LIFE
07/10/2018 22:33 CEST | Aktualisiert 08/10/2018 13:15 CEST

Das haben ich von meinen Urlaubs-Affären über Liebe und Sex gelernt

Wir müssen uns emotional ein wenig flexibler machen.

Apostoli Rossella via Getty Images

Céline, eine Französin, und Jesse, ein Amerikaner, beide auf Reisen, treffen sich im Zug von Budapest nach Wien, wo sie gemeinsam einen Tag und eine Nacht verbringen, bevor sie in ihre jeweiligen Heimatländer zurückkehren.

Die beiden haben nur wenige Stunden, in denen sie sich intensiv kennenlernen und ineinander verlieben – obwohl sie wissen, dass sie sich bald trennen müssen.

Obwohl Céline und Jesse, gespielt von Julie Deply und Ethan Hawke, Protagonisten des 1995er Films “Before Sunrise” sind, kennen viele von uns solche Situationen aus dem wahren Leben. Ich selbst habe sie oft genug erlebt – im Urlaub oder auf längeren Reisen.

Viele gehen zumindest eine Zeitlang ins Ausland – das hat Konsequenzen für unser Liebesleben

Sich in jemanden zu verlieben, der nicht in unserer Nähe lebt oder der plant, weiter weg zu ziehen, kann uns allen passieren. Schließlich werden wir immer flexibler, immer mobiler, immer häufiger studieren oder arbeiten wir im Ausland.

► Im Jahr 2014 zum Beispiel waren etwa 137.000 deutsche Studenten im Ausland immatrikuliert – so viele wie nie zuvor.

► Etwa 1,9 Millionen Deutsche arbeiten im Ausland, viele sind wegen des Jobs weggezogen.

Diese Mobilität hat natürlich Auswirkungen auf unseren allgemeinen Lebenswandel, unsere sozialen Kontakte wie Freunde und Familie, aber natürlich auch auf unser Liebesleben. Wenn wir international leben, lieben wir auch international. Das stellt uns vor neue Herausforderungen – in praktischer, aber auch emotionaler Hinsicht. 

Ende 2016 bin ich neun Monate lang durch Europa, Zentralamerika und Australien gereist – vor allem in dieser Zeit habe ich immer wieder Menschen verschiedenster Nationalitäten kennen- und teils auch lieben gelernt, immer wieder habe ich diese Menschen verlassen, weil ich weiterreiste oder nach Deutschland zurückkehren musste.

Meine Freunde machen schon Witze über mein internationales Liebesleben

Mein internationales Liebesleben ist mittlerweile zum Running Gag innerhalb meines Freundeskreises geworden. Wenn ich erzähle: “Ich habe wieder wen kennengelernt!”, kommt prompt die Frage: “Und, woher kommt er diesmal?” 

Denn in den letzten sechs Jahren habe ich “Beziehungen” (ich fass es der Einfachheit halber mal unter diesem Begriff zusammen) mit, nach oder in folgenden Ländern geführt (oder aufgrund der Distanz eben nicht geführt):

- Israel

- Korea

- Iran

- Neuseeland

- England

- Québec

- Australien

- Uganda

Bis auf wenige Ausnahmen habe ich mittlerweile den Eindruck: Damit ein Mann für mich attraktiv ist, muss mindestens ein Kontinent zwischen uns liegen. 

Wenn man den Zahlen Glauben schenken kann, bin ich nicht die einzige, die schon Erfahrung mit Liebe auf Distanz gemacht hat. Laut einer Umfrage der Dating-Plattform “Parship” haben schon 60 Prozent der Deutschen in einer Fernbeziehung gelebt, 19 Prozent haben sogar schon mehrfach mehr als 50 Kilometer entfernt vom Partner gelebt. 

Eine Fernbeziehung zu führen muss natürlich nicht automatisch bedeuten, dass man sie ins Ausland führen muss oder dass man sich außerhalb von Deutschland kennengelernt hat. Wenn dies allerdings der Fall ist und die Gefühle ernster werden, läuft es meist darauf hinaus. Und es ist nun mal so verdammt einfach, sich auf Reisen zu verlieben.

Im Urlaub verlieben wir uns gerne – und einfach

Wenn ich unterwegs bin, bin ich entspannter. Ich bin offener für Neues. Ich lerne deswegen auch schneller und intensiver Menschen kennen – obwohl ich weiß, dass ich sie meist nach wenigen Tagen wieder verlassen werde. Natürlich kann ich meine Emotionen und sexuellen Bedürfnisse dabei nicht ausschalten. 

Eine Reise ist eine Extremsituation. Wir erleben viel Neues, stehen unter Strom, nehmen viele Eindrücke auf. In solchen Situationen fällt es uns leichter, Gefühle für eine Person zu entwickeln, die wir attraktiv finden. 

So fand auch Kristin McKinney von der McKendree-Universität in Illinois heraus, dass wir eine Person anziehender finden, wenn unser Adrenalin steigt: In ihrer Forschungsarbeit schreibt sie, dass “eine positive Korrelation zwischen Adrenalin und Attraktivität besteht.” Das bedeutet laut McKinney:

“Wenn unser Adrenalin ansteigt, finden wir die andere Person auch attraktiver.”

Dafür muss man gar nicht erst gemeinsam Fallschirm springen gehen oder Bungeejumpen, eine aufregende Reise kann dem gleich kommen. 

Ich merke zumindest, wie das Reisen mein Liebesleben nachhaltig beeinflusst hat – denn Flirten, Liebe und Sex funktioniert etwas anders, wenn man unterwegs ist. Das sind meine Erfahrungen. 

1. Kennenlernen

Ins Hostel einchecken und in die Küche gehen. Ins Hotel einchecken und in die Bar gehen. Sich für eine organisierte Tour anmelden. Im Urlaub oder auf Reisen jemanden kennenzulernen, geht erstaunlich schnell – schließlich sind wir entspannt und offen für neue Abenteuer.

In so einer nahezu surrealen Situation wie einer Reise trauen viele Menschen sich mehr, das habe ich bei vielen Reisenden und auch bei mir selbst festgestellt – vor allem, wenn man allein unterwegs ist.

Letztens in Sarajevo zum Beispiel war ich allein in einem Café, nicht weit entfernt von mir saß ein junger Mann, ebenfalls allein. Also bin ich hingegangen und habe ihn (ja, Klassiker) auf Englisch nach Feuer gefragt – wir kamen sofort ins Gespräch und haben uns für den nächsten Abend verabredet. In meinem normalen Umfeld hätte ich mich das vielleicht nicht getraut.

2. Flirten

“Du erwartest viel zu viel, / die Deutschen flirten sehr subtil”, heißt es so schön im Lied “Aurélie” von “Wir sind Helden”. Gerade Deutschen hängt das Vorurteil nach, recht verklemmt und uncharmant zu sein. Reisen ist eine prima Gelegenheit, das abzulegen und sich ein wenig im Flirten zu probieren.

In der richtigen Kulisse klappt das natürlich ein wenig einfacher – am Strand von Barcelona, wenn die Sonne scheint, geht einem vielleicht ein wenig leichter ein Kompliment über die Lippen. Beim Weggehen in Budapest gibt man seinem Gegenüber vielleicht eher zu verstehen, dass man ihn gut findet. Man ist ja im Urlaub, man ist so frei – und wenn’s schief geht, sieht man sich im Zweifelsfall niemals wieder. 

Das mag im Heimatort eigentlich ähnlich sein – aber die Gewissheit, dass einen im Zweifelsfalls mehrere hundert bis tausend Kilometer trennen, beruhigt einen vielleicht noch mehr, sollte man doch einen Korb kriegen. 

3. Sex

Im Hostel in Sarajevo saß ich abends mit einer Gruppe Australier zusammen. Einer von ihnen fragte plötzlich: “Wie macht ihr das eigentlich mit dem Sex auf Reisen? Also, wenn man ständig in Hostels übernachtet, muss man da ja ein wenig kreativ werden, wenn man Privatsphäre will. Wo habt ihr dann immer Sex?”

Die meisten von uns haben ein wenig peinlich betreten geschwiegen. Aber ja, es ist eine Tatsache: Wenn man Menschen sehr leicht sehr gut kennenlernt und weiß, dass man sie sehr bald für mindestens sehr lange nicht mehr wiedersehen wird (oder nie mehr), kann es sehr schnell zur Sache gehen. Und gerade, wenn man Low Budget reist, kann das sehr unbequem werden. Schließlich will man nicht im Mehrbettzimmer Sex haben.

Und doch passiert es regelmäßig. Zumindest jeder Backpacker ist nachts schon einmal wach geworden, weil das Bett unter einem zärtlich ruckelt. Weil leise Schmatz-Geräusche durchs Zimmer tönen.

Oder man kann gefühlt stundenlang nicht auf Toilette gehen, weil die Tür verschlossen ist – wenn dann ein verschämt aussehendes Pärchen das Bad verlässt, weiß man, warum.

Und obwohl wir uns in solchen Runden, wie der oben beschriebenen, oft über Sex austauschen und über die Pärchen lästern, die es in Hostelzimmern tun – insgeheim haben wir alle Verständnis.

Manchmal packt es einen eben.

Gerade, wenn man weiß, die gemeinsame Zeit, die man mit einer Person verbringt, ist sehr kurz, lässt man sich gerne auf das ein oder andere Abenteuer ein.

4. Liebe

Und wenn man sich schon ein wenig kennengelernt, Zeit miteinander verbracht, vielleicht sogar miteinander geschlafen hat – ja, dann passiert es natürlich auch manchmal, dass man Gefühle für den anderen entwickelt.

Man teilt eine spannende Lebenssituation miteinander, egal ob auf Reisen oder beim Auslandsaufenthalt. Alles ist ein bisschen wilder, romantischer, aufregender – und dadurch intimer.

Wer würde sich denn nicht verlieben, wenn man gemeinsam einen Sternschnuppenregen über dem Toten Meer beobachtet? Oder wenn man gemeinsam durch Portugal trampt?

In Spanien lernte ich Olivier kennen. Olivier kam aus Québec, war Tänzer und Schauspieler und einer der liebenswertesten Menschen, die ich jemals getroffen habe. 

Wir beschlossen, die kommenden Wochen gemeinsam zu reisen. Wir trampten durch Spanien. Wir gingen gemeinsam aus und tanzten miteinander. Wir spazierten durch mit Menschen vollbepackte Innenstädte und durch verlassene Fischerdörfer.

Natürlich haben wir uns ineinander verliebt. Und natürlich wussten wir, dass diese Liebe kaum eine Chance hatte. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt beide nicht genau, wo wir im Leben stehen, wo wir in ein paar Monaten sein werden, wie es beruflich bei uns weitergeht.

Zu Weihnachten sind wir beide in unsere jeweiligen Heimatländer zurückgeflogen, und wie es dann so ist: Am Anfang hält man noch regelmäßig Kontakt. Dann ein bisschen weniger. Dann noch weniger. Und plötzlich sind Wochen vergangen, in denen man nicht an die andere Person gedacht hat.

Im Nachhinein glaube ich: Ich konnte mich deswegen so gut in Olivier verlieben, weil ich wusste, in ein paar Wochen ist es vorbei. Dann fällt es leicht, sich in die Emotion fallen zu lassen – man lebt in einer rosa Blase, die platzt, sobald man den Heimflug antritt.

Und das ist auch in Ordnung so.

Schwieriger ist es, wenn die Gefühle ernst werden und man ein gemeinsames Leben plant. 

5. Partnerschaft

In Panama lerne ich Avril und Jonathan aus Kanada kennen. Die beiden haben sich vor zwei Jahren in Vietnam kennengelernt, wo sie beide Englisch unterrichteten, und sich dort ineinander verliebt. 

Bei den beiden wurde mehr draus als nur ein Urlaubs-Flirt: Nachdem sie mehrere Monate in Vietnam zusammengelebt haben, sind sie zusammen weitergereist. Tatsächlich schaffen die beiden es, eine Beziehung zu führen.

Unter solchen extremen Bedingungen ist das ein Glücksfall – denn genauso, wie eine gewöhnliche Beziehung (sofern es die gibt, aber ihr wisst schon, was ich meine) unter außergewöhnlichen Bedingungen (wenn zum Beispiel ein Partner ins Ausland zieht) in die Brüche gehen kann, kann es auch andersherum passieren:

Wer sich unter außergewöhnlichen Umständen kennenlernt, bewährt sich vielleicht nicht im Alltag.

So war es bei mir und Idan. Wir lernten uns in München kennen, als er, gebürtiger Israeli, auf Reisen war. Kurze Zeit darauf trafen wir uns in Amsterdam, dann reiste ich zum ihm nach Israel. Wir waren frisch verliebt, alles schien perfekt – bis Idan wenige Monate später nach München zog.

Dem Alltag konnte unsere Beziehung nicht standhalten. Wir konnten fantastisch zusammen verreisen, essen gehen, Ausflüge machen – aber wir wurden uns in ganz normalen, alltäglichen Situationen einfach nicht einig. Die Beziehung hielt gerade einmal ein halbes Jahr.

Wir müssen uns emotional flexibel machen

Wer viel verreist oder wegen der Arbeit Zeit im Ausland verbringt, öffnet sich nicht nur schneller, sowohl emotional als auch sexuell, sondern muss auch mehr Enttäuschungen verarbeiten beziehungsweise lernen, sich nicht so schnell enttäuschen zu lassen.

Anderen Menschen auch im romantischen Kontext offener zu begegnen ist eine sehr schöne Eigenschaft, die man beim Reisen oder im Auslandsjahr lernt. Es bringt allerdings auch neue, andere Probleme mit sich: kurzlebige Beziehungen, Distanz-bedingte Trennungen oder Fernbeziehungen.

Dafür muss man nicht einmal selbst verreisen – schließlich kann es genauso gut passieren, dass der (potenzielle) Partner plötzlich einen Job im Ausland annimmt. Oder eine Auszeit nimmt, um zu reisen. Oder einen Teil seiner Ausbildung ins Ausland verlagert.

Auch dann muss man lernen, dass eine Fernbeziehung zu führen oft kein Zuckerschlecken ist – oder dass ein Teil der Beziehungen, die wir uns wünschen, oftmals gar nicht erst zustande kommt. 

In einer Welt, in der wir alle flexibel sein wollen und teils auch müssen, in der wir Auslandserfahrung sammeln, Job-bedingt umziehen, eine stressige Karriere und unser Liebesleben unter einen Hut kriegen wollen, müssen wir lernen, auch emotional flexibel zu sein.

Wir müssen uns von bisherigen Gefühls- und Beziehungsmodellen verabschieden, wenn wir emotional überleben wollen. Oft müssen wir akzeptieren lernen, dass wir unseren Partner vielleicht nicht jeden Tag sehen – weil er an einem anderen Ort lebt. Und wir müssen uns die Frage stellen, was das für unsere Beziehung bedeutet.

Und oft müssen wir uns diese Frage stellen, bevor eine Beziehung überhaupt beginnt. Ist es möglich, sie unter solchen Umständen zu führen? Können wir das emotional stemmen?

Verabschiedet euch von althergebrachten Beziehungsmodellen

Meine Antwort darauf ist: Ja, das können wir. Aber wenn wir maximale Flexibilität wollen, müssen wir an anderen Stellen Abstriche machen. Das bedeutet nicht, dass wir keine Beziehungen mehr führen können, aber vielleicht müssen wir sie ein wenig anders denken.

► Verabschiedet euch von dem Gedanken, dass man nahezu tägliche physische Anwesenheit für eine romantische Beziehung braucht.

► Verabschiedet euch von dem Gedanken, dass man zusammen leben muss, um glücklich zu sein.

► Verabschiedet euch vielleicht sogar von dem Gedanken, dass eine monogame Beziehung über allem steht.

Das heißt nicht, dass althergebrachte Liebesmuster verkehrt sind – sie müssen nur ein wenig weitergedacht werden, um in einer modernen, international geprägten Welt zu überleben, sollte es zum Extremfall kommen. 

(tb/ujo)