” Schiffbrüchige an Bord genommen. Menschen, die Italien nicht haben wollte.

“Eine Reise mit vielen Hochs und Tiefs”

“Es war eine Reise mit vielen Hochs und Tiefs bei denjenigen, die bis hierher gelangt sind und die voller Hoffnung auf ein neues Leben in Europa blicken”, sagte López.

Folter und Sklaverei

Die 60 von der “Open Arms” Geretteten stammen aus 14 verschiedenen Ländern. “Ich habe persönliche Geschichten von jahrelanger Flucht gehört, und von der Folter, die viele in Libyen erlebt haben. Ein Kameruner hat uns an Bord erzählt, wie sie ihn in diesem Land drei mal verkauft haben. Sklaverei mitten im 21. Jahrhundert. Europa braucht dringend eine Strategie für die Sicherheit in Libyen!” 

Menschliche Gesichter statt Zahlen

Lopéz kritisierte gegenüber der HuffPost insbesondere den italienischen Innenminister und Rechtspopulisten Matteo Salvini. Dieser hatte Migranten in einer beispiellosen Ansprache auf Facebook als “Menschenfleisch” bezeichnet und will inzwischen Italiens Häfen nicht nur für private Hilfsorganisationen, sondern sogar für EU-Marineschiffen mit Migranten an Bord sperren.

“Ich würde mir wünschen, dass die politischen Führungen Antworten finden würden auf dieses Drama, und dass sie hierher kommen würden, um den bloßen Zahlen auch Gesichter zu geben”, sagte López.

“Wir sprechen von Menschenleben. Ich weiß nicht, ob Salvini diese Situation nachempfinden kann aber ich glaube, die Mehrheit der Italiener kann es schon”, sagt der sozialistische Europa-Abgeordnete.

“Wir brauchen dringend Mittel, um die Situation an den europäischen Grenzen auch auf europäischer Ebene gemeinsam zu managen, eine europäische Asylpolitik, sowie einen mittel- und langfristigen Entwicklungsplan in Afrika”, betonte López.

Mehr als 1400 Tote allein in diesem Jahr

So sehr sich die Retter freuten, dass sie die 60 Menschen vor dem Ertrinken bewahrt hatte, so traurig waren sie, dass andere gestorben waren.

Open Arms hatte den italienischen Behörden angeboten, 100 Flüchtlingen auf einem klapprigen Schlauchboot zu Hilfe zu kommen, die einen Notruf abgesetzt hatten. Nach Auskunft der libyschen Behörden hatte die libysche Küstenwache die Situation unter Kontrolle. Dem war nicht so. Dutzende ertranken.

Allein 2018 sind bereits über 1400 Menschen beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, umgekommen.

“Politiker haben diese Menschen als Geiseln genommen”

Viele Politiker in Europa verschärfen ihre Flüchtlingspolitik, während die Zahl der ankommenden Asylsuchenden seit 2015 um 80 Prozent gesunken ist.

“Was für eine Flüchtlingskrise?”, fragte jüngst die “New York Times” auf ihrer Titelseite. 

“Einige europäischen Politiker haben diese Menschen als Geiseln genommen”, sagt Javi López über die Flüchtlinge. “Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Wir erleben hier keine Flüchtlingskrise, sondern eine politische Krise.

López referiert, dass in diesem Jahr etwa 50.000 Menschen nach Europa gekommen seien. “Wir sind ein Kontinent mit 500 Millionen Bürgern, der außerdem noch unter demografischen Problemen leidet. Warum soll es denn da bitte nicht möglich sein, 50.000 aufzunehmen!”

Der Text erschien zunächst auf HuffPost Espagnol und wurde von Veit Lindner aus dem Spanischen übersetzt und bearbeitet.

(tb)