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23/03/2018 21:21 CET | Aktualisiert 24/03/2018 09:01 CET

Missbrauch: Mein Stiefvater hat mich vergewaltigt, als ich ein Kind war

Ich spüre noch immer seine dreckigen Hände auf mir.

Das Video oben erzählt eine andere Geschichte: Ein 54-Jähriger plante eine 5-Jährige sexuell zu missbrauchen – im Hotelzimmer wartete eine Überraschung auf ihn

Ich bin als Kind Opfer von sexuellem Missbrauch geworden. Um es genauer und brutaler auszudrücken, hat mein Stiefvater mich im Alter zwischen sieben und elf Jahren mehrmals pro Woche vergewaltigt.

Ich verwende das Wort “Vergewaltigung” sehr bewusst. Sexueller Missbrauch in der Kindheit ist ein ziemlich weiter und nichts-sagender Begriff. Jemanden zu fragen: “Was sollen wir gegen sexuellen Missbrauch an Kindern unternehmen?”, klingt sehr viel weniger eindringlich, als die Frage:

► “Was sollen wir dagegen tun, dass all diese Kinder vergewaltigt werden?”

Er machte seine Hose auf und masturbierte vor mir

Meine Familie hat mir erzählt, dass ich ein glückliches, aufgeschlossenes Kind war, bevor der Missbrauch begann.

Ich lachte gerne. Ich spielte gerne. Ich sang und tanzte gerne zu meinem Lieblingslied, dem “Quietschentchen-Song” aus der “Sesamstraße”.

Ich kann mich an dieses Kind überhaupt nicht mehr erinnern. Ich habe keinerlei Verbindung mehr zu ihm. Dieses Kind bin nicht ich. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mich jemals derart frei gefühlt hätte.

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Ich erinnere mich an den Tag, an dem meine Mama mich mit einem der Playboy-Magazine meines Stiefvaters Harold erwischte. Ich sah mir dieses Heft nicht an, weil ich irgendwelche sexuellen Gefühle hatte. Ich war sieben Jahre alt und wusste nicht einmal, was Sex überhaupt ist.

► Ich sah mir das Magazin aus dem Grund an, aus dem viele kleine Kinder bestimmte Dinge tun: Weil ich es eigentlich nicht tun sollte.

Meine Mama war jedoch schockiert. Und so beschloss sie, dass Harold sich mit mir hinsetzen und ein “ernstes Gespräch” mit mir führen sollte.

Ich erinnere mich noch immer an diesen Tag, als ob es erst gestern passiert wäre. Harold nahm mich mit in das Schlafzimmer meiner Eltern in unserem Haus in der High Street in Clinton, Massachusetts.

Ich sollte mich auf die Bettkante setzen. Er machte seine Hose auf und begann, vor mir zu masturbieren. Er griff nach meiner Hand und zwang mich dazu, ihn anzufassen. Als er ein paar Minuten später ejakulierte, sagte er zu mir: “Das ist das Zeug, mit dem man Babys macht.”

► So wurde ich über Sex aufgeklärt. Und als ich ein paar Wochen später zum ersten Mal Sex hatte, dachte ich, es sei eine Bestrafung.

Ich spüre noch immer seine dreckigen Hände auf mir

Harold arbeitete als Hausmeister an meiner Schule, an der St. John’s Catholic School. Er nahm mich oft an den Wochenenden mit zur Arbeit, weil ich ihm dabei helfen sollte, bestimmte Aufgaben zu erledigen, bevor die Schule am Montag wieder begann.

Diese Wochenenden haben mich bereits traumatisiert – bevor er anfing, mich zu vergewaltigen. Den Großteil des Tages über sagte er mir immer wieder, wie dumm und nutzlos ich war. Und er schrie mich jedes Mal an, sobald ich auch nur den allerkleinsten Fehler machte.

► An dem Tag, an dem er mich zum ersten Mal vergewaltigte, fing alles ganz normal an.

Wie immer schimpfte er mich, weil ich wieder einmal einen Fehler gemacht hatte. Doch es dauerte nicht lange, da drückte er mich in seinem kleinen Büro im Keller auf den Schreibtisch. Anschließend riss er mir meine Schuhe, Socken, Hose und Unterhose vom Leib und begann, mich zu vergewaltigen.

Ich kann noch immer seine dreckigen Hände auf mir spüren. Ich habe noch immer den Geruch von seinem Aftershave “Old Spice” in der Nase. Ich kann noch immer den Schmerz in meinem Körper spüren.

Er terrorisierte mich so lange, bis ich schwieg

Natürlich war das nicht wirklich das erste Mal, dass ich Sex hatte. Denn ich hatte keinen Sex ― ich wurde vergewaltigt. Das ist ein Unterschied. Das Problem ist, dass ich damals erst 7 Jahre alt war und diesen Unterschied nicht kannte.

Der Ausdruck “Grooming” wird häufig im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch an Kindern verwendet. Wenn jemand versucht, durch Geschenke, Versprechungen oder zarte Worte an Sex zu kommen, wird es “Grooming” genannt.

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Auch ich wurde Opfer eines solchen “Groomings”. Oder besser gesagt hat mein Stiefvater mir beigebracht, gefügig zu sein und meinen Mund zu halten.

Er terrorisierte mich so lange, bis ich schwieg. Und darüber hinaus redete er mir ein, dass die Leute denken würden, dass irgendetwas an mir schrecklich falsch sei, wenn ich etwas sagen würde.

Und dass man mich dann für immer wegschicken würde. Deshalb hielt ich meinen Mund. Und ich schaute auch niemandem mehr in die Augen, weil ich Angst hatte, dass irgendjemand das Kranke in mir erkennen würde. Und dass man mich dann wegsperren würde.

► Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat hielt ich meinen Kopf nach unten geneigt. Und ich schwieg, während ich immer wieder vergewaltigt wurde.

Es passierte sowohl in der Schule, als auch zu Hause. Meine Mutter arbeitete in der mittleren Schicht in einer Buchbinderei-Fabrik. Deshalb war Harold an den meisten Abenden mit mir und meinen vier Geschwistern allein zu Hause.

► Er konnte mich mit ins Schlafzimmer nehmen und alles mit mir tun, was er wollte. Er konnte mich mit ins Bad nehmen und alles mit mir tun, was er wollte.

Mein Hilferuf war ein kleiner Zettel

Die schreckliche Angst, die ich aufgrund dieser Erlebnisse entwickelte, machte mich auf dem Schulhof zur Zielscheibe. Ich wurde gehänselt und verspottet. Die anderen Kinder taten, was sie konnten, um dieses komische Kind, das niemals etwas sagte und das immer auf den Boden blickte, zu provozieren.

Und wenn gar nichts davon wirkte, warfen sie mich auf den Boden und schlugen mich. Und dennoch hielt ich meinen Kopf weiterhin nach unten geneigt und schwieg.

Doch jeder Mensch kann Schmerzen und Traumata nur bis zu einem gewissen Grad ertragen. Irgendwann bricht er dann doch zusammen und schreit so gut er kann um Hilfe.

► In meinem Fall war dieser Hilferuf ein kleiner Zettel, auf den ich kritzelte: “Papa zwingt mich dazu, mit ihm die Dinge zu tun, die du auch mit ihm im Bett machst.”

Ich schob den Zettel unter der Tür zum Schlafzimmer meiner Mutter hindurch, während sie ein Nickerchen hielt.

Harold war zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause. Als meine Mutter aufwachte und den Zettel las, packte sie mich sofort. Sie fragte mich, ob das, was ich geschrieben hatte, stimmte. Ich nickte kleinlaut mit dem Kopf, dass es stimmte.

Der Missbrauch dauerte damals schon ein ganzes Jahr lang an. Sie verriegelte das Kettenschloss an der Haustür. Als Harold nach Hause kam, schrie sie ihn an, dass sie wüsste, was er tat.

► Und sie sagte ihm, dass er nie wieder in die Nähe von ihr oder von uns Kindern kommen sollte.

Harold brüllte: “Du kannst mich nicht aus meinem eigenen Haus aussperren!”, und trat die Haustür ein. Ich versteckte mich in meinem Zimmer und sperrte die Tür zu. Ich saß auf dem Bett und schaukelte vor und zurück.

Ihr hörte sie brüllen und schreien. Plötzlich erklang ein riesiger Knall und ich hörte, wie meine Mutter schluchzte. Kurz darauf hörte ich erneut die Haustür zuknallen. Harold ging. Und ich hoffte, er würde für immer verschwinden.

Wenn er mich missbrauchte, verließ ich meinen Körper

Doch unerklärlicherweise schickte meine Mutter mich dennoch immer wieder zu Harold zurück, damit er gelegentlich “die Kinder besuchen konnte”. Und so ermöglichte sie es ihm, mich noch drei weitere Jahre lang vergewaltigen zu können.

Der Schmerz und das Trauma wurden irgendwann so groß, dass ich begann, mich davon abzuspalten. Wenn er mich missbrauchte, verließ ich meinen Körper.

Ich ging in meinem Geist an einen anderen Ort, weil ich dieses Erlebnis ansonsten nicht überlebt hätte. Und deshalb kann ich mich auch nicht mehr genau daran erinnern, warum Harold aus meinem Leben verschwand, als ich elf Jahre alt war. Er war plötzlich einfach weg. 

Meine Mutter wurde selbst als Kind sexuell missbraucht

Ich konnte erst anfangen, die einzelnen Puzzleteile aneinanderzureihen, als meine Mutter im Jahr 2010 an Lymphknotenkrebs starb. Damals erfuhr ich von ihrer Schwester, meiner Lieblingstante, dass meine Mutter als Kind selbst sexuell missbraucht worden war.

Wie viele Opfer wurde auch sie sehr passiv-aggressiv. Manchmal schaffte sie es, für sich selbst einzustehen. Doch dann wiederum ließ sie sich von Tätern wie Harold allzu leicht einwickeln.

Kurz bevor sie verstarb, saß ich am Bett meiner Mutter. Und plötzlich sagte sie völlig aus dem Blauen heraus zu mir: “Es tut mir leid.”

Ich hatte jahrelang darauf gewartet, dass meine Mutter sich dafür entschuldigen würde, dass sie mich immer wieder zu meinem Vergewaltiger zurückgeschickt hatte.

Doch sie schien in dem Moment im Delirium zu sein und sie wirkte total verwirrt. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob sie überhaupt wusste, was sie da gerade sagte. Doch immerhin etwas.

► Ich nahm ihre Entschuldigung an und antwortete ihr: “Es muss dir nicht leidtun, Mama. Ich liebe dich und ich weiß, dass du das Beste getan hast, was du tun konntest.”

Ob meine Mutter jemals ein Machtwort gesprochen hatte und Harold endgültig zum Teufel geschickt hatte, werde ich wohl niemals herausfinden. 

“Schließlich war ich körperlich und seelisch am Ende. Ich wurde von Alpträumen, Erinnerungsfetzen und Panikattacken verfolgt. Ich begann, Alkohol zu trinken, um die ständig wiederkehrenden Erinnerungen an den Missbrauch zu betäuben. Mit 13 Jahren war ich ein richtiger Alkoholiker.”

Ich wollte die Erinnerungen an den Missbrauch betäuben

Als der Missbrauch im Alter von 11 Jahren endlich aufhörte, war ich körperlich und seelisch am Ende. Ich wurde von Alpträumen, Erinnerungsfetzen und Panikattacken verfolgt. Ich begann, Alkohol zu trinken.

Erst trank ich nur Bier und irgendwann dann auch Gin, Rum und Tequila. Hauptsache, ich konnte die ständig wiederkehrenden Erinnerungen an den Missbrauch betäuben, die ich in meinem Kopf und in meinem Körper spürte. Mit 13 Jahren war ich ein richtiger Alkoholiker.

Kurz darauf begann ich, auch Tabletten einzunehmen. Am liebsten nahm ich Beruhigungsmittel, denn mit ihnen konnte ich ganz in Frieden alles um mich herum ausblenden.

► Als ich 16 war, wachte ich einmal spätabends auf. Ich lag mitten auf der Straße.

Es war einer dieser brutalen Winter in New England. Ich versuchte aufzustehen, doch ich rutschte aus und fiel auf den vereisten Boden. Das Letzte, an das ich mich noch erinnern konnte, war, dass ich in der Wohnung von irgendeinem Typen, den ich an diesem Abend kennengelernt hatte, gelacht und getrunken hatte.

Er hatte eine abfällige Bemerkung über meinen Ohrring gemacht. Und dann: nichts mehr. Es war alles weg. Ich lag hier, frierend und einsam, und ich war mir sicher, dass dies mein Ende bedeuten würde.

Zum Glück wurde ich von der Polizei eingesammelt und in einen Streifenwagen verfrachtet. Als wir auf der Polizeistation ankamen, sagte der Polizist zu mir, ich solle in den Waschraum gehen und mich sauber machen.

► Als ich mein zerschlagenes, blutverschmiertes und geschwollenes Gesicht im Spiegel sah, wusste ich, dass es an der Zeit war, endgültig mit Alkohol und Tabletten Schluss zu machen.

► Meine Angst vor dem Tod war größer als meine Angst vor meinen Alpträumen und Erinnerungsfetzen.

Die Erinnerungen an den Missbrauch blieben

Nach diesem Abend trank ich nie wieder Alkohol und ich nahm auch nie wieder Tabletten. Ich war noch nicht einmal alt genug, um Zigaretten kaufen zu dürfen, doch ich war bereits ein trockener Alkoholiker und ein ehemaliger Tablettenabhängiger.

Natürlich waren die Erinnerungen an den Missbrauch noch immer da. Jetzt, wo ich nüchtern war, warteten sie auf mich. Und ich verfügte nicht mehr über dieses betäubende Schutzschild, das mich vor den permanenten Panikattacken und meinen niederschmetternden Depressionen beschützt hatte.

Ich erinnere mich daran, dass es sich viele Jahre lang so anfühlte, als würde ich auf dem Grund eines schwarzen Loches liegen. Und egal, wie sehr ich es auch versuchte, wie sehr ich auch meinen Hals reckte: Ich konnte die Oberfläche nicht sehen.

Sobald ich dann auf meinen eigenen Beinen stand, hatte ich mich damit abgefunden, dass ich mich von dem Missbrauch niemals würde befreien können. Er würde mich immer definieren.

In meinen Zwanzigern und Dreißigern fing ich immer wieder Therapien an, die ich dann wieder abbrach. Nichts schien zu helfen. Ich machte keinerlei Fortschritte. Ich war immer noch in meinem Trauma gefangen und schaffte es nicht, mich selbst zu befreien.

Abgesehen davon, dass ich mich mit meinem persönlichen Trauma auseinandersetzte, waren auch alle meine Beziehungen ein Albtraum. Vielleicht ja auch gerade deshalb.

Ich hielt weiterhin meinen Kopf nach unten geneigt und schwieg. Ich hatte Angst davor, einer meiner Partnerinnen meine wahre Geschichte zu erzählen. Denn ich befürchtete, dass sie mich deshalb vielleicht verlassen könnte.

Wer wollte sich schon mit alldem auseinandersetzen? Ich fand, dass es nicht fair wäre, irgendjemandem diese Last aufzubürden.

Dann überwand ich mein Trauma

► Als ich dann Anfang 40 war, passierte plötzlich etwas Wunderbares.

Ich war mit einer Frau zusammen, die nicht zuließ, dass ich mich weiterhin innerlich vor ihr verschloss.

Sie sah, wie ich mich aufrieb und wie ich mich selbst niedermachte. Irgendwann reichte es ihr und sie sagte: “Schluss damit.” Diese wunderbare Frau, Kristie, die mittlerweile auch meine Frau ist, hörte nicht auf zu Drängen. Und dank ihr begab ich mich nach einer langen Zeit der Abwesenheit wieder in Therapie.

► Schließlich fand ich auch die richtige Therapeutin.

Ich wurde mit einer posttraumatischen Belastungsstörung und mit einer bipolaren Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Ich begann, meine komplizierten Probleme zu verstehen. Dass mein Trauma meinem Glück im Wege stand.

Ich erlernte Mechanismen, um mit meinen Panikattacken, meiner Angst und meinen manischen und depressiven Phasen umzugehen. Ich konnte die tiefgehenden Auswirkungen des Traumas nicht komplett auslöschen.

Doch jetzt hatte ich Strategien zur Verfügung, um mich ihnen stellen zu können und zumindest ein wenig Glück finden zu können.

An diesem Punkt in meinem Leben begann ich auch, mich aktiv mit Theater, Schriftstellerei und Schauspielerei zu befassen. Ich hatte sogar bereits ein paar Monologe über verschiedene Aspekte des Missbrauchs selbst verfasst und auch vorgetragen.

Als ich durch meine Therapie immer stärker wurde, begann ich, eine komplette Show über das Thema Missbrauch und Heilung zu entwickeln.

► Schließlich konnte ich im Jahr 2014 zusammen mit meiner Therapeutin meine Gedanken im Rahmen einer interaktiven Theater-Show mit dem Titel “Frag ein ehemaliges Missbrauchsopfer” vortragen.

Mein Theaterstück war ein voller Erfolg

Anfangs war sie nicht sonderlich begeistert von der Idee. Sie hatte Angst, dass es einen Teil der harten Arbeit, die wir in den vergangenen Jahren vollbracht hatten, kaputtmachen könnte, wenn ich dem Publikum erlauben würde, meine Geschichte während meiner Schilderungen zu kommentieren.

Doch als ich ihr erklärte, dass ich als Theaterkünstler auf diese Weise Dinge verarbeitete, gab sie schließlich nach. Während ich das Stück zusammenstellte, gab sie mir immer sehr hilfreiches Feedback.

Als “Frag ein ehemaliges Missbrauchsopfer” im Sommer 2014 als Teil des SoLow-Festivals in Philadelphia Premiere hatte, saßen meine Therapeutin und meine Frau in der ersten Reihe.

Der interaktive Teil meiner Show funktionierte besser, als ich es erwartet hatte. In den Feedback-Pausen, die ich immer wieder in meine Geschichte eingebaut hatte, wurden mir spannende Fragen gestellt.

Ich bekam wunderbar unterstützende Kommentare zu hören. Einige ehemalige Missbrauchsopfer erzählten sogar ihre eigene Geschichte in eindrucksvollen Worten. Und auch zu meiner eigenen Überraschung erlaubte ich mir plötzlich mitten unter der Show, zu tanzen.

Endlich tanzte ich wieder. Genauso wie das glückliche 6-jährige Kind, das ich vor so langer Zeit verloren habe. Und das ich vielleicht niemals wiederfinden werde.

Seitdem reise ich durchs Land und erzähle meine Geschichte. Ich hatte das Glück, sehr viele ehemalige Opfer, Sozialarbeiter, Therapeuten, Dozenten und andere Menschen kennenzulernen, die mir alle dabei geholfen haben, meine Show permanent zu überarbeiten und zu verbessern.

Und ich freue mich sehr darüber, dass viele der ehemaligen Opfer mir gesagt haben, dass meine Show sie ermutigt hat. Denn diese Show aufzuführen hat wiederum mich ermutigt.

Heute kann ich anderen Menschen helfen

Natürlich sind die Auswirkungen des Missbrauchs nicht auf magische Weise verschwunden. Das werden sie wohl auch niemals tun. Ich habe nach wie vor schlechte Tage. Ich erlebe noch immer Panikattacken und Erinnerungsfetzen.

► Ich leide noch immer an depressiven Phasen.

Ich wache jeden Morgen auf und muss mich entscheiden, ob ich nun aufstehe oder mich unter dem Bett verkrieche. Doch mittlerweile habe ich sehr viel häufiger gute Tage als schlechte Tage. Der Missbrauch bestimmt nicht mehr über mein Leben.

Ich habe gelernt, dass ich nun die Gelegenheit ― und die Wahl ― habe, mein Leben für mich selbst, für meine Frau und für die Menschen, die ich liebe, zu leben.

Auch wenn Harold mir so viel genommen hat und den Verlauf meines ganzen Lebens beeinflusst hat. Ich kann das, was passiert ist, nicht ungeschehen machen. Und ich kann die Zeit nicht zurückdrehen.

Doch ich kann weitergehen. Und ich kann das, was mir passiert ist, und das, was ich daraus gelernt habe, nehmen, und damit anderen Menschen helfen, die vielleicht das Gleiche durchmachen. Und das fühlt sich für mich wie Frieden an.

Michael Broussard ist ein Theater-Künstler. Er wurde als Kind sexuell missbraucht. Broussar reist seit 2014 mit seiner interaktiven Theatershow “Frag ein ehemaliges Missbrauchsopfer” durch die USA, um seine Geschichte zu erzählen und um Gespräche zu den Themen Missbrauch und Heilung anzuregen. Weitere Informationen findest du auf seiner Website sexabusesurvivor.com.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.