POLITIK
26/06/2018 10:18 CEST | Aktualisiert 27/06/2018 15:53 CEST

“Europa geht über Leichen”: Flüchtlingsretter dürfen nach 5 Tagen anlegen

An Bord der "Lifeline" soll mittlerweile sogar die Krätze ausgebrochen sein.

dpa / HuffPost

Axel Steier ist gerade aufgestanden. Aber die Wut ist in dem Vorsitzenden und Mitbegründer der Rettungsorganisation Mission Lifeline bereits voll entfacht: “Die Situation ist äußerst prekär”, sagt Steier der HuffPost. “Ich fürchte, dass Europa über Leichen geht.”

Denn das Rettungsschiff der Dresdner Organisation wartet seit nunmehr fünf Tagen in der Nähe von Malta mit 234 geretteten Flüchtlingen auf die Zuweisung zu einem Hafen.

Aber Malta fühlt sich nicht zuständig, Italiens rechtspopulistische Regierung blockiert seine Häfen derzeit für private Rettungsorganisationen. Und nun hat auch Spanien, das sich zuletzt noch offen zeigte, der “Lifeline” abgesagt. 

Doch wie ist die Situation an Bord? Und wie soll es nun weitergehen?

Hintergrund:

  • Viele Migranten aus ganz Afrika wollen die Lager in Libyen verlassen, da sie dort Folter, Versklavung und Misshandlungen ausgesetzt sind.
  • Italiens rechter Innenminister Matteo Salvini setzt sich afür ein, dass die Flüchtlinge auf dem Meer in das Bürgerkriegsland zurückgebracht werden – beziehungsweise erst gar nicht nach Libyen hineinkommen.
  • Das nicht allzu weit weg gelegene Tunesien ist für die Retter als Hafen keine Option, da sie das Land nicht als sicher ansehen. Die dortige Regierung lehnt es zudem ab, Flüchtlinge aufzunehmen.
Felix Weiss/Mission Lifeline/dpa
Flüchtlinge auf dem Rettungsschiff "Lifeline" der Hilfsorganisation Mission Lifeline. 

“Im Moment zählen Menschenleben wohl nichts”

Die Lage auf dem Schiff spitzt sich derzeit immer weiter zu. “Heute Nacht mussten wir einen lebensgefährlich erkrankten Patienten evakuieren”, erklärt Steier.

An Bord sei mittlerweile sogar die Krätze ausgebrochen sein, berichtete die Grünen-Politikerin Luise Amtsberg der “Taz”. Die Lage könnte deshalb für die deutsche Besatzung und für die Flüchtlinge lebensgefährlich werden, betonte der Grünen-Parlamentarier Manuel Sarrazin nach einem Besuch auf dem Schiff. Nach seinen Angaben sind 17 deutsche Besatzungsmitglieder an Bord. “Die Menschen sitzen dicht gedrängt an Bord.”

► Dazu kommt: Viele der Geretteten sind seekrank und unterernährt, an Bord befinden sich vier kleine Kinder im Alter unter drei Jahren sowie zahlreiche Vergewaltigungs- und Folteropfer. Am Montag habe es anderthalb Meter hohe Wellen gegeben, am Dienstag sollen sie sogar zwei Meter hoch steigen, berichtet Vereinschef Steier.

“Im Moment zählen Menschenleben wohl nichts”, sagt er angesichts der ausweglos erscheinenden Situation. “Die Flüchtlinge an Bord müssten eigentlich alle in Krankenhäuser.” Steier sei “fassungslos”, welche Kälte die europäische Politik zeigt.

Der Kapitän habe seit Tagen keine Anweisungen mehr erhalten, auch nicht aus Ländern wie Libyen, wo die Migranten abgelegt hatten. Mit der Verzögerungstaktik riskiere man, dass die Lage “eskaliert”, erklärte Grünen-Politiker Sarrazin.

Allerletzte Chance: Seenotsignal

Das sieht auch Steier von Mission Lifeline genauso. Anscheinend wolle man ein “Exempel an den Menschen statuieren”.

► Seine Organisation erwägt nun, vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg zu klagen. “Wir sind an dem Punkt angelangt, wo wir Beweise an Bord sammeln. Mittwochmorgen könnten wir die Klage einreichen, damit wir am Nachmittag in einen Hafen einfahren können”, sagt Steier.

Als wirklich allerletzte Maßnahme bliebe dann nur noch, dass der Kapitän ein Seenotsignal auslöst – mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen für ihn und die Crew.  

► Immerhin: Das dänische Containerschiff “Alexander Maersk” bekam am Montagabend die Erlaubnis, in den Hafen von Pozzallo auf Sizilien einzufahren. Das Schiff hatte in der Nacht zu Freitag rund 110 Migranten gerettet und wartete seitdem auf ein Lande-Erlaubnis.

Zuvor wollte die riesige “Alexander Maersk” der “Lifeline” Windschutz geben, erzählt Steier. Doch selbst das lehnte die Seenotrettungszentrale in Rom ab. 

Mit Material von dpa.

Update, 26. Juni, 14 Uhr: Das Rettungsschiff “Lifeline” darf nach Aussagen der italienischen Regierung nun doch in Malta anlegen. Er habe mit dem maltesischen Premierminister Joseph Muscat telefoniert, erklärte Ministerpräsident Giuseppe Conte am Dienstag. 

(mkl)