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20/12/2018 20:36 CET | Aktualisiert 21/12/2018 09:12 CET

Sie entkam mit 11 der Kinderehe – heute kämpft Nada für Gerechtigkeit für alle Mädchen

Nada al-Ahdal entkam nur knapp einem grausamen Schicksal, wie es im Jemen viele junge Mädchen erleiden.

Nada al-Ahdal steht auf dem Rollfeld des Flugplatzes von Al-Ghaydah im Osten des Jemens. Der Motor des kleinen Propellerflugzeugs der saudischen Armee hinter ihr macht einen Höllenlärm, sonst wäre es wohl vor allem der Auslöser der Kameras ihres Onkels, dessen Geräusch die Mittagsruhe erfüllen würde.

Nada ist 15 Jahre alt, sie trägt eine schwarze Abaya, ein in der Region typisches Gewand mit schwarzem Kopftuch, das den Blick auf ihr rundliches zartes Gesicht großzügig freigibt. “Aus Respekt vor der Kultur“, sagt sie.

Gerade ist eine Delegation der saudischen Regierung im Jemen gelandet, dazu eine Traube von Journalisten. Eigentlich soll es um ein Hilfsprogramm Saudi-Arabiens im Bürgerkriegsland gehen. 

Lennart Pfahler

 

Doch die Blicke richten sich vor allem auf Nada. Mit ihren nur fünfzehn Jahren ist sie eine Art Popstar. Doch nicht mit Musik oder Schauspielerei hat sie es zu Bekanntheit gebracht – sondern durch ihren Einsatz für Menschenrechte.

“Dann bringe ich mich um”

Nada wird im Jahre 2003 in Zabid, im Westen des Jemens geboren. Es ist eine ländliche Gegend im Bezirk Hudaida, die Menschen hier sind konservativ, religiös – und in vielen Fällen arm. 

Im Jahr 2013 wird die damals 11-Jährige schlagartig international bekannt. Bei Youtube veröffentlicht sie ein Video, das später sogar von CNN und Nachrichtensendern in aller Welt gezeigt werden wird. Über 6 Millionen Views sammelt der rund zweieinhalbminütige Clip alleine in drei Tagen.

 

Der Grund: Nada, sie trägt die Haare damals offen, berichtet von ihrer bevorstehenden Zwangsheirat. “Da wäre ich tot besser dran“, sagt sie. “Mach nur, verheirate mich. Dann werde ich mich umbringen.“

Sie erzählt auch von ihrer Tante, die mit 14 Jahren verheiratet worden sei. Sie habe sich daraufhin mit Benzin übergossen und selbst angezündet. Es sind Sätze, die Gänsehaut auslösen – und ein gewaltiges Medienecho.

Zwei von drei Mädchen werden Opfer

Dezember 2018: Nada spricht vor Schulkindern in Al-Ghaydah. Saudi-Arabien hat gerade fast 200.000 Schulbücher für die Region bereitgestellt, die 15-Jährige soll die Spende feierlich besiegeln.

Es ist eine emotionale Ansprache, das Mädchen kämpft kurz mit den Tränen. Wieder klickt die Kamera ihres Onkels. Nada sagt der HuffPost: “Das war sehr emotional. Es ist schön zu sehen, dass die Mädchen hier eine Chance bekommen.”

Auch Nada bekam ihre Chance – zunächst floh sie vor ihren eigenen Eltern zu ihrem Onkel. Nachdem ihr Video im Jahr 2013 um die Welt ging, schalteten sich die jemenitische Regierung und eine Mediatorin ein. 

Den 26-Jährigen, der sie zur Frau nehmen wollte und dafür Berichten zufolge rund 2000 US-Dollar bot, heiratete sie nicht. Stattdessen söhnte sich die Familie aus – und zog zusammen in die Hauptstadt Sanaa. 

Seither kämpft Nada mit ihrem Onkel gegen die im Jemen weit verbreitete Tradition der Kinderehe, laut der UN werden zwei von drei Mädchen hier verheiratet, bevor sie 18 Jahre alt sind.

Nada hat eine Stiftung gegründet, spricht mit Politikern und hält Vorträge. Einige bezeichnen sie bereits als jemenitische Malala. Ihre Augen glänzen dann. “Ich liebe Malala. Sie ist so stark.”

 Zweifel an Nadas Geschichte

Schon im Jahre 2013 gibt es jedoch auch Zweifel an Nadas Geschichte. Während konservative Kreise im Jemen aus offensichtlichen Gründen Stimmung gegen die 11-Jährige machen, stufen auch zwei renommierte Menschenrechtsorganisationen Teile ihres Narratives als unglaubwürdig ein.

Als gesichert gilt, dass ein Mann Geld bot, um Nada zu heiraten. Unklar ist, ob ihre Eltern je beabsichtigten, sie zu verkaufen.

Auch die Eloquenz des kleinen Mädchens wirft Fragen auf: Steckt hinter ihren Sätzen vielleicht doch nicht Verzweiflung, sondern Kalkül?

“Es ist sehr schwer einzuschätzen, wie weit dieses Video eine reelle Situation darstellt, da das Mädchen sehr reflektiert und fast wie eine Erwachsene spricht”, sagte Jan Kizilhan, Freiburger Psychologieprofessor und Ethnologe damals der “Zeit”.

Lennart Pfahler

 

Wer Nada trifft, versteht, was Kizilhan meint. Selbst im Smalltalk gibt sie sich wortgewandt, fast, als würde sie ständig eine Rede vor der UN halten. Nada erklärt dann etwa: “Der Grund für das Problem mit den Kinderehen sind Rückständigkeit und Ignoranz.”

Wäre es nicht für ihre zierliche Statur, man hätte in diesen Momenten keine Ahnung, dass hier ein 15-jähriges Mädchen spricht.

“Ich werde mein ganzen Leben kämpfen”

Eines ist über alle Zweifel erhaben: Die Arbeit, die Nada mit ihrer Stiftung für die rechte junger Mädchen im Jemen, verrichtet. So hat die 15-Jährige etwa ein Programm ins Leben gerufen, um Kindern, die vor dem Krieg in ihrer Heimat fliehen mussten, Englisch beizubringen und ihnen Zugang zu höherer Bildung zu ermöglichen.

Nada sagte der HuffPost: “Ich werde jetzt mein ganzes Leben und jede Minute versuchen, andere Mädchen zu retten und ihnen zu Bildung zu verhelfen. Ich hoffe, ihr seid an meiner Seite!”  

Hinter ihr geht da gerade die Sonne unter.

Vor ihr – so scheint es – geht sie gerade erst auf. 

HuffPost

Dieser Beitrag ist Teil des HuffPost-Adventskalenders. Hier stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, der uns durch seine besondere Geschichte Mut macht. Alle Beiträge findet ihr hier.