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16/04/2018 18:12 CEST | Aktualisiert 16/04/2018 18:12 CEST

Ich schreibe im Internet über mein Sexleben – so unsäglich reagieren Männer

Viele scheinen zu glauben, meine Offenheit gebe ihnen einen Anspruch auf meinen Körper.

d3sign via Getty Images
Nadine Kroll schreibt offen über Sex (Symbolbild).

Als Frau im Internet hat man es nie sonderlich leicht. Egal, über was man schreibt – es gibt immer einen Mann, der es am Ende besser weiß als man selbst.

Das gilt bei Diskussionen über die Innen- und Außenpolitik, bei juristischen und feministischen Debatten, bei vermeintlichen “Frauenthemen”, wie Hausarbeit und Kindererziehung, und selbst bei harmlosen Themen aus der Popkultur wie beispielsweise dem neusten Album von Beyoncé.

“Wer im Internet publiziert, muss sowas auch abkönnen” 

Der weiße Mann hat immer was zu sagen. Vor allem aber Frauen hat er regelmäßig etwas mitzuteilen. Mit “Wer im Internet publiziert, muss sowas auch abkönnen!” rechtfertigt er alles, was er so an Nachrichten verschickt.

Von Penisbildern über nicht-enden-wollende Flirtversuche bis hin zu wüsten Beschimpfungen und Vergewaltigungsdrohungen, weil Frau in einem Artikel nicht seiner Meinung war.

Ich bin eine Frau im Internet, die zu allem Überfluss auch noch über Sex schreibt. Darüber, wie gerne sie fickt – und mit möglichst vielen verschiedenen Menschen – und darüber, dass unsere verklemmte Gesellschaft endlich offener und freier werden muss, sich dabei aber zugleich dem Problem des strukturell verankerten Sexismus stellen muss.

Kurz: Ich bin eine Frau, der Männer im Internet ganz besonders etwas zu sagen haben.

Entweder, weil sie von meinen Texten über Analsex so angetan waren, dass sie unbedingt in mein Höschen wollen – oder aber, weil sie meine feministische Einstellung so wütend gemacht hat, dass sie aus dem Text bereits herauslesen konnten, dass ich im echten Leben eine peinliche, hysterische und verklemmte Person bin, die “noch nie richtig gefickt wurde”.

Mitteilungen wie diese hier sind für mich leider keine Seltenheit: 

“Du kennst mich nicht, ich kenn dich nicht. Vielleicht ist das auch besser so. Was ich alles, sexuell betrachtet, mit dir anstellen würde – das wäre so außerordentlich gut, dass es schon nicht mehr in Ordnung wäre. Nur: Bleib’ wie du bist, schreib’ fleißig weiter – Respekt an dich, süße Schlampe. Grüße vom Schlamper“

“Hallo Herrin Nadine, ich würde gerne Ihr dreckiger Sklave oder Sub sein. Sie können alles mit mir machen, auch gerne direkt in den Mund pissen und mich Ihren köstlichen Urin trinken lassen. Ich bin devot und geil“

Viele Typen scheinen mich mit einer Prostituierten zu verwechseln

Wann immer ein neuer Text von mir erscheint, kann ich mir sicher sein, dass noch am selben Tag 30 bis 40 Nachrichten von Männern auf den verschiedensten Kanälen bei mir eintrudeln, die entweder ganz harmlos einen Kaffee mit mir trinken wollten oder aber direkt Sex verlangen.

Viele Typen scheinen mich auch mit einer Prostituierten zu verwechseln und bieten mir gleich in ihrer ersten Nachricht Geld dafür an, dass ich mit ihnen schlafe.

► Auch wenn ich Sex liebe, gerne mit Menschen Erfahrungen austausche und mich bewusst dazu entschieden habe, darüber zu schreiben, graut es mir nach jeder Veröffentlichung wieder davor, einen Blick in meine Nachrichtenfächer zu werfen.

► Mein Instagram-Profil habe ich bereits gelöscht, weil mehrere “Verehrer“ mich wissen ließen, dass sie anhand meiner Fotos herausgefunden hätten, wo ich mich häufiger aufhielt und diesem Ort demnächst einen Besuch abstatten würden, um mich direkt dort abzufangen.

Am Einfachsten ist es für mich, wenn ich einfach nicht mehr antworte

Auch wenn ich ein Buch über Geschlechtsverkehr verfasst habe und eine Sexkolumne schreibe, bin ich noch immer eine Privatperson, die ihr Privatleben auch schützen möchte.

Zum Beispiel, indem ich mich grundsätzlich nicht mit Lesern treffe. Antworte ich betroffenen Personen genau das auf ihre Bitte um ein Date mit mir, erzählen mir mindestens neun von zehn Leuten, dass sie sich ja nicht als Leser sehen, sondern eher als Seelenverwandter. 

Oder mich als einen Menschen betrachten würden, der endlich einmal das ausspricht, was sie nur im Geheimen denken, der sie im Gegensatz zu all ihren Freunden wirklich versteht und mit dem sie endlich auf Augenhöhe über ihre sexuellen Vorlieben und schmutzigsten Fantasien sprechen können.

Neun von zehn Menschen, die mich um ein Treffen bitten, wissen offenbar bereits im Vorfeld genau, dass sich zwischen ihnen und mir eine tiefe, ehrliche Freundschaft entwickeln wird, wie ich sie noch nie zuvor erlebt haben soll. Sex ist selbstverständlich kein Muss, aber es wäre schön, wenn man sich die Option zumindest offenhalten würde, lese ich zwischen den Zeilen heraus.  

Am Einfachsten ist es für mich, wenn ich einfach nicht mehr antworte und die Unterhaltungen ins Leere laufen lasse.

Wäre ich hässlich, würde ich ja ihre schmutzigen Fantasien zerstören

Es gibt allerdings diese Menschen, die geradezu zwanghaft versuchen, ein Gespräch aufrecht zu erhalten und mir immer neue Fragen stellen, die ich zwar als belanglos erachte, aber aus Höflichkeit nun einmal trotzdem beantworte.

Denn auch wenn ich im Internet oft rotzig erscheine, haben mir meine Eltern beigebracht, immer nett und freundlich zu sein. Auch dann noch, wenn ich mich in Unterhaltungen unwohl fühle, weil ich merke, dass mein Gegenüber gerade versucht, in den Teil meiner Privatsphäre einzudringen, den ich eigentlich nicht preisgeben möchte.

Die Männer, die hartnäckig Fotografien von mir einfordern (“Muss ja nicht gleich ein Nacktfoto sein, Zwinkersmiley!“), rechtfertigen das am liebsten mit der Begründung, dass sie nur sichergehen wollen, dass ich nicht hässlich bin. Das würde sonst ja die schmutzigen Fantasien, die sie nur allzu gerne mit mir ausleben würden, zerstören.

► Wann immer ich Männern im Internet mit einem klaren “Nein!“ auf ihre Anfragen begegne, darf ich mich auf weitere Nachrichten von ihnen einstelle.

► Am allerliebsten begegnen sie mir mit Unterstellungen wie: Ich wusste, dass du total prüde und verklemmt bist!“, ”Schade, dass der Feminismus inzwischen auch von so interessanten Frauen wie dir Besitz ergriffen hat!“ oder – mein absoluter Favorit – “Bestimmt bist du in Wirklichkeit ein ekliger alter Mann!“

Es ist die immer gleiche Mischung aus Abwertung und Maßregelung

Manche werden auch direkt ausfallend und beschimpfen mich als Schlampe, “der man das Maul stopfen und sie dann ordentlich einreiten sollte“. Oder sie sagen mir, dass sie eine “dreckige Hure“ wie mich sowieso nie ficken wollten und ihre zuvor gestellte Frage nach einem erotischen Date zu zweit nur ein Scherz gewesen sei.

Männer, die eher subtil abwerten, wenn ich ein Treffen oder Telefonat mit ihnen auf deutliche Art und Weise verweigere, schreiben gerne Dinge wie “Du hast gerade einen wirklich treuen Leser verloren, Nadine!“.

Am besten aber verdeutlicht dieser Dialog hier, wie Männer im Internet gerne mit mir reden, wenn ich sie frage, warum sie mein “Nein!“ nicht akzeptieren, sondern in regelmäßigen Abständen wieder versuchen, ein Treffen mit mir zu initiieren.

Es ist die immer gleiche Mischung aus einer Abwertung, in der man mir vorwirft, nicht nett genug zu sein, einer Maßregelung, in der mir erzählt wird, was ich besser machen muss, damit Mann nicht komplett das Interesse an mir verliert und der Aussage, dass man in ihrer Gunst erst dann wieder steigt, wenn sich auf ein Treffen mit ihnen einlässt.

Nadine Kroll
Screenshots des Dialogs zwischen Nadine und einem Mann. 

Der gleiche Mann schickt mir übrigens seit diesem Gespräch täglich die immer gleiche Nachricht:

Nadine Kroll
Jeden Tag schickte er ihr dieselbe Nachricht. 

Wenn ich all die Nachrichten, die Tag für Tag bei mir eintrudeln, durchlese, entsteht bei mir der Eindruck, dass Männer sich dazu berechtigt fühlen, so mit mir zu kommunizieren, wie sie es tun, nur weil ich im Internet über Sex schreibe und viel von meinem Privatleben offenlege.

► Viele von ihnen scheinen zu glauben, meine Offenheit im Netz gebe ihnen zugleich einen Anspruch auf meinen Körper. Oder auch nur auf meine Zeit.

► Wenn sie dann merken, dass ich ihnen genau das nicht zugestehe, werden sie schnell unbequem und greifen gerne auch zu bereits erwähnten manipulativen Taktiken.

An alle Männer, die sich irgendwann einmal mit einer Frau treffen wollen: Bleibt freundlich

Vermutlich in der Hoffnung, dass ich mich am Ende doch noch auf sie einlasse. Dabei ist die einzige Sache, die Männer bei mir mit vehementer Belästigung, Beleidigung und gespielter Betroffenheit erwirken die, dass ich sie ohne ein weiteres Wort blocke.

Wie sie mit solchen Mitteln etwas Anderes erreichen wollen, ist mir ehrlich schleierhaft. Denn mal ehrlich: Keine Frau sagt, nachdem ein Typ ihr schreibt “Ich wusste, dass du voll die stinkende Fotze bist!“ plötzlich: “Oh, na dann lass uns doch treffen und Sex haben, deine Worte haben mir richtig Lust auf dich gemacht!“. Wirklich keine.

An alle Männer da draußen, die sich irgendwann einmal mit einer Frau treffen wollen, auf die sie im Internet aufmerksam geworden sind, habe ich nur einen Ratschlag: Bleibt freundlich. Und zwar auch dann, wenn wir euch das Gegenüber offen oder auch versteckt signalisiert, dass es kein Interesse an euch hat.

(ll)