LIFE
16/07/2018 17:30 CEST | Aktualisiert 01/08/2018 14:51 CEST

"Ich biete einen unbezahlbaren Service an" – eine Sexualbegleiterin berichtet

"Es ist intim. Es ist therapeutisch und heilend. Es ist keine Unterhaltung."

  • Die US-Amerikanerin Kendra Hollidays arbeitet als Sexualbegleiterin.
  • Im Gespräch mit der HuffPost erklärt sie, was ihren Beruf ausmacht und warum sie in liebt.
  • Oben im Video seht ihr eine Studie zum Thema Sex: 3800 Männer und Frauen befragt – wie lange sollte guter Sex dauern?

Kendra Hollidays Beruf ist es, Menschen zu besserem Sex zu verhelfen.

Seit acht Jahren arbeitet Holliday als Sexualbegleiterin in St. Louis, im US-Bundesstaat Missouri. Wahrscheinlich fragt ihr euch jetzt, was eine Sexualbegleiterin ist. 

“Ein Sexualbegleiter, oder auch Surrogatpartner, ist eine Person, die anderen dabei hilft, ihre sozialen und sexuellen Probleme zu überwinden – durch aktive Intimität”, erzählt Holliday der HuffPost. “Es ist intim. Es ist therapeutisch und heilend. Es ist keine Unterhaltung.”

Kunden kommen zu Sexualbegleitern, wenn sie Hilfe bei sexuellen Störungen brauchen oder mehr Erfahrung gewinnen wollen. Der Begleiter stellt dann einen Behandlungsplan auf – gemeinsam mit einem Sexualtherapeuten, bei dem der Kunde separate Therapiesitzungen hat.

Sie arbeitet mit Sexualtherapeuten aus dem ganzen Land

“Der Begleiter arbeitet mit dem Patient auf eine körperliche, intime Art, um dessen sexuelles Selbstbewusstsein aufzubauen und, damit er sich mit emotionaler und körperlicher Nähe wohler fühlt”, lautet die Definition der gemeinnützigen Sexualpartner-Gesellschaft International Professional Surrogates Association (IPSA).

Holliday selbst ist nicht zertifiziert, dennoch arbeitet sie regelmäßig gemeinsam mit lizensierten Sexualtherapeuten aus dem ganzen Land.

“Ich möchte, dass die Menschen wissen, dass sie mich eher als eine nicht-lizensierte Therapeutin sehen sollen, nicht als Escort”, sagt sie.

Die Rechtslage von Surrogatpartnerschaften ist in den meisten Teilen Amerikas, laut IPSA, und in anderen Ländern der Welt undefiniert. Das bedeutet, dass es keine allgemeinen Gesetze gibt, die diesen Beruf betreffen.

Für Holliday ist die Arbeit bereichernd

Holliday hat schon mit den unterschiedlichsten Menschen gearbeitet, von einem frisch operierten Trans-Mann, der lernen wollte, wie man jemanden Vergnügen bereiten und selbst empfangen kann, bis hin zu 30-jährigen Jungfrauen, die ihre Fühler ausstrecken wollten.

“Ich finde meine Arbeit extrem bereichernd”, sagt sie. “Ich kann nicht alle Probleme, die sich in den letzen 20 oder 30 Jahren angestaut haben, in drei oder vier Sitzungen lösen – ich kann dem Kunden aber mit hilfreichen Antworten und Möglichkeiten zur Seite stehen und sie auf den richtigen Weg bringen.”

Hier könnt ihr lesen, was Holliday über ihre Karriere zu erzählen hat, wie ihr Partner, mit dem sie seit zehn Jahren zusammen ist, mit ihrer Arbeit zurecht kommt und was sie sich für ihre Klienten wünscht.

Mehr zum Thema: Coaches haben uns verraten: Diese Dinge lernt ihr in einem Blowjob-Kurs

Fangen wir ganz von vorne an: Wie sieht eine erste Sitzung mit einem Kunden aus?

Jeder neue Kunde beginnt mit einem Beratungsgespräch. Ich nehme seine Geschichte auf und beginne ein gutes Verhältnis zu ihm aufzubauen. Die erste Intim-Sitzung ist eine gegenseitige Vorstellung unserer Körper – ein Aufbau einer Ebene des körperlichen Wohlgefühls und der Entspannung. Ich arbeite hauptsächlich bei mir Zuhause, aber ich reise auch.

Die erste Sitzung fokussiert sich auf den Kunden und geht nicht um Performance oder Orgasmen – sondern um das Vergnügen und darum, anwesend zu sein. Wir wechseln uns ab, zeigen unsere Körper und sprechen über sie. 

Und ich führe eine Körpermessung durch. Eine Körpermessung und das Reden über den Körper wird im Licht gemacht. Wir sprechen über unsere Körper, von Kopf bis Fuß, von Haarausfall bis zu grauen Haaren, über Narben und Tattoos und über alles, was uns daran erinnert, dass die Vergangenheit real ist.

Mehr zum Thema: Diese 8 Fragen werden Sextherapeuten am häufigsten gestellt

Wir entdecken unerwartete erogene Zonen, lernen Akzeptanz und zeigen uns unsere Genitalien. 90 Prozent der Männer, mit denen ich arbeite, machen sich Sorgen um ihren Penis – um dessen Funktionsfähigkeit und Größe. Ich frage sie immer: “Magst du ihn? Bereitet er dir Vergnügen? Ja? Siehst du, es gibt keinen Grund etwas “Gutes” in etwas “Schlechtes” zu wandeln!”

Kendra Holliday
Als Kind wollte Holliday Bibliothekarin werden.
 

Wirst du in den folgenden Sitzungen mit deinen Klienten intimer und hast Sex mit ihnen?

Wir beginnen damit, eine mental-intime Verbindung aufzubauen und dann eine körperliche Intimität.

Es ist wichtig, sich nicht durch den Prozess zu hetzen. Mit meinen Klienten lasse ich mir viel Zeit, damit wir uns auch auf andere Dinge fokussieren können. Natürlich kommt es schließlich zum zielfreien Sex.

Richtiger Sex sollte eine Erfahrung sein und auf Gefühlen beruhen – nicht abhängig von der Performance sein. Ich habe nichts gegen Pornos – ich persönlich liebe sie – aber manchmal können sie die falsche Nachricht vermitteln, was Sex betrifft.

Normalerweise arbeite ich in etwa vier bis sechs Monate mit einem Kunden – oder, je nachdem, vier bis sechs Sitzungen.

Mehr zum Thema: Ich bin seit 10 Jahren mit einer Prostituierten verheiratet – so sieht unser Leben aus

Arbeitest du auch mit Paaren oder Frauen?

Hin und wieder arbeite ich mit Frauen. Ich habe einer jungen lesbischen Frau, die starke Probleme mit ihrem Körper hatte, geholfen, ihren Körper anzunehmen. Ich habe ihr gezeigt, dass sie sich nicht von ihren Ängsten zurückhalten lassen soll, wenn sie eine Beziehung eingehen möchte. Inzwischen ist sie schon zwei Jahre mit einer wundervollen Partnerin zusammen.

Ich arbeite auch mit Transgender-Menschen, meistens Trans-Frauen. Aber ich habe auch schon mit einem Trans-Mann gearbeitet, der lernen wollte, wie er mit seinem chirurgisch-hergestellten Penis befriedigt wird und wiederum jemand anderen befriedigen kann. Jeder Kunde ist eine neue Erfahrung.

Mit Paaren arbeite ich ebenfalls, in dem ich Intimitäts-Sitzungen mit ihnen mache. Ein seit 20 Jahren verheiratetes Paar kam zu mir, weil die Ehefrau nicht herausfinden konnte, wie sie ihrem Mann Oralsex geben sollte. Und es wurde zu so einem großen Problem, dass sie über Scheidung nachdachten.

Sie engagierten mich für ein Coaching und ich schaffte es, mit ihnen intim zu arbeiten und das Problem festzustellen: Sie näherte sich der Sache auf eine unbeteiligte, mechanische Art und Weise an – wie sie es in Pornos gesehen hatte.

Ich brachte ihr bei, wie sie ihre Mentalität verändern kann, damit sie mehr involviert ist. Damit sie sich ihrem Mann sinnlich annähern kann und er das Gefühl hat, dass sie vollkommen bei ihm ist. Nach nur zwei Sitzungen war ihr Problem gelöst.

Arbeitest du mit Jungfrauen? Wie ist die Herangehensweise?

Ja, ich mache manchmal den Witz, dass ich eine “Entjungferin” bin. Ich hatte schon sehr oft die Ehre, die erste sexuelle Erfahrung von Männern zu sein. Es ist erfrischend mit einem unbeschriebenen Blatt zu arbeiten und ihnen Dinge im Alter von 35 Jahren beizubringen, von denen ich mir wünschte, ich hätte sie ihnen mit 18 beigebracht.

Interessanterweise sind einige unerfahrene Männer komplette Naturtalente im Schlafzimmer, sie brauchen nur eine Möglichkeit zum Üben!

Wie sieht die Rechtslage bei deiner Arbeit aus?

Die Arbeit als Sexualbegleiter ist in Amerika eine Grauzone. Ich glaube, ich bin die einzige Surrogatin im Mittelwesten der USA. Die meisten sind in Kalifornien, an der Ostküste oder in Florida. Es gibt in Missouri keine Gesetze, die Sexualbegleiter beschützen.

Was hast du vor diesem Beruf gemacht?

Ich hatte einen Bürojob! Ich habe die Richtung gewechselt und arbeite nun schon mindestens acht Jahre als Sexualbegleiterin.

Kendra Holliday
"Ein gesundes Sexleben hat Einfluss auf alle Bereiche unseres Lebens", sagt Kendra Holliday.

 

Was wolltest du werden, als du noch ein Kind warst?

Ich wollte Bibliothekarin werden, als ich klein war. Ich liebe bis heute die Vorstellung, eine Wissensvermittlerin zu sein. Und hier bin ich nun: Ich nutze meinen Körper und meinen Verstand statt Bücher. So bringe ich Menschen grundlegende Dinge des Lebens, der Freiheit und des Strebens nach Glück bei.

Mehr zum Thema: 4 Menschen mit Behinderung erzählen, welche Vorurteile über ihr Sexleben sie wütend machen

Was war eine der bereicherndsten Erfahrungen, die du mit Kunden gemacht hast?

Ich habe eine Schwäche für meine Kunden, die eine geringe sexuelle Erfahrung durch ihre körperliche Behinderung haben. Ich hatte einen Klienten mit Muskelschwund, er ist mit 26 Jahren gestorben.

Er war in seiner Bewegung sehr eingeschränkt. Ich war die einzige Frau, mit der er jemals zusammen war. Ihm wurde gesagt, dass er nicht älter als 20 Jahre alt  werden würde. Aber als er das Alter überschritt wurde ihm klar, dass er auch ein paar erwachsene Fähigkeiten lernen muss. So kam er zu mir.

Einmal, nach einer Sitzung, lag ich mit meinem Körper auf seinem und er begann zu weinen. Ich fragte ihn, was er fühle und er sagte: “Das ist das erste Mal, dass ich den Atem und den Herzschlag eines anderen Menschen spüre.” 

Er war einer der unglaublichsten und inspirierendsten Menschen, den ich je kennenlernen durfte.

Was hält dein Partner von deiner Arbeit?

Wir sind seit zehn Jahren in einer offenen Beziehung. Er unterstützt mich extrem in meiner Arbeit. Er “versteht” es und ist stolz auf den Unterschied, den ich in der Welt mache – so wie ich auch stolz auf seine Karriere bin. Wir beide teilen unsere besonderen Talente und unser Wissen mit unserer Gemeinschaft.

Mehr zum Thema: Diese 7 kleinen Dinge machen Paare mit einem außergewöhnlichen Sex-Leben anders

Was für einen Einfluss hat deine Arbeit auf dein Sexleben, falls es einen gibt?

Ich habe eine sehr hohe Libido und ich versuche mich selbst zu bremsen. Somit hat meine Arbeit kaum Einfluss auf mein privates Sexleben. Ich stelle immer sicher, dass die Bedürfnisse meines Partners gedeckt sind, aber ich habe nicht wirklich Zeit, noch andere Menschen zu daten.

Der Sex mit meinem Partner ist ganz anders als der Sex mit meinen Kunden. Wir haben einen entspannteren Stil, andere Stellungen und benutzen keine Kondome.

Was ist dein Ziel als Sexualbegleiterin? Was hoffst du, deinen Kunden mitgeben zu können?

Selbstbewusstsein aufzubauen und konstruktives Feedback anzubieten ist der Schlüssel. Und die Möglichkeit zu haben, praktisch zu üben, kann einen Durchbruch schaffen, den jahrelange Therapie nicht erreichen hätte können.

Stell dir vor: Du siehst jemanden wöchentlich, der dir erklärt, wie man ein Auto repariert. Aber er fährt nie mit dir in eine Werkstatt und zeigt dir dort, wie es wirklich gemacht wird. 

In meinem Herzen glaube ich, dass ich einen unbezahlbaren Service anbiete. Ich wünschte, es wäre nicht so besonders und selten. Mein Ziel ist es, jedes mal eine nervöse, ängstliche Person zu empfangen und eine entspannte Person zu verabschieden, die sich gut und gestärkt fühlt.

Sex ist eine große und ernste Angelegenheit in unserer Gesellschaft. Aber er kann durch offene Kommunikation, Mitgefühl und Spielerei entmystifiziert werden.

 

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Martina Zink aus dem Englischen übersetzt und angepasst.

(nc)