LIFESTYLE
30/05/2018 13:17 CEST | Aktualisiert 30/05/2018 13:17 CEST

Menschen mit Behinderung über Vorurteile über ihr Sexleben

Viele glauben, Menschen mit einer Behinderung hätten keine Lust auf Sex.

zianlob via Getty Images
"Die Menschen haben oft das Vorurteil, dass Behinderte nicht begehrenswerte, attraktive oder ideale Partner für andere sein können."

Viel zu viele Menschen glauben, dass Menschen mit Behinderung nicht das gleiche sexuelle Verlangen, die gleiche Lust beim Sex oder die gleichen körperlichen Möglichkeiten zu Sex haben wie Menschen ohne eine Behinderung.

Im Folgenden erzählen vier Aktivisten mit Behinderung von den schlimmsten Vorurteilen, denen sie in Bezug auf ihr Liebesleben begegnet sind.

1. Menschen mit Behinderung haben kein sexuelles Verlangen.

“Ich habe die Osteogenesis Imperfecta, eine Glasknochenkrankheit. Meiner Erfahrung nach gibt es den Irrglauben, dass Menschen mit Behinderung keinen Sex wollen – das ist eine Lüge.

Wir wollen genauso Sex wie alle anderen. Warum sollte eine Behinderung diesen Aspekt aus unserem Leben tilgen? Sex ist ein Recht derer, die ihn begehren und kein Luxus, der nur Nicht-Behinderten zusteht.” Vilissa Thompson, Anwältin, Sozialarbeiterin und Gründerin von “Ramp Your Voice”, einer Organisation für Menschen mit Behinderung.

2. Und ihre Geschlechtsorgane funktionieren nicht.

“Ich habe Muskeldystrophie, eine erbliche Muskelerkrankung. Über die Jahre habe ich viel Zeit in Chatrooms, Foren und auf Datingseiten verbracht. Es amüsiert mich immer, was die Menschen so glauben und wie dreist sie bestimmte sehr intime Fragen stellen. Würdest du das irgendwen auf der Straße fragen?

Damit das klar ist: Die meisten Menschen mit Behinderung fühlen das gleiche wie der Durchschnittsmensch. Wie das halt so ist, funktioniert nicht jeder Körper gleich, jeder hat auch nicht auf die gleiche Art Spaß. Und bei jedem neuen Partner geht’s darum zu lernen, was funktioniert und wie man dabei zusammen Spaß hat.” – Tegan Morris, Erzieherin und Anwältin für Themen wie Inklusion und Aufklärung über Behinderungen in Neuseeland.

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3. Sex tut ihnen weh.

“Ich habe Zerebralparese, eine Bewegungsstörung infolge frühkindlicher Hirnschädigung. Die wirkt sich bei jedem unterschiedlich aus, aber in meinem speziellen Fall hemmt es die Bewegung meiner Beine und schwächt auch meine Arme leicht. Menschen, mit denen ich schlafe, haben die irrige Angst, mir beim Sex weh zu tun.

All meine körperlichen Behinderungen zeigen sich unterschiedlich, aber mittlerweile habe ich nicht mehr täglich Schmerzen. Du wirst mir also keine Schmerzen zufügen, indem du mich einfach nur berührst. Ich möchte (konsensuell) berührt werden. Und wenn du mir wehtust, werde ich es dir sagen und dich freundlich bitten, das zu ändern. Zuhören ist der Schlüssel. Aber zögere nicht, mich wegen deiner Annahmen über meinen Körper zu begehren.” Ryan J. Haddad, Schauspieler, Schriftsteller und autobiographischer Darsteller in New York

4. Es ist schwer, jemanden für sie zu finden.

“Ich habe eine unvollständige Rückenmarksverletzung. Das heißt, ich bin rechts halbseitig gelähmt. Ich brauche einen Rollator zum Laufen und manchmal einen Rollstuhl. Deshalb habe ich Menschen getroffen, die überrascht waren, dass ich Partner und Beziehungen habe.

Einmal sagte mir eine Physiotherapeutin, dass sie beeindruckt sei, dass ich trotz meiner Behinderung einen Mann hatte, weil sie keine habe und trotzdem keinen finden könne.

Die Menschen haben oft das Vorurteil, dass Menschen mit körperlicher Behinderung nicht begehrenswerte, attraktive oder ideale Partner für andere Menschen (insbesondere für Menschen ohne Behinderung) sein können” – Robin Wilson-Beattie, Erzieherin für Sexualität und Inklusion und Gründerin von “SexAbled”, einer Aufklärungsseite für Sex und Behinderung

5. Konsens gilt für sie nicht.

“Wir haben ein Recht auf Selbstbestimmung in Sachen Sex und Intimität – das kann man uns nicht nehmen nur, weil wir eine Behinderung haben. Selbstbestimmung heißt, es zu respektieren, wenn wir ‘Nein’ sagen und außerdem, unsere Körper und unser Vertrauen nicht zu verletzen, indem man unser ‘Nein’ ignoriert. Andere Menschen müssen uns glauben, wenn wir erzählen, dass wir sexuell misshandelt wurden, weil wir eine hohes Risiko für sexuelle Gewalterfahrungen haben.  

Viele denken nicht daran, Menschen mit Behinderung in Gesprächen über sexuelle Selbstbestimmung zu erwähnen. Wenn wir über Selbstbestimmung und Rape Culture sprechen, können wir Opfer, die eine Behinderung haben, nicht aus der Diskussion und den Lösungen ausschließen.” – Thompson

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6. Dates und Flirten interessieren sie nicht.

“Das ist bei jedem verschieden, aber wegen meiner Krankheit werde ich für jünger gehalten, als ich bin und ich habe gesehen, wie überrascht Fremde waren, wenn ich einen schmutzigen Witz gemacht oder etwas Anzügliches gesagt habe. Nur weil es nicht immer wir sind, die das Eis brechen, heißt das nicht, dass wir keinen Spaß am Flirten haben. Wir haben den gleichen Sexualtrieb und das gleiche Interesse an Nähe wie der Durchschittsmensch.

Bei mir persönlich reicht es – abhänging von meiner Laune – von ’24/7 geil’ auf der einen Seite bis ‘nicht so interessiert’ auf der anderen. Die Herausforderung für viele Menschen mit Behinderung ist es, dass wir als süß und unschuldig wahrgenommen werden und dass man annimmt, dass unser Leben ‘zu schwierig’ sei, um auch noch den zusätzlichen Aspekt von Intimität zu enthalten.”  – Morris

7.  Sie haben nicht das Recht, bei Romanzen wählerisch zu sein.

“Menschen sind oft verletzt oder beleidigt, wenn sie einen Korb bekommen. Das ist normal und passiert uns allen. Aber zu mir hat mal ein Mann im Internet gesagt: ‘Bei all deinen Problemen solltest du mit dem zufrieden sein, was du kriegen kannst’. Entschuldige bitte, aber Menschen mit Behinderung sind auch Menschen und wir haben die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen. Wir wissen genau, was und wen wir wollen.

Wenn wir uns von jemandem nicht angezogen fühlen, stehen wir in keiner Verpflichtung seine Gefühle zu uns zu erwidern. Wenn wir nicht zu jemandem passen, haben wir keinen Grund, eine Beziehung mit ihm einzugehen, die nicht funktionieren würde.

Und das Wichtigste: Eine Behinderung ist kein Problem. Es ist keine Unzulänglichkeit. Es ist eine Identität, auf die man stolz sein kann. Wir sind nicht weniger wert als Menschen ohne Behinderung. Wir sind gleich und wir haben die Macht zu bestimmen, wen wir ins unser Leben lassen und wen nicht.” – Haddad

Der Text erschien zuerst in der bei HuffPost US und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt.

(ks)