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13/06/2018 15:56 CEST | Aktualisiert 13/06/2018 17:01 CEST

Wir müssen das Thema Selbstmord anders behandeln – es geht uns alle etwas an

Suizid ist nicht das Problem anderer, es ist unser aller Problem.

phaustov via Getty Images
Der Suizid ist noch immer ein Tabuthema in unserer Gesellschaft – das muss ich ändern.

Suizide wie die der Designerin Kate Spade und des Kochs Anthony Bourdain vergangene Woche erinnern auf tragische Weise daran, dass selbst die erfolgreichsten Menschen nicht von psychischen Krankheiten verschont bleiben. 

Diese Krankheiten werden leicht übersehen – von Angehörigen oder gar den Betroffenen selbst.

Eine neue Studie der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) zeigt, dass die Suizidrate in den USA steigt – seit 1999 um mehr als 25 Prozent.

In Deutschland ist die Suizidrate seit den 80er Jahren deutlich gesunken. Allerdings verzeichnet das Statistische Bundesamt seit 2007 wieder einen leichten Anstieg. Im Jahr 2015 nahmen sich in Deutschland 10.078 Menschen das Leben.

Besonders besorgniserregend ist, dass bei 54 Prozent der Suizidopfer in den USA keine psychische Krankheit bekannt war. Diese Zahl legt nahe, dass die Betroffenen nicht in Behandlung waren und still litten.

Das heißt, dass wir mehr über psychische Krankheiten sprechen müssen – nicht nur nach öffentlichen Tragödien. Nicht erst, wenn es schon zu spät ist.

Wahrscheinlich spricht niemand beim Brunch mit Freunden oder dem Familien-Abendessen locker über tödliche Selbstverletzungen. Suizidgedanken sind ein hässliches und unangenehmes Thema. Aber eines, das regelmäßig besprochen werden sollte.

Im Folgenden erklären Experten, wie man sinnvoll mit seinen Angehörigen über Suizidgedanken spricht und warum es wichtig ist, das nicht zu vermeiden – ob sie nun in einer Krise stecken oder nicht. Ein einziges Gespräch könnte ein Leben retten.

1. Versteht, dass jeder betroffen sein könnte

Viele Menschen denken, dass Selbstmord und selbstverletzendes Verhalten heikle Themen sind, sie von ihnen aber niemals selbst betroffen sein werden. Deshalb vermeiden sie es, darüber zu sprechen, sagt Dan Reidenberg, Direktor der Organisation “Suicide Awareness Voices of Education”.

Am besten spricht man offen und ehrlich über Suizid. Die Menschen haben oft Angst vor dem Wort und wollen es nicht ansprechen”, erklärt Reidenberg. “Sie haben häufig Vorurteile und glauben, dass es nie geschehen wird und deshalb sprechen sie nicht darüber.”

Tatsächlich ist Suizid die zehnthäufigste Todesursache in den USA und kostet dort jedes Jahr fast 45.000 Menschen das Leben. In Deutschland sterben rund 10.000 Menschen jährlich durch einen Selbstmord.

Weit über 100.000 Menschen begehen einen Suizidversuch. Das sind mehr Tote als durch Verkehrsunfälle, Mord und Totschlag, illegale Drogen und Aids zusammen.

Die Zahlen von selbstverletzendem Verhalten liegen noch höher. Selbstmord ist nicht das Problem anderer, sondern es ist unser aller Problem.

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2. Versteht, dass darüber sprechen, nichts schlimmer macht

Über Suizid sprechen, hilft. Es verschärft das Problem nicht.

Der wichtigste Rat ist, ein liebevolles Gespräch zu führen. Es gibt deutliche Beweise dafür, dass Gespräche über Selbstmord diese nicht auslösen”, sagt Colleen Carr, die Direktorin der Organisation “National Action Alliance for Suicide Prevention”.

“Stattdessen hilft das offene Gespräch über Suizidgedanken und -gefühle, sich zu erholen und spendet Hoffnung.”

3. Sprecht über Selbstmord wie über jede andere Krankheit

Gespräche über andere Krankheiten sind meist nicht schambehaftet. Auch bei psychischen Krankheiten und Suizid-Gedanken sollte das so sein.

“Egal ob jemand an einer psychischen Krankheit leidet, sich selbst verletzt oder auch nicht, wir müssen über Suizid genauso sprechen können wie über Diabetes, auch wenn der Gesprächspartner nicht betroffen ist”, sagt Reidenberg.

“Denkt an Spendenläufe für Brustkrebs oder Diabetes – Hunderttausende nehmen daran teil, egal ob sie jemanden kennen, der an einer dieser Krankheiten leidet oder nicht.”

4. Sprecht offen über eure Schwierigkeiten

Offen über eure Probleme zu sprechen, kann andere ermutigen, das gleiche zu tun.  Und wenn du jemanden kennst, der gerade eine schwere Zeit durchlebt, sag ihm, dass dir das klar und wichtig ist. Gespräche mit Themen wie “Was tust du, um diese Krise zu überwinden?” oder “Du bist in letzter Zeit nicht du selbst. Was ist los?”  zu beginnen, kann helfen, sagt Reidenberg.

“Suizid ist ein komplexes Thema und wird nicht von nur einem Faktor (wie einer psychischen Krankheit) ausgelöst, sondern eher von einer Reihe von Faktoren wie Beziehung, Drogenkonsum, körperlicher Gesundheit, Beruf, finanziellen und rechtlichen Problemen”, fügt Carr hinzu.

“Wir können unsere Freunde, Angehörige und andere, die einen Schicksalschlag erlitten haben oder an einer psychischen Krankheit leiden, genauso unterstützen, wie unsere Freunde und Familienangehörigen, die an einer körperlichen Krankheit leiden.”

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5. Hört richtig zu, wenn jemand beim Gespräch etwas erzählt

Es ist nicht nur entscheidend, die Menschen zu bitten, sich zu öffnen. Es ist auch ausschlaggebend, ihnen aktiv zuzuhören und das Gesagte in der eigenen Antwort zu berücksichtigen.

“Es ist auch wirklich wichtig, zu vermitteln, dass man sich für jemanden interessiert. Der Schlüssel dabei ist, dass man ehrlich ist”, sagt Reidenberg. “Wenn es euch wirklich wichtig ist, lasst sie das wissen und nicht glauben, dass ihr diese Fragen einfach nur stellt, ohne die Absicht, zuzuhören und zu helfen.”

6. Stellt direkte, genaue Fragen

Es ist wichtig, zu Freunden und Angehörigen aufrichtig zu sein, wenn es so klingt, als wären sie gefährdet, sagt Victor Schwartz, Chefarzt bei “The Jed Foundation”, einer Organisation für psychische Krankheiten .

“Wenn Menschen wirken, als hätten sie Probleme, ist es in Ordnung, sie zu fragen, ob sie auch denken, sich selbst zu verletzen”, sagt Schwartz. “Wenn sie das tun, ist es hilfreich, zu fragen, ob sie einen genauen Plan haben und ob sie glauben, dass sie ihn durchziehen werden. Es ist auch nützlich, zu fragen, was die Menschen wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lassen könnte.”

7. Überprüft euch erst selbst auf Vorurteile

Debatten über die Gleichwertigkeit von psychischen Krankheiten und ihrer Folgen bringen nichts, sagt Reidenberg. Sie keine Wertigkeit, die sich messen lassen würde. Ungeachtet dessen sollte man all diese Vorurteile hinter sich lassen, wenn man ein Leben-oder-Tod-Thema bespricht.

“Wenn ihr mit jemandem, der suizidal sein könnte, über Selbstmord sprecht, lasst bitte eure Vorurteile und moralischen Überzeugungen daheim”, sagt er. “Jetzt ist nicht die Zeit, jemandem eine Predigt zu halten, der an einer Krankheit leidet, die sein Leben in eine Krise stürzen könnte.”

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8. Akzeptiert, dass es unangenehm wird – das ist in Ordnung

Ein bisschen Unbehagen ist besser als die Alternative, ein so wichtiges Thema unbesprochen zu lassen, sagt Schwartz.

“Dafür offen zu sein, vom Schmerz und den Problemen anderer zu hören und sie bei der Suche nach professioneller Hilfe zu unterstützen, kann Leben retten”, sagt Schwartz.

Diese Unterhaltung wird niemals leicht sein. Es ist erschreckend, bei jemandem zu sein, der in schwerer Not ist. Man kann diese Unterhaltung unmöglich normalisieren – aber wir können das Unbehagen annehmen und begreifen, dass wir trotzdem das Richtige tun.”

9. Spielt das Thema nicht herunter

Selbstmord ist ernst. Punkt.

“Wenn ihr darüber sprecht, tut es genauso ernsthaft wie bei einem Gespräch über jede andere Krankheit”, sagt Reidenberg. “Spielt psychische Krankheiten nicht herunter oder leugnet, dass sie echt sind und weh tun, und wertet sie nicht ab. Du würdest jemandem mit Krebs auch nicht sagen, dass er ‘darüber hinwegkommen’ soll.”

10. Setzt euch dafür ein, das Thema nicht totzuschweigen

Wenn ihr diskutiert, ob man Suizid ansprechen sollte oder nicht, plädiert immer dafür, etwas zu sagen, betont Reidenberg.

“Wenn alle bereit sind, über Suizid zu sprechen, können wir ein umfassendes System entwickeln, mit dem wir mehr Leben retten”, sagt Reidenberg. “Jemanden auf Suizid anzusprechen, wird ihm keinen Floh ins Ohr setzen oder ihn dazu verleiten. Tatsächlich kann es dabei helfen, Angst und Stress abzubauen und möglicherweise Leben retten.”

Hinweis der Redaktion: Wenn du das Gefühl hast, dein Leben macht keinen Sinn mehr, wende dich bitte an die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

Beim Jugendinformationszentrum München findest du zudem persönliche und telefonische Beratung für Kinder und Jugendliche. Telefonnummer: 089 550 521 50 (Sprechzeiten: Montag bis Freitag von 13 – 18 Uhr). 

Dieser Artikel erschien zuerst in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt.

(ll)