POLITIK
19/02/2018 16:45 CET

Wie junge Frauen durch sexuelle Übergriffe aus der Politik gedrängt werden

Eine Expertin ordnet die erschütternden Ergebnisse der HuffPost-Umfrage ein.

Westend61 via Getty Images
Viele Frauen berichten von Sexismus in der Politik.
  • Eine HuffPost-Umfrage hat gezeigt, wie sehr junge Politikerinnen unter Sexismus leiden
  • Viele Frauen berichten, dass Kolleginnen nach sexuellen Übergriffen ihre politische Arbeit beendet haben

Kurz schien es, als wäre da etwas in Bewegung geraten – im September 2016.

Deutschland diskutierte über Sexismus in der Politik. Darüber, was gesagt werden dürfe. Und darüber, was endlich gesagt werden müsse.

Die junge Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends hatte in einem offenen Brief über die Zustände in ihrer Partei geklagt. Ihr seien Affären unterstellt worden, sie wurde verbal erniedrigt. Durch Fragen unter männlichen CDU-Politikern (“Fickst du sie?”) und Kommentare über ihr Äußeres (“große süße Maus”).

Doch: So groß die Aufregung um Behrends Enthüllung war, so schnell war sie wieder verflogen. Die Diskussion über Sexismus in der Politik schlief ein – eigentlich ist sie bis heute noch nicht wieder erwacht.

Dabei kommt es immer wieder zu Vorfällen, über die gesprochen werden muss. Auf allen Ebenen – angefangen in den Jugendorganisationen der großen Parteien.

Die HuffPost hat deshalb im Januar 95 Jungpolitikerinnen von Jusos, Junger Union, Linksjugend, Jungen Liberalen und Grüner Jugend zu ihren Erfahrungen mit Sexismus befragt. In einer anonymen Umfrage – und in dutzenden Interviews.

Das erschreckende Ergebnis: Fast jede Zweite wurde im Rahmen ihrer politischen Arbeit bereits Zeugin sexueller Belästigung. Jede Dritte wurde selbst belästigt. Mehrfach geht es sogar um Vergewaltigungen.

► Wir haben eine Expertin gebeten, die Ergebnisse einzuordnen.

Jasmin Siri ist Soziologin und Genderforscherin an der LMU München.

Jasmin Siri
Siri von der LMU München.

Sie wundert es nicht, dass diese Fälle kaum an die Öffentlichkeit geraten: “In der Politik ist die Thematisierung von sexualisierter Gewalt besonders schwierig, weil das Opfer-Sein der Idee politisch mächtig und wirksam zu sein entgegensteht.”

Mehrere Vergewaltigungen ohne Folgen

Sie allein wisse von sieben Fällen von Vergewaltigungen, sagt eine junge Politikerin der HuffPost. Sie – sie soll hier Anne heißen – sitzt im Bundesvorstand einer Jugendorganisation. Welche das ist, möchte sie nicht sagen. Darum gehe es nicht. Das Problem sei ohnehin überall dasselbe.

Auch Anne wurde vergewaltigt – von einem jungen Parteikollegen. Bei der Partei öffentlich machte Anne das nie. Auch eine Anzeige erstattete sie nicht. Und der Mann kam auch Kolleginnen von ihr zu nah. 

“Er war einfach ein widerlicher Typ”, sagt Anne heute erstaunlich gefasst. Und erklärt schnell ihren eigenen Tonfall: “Ich habe da schon so oft mit Freunden drüber geredet, dass ich das jetzt so ruhig sagen kann.” 

Irgendwann kam doch etwas heraus. Nicht alles, aber genug um ein Disziplinarverfahren einzuleiten. Annes Parteikollege verlor seine Mitgliedsrechte. Auf Zeit.

Auch Eva (Name geändert) hat ähnliches zu berichten. Auch sie will nicht erkannt werden. Sie wurde vergewaltigt – auf einem “politischen Wochenende” ihrer Jungpartei. 

“Es ist schwer, diese Dinge als Frau gegen einen Mann ins Gespräch zu bringen, da man so im Zweifel schnell an Ansehen verliert, gerade wenn der Mann höher gestellt ist”, sagt Eva. Was der Täter mit ihr machte, bleibt folgenlos.

“Solche Berichte machen Angst”

Nicht viele junge Politikerinnen haben solche schrecklichen Erlebnisse gemacht. Doch viele können von unangenehmen Situationen berichten.

Dass Männer und Frauen sich in Jugendparteien näher kommen, sagen die meisten von ihnen, sei normal. Was dabei aber teilweise passiere, gehe zu weit.

HuffPost / Infogram

Kristin Brück, stellvertretende Vorsitzene der Jusos im Saarland, sagt: “Ich kenne einige, die belästigt wurden. Solche Erfahrungsberichte machen Angst.”

Auch deshalb gebe es bei den Jusos – genau wie in anderen Parteien – mittlerweile sogenannte “Awaress Teams”. Ansprechpartner, an die sich Betroffene bei Parteiveranstaltungen wenden können.

Das so etwas in manchen Fällen leider nötig ist, zeigt der Bericht einer Juso-Kollegin. Auch sie sitzt in einem Landesvorstand. Sie habe viel erlebt, sagt sie. “Sexuelle Anspielungen, Kommentare, übergriffiges Anfassen.”

Das fange mit dem Arm an der Hüfte an – und ende “mit dem tatsächlichen Anfassen der privaten Bereiche”. 

Parties werden nicht selten problematisch

Auch in den anderen Parteien kommt es zu ähnlichen Zwischenfällen.

Besonders häufig auf Parties der Jugendorganisationen. Dann ist Alkohol im Spiel, Hemmungen fallen, Parteifreunde kommen sich näher. Und nicht selten kommt es zu Grenzüberschreitungen.

Grenzüberschreitungen, wie sie symptomatisch sind, für das vielerorts erlebte Machtgefälle zwischen männlichen und weiblichen Parteimitgliedern.

Ein Mitglied der Grünen Jugend schildert seine Erfahrung so: “Am Rande von Parteiveranstaltungen habe ich schon erlebt, dass sich Männer Frauen aufdrängen. Sie kommen ihnen beim Reden zu nah, machen unangebrachte Kommentare und ignorieren das Unwohlsein der Frau oder lachen darüber.”

Sie würden die Grenzüberschreitung bewusst hinnehmen – “und reden das Unwohlsein der Frau klein”.

Eine andere Frau – ihre Partei will sie nicht nennen – berichtet: “Ein Kerl hat mir auf der Party unter den Rock gefasst, ein anderer hat mich ungefragt geküsst und festgehalten.”

In der anonymen Umfrage der HuffPost unter 95 Jungpolitikerin gab sogar jede zweite an, im Rahmen der politischen Arbeit Zeugin sexueller Belästigung geworden zu sein.

HuffPost / Infogram

“Entscheidungen werden an der Bar getroffen”

Dass Partys und ein lockerer Umgang zur Arbeit der Jugendorganisation dazugehören, will keine der Befragten in Abrede stellen. Doch oft gehe es bei den scheinbar ungezwungenen Zusammenkommen auch um etwas anderes, sagt eine Frau aus dem konservativeren Spektrum.

“Entscheidungen werden an der Bar getroffen”, sagt sie. “Und Frauen werden bewusst sehr besoffen gemacht, denn schon biologisch haben sie einen Nachteil, wenn es um Alkohol geht.”

Auch Expertin Siri glaubt, hinter sexistischem Umgang stecke manchmal ein politisches Mittel. 

Sie sagt der HuffPost: “Weil in der Politik alles politisch gelesen werden kann, mag sexistisches Verhalten – ich meine jetzt jenes, welches sich vor der Schwelle der Strafbarkeit abspielt – auch ein Weg sein, eine Person zu ‘testen’ oder ein politisches Mittel, um sie aus dem Konzept zu bringen, damit zum Beispiel eine Rede misslingt.”

Es gehe dabei immer auch um ähnliche Fragen: “Ist Frau X in der Lage, harte Sprache auszuhalten, nicht mit der Wimper zu zucken, sich dennoch durchzusetzen?”

Eroberungen als Erfolg

Eine Junge Liberale berichtet zudem: Männer würden sich mit ihren Annäherungen ans weibliche Geschlecht brüsten. 

Mehrere junge Politikerinnen berichten von älteren Männern, oft in höheren Positionen, die jüngeren Frauen auf Partys näher gekommen sind, mit ihnen getanzt haben, sie küssten. Für sie gelte das als Eroberung, Frauen sähen sich dagegen stets der Gefahr ausgesetzt, auf Dauer schwer an Ansehen zu verlieren. 

“Ich habe gesehen, wie einer Bekannten, die angetrunken war, auf einer Party von einem höherrangigen Vorstandsmitglied zwischen die Beine gefasst wurde. Sie war nicht mehr in der Lage, sich selbstständig zu wehren”, berichtet eine junge Politikerin.

Eine andere spricht nur von “extremen Flirtversuchen viel zu alter Männer”. 

Die Folge: Frauen steigen aus

Manchmal wird das zur Sprache gebracht. Und manchmal hat es Konsequenzen. Die “Awareness Teams” zahlen sich aus, auch Ombudsmänner haben die meisten Parteien eingerichtet, an die sich Betroffene wenden können.

Mehrere Politikerinnen berichten von Vorfällen, nach denen der Täter von der Parteiarbeit ausgeschlossen wurde. Doch zu oft haben Belästigungsfälle eine andere Folge: Die Opfer schämen sich, fühlen sich hilflos, schmeißen hin.

Die Vorsitzende eines Stadtverbandes berichtet der HuffPost: “Ständig werden Mädchen bei uns belästigt.” Die Folge seien “viele Tränen und viele Austritte”.

“Die meisten machen das nicht lange mit”, sagt eine Landesvorsitzende. Auch dadurch manifestiere sich die männliche Dominanz in ihrer Jugendorganisation. 

Soziologin Siri sagt: “Eine Politikerin oder ein Politiker werden sich vermutlich gut überlegen, ob sie einen Übergriff offen thematisiert, denn darüber zu sprechen, könnte sie massiv beschädigen.”

Alles, was in der Politik passiere, werde auch politisch thematisierbar und nutzbar. “Es gibt innerhalb des Politischen keinen Schutzraum, in dem Verletzbarkeit und Verletzungen einen Raum haben”, erklärt die Expertin.

So lange sich das nicht ändert, wird auch die Mauer des Schweigens kaum fallen.

Was die Expertin noch sagt:

“Wenn eine Gesellschaft sexistisch ist, ist es auch die Politik mit ihren Organisationen. Das darf uns eigentlich nicht wundern. Sexismus gibt es in der Schule, in Sportvereinen und in Kirchen: wieso also ausgerechnet in politischen Organisationen nicht? Auch dann, wenn Organisationen sich selbst als emanzipatorisch oder politisch korrekt beschreiben heißt das nicht, dass in ihnen nichts vorfällt, das den edlen Grundsätzen widerspricht. Auch hier bietet sich der Vergleich mit den Kirchen an: Die haben ja, gelinde gesagt, auch nicht immer moralisch einwandfrei gehandelt. Uns liegen Augenzeugenberichte über den Sexismus und sexuelle Gewalt in der 68er Bewegung vor, genauso in der Wissenschaft, zum Beispiel in der Frankfurter Schule, die viele emanzipatorische Ideale vertreten hat. Denken, auch politisches Denken und Handeln sind nicht voneinander ableitbar, wenn Menschen im Spiel sind.”

– Jasmin Siri, Soziologin

(ll)