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11/01/2018 18:27 CET | Aktualisiert 11/01/2018 18:54 CET

Wie ein Projekt in Afghanistan Mädchen Selbstbewusstsein verschafft

Eigentlich soll es junge Menschen für Bildung begeistern.

  • Afghanischen Mädchen haben kaum Möglichkeiten, ihre Kindheit zu genießen
  • Ein Skate-Park ist für viele  der einzige Ort, an dem sie sich frei fühlen

Latifa nimmt noch einmal kräftig Schwung. Als sie mit ihrem Skateboard auf ein Hindernis zusaust, lächelt die 13-Jährige. Mühelos fährt sie über den schmalen Metallbogen. Als sie anhält, eilen ihre Freundinnen herbei, um sie mit einer High-Five zu beglückwünschen. Latifa sieht zufrieden aus, richtig stolz sogar.

Für junge Mädchen in Deutschland ist Skateboarden nichts Besonderes. Für Mädchen in Afghanistan, wie Latifa, kommt es einer Revolution gleich.

Denn in Afghanistan ist es Mädchen nicht erlaubt, Sport zu treiben. Es widerspricht der dortigen Auslegung des Koran.

Skateboarden jedoch, ist im Gegensatz zu Fahrradfahren und anderen Sportarten nicht explizit verboten. Und das nutzen die Mädchen aus. Der Sport ist in den letzten Jahren zu einer der beliebtesten Freizeitaktivitäten unter afghanischen Mädchen geworden.

Skateistan
Skateboarden ist eine der wenigen Sportarten, die Mädchen in Afghanistan ausüben dürfen.

Nur 37 Prozent der Mädchen in Afghanistan können lesen

Maßgeblich dafür verantwortlich ist die Nonprofit-Organisation Skateistan. Sie unterstützt die Mädchen darin, den Sport zu lernen und stellt ihnen Skateboards zur Verfügung.

In Kabul haben Skateistan-Initiatoren eine Halle errichtet, wo Mädchen zwischen fünf und 17 Jahren gemeinsam skaten können; in Mazar-e-Sharif, wo die 13-jährige Latifa lebt, gibt es zudem einen Outdoor Skatepark.

“Als Mädchen in Afghanistan zu leben, ist nicht leicht”, sagt Latifa gegenüber der HuffPost. “Jedes Mal, wenn wir durch die Straßen gehen, werden wir belästigt”, berichtet die 13-Jährige.

Deshalb sei es schön, dass es einen Ort gibt, an dem sie sich sicher fühlen könne, an dem sie Sport treiben und etwas lernen kann. “Ich fühle mich hier frei”, erklärt Latifa.

Zwar ist das Zentrum grundsätzlich auch für Jungs geöffnet, doch an bestimmten Tagen stehen die Halfpipes nur den Mädchen zur Verfügung.

Skateboarden ist nicht das Einzige, was die Mädchen in den Jugendzentren von Skateistan lernen. Genau genommen sei es nur ein Lockmittel, um junge Menschen für Bildung zu begeistern, sagte Skateistan-Manager Duncan Buck 2013 in einem Interview mit jetzt.de.

Das Bildungsniveau in Afghanistan zählt zu den niedrigsten weltweit. Im internationalen Vergleich belegt das Land Platz 169 von 187 erfassten Ländern.

Rund 3.5 Millionen Kinder haben keinen Zugang zu Bildung, 85 Prozent davon sind Mädchen. Gerade einmal 37 Prozent von ihnen können in Afghanistan lesen.

“Das liegt vor allem daran, dass es zu wenig Schulen in Afghanistan gibt, vor allem in ländlichen Gebieten”, erklärt Heather Barr von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch der HuffPost.  

Mehr zum Thema: “Ich lasse mir meine Bildung nicht zerbomben” - wie eine syrische Studentin ihre Heimat retten will

Zudem sind viele der vorhandenen Schulen nur für Jungs offen. “Ein weiteres Problem ist jedoch, dass Frauen nicht genug zum Lernen ermutigt werden”, glaubt Barr.

Skateistan
Skateistan bietet Mädchen einen sicheren Ort zum Lernen.

Die Arbeit der Jugendreferenten von Skateistan teilt sich in jeweils eine Stunde Skaten und eine Stunde Unterricht – dieser umfasst alles von Gesundheit und Hygiene, bis zu Umweltschutz und Politik.

Auch in Südafrika und Kambodscha hat Skateistan Skate-Schulen errichtet. Die im afghanischen Mazar-e-Sharif ist jedoch die gefragteste von allen. 672 Jugendliche nutzen das Angebot der NGO regelmäßig.

Bretter, die die Welt bedeuten

Den Gründern von Skateistan geht es nicht nur darum, dass Mädchen die Möglichkeit bekommen, Sport zu treiben. Das Skateboarden soll ihr Selbstbewusstsein stärken und ihnen den Mut verleihen, sich gegen die männerdominierte Gesellschaft und die strengen Regeln zu wehren.

Für ihr Engagement wurde die Jugendorganisation unter anderem mit dem Beyond Sport-Award des UN-Kinderhilfswerks Unicef ausgezeichnet.

“Skateboarden hat mein Leben verändert”, sagt Latifa. “Ich bin dadurch viel mutiger geworden – das gefällt mir.” Jedes Mal, wenn sie sich an einem neuen Kunststück versuche, habe sie Angst hinzufallen. “Aber wenn die Landung glückt, stärkt das mein Selbstbewusstsein enorm.”

Darüber hinaus hilft Skateistan den Jugendlichen dabei, Führungsqualitäten zu entwickeln. Auch Latifa ist Teil dieses “Youth Leader” Programms. Sie assistiert den Lehrerinnen beim Unterrichten, hilft jüngeren Schülerinnen bei ihren Aufgaben und unterstützt Skateistan bei der Organisation von Veranstaltungen.

Einige Absolventen dieses Programms, wie Sabina aus Mazar-e-Sharif, haben sogar einen Schulabschluss geschafft. Heute studiert Sabina Wirtschaft.

Am Ende ist das Skateistans größter Verdienst: Sie bringen die Träume der Jugendlichen ins Rollen. “Ich wünsche mir, dass ich eines Tages an anderen Orten skaten kann, vielleicht sogar in anderen Ländern”, erzählt Latifa der HuffPost.

Mehr über Latifas Geschichte erfahrt ihr in der Doku “Land of Skate”.  Der Kurzfilm zeigt, welche positiven Auswirkungen die Arbeit von Skateistan auf Kinder und Jugendliche hat. Wenn ihr Skateistans Arbeit mit Spenden unterstützen wollt, könnt ihr dies über ihre Webseite tun.

(ks)