WIRTSCHAFT
01/06/2018 17:40 CEST | Aktualisiert 01/06/2018 17:41 CEST

Serbien: So will Premierministerin Ana Brnabić den Balkan digitalisieren

Besonders bei der Bildung ist das Land Vorreiter.

Marko Djurica / Reuters
Ana Brnabić Ernennung zu Serbiens erster Premierministerin war eine Sensation.

Dass Ana Brnabić 2017 zur Premierministerin Serbiens ernannt wurde, war eine Sensation. Eine Sensation, weil damit erstmals eine Frau an Serbiens Spitze steht, und zwar eine, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennt. Homosexuelle werden in dem Balkanstaat immer noch sehr häufig angefeindet.

Ihre Ernennung war ein Signal, nicht nur an die Bevölkerung des Landes, sondern auch an die Weltgemeinschaft. Brnabić steht für das, was Serbien nach außen hin verkörpern möchte: Offenheit, Fortschritt und Fachkompetenz im Digitalbereich.

Die Serbin studierte in den USA und England, ist erfolgreiche Geschäftsfrau und arbeitete bis zu ihrer Ernennung als Verwaltungsministerin 2016 als Finanz- und Marketingberaterin. Als Kabinettsmitglied von Präsident Aleksandar Vucic arbeitete die parteilose Politikerin erfolgreich mit, das Land wirtschaftlich zu stabilisieren.

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Bildung, Behörden und Unternehmen sind die Ziele der Reformation

Als Regierungschefin trat sie an, nicht nur Serbien, sondern auch den Balkan in die digitale Zukunft zu führen. Die Digital- und Kreativbranche zu reformieren, war ein zentraler Punkt ihrer Agenda und ist eine Herzensangelegenheit.

Dabei konzentriert sie sich auf drei Punkte: 

► Bildung: Wichtige Kenntnisse für die Digitalisierung wie Coden sollen für jeden Bürger erreichbar sein.

► Behörden: Besonders bürokratische Prozesse sollen vereinfacht und unkomplizierter gestaltet werden. 

► Unternehmerisches Umfeld: Mit Anreizen für Firmen und Talente möchte sie die digitale Wirtschaft stärken. 

Brnabić erste Amtshandlung war eine Schulreform. Nun steht für jedes Schulkind ab elf Jahren Coden auf dem Stundenplan.

“Wir möchten eine der führenden Digitalwirtschaften des 21. Jahrhunderts werden”, erklärt Veronika Tasić Vušurović, Koordinatorin der “Digital Serbia” Initiative, der HuffPost. Der Zusammenschluss aus mehr als 100 nationalen und internationalen Firmen arbeitet eng mit der Premierministerin zusammen.

Die Initiative baute eine Onlineplattform. Sie macht es möglich, dass nicht nur Schulkinder, sondern auch jeder andere Bewohner Serbiens unkompliziert Coden lernen.

Eine der größten Herausforderungen ist für Vušurović dabei die Bereitschaft aller Regierungsinstitutionen, die Probleme anzugehen. “Es reicht nicht aus, dass einzelne Vorbilder an die Digitalisierung glauben”, sagt die Digitalexpertin, “alle von ganz oben bis zu den örtlichen Behörden müssen mitziehen. Die Ernennung der Premierministerin Ana Brnabić war ein Durchbruch für die Digitalisierung in unserem Land.”

Jetzt sei es wichtig, dass sowohl die Bevölkerung, als auch die Unternehmen von den Innovationen profitieren.

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Verschlankung der Behörden

Damit hat die Ministerin bereits begonnen. Brnabić verschlankte den behördlichen Apparat, schaffte einen elektronischen Gesundheitspass und elektronisierte Behördengänge.

Wer zum Beispiel sein Kind nach der Geburt melden möchte, einen Reisepass beantragen will oder einen Kindergartenplatz sucht, muss nicht mehr persönlich in der Schlange stehen.  

Ein einfacher und unkomplizierter Umgang mit einer E-Signature mache das möglich, erklärt Vušurović. Bisher würden rund fünf Prozent der Bevölkerung diese elektronische Unterschrift nutzen, doch Zahl steige.

Mit ihren Maßnahmen schafft Premier Brnabić ein Umfeld, dass auch für junge Fachkräfte und Unternehmen attraktiv ist. Denn in Serbien leben zwar viele junge und gut ausgebildete Talente, doch viele von ihnen wandern ins Ausland ab. Laut OECD erreichte die Zahl 2015 ein Rekordhoch mit rund 60.000 Wirtschaftsemigranten.

Für “Digital Serbia” kein Problem. Gerade Städte wie Belgrad und Novi Sad sind Schmelztiegel für Talente wie Software Ingenieure, Online Gaming Entwickler und Blockchain-Spezialisten. “Serbien hat viel zu bieten: einen großartigen Lebensstil und viele Jobmöglichkeiten für qualifizierte Fachkräfte”, sagt Vušurović. 

Sie sieht Serbien als einen regionalen Innovation- and Digital-Hub für den Balkan. “Ich glaube nicht, dass die einzelnen Ökonomien in der Lage wären, sich allein weiter zu entwickeln.” Das sehe man auch an den Startups, die sich auf den Balkan vernetzen.

Veronika Tasic
Die Koordinatorin der Initiative "Digital Serbia" Veronika Tasić Vušurović. 

Das können andere Länder von Serbien lernen

Wenn es um die Schulreform geht, können andere, stärker entwickelte Länder von Serbien lernen. Weil kaum ein anderes Land Europas sich ausreichend an die digitale Bildung herangewagt hat, entwickelte Serbien seine Reform eben selbst.

Die Koordinatorin von “Digital Serbia” glaubt, dass es für ihr Land einfacher sei, das System zu transformieren, weil die Institutionen offener für die Veränderungen wären.

Dabei helfen auch die enge Zusammenarbeit der Initiative mit der Regierung, die Neuerungen voranzubringen. So habe es sich der serbische Ableger der Telekom auf die Fahnen geschrieben alle Schulen und die Industrie mit einer guten Breitbandverbindung auszustatten, damit alle dieselben Chancen bekommen.

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In Deutschland ist eine flächendeckende und ausreichende Versorgung mit Breitband noch Wunschtraum vieler Unternehmer und Bewohner von ländlichen Gebieten.

Die neu ernannte Digitalstaatsministerin Dorothee Bär (CSU), möchte Deutschland zum “Digital-Weltmeister” machen. Die allumfassende Gigabit-Versorgung bis 2025 wird sie das Kritikern nach aber nicht schaffen.

Vušurović etwa glaubt: Kleinere Staaten seien einfach flexibler darin, ihre Schwächen in Stärken zu verwandeln. Zum Beispiel sei die geografische Lage Serbiens ein Nachteil, doch durch die Digitalisierung würde das Land sich für jeden erreichbar machen.

Zwar sehen Kritiker die “Wirtschafts-Premierministerin” ein knappes Jahr nach ihrer Wahl noch immer als Schachfigur von Präsident Vucic. Tatsächlich gilt Brnabić als sehr loyal Vucic gegenüber. Zudem verfüge sie als Quereinsteigerin und viel kritisierte Person in der Regierung nicht über große politische Macht.

Dennoch hat sie gezeigt, dass sie mit ihrer Fachkompetenz in Serbien viel bewegen kann – für Unternehmen und für die Bevölkerung.

(ks)