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20/05/2018 21:05 CEST | Aktualisiert 20/05/2018 21:05 CEST

In deutschen Städten gibt es zu wenig Sitzbänke: Das müssen wir ändern

Die deutsche Bevölkerung wird im Schnitt immer älter – wäre es dann nicht wichtig, die Anzahl öffentlicher Sitzplätze zu erhöhen anstatt zu verringern?

Foto privat

Nach einem bewegten Leben als Musikerin sowie dreifache Mutter weiß ich, wie viele andere auch, was Rückenschmerzen sind. Deswegen freue ich mich stets über öffentliche Orte, an denen man Platz nehmen und ein wenig ausruhen kann.

Sehr gerne mochte ich die Sitzbank, die auf meinem Heimweg von der Dortmunder Innenstadt nach Hause stand: Hier konnte ich mich nachmittags ein wenig hinsetzen und die Sonne genießen.

Eines Tages aber war die Bank weg. Und meine Fragen begannen.

In jeder Straße sollte es eine Sitzbank geben

Nach ersten Recherchen über das Internet und schließlich mit Hilfe des Quartiersmanagements Dortmund West stellte sich heraus, dass die Bank zum angrenzenden Viertel gehörte und von der zuständigen Bezirksvertretung entfernt worden war.

Die Anwohner hatten sich wohl beschwert, weil die Bank mit Farbe besprüht und ständig vermüllt worden war.

Es stimmt: Der Platz um die Bank herum war wirklich nicht besonders sauber gewesen. Oft hatten sich hier Obdachlose oder Herumtreiber aufgehalten, manchmal auch betrunkene Fußballfans, die sicherlich noch dazu für Lärm gesorgt hatten.

Aber: Auch diese Menschen gehören zum Stadtbild dazu.

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Selbst wenn wir sämtliche Sitzgelegenheiten demontieren, an denen sich auf den ersten Blick unangenehme oder laute Menschen aufhalten, lösen sich diese ja nicht in Luft auf.

Wenn wir Bänke wegschaffen, entfernen wir nicht automatisch alle Probleme, die wir mit ihnen in Verbindung bringen.

Auch ältere Menschen müssen am öffentlichen Leben teilnehmen dürfen

Außerdem gibt es meiner Meinung nach generell zu wenige öffentliche Sitzgelegenheiten. 

Mit der Entfernung der Bank, die auf meinem Heimweg lag, wurde nicht nur älteren Menschen die Gelegenheit genommen, auf dem Weg von der Innenstadt nach Hause Halt zu machen, um die müden Beine auszuruhen oder einmal kurz die schweren Einkaufstaschen abzustellen.

Auch kann sich nun niemand mehr dort hinsetzen, um die Sonne zu genießen oder das Stadtleben zu beobachten.

Die deutsche Bevölkerung wird im Schnitt immer älter – wäre es dann nicht wichtig, die Anzahl öffentlicher Sitzplätze zu erhöhen anstatt zu verringern?

So ließe sich dafür sorgen, dass auch ältere Menschen wieder stärker am öffentlichen Leben teilnehmen könnten.

► Inspiriert von diesem Vorfall habe ich das Projekt “Jeder Straße Ihre Bank“ ins Leben gerufen.

Ich fing an, im Online-Forum nebenan.de und bei Facebook meine Projektidee zu posten und Vorschläge von Usern entgegenzunehmen, wo man im Dortmunder Kreuzviertel Sitzgelegenheiten schaffen könnte.

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Dabei fiel mir auf: Hier herrscht Diskussionsbedarf. So schrieb zum Beispiel der User Michael T. im Forum nebenan.de:

“Liebe Marie W., das ist eine sehr gut Initiative. Ich muss zwar nicht sitzen, aber ich finde es prima, wenn Leute den öffentlichen Raum nutzen, da sind, sich sichtbar machen und so öffentliches Leben weiter ermöglichen.”

Warum Sitzgelegenheiten an öffentlichen Plätzen so wichtig sind

Die Vorteile, die allgemein benutzbare und sinnvoll verteilt in einem Bezirk aufgestellte Sitzgelegenheiten bringen, liegen auf der Hand:

► Gerade älteren Menschen stellen sie einen Platz zum Verschnaufen bereit und erhöhen die Chance, länger aktiv am Stadtleben teilzunehmen.

► Auch bieten sie oft Sonne und Erholung für die Anwohner, denen doch vielfach kein eigener Balkon oder Garten zur Verfügung steht.

► Zusätzlich bringen Sitzbänke wieder mehr Leben in die Öffentlichkeit.

Dass es sich lohnt, in den Ausbau von fußgängerfreundlichen Strukturen zu investieren, zeigt sich am Beispiel der Stadt Kopenhagen.

“In Kopenhagen beobachten wir seit Jahren eine Wiederauferstehung einer Kultur des öffentlichen Lebens”, erzählt Stadtplaner Jan Gehl. “Die Menschen erleben die Stadt wieder viel bewusster und ziehen sich nicht unmittelbar nach Feierabend in ihre eigenen vier Wände zurück.”

Mehr Bewegung und mehr Zeit an der frischen Luft haben nicht nur zu einer größeren Zufriedenheit der Bevölkerung geführt – die dänische Hauptstadt gilt als eine der lebenswertesten Metropolen der Welt.

Sie sind auch gesundheitsfördernd: “Krankenkassen verzeichnen eine positive Auswirkung auf die Gesundheit ihrer Kunden. Die Menschen in Kopenhagen sind seltener krank”, so Gehl.

Der Rückzug bürgerlicher Menschen schadet der Stadt

Aber nicht alle Stadtbewohner empfinden wie Michael T. Über das Stichwort “Sitzbänke“ treten ganz stark die Sorgen und Ängste der Anwohner zutage: Ziehen mehr öffentliche Sitzgelegenheiten mehr unerwünschtes Publikum an?

Kommen dann vermehrt Obdachlose, johlende Jugendliche oder Flüchtlinge zu uns? Sitzen auf Bänken gar hauptsächlich Menschen, die sonst nichts Besseres zu tun haben, Arbeitslose?

Meine Meinung dazu ist: Auch alle kritisch beäugten Menschen im öffentlichen Raum sind realer Bestandteil einer Stadt. Im Endeffekt befinden sie sich nicht nur dort, wo es Sitzbänke gibt – und verschwinden nicht, wenn die Sitzbänke verschwinden.

Auch werden Orte nicht automatisch sauberer, wenn man Sitzgelegenheiten entfernt.  

Das ist mir auch schon auf dem Platz aufgefallen, von dem die Bank entfernt wurde, die mich schließlich zu meinem Projekt inspirierte: Denn der Platz, an dem in meiner Gegend früher die nun verschwundene Sitzbank stand, ist nun erneut verschmutzt.

Mir ist wichtig, deutlich zu machen, dass Sitzbänke als Synonym stehen können für die Entscheidung eines Stadtteiles, einer Stadt oder eines Landes, sich erneut als eine Gemeinschaft zu definieren, in der Vielfältigkeit Raum hat.

Dann können auch Menschen verschiedenen Alters und verschiedener Einkommensklassen, Bildungsgrade, Religionen, Ethnien und Herkünfte ihren Platz im öffentlichen Leben finden.

Wir brauchen Orte der Begegnung

Wer von diesen Ideen noch nicht überzeugt ist, den möchte ich zumindest wieder an die “Allgemeine Erklärung der Menschenrechte” erinnern. Unter anderem schreiben diese fest: 

ein “Recht auf Versammlungsfreiheit” (Artikel 20),

ein “Recht auf Erholung” (Artikel 24)

und “ein “Recht auf Beteiligung am kulturellen Leben” (Artikel 27)

Umso mehr freute ich mich, dass die rot-grüne Koalitionsregierung im Stadtteil Dortmund Innenstadt West im Rahmen der Anwohnerfragestunde das Projekt “Jeder Straße ihre Sitzbank“ angenommen hat, die Bezirksvertretung also mehrheitlich dem Aufstellen von mehr Sitzbänken im Viertel zustimmte.

Als erster Schritt im Projekt wird eine Sitzbank die bereits vorhandenen Pläne zur Neugestaltung einer Straße vor einer Schule ergänzen.

Mit meinem Projekt möchte ich dazu anregen, sich Gedanken zu machen über das Älterwerden und die Bedürfnisse, die dann erfüllt sein müssen, um möglichst lange am öffentlichen Leben teilnehmen zu können.

Auch bockigen oder übermütigen Kindern, lärmenden Jugendlichen, herumsitzenden Biertrinkern, johlenden Fußballfans oder herumstreunenden Obdachlosen mehr Toleranz entgegenzubringen.

Und vielleicht benötigen wir, die ordentlichen und unauffälligen Durchschnittsbürger, eines Tages auch einmal das Verständnis und die Hilfe anderer Menschen.

Und schließlich glaube ich, dass es an der Zeit ist, in unserer Gesellschaft einen Richtungswechsel vorzunehmen und wieder mehr an die Gemeinschaft zu denken. Sitzbänke sind nicht nur Orte zum Sonne- oder Krafttanken, sondern ganz besonders: Orte der Begegnung.

(amr)