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22/09/2018 15:48 CEST | Aktualisiert 22/09/2018 15:48 CEST

Sinnstiftend: Warum wir einen handwerklichen Zugang zur Welt brauchen

xefstock via Getty Images

„Handwerk ist die Dreieinigkeit der Hand, des Herzens und des Kopfes.“ Richard Sennett

Der Philosoph Ralph Waldo Emerson sagte, dass uns die Frage nach der Schönheit weg von den Oberflächen und hin zum Nachdenken über die grundlegenden Eigenschaften der Dinge führe. Gute Arbeit beschäftigt sich mit ihrem Zweck, dem Kontext und der Abläufe. Sie beruht auf der Hingabe an eine Aufgabe und verwandelt gewöhnliche Dinge in anmutige „Werke“. Kilian Schumm hat sich vor einiger Zeit unter dem Namen seines Urgroßvaters selbstständig gemacht. Er führt in Bamberg ein Geschäft für Besen und Bürsten mit eigener Werkstatt weiter, das Heinrich Nickles 1907 gründete. Nach dem Tod des Großvaters suchte der Enkel nach etwas, das ihn erfüllt. Wie viele Menschen spürte er die Berufung nach einem besseren Dasein. An seinem Beispiel zeigt sich, dass es heute darum geht, die Möglichkeiten zu erkennen, das Neue mit dem Alten zu verbinden, um sinnvolle Wege der Herstellung von Dingen zu entwickeln.

Als Kind schaute er dem Großvater zwar über die Schulter, aber wirklich interessiert hatte ihn das Handwerk nicht. Er studierte Tontechnik und Medieninformatik, weil er Programmierer in einem Tonstudio werden wollte. Schließlich arbeitete er in einer Softwarefirma in Köln. Die Routine und Vielfahrerei zwischen seiner Heimat Bamberg und Köln frustrierte ihn allerdings bald, wie er dem Wirtschaftsmagazin brand eins mitteilte.

Der Großvater starb 2010. In seinem Testament koppelte er Ladenwerkstatt und Wohnung aneinander. Durchdrungen von Optimismus entscheid sich Kilian Schumm, den Beruf als Programmierer aufzugeben, weil er sich damit nie identifizieren konnte. Er belegte einen Buchhaltungskurs in der Volkshochschule, besuchte Marketingseminare und ließ sich von der Handelskammer beraten. In einer Regensburger Werkstatt wurden ihm die wichtigsten Handgriffe des Bürsten- und Besenmachens beigebracht. Auch von Familienangehörigen lernte er durch Schauen, Beobachten, Denken, Üben und Ausprobieren.

Handarbeit ist heute die Basis seines Geschäftsmodells. Selbst zu fertigen beweist für ihn Kompetenz. Er demonstriert es bei Werkstattführungen, die mittlerweile zum Programm der örtlichen Volkshochschule zählen. Auch Vereine und Unternehmen buchen das Angebot. Mittlerweile wird ein Drittel des Umsatzes mit Touristen. Früher arbeitete er als Programmierer für Kunden mit Webshops und machte die Erfahrung, dass Onlinehandel „Riesenaufwand und Riesenkonkurrenz“ bedeutet. Er würde – selbst wenn er bei den Großen andockt – untergehen. Deshalb setzt er weiter auf den kleinen Laden als Hauptvertriebskanal.

Vieles kann nebeneinander gut bestehen und dient der Vielfalt der Nachhaltigkeit. Wer die guten alten Dinge in Onlineshops wie Manufactum oder der memo AG kauft, hat auch einen Blick dafür in der analogen Welt. Es geht um die Wertschätzung des Handwerks in allen Lebensbereichen, die nachhaltig miteinander verbunden sind. So sind im Nachhaltigkeitsportal memolife Bürsten zu finden, deren Körper aus heimischem und gewachstem Buchenholz besteht. Die Borsten sind aus rein pflanzlichem Sisal. Sie werden in sorgfältiger Handarbeit in einem kleinen Familienbetrieb in Bayern hergestellt. Auch Möbelpinsel und Reinigungsbürste mit Natur-Fibreborsten sowie Besen mit reinen und robusten Borsten aus Kokosfasern und Kokos-Handfeger sind hier erhältlich. Hergestellt wird er wie die Tisch- und Tastaturbürsten, die aus rein natürlichen Materialien gefertigt und CO2-neutral entsorgt werden können, in Thüringen.

Im Gegensatz zu den Onlineanbietern arbeitet Schumm wie sein Großvater ausschließlich auf Bestellung. Vieles wird hinzugekauft, denn die Eigenproduktion beträgt nur zwei Prozent des Umsatzes. Sie soll künftig aber wachsen. Gearbeitet wird mit Maschinen aus den Dreißiger- und Fünfzigerjahren wie zu Großvaters Zeiten. Was wie Retro-Stil aussieht, ist bei Bürsten Nickles original.

Geführt werden in dem kleinen Laden Bürsten für Biotonnen, Fahrradfelgen, Melkmaschinen, Besen für Straßen, Schnee und Staub. Zwischen 300 und 400 Modelle werden angeboten. Angeboten werden aber auch Pinsel, Putzutensilien, Reinigungsmittel und Körperpflege-Artikel. Im Fokus stehen dabei Spezialmarken kleiner Hersteller aus der Region. Auch aktuelle Entwicklungen, die zu den Kernprodukten passen, werden von ihm und anderen Manufakturen aufgegriffen: Mit den boomenden Barbershops ist auch der Trend zur aufwendigen Nassrasur und zum teuren, stylischen Rasierpinsel verbunden. So erlebt die Manufaktur „Mühle“, die seit über 70 Jahren in Hundshübel im Erzgebirge Rasierpinsel in Handarbeit herstellt, gerade eine große Nachfrage bei Dachshaar-Pinseln.

„Sinn für schöne Dinge und für langlebige Produkte aus Naturmaterialien“, beschreibt Schumm seine neue Zielgruppe. Aber auch die Stammkunden, die aus alter Verbundenheit hier bestellen, werden nicht vernachlässigt. Zu weiteren bekannten Unternehmen gehört das Bürstenhaus Redecker in Versmold, die Mürwiker Werkstätten GmbH in Flensburg und die Bürstenmacherei Reinke in Alpirsbach.

Um zu verstehen, wie Dinge funktionieren, müssen wir sie machen. Nicht jeder kann in einer eigenen Werkstatt wirken oder ein Geschäft führen – doch danach streben, ein guter Handwerker des Lebens zu werden im Sinne des Designers Alan Moore, ist möglich - „von Natur aus neugierig auf die Welt, in der wir leben, und auf die Mittel, mit denen wir dazu beitragen können, sie zu verbessern.“

Weiterführende Literatur:

Alan Moore: Design. Warum das Schöne wichtig ist. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2018.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Dinge des Lebens im Zeitalter der Digitalisierung. Beide in: Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag, Heidelberg Berlin 2017.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Von Lebensdingen: Eine verantwortungsvolle Auswahl. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

Visionäre von heute – Gestalter von morgen. Inspirationen und Impulse für Unternehmer. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Neumüller. SpringerGabler Verlag 2018.