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18/02/2019 13:19 CET

Selbstverletzendes Verhalten: So können euch Instagram, Facebook & Co. beeinflussen

Was bringt einen jungen Menschen dazu, nach Bildern von Wunden zu suchen, die sich andere selbst zugefügt haben oder sogar selbst welche zu posten?

AntonioGuillem via Getty Images

Vor kurzem wurde verkündet: Instagram und Facebook werden in Zukunft Bilder von Selbstverletzungen verbannen. Außerdem werden die Suchfunktionen entsprechend angepasst, sodass es schwieriger sein wird, Bilder mit weniger eindeutigem Inhalt – wie zum Beispiel Narben von Selbstverletzungen – zu finden.

Das ist die Folge einer gerichtlichen Untersuchung von Molly Russel: Die Teenagerin wurde im November 2017 tot in ihrem Zimmer aufgefunden. Ihre Familie entdeckte daraufhin, dass sie sich in den sozialen Medien mit Inhalten zu Angst, Depression, Selbstverletzung und Selbstmord beschäftigt hatte. Ihr Vater sagte, er hätte “keinen Zweifel, dass Instagram dabei geholfen hat, sie umzubringen”.

Das Thema Selbstverletzung kann jeden betreffen. Die meisten Menschen allerdings, die angeben, sich selbst zu verletzen, sind zwischen elf und 25 Jahre alt. Eines von fünf Mädchen im Teenageralter denkt manchmal oder sogar regelmäßig daran, sich selbst zu verletzen, so die englische Wohltätigkeitsorganisation “Addaction”.

Was ist selbstverletzendes Verhalten (SVV)?

► Wer unter selbstverletzendem Verhalten leidet, fügt sich selbst bewusst körperlichen Schaden zu – ohne sich umbringen zu wollen. Wer sich selbst verletzt, hat nicht unbedingt Suizidgedanken.

► Vor allem Jugendliche mit psychischen Störungen wie Depressionen, Ess-, Zwangs- oder Angststörungen sind betroffen. Aber auch, wer zum Beispiel unter einem mangelnden Selbstwertgefühl leidet, kann dazu neigen, sich selbst zu verletzen.

► In Deutschland haben sich zwischen 25 und 35 Prozent aller Jugendlichen schon mindestens einmal absichtlich selbst verletzt

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In sozialen Medien versuchen Jugendliche, Anschluss zu finden

Aber was bringt einen jungen Menschen dazu, nach Bildern von Wunden zu suchen, die sich andere selbst zugefügt haben – oder gar selbst welche zu posten?

Experten für psychische Gesundheit erklärten der HuffPost, dass viele Teenager auf diese Weise versuchen, Anschluss zu finden, auch wenn ihre Taten sie letztlich noch stärker isolieren würden – mit verheerenden Folgen.

Peter Klein, ein von der BABCP (Britischer Verband für kognitive und Verhaltenspsychotheraphie) anerkannter Therapeut und Beratungsdirektor, erklärt, dass die Suche und das Teilen dieser Inhalte in den sozialen Netzwerken ein Weg sein kann, auf dem selbstverletzende Leute in Kontakt mit anderen treten.

Selbstverletzende Menschen fühlen sich oft nicht zugehörig. Im Internet Bilder zu posten gibt ihnen ein Gefühl von Verbundenheit. Leidende können auf diese Weise die Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen im Alltag fehlt”, sagt Klein.

“Andere posten Bilder, weil das potentielle Drama, das so ein Akt hervorrufen kann, die Form von Kommunikation ist, mit der sie sich selbst am wohlsten fühlen und die sie gut kennen.”

Wenn jemand absichtlich seinen eigenen Körper verletzt, liegt der Ursprung häufig in Gefühlen der Verzweiflung. Sich selbst zu verletzen, kann eine “starke Ablenkung” von diesen Gefühlen sein, sagt Klein. Manche empfinden sogar kurzzeitig ein Gefühl von Erleichterung. Dennoch, die Gründe für die Verzweiflung verschwinden auf diese Weise nicht.

Wenn junge Leute auf Bilder stoßen, auf denen andere sich selbst verletzen, kann dass ein Gefühl der Bestätigung sein, erklärt Sarah Parry, klinische Psychologin und Dozentin an der Universität Manchester. So würden sie sich etwas weniger alleine fühlen.

Aber was passiert, wenn solche Beiträge Informationen oder Anleitungen zur Selbstverletzung bieten?

Bilder von selbstverletzendem Verhalten verbannen: Hilft das?

Zu diesem Thema gibt es zahlreiche öffentliche Debatten: Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock übte zunehmend Druck auf Instagram und andere soziale Medien aus, damit Bilder von Selbstmord und Selbstverletzung entfernt werden.

Nick, Clegg, ehemaliger Vizepremierminister und inzwischen leitender Angestellter bei Facebook, zu dem auch Instagram gehört, meint hingegen, dass es manchmal besser sei, Bilder dieser Art in den sozialen Medien zu lassen:

“Ich weiß, das klingt nicht gerade eingängig, aber es heißt, dass in manchen Fällen solche verstörenden Bilder Menschen helfen, einen Hilferuf zu senden und dann die Unterstützung zu bekommen, die sie benötigen.”

Jedoch ist es erwiesen, dass veröffentlichte Details von Selbstmordmethoden emotional instabile Personen veranlassen können, dieses Verhalten nachzuahmen. Aus diesem Grund sind Medien dazu angewiesen, über keine Details zu berichten, wenn eine Person Selbstmord begeht.

Es gibt die Befürchtung, dass Selbstverletzung den gleichen Effekt hervorrufen könnte. Zwischen den beiden Akten besteht eine Verbindung – mehr als die Hälfte der Menschen, die sich das Leben nehmen, haben sich in der Vergangenheit selbst verletzt, so die NHS, das nationale Gesundheitssystem Englands.

Das Problem, sagt Parry, besteht darin, dass die Verbannung von veranschaulichenden Bildern von Seiten wie Instagram dazu führen kann, dass junge Menschen sich ihre Informationen an anderer Stelle suchen. Auf Instagram ist genau dies bereits passiert: Nachdem der Hashtag #selfharm deaktiviert wurde, gibt es nun alle möglichen Variationen des Wortes, teilweise einfach in anderer Schreibweise, mit zehntausenden von Beiträgen.

“Junge Leute werden einfach recherchieren, wie sie diese Dinge machen. (...) Die Absicht dahinter ist nicht, sich selbst langfristig Leid zuzufügen, sondern sich zu helfen, es zu bewältigen.”

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Selbstverletzendes Verhalten nachzuahmen und nach solchem Material zu suchen, ist bei jungen Leuten nicht ungewöhnlich, glaubt Klein. Besonders bei Mädchen im Teenageralter.

“Wenn Menschen bereits Schwierigkeiten mit ihren Gefühlen haben und damit, Bindungen zu anderen aufzubauen, dann übt das Gefühlschaos und die Schwierigkeiten der Pubertät noch zusätzlichen Druck aus.”

“Andere Leuten zu suchen, die im Netz ihre Gefühle ausdrücken und von ihrem Leid berichten, kann Menschen, die sich selbst verletzen, das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Zugleich gibt es ihnen eine Möglichkeit, ihre eigenen Gefühle auszudrücken”, fügt er hinzu.

Die Sorge ist, dass selbstverletzendes Verhalten durch Aktivität in einer entsprechenden Online-Gemeinschaft gefördert und ein positiver Wandel verhindert wird, erklärt Klein.

Jugendliche müssten in die Debatte mit eingebunden werden

Während es “umstrittener Weise ein kluger Ansatz ist”, Bilder von Selbstverletzungen von Instagram zu verbannen, so Parry, ist es vor allem schwierig zu beurteilen, wo eine Trennlinie bei dieser Art von Inhalten gezogen werden muss.

Sie erklärt, dass Bilder von Narben auch die Botschaft senden können, dass eine Heilung möglich ist. Und sollten Bilder und Videos, die zeigen, wie eine Wunde gereinigt werden kann, tatsächlich verboten werden? Denn eines der zusätzlichen Risiken von Selbstverletzung sind Infektionen, die ebenfalls gefährlich werden können.

“Wir sind uns tatsächlich nicht einig, was wirklich hilfreich ist”, sagt Parry. Sie glaubt, dass junge Leute viel mehr in die Debatte, was ihnen helfen könnte, eingebunden werden sollten.

Sie sagt, Technologie-Unternehmen könnten mehr tun, indem sie Informationen wie etwa Adressen oder Webseiten von Kriseninterventionsstellen nennen, wenn Leute nach bestimmten Hashtags in den sozialen Medien suchen – etwas, an dem Facebook versprochen hat, zu arbeiten.

Ebenso ist frühes Eingreifen unerlässlich – sowohl um die zu erreichen, die online gehen, um sich weniger allein zu fühlen, als auch um die schleichende Normalisierung solcher Bilder anzusprechen, denen sie ausgesetzt sind. Zu guter Letzt bedarf es vor allem an mehr Diskussion darüber, fordert Parry, wie Teenager wirklich mit schwierigen, mächtigen Gefühlen umgehen, so dass sie gar nicht erst an den Punkt kommen, Informationen zur Selbstverletzung zu suchen.

Lieber nach Gründen als dem selbstverletzenden Verhalten selbst fragen

“Wenn du glaubst, dass sich eine dir wichtige Person selbst verletzt, kann es helfen, sie zu fragen, warum sie verzweifelt ist, anstatt über das selbstverletzende Verhalten an sich zu sprechen”, schlägt Dr Lucy Webb vor, Dozentin für Krankenpflege an der Universität Manchester.

“Unter diesen Umständen ist es schwierig, mit den eigenen Eltern zu sprechen. Oft ist es besser, wenn Betroffene mit einer unabhängigen Person sprechen können, die keine persönlichen Bindungen zur Familie hat – denn diese könnte Teil des Problems sein”, fügt sie hinzu.

Institutionen wie das Sorgentelefon oder die Samariter können eine wichtige Hilfe sein. “Auch Eltern können an einer solchen Situation sehr verzweifeln und brauchen Unterstützung, wenn sich ihr Kind selbst verletzt.”

Hinweis der Redaktion: Wenn du das Gefühl hast, dein Leben macht keinen Sinn mehr, wende dich bitte an die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

Beim Jugendinformationszentrum München findest du zudem persönliche und telefonische Beratung für Kinder und Jugendliche. Telefonnummer: 089 550 521 50 (Sprechzeiten: Montag bis Freitag von 13 – 18 Uhr).

Dieser Text erschien ursprünglich in der UK-Ausgabe der HuffPost und wurde aus dem Englischen übersetzt von Babette Habenstein.

(ak)