POLITIK
24/09/2018 17:32 CEST | Aktualisiert 03/10/2018 12:43 CEST

Sexuelle Belästigung an Schulen: "Sie zogen meine Hose runter und folgten mir aufs Klo"

Eine HuffPost-Recherche zeigt, dass die Zahl der Sexualdelikte an deutschen Schulen steigt. Betroffene und Experten erklären, was schief läuft.

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“Mir wurde von Mitschülern ständig an den Hintern geklatscht." (Symbolbild.)

Manchmal kann Andrea* nicht anders. Dann denkt sie an ihre Schulzeit.

Andrea ist heute 22 Jahre alt, eine toughe junge Frau, so scheint es. Akkurat gezogene Augenbrauen, eine selbstbewusste Miene auf ihrem Social-Media-Profilfoto.

Doch es gibt Momente, da kommt das Verdrängte zurück. 

Bis sie 17 Jahre alt war, ging sie auf eine Realschule in Kaiserslautern. Irgendwann hielt sie es dort nicht mehr aus. “Ich habe die Schule wegen der ständigen Belästigung und dem Mobbing verlassen müssen”, sagt sie.

“Mir wurde von Mitschülern ständig an den Hintern geklatscht”, erzählt Andrea. “Einmal wurde mir die Hose runtergezogen. Jungen sind mir aufs Klo gefolgt. Sie haben rumerzählt, welche Farbe meine Unterwäsche hat.”

Wenn Andrea an ihre Schulzeit zurückdenkt, dann denkt sie an Mobbing, Vernachlässigung, auch im Elternhaus – und an Lehrer, die wegsehen. Vor allem aber auch an sexuellen Missbrauch.

Wer die Nachrichten oder sozialen Medien aufmerksam verfolgt, wird immer mal wieder eine solche Geschichte hören oder lesen. Jugendliche, die an ihrer Schule Opfer von Übergriffen werden, von Mitschülern oder Lehrern.

► Wie ernst das Problem aber tatsächlich ist, blieb lange im Dunkeln.

In einem Großteil der Bundesländer hat die Zahl der gemeldeten Sexualdelikte an Schulen im Jahr 2017 zugenommen – in vielen signifikant. Auch schon im Jahr 2016 – vor der Verschärfung des Sexualstrafrechts – verzeichneten zahlreiche Behörden eine Zunahme der Anzeigen. Das mit Wirkung zum 10. November 2016 gültige verschärfte Sexualstrafrecht erklärt den Anstieg nur zum Teil.

Das geht aus Statistiken hervor, die die HuffPost bei den Landeskriminalämtern abgefragt hat.

Experten sagen zudem: Die Dunkelziffer liegt bei einem Vielfachen der polizeilich bekannten Fälle. Es fängt bei unangebrachten Sprüchen an – und endet nicht selten mit ungefragten Berührungen, Belästigungen im Internet – und intimen Fotos, die gegen den Willen der Betroffenen auf Schulhöfen kursieren.

Zu oft schauen Lehrer und Schulleiter weg – weil sie Signale falsch deuten, Straftaten als “pubertäres Verhalten” abtun – oder sich schlicht um den Ruf ihrer Schule sorgen. 

“Das ist doch nur die Pubertät”

Andrea kennt das, seit sie elf Jahre alt ist.

Bereits zu diesem Zeitpunkt beginnen Mitschüler über ihren Körper zu sprechen, nennen sie dick. Einmal fasst ein Mitschüler sie an. Irgendwann passiert es öfter.

“Das ist nur die Pubertät”, sagen ihre Lehrer. “Das ist doch nicht so schlimm.” Von ihrer Klassenlehrerin bekommt sie zunächst Mitleid – mehr aber nicht. “Als ich irgendwann nicht mehr kam, aus Angst und Scham, wurde ich als Schwänzerin betitelt. Meine Lehrerin hat, als ich von der Schule gegangen bin, der ganzen Klasse mein schlechtes Zeugnis gezeigt”, sagt die junge Frau.

Angezeigt hat sie die Mitschüler, die sie begrabschten und nötigten, nie.

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Zwei Autostunden von Kaiserslautern entfernt, im hessischen Marburg, haben Professor Sabine Maschke von der Uni Marburg und Professor Ludwig Stecher aus Gießen die Problematik in der quantitativen Studie “Speak!” untersucht. Rund 2700 14- bis 16-Jährige sprachen über intimste Lebensbereiche.

Das erschreckende Ergebnis: Sieben von zehn befragten Jugendlichen sind mindestens einmal Zeugen von sexueller Gewalt geworden. 55 Prozent der Mädchen und 40 Prozent der Jungen haben sexuelle Beleidigungen, Belästigungen im Internet, Konfrontation mit Pornografie oder die Verbreitung von Gerüchten sexuellen Inhalts am eigenen Leib erlebt. Die meisten von ihnen an ihrer Schule.

Hochgerechnet auf Hessen würde das bedeuten, dass allein in dem Bundesland über 100.000 Mädchen auf weiterführenden Schulen Erfahrungen mit einer Art sexueller Gewalt gemacht haben.

Das Landeskriminalamt Hessen hat im Jahr 2017 derweil 91 Sexualdelikte an Schulen erfasst. Sogar zwei Fälle der “verbotenen Prostitution” sind dabei. Sexualdelikte werden in dem Bundesland zwar deutlich häufiger als in den Jahren 2016 (69) und 2015 (61) registriert – aus der Erfahrung der Experten bleibt der Gang zur Polizei aber noch immer die Ausnahme.

Studienleiterin Maschke sagt der HuffPost: “Insgesamt herrscht eine weit verbreitete Sprachlosigkeit zu diesem Thema; vermieden wird es auch von Erwachsenen, weil es bedeutet, handeln zu müssen.”

Insgesamt sei das Thema sexualisierte Gewalt zu wenig präsent, sagt die Expertin. Knapp die Hälfte der befragten Jugendlichen habe noch nie im Unterricht darüber gesprochen.

Zunahme der Fälle liegt auch am Sexualstrafrecht 

Trotz dieses andauernden Tabus steigt die Anzahl der Anzeigen.

Deutlich zeigt sich das in Nordrhein-Westfalen. Hier wurden 2017 so viele Sexualdelikte an Schulen zur Anzeige gebracht wie in keinem anderen Bundesland. Auf 306 beziffert das LKA die Fälle, allein 99 sind als “Sexuelle Belästigung” in der Statistik aufgeführt. Dazu kommen zwei Fälle der Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung durch Gruppen, mehrere Missbrauchsfälle und exhibitionistische Handlungen. Im Vorjahr gab es insgesamt 224 bekannte Fälle, das ist ein Anstieg um rund 37 Prozent.

Seit 2015 (171 Fälle) ist fast eine Verdoppelung erkennbar.

Auch in Bayern ist der Anstieg deutlich. 154 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung verzeichneten die Behörden 2017, im Vorjahr waren es 102. Ein Sprecher des Landeskriminalamt erklärte der HuffPost: “Der Anstieg von 2016 auf 2017 ist stark von den 44 Fällen der sexuellen Belästigung beeinflusst, die nach der alten Rechtslage noch als Beleidigung behandelt worden wären.”

Unter Berücksichtigung dieser Rechtsänderung bewege sich die Zahl der Sexualdelikte an Schulen auf ungefähr dem gleichen Niveau wie im Vorjahr.

Ist die Aufregung also übertrieben?

Erst kürzlich sorgte ein Vergewaltigungsfall an einer Berliner Grundschule für landesweites Entsetzen. Auf einer Klassenfahrt in die Uckermark soll ein 10-Jähriger einen Gleichaltrigen vergewaltigt haben. Vorher drohte er ihm: „Ich f*** dich!“

Der Fall ist eine krasse Ausnahme. Doch er zeigt, wozu sexuell übergriffiges Verhalten im Extremfall führen kann – auch schon im Kindesalter. 42 Fälle solcher Übergriffe von Schülern an Mitschülern wurden in Berlin im Jahr 2017 registriert, 14 Mal waren die Täter Lehrer oder Schul-Mitarbeiter. 85 Sexualdelikte an Schulen hat die Polizei insgesamt verzeichnet.

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Meistens sind die Opfer Mädchen, weiß Expertin Maschke. “Fast ein Drittel der Mädchen hat es erlebt, an Po oder Brust ‘angetatscht’ zu werden, Jungen berichten darüber nur zu 5 Prozent.” 

Auch etwa darüber, gegen den eigenen Willen geküsst zu werden, berichten Mädchen drei mal so oft wie Jungen. Ein sprunghafter Anstieg solcher Erfahrungen ist in etwa um das zwölfte Lebensjahr zu erkennen. Also in und mit der Pubertät.

“Den Lehrern war es relativ egal”

Anne* ist 18. Sie geht in Göttingen zur Schule.

“Meine Mitschülerin wurde von einem anderen Schüler belästigt”, sagt sie. Im Unterricht habe der 16-Jährige neben seinem Opfer gesessen, ihm dann zwischen die Beine gegriffen. Auf dem Schulhof habe er dem Mädchen ein anderes mal an die Brüste gefasst. 

In diesem Fall suchte die Jugendliche Hilfe. Doch auch hier hatten die Taten keine Konsequenzen – zumindest für den mutmaßlichen Peiniger.

“Den Lehrern war es relativ egal”, sagt Anne. Das betroffene Mädchen wollte ihren Klassenkameraden nach der Tat meiden, doch die Lehrer steckten beide bei der Gruppenarbeit weiter in dieselbe Gruppe. Bei einer Klassenkonferenz sollte das Problem geklärt werden. Doch dort wurde nur verkündet: Das betroffene Mädchen wird die Klasse verlassen. 

“Es gab keine Zeugen”, sagt Anne.

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Sie kennt das gut. Auf den Schulfluren werden Gerüchte gestreut, wer mit wem geschlafen habe. Mädchen werden als “Schlampe” beleidigt. Immer wieder bekommen Lehrer das auch mit. Aber es passiert nichts. 

► Auch in der “Speak!”-Studie gaben Mädchen mehrfach an, sie hätten sich Unterstützung von Lehrern gewünscht.

Erziehungswissenschaftlerin Maschke sagt: “Gerade in dem Graubereich zwischen alterstypischen Aushandlungsprozessen und sexualisierter Gewalt gilt es, das Selbstvertrauen der Jugendlichen zu stärken, sodass sie Grenzen erkennen und benennen können. Erwachsene sollten sich in dieser Altersphase auch nicht aus ihrer Erziehungsverantwortung zurückziehen, sondern Ansprechpartner sein.”

Zu oft aber heißt es: “War doch keine große Sache.” Oder: “Ist doch nur die Pubertät.”

Die Polizei in Niedersachsen, wo Anne zur Schule geht, verzeichnet derweil immer mehr Fälle, die über bloßes pubertäres Verhalten hinausgehen. In dem Bundesland ist der Anstieg der Sexualdelikte so signifikant wie nirgendwo sonst. Seit 2015 gab es hier einen Anstieg von 275 Prozent, von 48 Sexualdelikten auf 180. Es ist ein Anstieg, der sich nicht allein mit dem verschärften Sexualstrafrecht erklären lässt. 

Im Internet fallen die Hemmungen

Vor allem fällt in Niedersachsen auf, dass zuletzt die Straftaten rund um kinderpornografisches Material zunahmen.

► Dazu muss man wissen: Als Kinderpornografie gelten nicht nur Aufnahmen sexueller Handlungen oder Posen, die gegen den Willen von Minderjährigen gemacht werden.

Auch wenn eine unter 14-Jährige selbst Nacktaufnahmen macht, die dann Mitschüler im Internet oder in Chatgruppen verbreiten, kann das als Kinderpornografie gelten. Bei unter 18-Jährigen als Jugendpornografie.

Oft sind es Jugendliche mit wenig Selbstbewusstsein, die sich begehrt fühlen wollen und deshalb private Aufnahmen versenden, berichtete kürzlich der Berliner Streetworker Thomas Sonnenburg.

Was häufig folgt, sind Mobbing, Beleidigungen – nicht selten auch Erpressung.

Doch auch Mädchen, die keine Nacktbilder versenden, sind im Internet häufig Opfer von Beleidigungen sexueller Natur und unangebrachten Annäherungsversuchen. Das merkt schnell, wer sich durch die Social-Media-Plattformen Ask.fm und Tellonym klickt.

Beleidigungen und fragwürdige Avancen

Das Publikum hier ist jung, teilweise sehr jung. Bei Ask.fm und Tellonym können Teenager ihren Freunden, Bekannten und Mitschülern Fragen stellen oder Kommentare über sie abgeben – anonym oder mit ihrem eigenen Profil.

“Was machst du am Wochenende?”, fragt die beste Freundin. Oder ein Mitschüler, der anonym bleiben will: “Findest du einen Jungen aus deiner Klasse gut?”

Immer wieder gibt es aber auch Beleidigungen und fragwürdige Avancen.

Die EU-Initiative “KlickSafe” warnt vor Ask.fm: Die Anonymität “kann die Hemmschwelle senken und dazu verleiten, Fragen zu stellen, die man unter Angabe seines Namens einer anderen Person nie stellen würde. Dabei kommt es sehr häufig dazu, dass auch verleumderische, böswillige und sexualisierte Inhalte gepostet werden.“

Über Tellonym heißt es: “Laut USK Angabe im Google App Store ist die Nutzung der App ab 12 Jahren, laut App Store sogar ab 9 Jahren aufwärts möglich.”

Eine Stichprobe ergibt: Auf der Mehrzahl der Profile unter 18-jähriger Mädchen finden sich zweifelhafte Kommentare. “Denkst du, du bist hübsch? Du siehst aus wie ne richtig hässliche F****, die niemand f*** will”, steht dort etwa.

Tellonym

Oder: “Würdest du Nacktbilder verschicken?” Kurz zuvor die Frage: “Wie alt bist du?” Das Mädchen ist 14.

Tellonym

Dieselbe 14-Jährige bekommt viele dieser Anfragen. “Poste mal Bild, wo du dein Arsch richtig zeigst”, schreibt jemand. Auch er bleibt anonym.

Tellonym

Und immer wieder verbreiten sich Gerüchte. “Jeder weiß, dass du und Arne im Bett wart.” Oder: “Jeder weiß, dass du und Marie Pillen nehmt, damit ihr nicht zunehmt.” Oder: “Du bist keine Jungfrau, jeder weiß das du was mit Maxi hattest.”

Expertin Maschke warnt: “Sexualisierte Verbalattacken sind in diesen Medien weit verbreitet und recht alltäglich geworden. Eine solche Normalisierung trägt sicher mit dazu bei, die im negativen Sinne gemeinte ‘Kultur’ der sexuellen Beschimpfung auch in andere Lebensbereiche zu tragen.”

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Zu diesen potentiellen Mobbing-Plattformen kommt bei vielen Jugendlichen ein ausgeprägter Porno-Konsum. Maschke erklärt, sie habe festgestellt, dass der dauerhafte Konsum von Pornografie einen Gewöhnungseffekt hat.

“Jugendliche, die öfter Pornos schauen, gehören signifikant häufiger als andere Jugendliche zu denen, die selbst sexualisierte Gewalt ausüben.”

Lehrer müssen eingreifen 

Für Lehrer und Eltern wird es immer schwieriger, Kinder und Jugendliche zu schützen.

Katja Dörner, stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Sprecherin für Kinder- und Familienpolitik bei den Grünen, fordert daher mehr Initiative von den Schulen.  

“Um Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen, sind Aufklärung und Schutzkonzepte dort besonders wichtig, wo Kinder und Jugendliche sich tagtäglich aufhalten. Den Schulen kommt daher eine besondere Verantwortung zu”, sagt sie der HuffPost.

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Das Projekt “Schulen gegen sexuelle Gewalt”, das vom Beauftragten der Bundesregierung für sexuellen Missbrauch auf den Weg gebracht wurde, leiste bereits einen wichtigen Beitrag, die Thematik an Schulen in den Fokus zu rücken.

► Im Rahmen des Projekts finden Lehrer und Erzieherinnen umfangreiche Hilfestellungen im Umgang mit Gewalt oder Missbrauch.

Langfristig sei es aber wichtig, “dass die Schulen eigene Schutzkonzepte entwickeln und alle Akteure dabei mit einbeziehen”.

Auch Andrea aus Kaiserslautern hat erlebt, dass das beherzte Eingreifen von Erwachsenen im Extremfall einen Unterschied machen kann. Zumindest an einen solchen Fall erinnert sie sich.

“Ein Klassenkamerad hatte mir mal wieder voll an den Hintern gepackt. Wenigstens eine Lehrerin hat etwas getan und eingegriffen. Das war ein gutes Gefühl.”

Die heute 22-Jährige findet: “So sollte es immer sein.”

*Die Namen der Betroffenen wurden zum Schutz der Persönlichkeit geändert.

(ben)