LIFE
30/08/2018 18:12 CEST | Aktualisiert 30/08/2018 19:54 CEST

Sektenforscher warnt vor radikaler Christengruppe auf Youtube

Klicks, Geld und Ruhm für Jesus.

YouTube/Li Marie/Sceenshot
Sie sieht aus, als würde sie Schminktipps verteilen, spricht aber vor allem über Jesus: YouTuberin Li Marie.

Li Marie sieht aus wie eine klassische Beauty-Youtuberin: Sorgfältig geschminkt, hübsch, lange blonde Haare – und ein fröhlich-jugendliches Auftreten. 

“Hi Guuuys!”, begrüßt sie ihre Zuschauer in jedem Video. In einem davon erklärt sie, ihr falle keine deutsche Begrüßung mehr ein, weil sie so viele amerikanische Videos anschaue. Kann schon mal passieren. Als Beauty-Youtuberin. 

Nur dass Li Marie – so nennt sich die Frau selbst auf Youtube – eigentlich gar keine Beauty-YouTuberin ist. Zwar sind auch auf ihrem YouTube-Account Videos wie “5 Tipps für gesunde und lange Haare” zu finden, doch an erster Stelle ihres Lebens steht keine Haarbürste, sondern: Jesus. 

Und das wortwörtlich. Denn Li Marie und die anderen Mitglieder von “GIVICI”, der “Global Video Church”, leben nach dem Motto “Jesus first”. 

“GIVICI” ist eine Gemeinschaft von hauptsächlich freikirchlichen Christen. Inga Haase, die Leiterin des Theologischen Seminars Mainz, hat die Gemeinschaft vor rund drei Jahren gegründet. Unter ihren Studenten rekrutiert sie eifrig neue Mitglieder, wie diese auf Youtube berichten.

Haases offensichtliches Ziel: Möglichst viele junge schöne Menschen dazu bewegen, noch mehr schöne junge Menschen zu “GIVICI”-Mitgliedern zu machen. Ihr Konzept, Video-Predigten mit Beauty-Tipps zu vermischen, erscheint da gar nicht so blöd.

“GIVICIs” offizielles Ziel ist es allerdings, sogenannte Hauskirchen über das Internet zu errichten. In diesen Hauskirchen sollen Menschen von zuhause über Videos virtuelle Messen abhalten. 

Vor der Predigt erklingt in den Aufnahmen ein eigens produzierter Jingle, der wie eine Mischung aus Weihnachts-Popmusik und Joghurt-Werbung klingt. 

“GIIIIII-VIIIII-CIIIII, Kirche für jedermann und jederzeit!”, singt eine Frauenstimme. Im Bild sind schöne junge Menschen zu sehen, die sich kaputtlachen, als hätten sie gerade den Witz ihres Lebens gehört. 

Der Sektenforscher Hugo Stamm warnt vor “GIVICI”

Doch “GIVICI” ist mehr als eine pseudo-coole christliche Gemeinschaft. 

Der Sektenforscher Hugo Stamm warnt im Gespräch mit der HuffPost sogar vor “GIVICI”. Er beschäftigt sich schon seit den Siebzigerjahren mit Sekten und neureligiösen Bewegungen, hat sich für Recherchen zeitweise der Sekte Scientology angeschlossen.  

Der Schweizer Journalist sieht in “GIVICI” eine mögliche Gefahr und “sektiererische Aspekte”.

“Die Gemeinschaft, die in den Videos dargestellt wird, kann meiner Meinung nach in eine Abhängigkeit führen”, sagt Stamm der HuffPost. “Die strenge Heilslehre und hohen Anforderungen an Ethik und Moral der Gläubigen sind unerfüllbar und führen oft zu psychischem Druck.”

Welch hohe Anforderungen an die GIVICI-Mitglieder gestellt werden, erzählen sie selbst in ihren Videos. Es sind die Anforderungen des Christentums – vermeintlich modern ausgelegt.

Besonders wichtig: Natürlich nach der Vorschrift “Jesus First” leben. Jesus ist für sie das Wichtigste im Leben. 

Li Marie ist nur eine von etwa einem Dutzend “GIVICI”-Youtubern, die auf vermeintlich locker lässige Art und mit vermeintlich coolen Anglizismen von ihrem “Christian Lifestyle” erzählen.

Ein Youtuber erklärt in seinem Video, man sollte sich “den Charakter Jesu zum Vorbild nehmen, ihm in allen Dingen gehorchen und ihm dienen”.

Ein anderer sagt, man solle “nicht reich sein”, um in den Himmel zu kommen. 

Andere Videos tragen Titel wie “Die effektivsten Gebetsmethoden”, “Wann ist Sex ungesund?”, oder “Wie sieht die Hölle aus?”

Beim “GIVICI”-Youth-Channel ist auch Li Maries Freund Luca dabei. Luca ist eine Art radikal christlicher Sami Slimani. Wie der Youtube-Star und Lifestyle-Blogger lacht Luca selbst am lautesten über seine Witze und grinst fast ununterbrochen. In seinem Zimmer hängt ein Bild mit der Aufschrift ”One Way Jesus” an der Wand. 

In seinen Videos sagt er Dinge wie: “Es ist mega wichtig, dass man als Beziehungsfundament auf Gott baut.”

“GIVICI” will vor allem eines: Geld

Hugo Stamm bezeichnet “GIVICI”-Mitglieder wie Luca oder Li Marie als “religiös verblendet”. 

“Sie glauben, Jesus werde sie unterstützen und ihnen zum Durchbruch verhelfen. Dabei kommen sie nicht auf die Idee, dass ihr fundamentalistischer Glaube das Haupthindernis sein könnte, neue Mitglieder zu rekrutieren”, betont er. 

Dass hinter “GIVICI” aber noch viel mehr steckt, als eine verblendete Glaubensgemeinschaft, zeigen Sätze, die Jeremia Zimmerer sagt. Er bezeichnet sich als Vorstandsvorsitzenden von “GIVICI”. Im Gespräch mit ihm wird deutlich: “GIVICI” strebt Großes an. Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Dafür braucht “GIVICI” von den Mitgliedern vor allem eines: Geld. 

Das sei für Marketing und Vertrieb nötig, für das Equipment der Videos und natürlich für die Bezahlung der Angestellten und Azubis, sagt Zimmerer der HuffPost.

Azubis und Festangestellte für eine Glaubensgemeinschaft? “Ja, wir haben viel vor. Es gibt über 70 Millionen Menschen in Deutschland, die nicht glauben.” Rund 45 Millionen Menschen in Deutschland sind Christen – für Zimmerer aber offenbar nicht gläubig genug. 

Er spricht von “GIVICI” wie von einem Unternehmen. Der Auftrag des Unternehmens lautet offenbar: die Menschen bekehren. Und natürlich: Geld mit dem eigenen Glauben verdienen.

Sektenforscher Stamm warnt vor Gruppendynamik

“Was die Videos betrifft: Da könnten es mehr Klicks sein. Wir setzen uns größere Ziele. Die Spenden für dieses Jahr sind zwar okay, aber wir brauchen dringend mehr”, sagt Zimmerer der HuffPost. 

In den Videos fragen die Youtuber auch direkt nach Spenden. “Wenn ihr sagt ‘Hey ich habe ein bisschen Geld übrig’ und wollt uns unterstützen, dann könnt ihr das gerne tun”, sagt Li Marie an ihre jungen Zuschauer gewandt. 

Laut Zimmerer passiert das alles aber nicht aus Geldgier. Natürlich nicht. “GIVICI” tut das alles nur für Jesus. 

Außerdem will Zimmerer sich mit “GIVICI” langfristig auch von dem Theologischen Seminar Mainz lösen, “einen eigenen Verein gründen” und in andere Länder wie Österreich expandieren. 

Fragwürdig erscheint auch: Offenbar fragt Inga Haase, die Leiterin des Theologischen Seminars Mainz, ihre Studenten gezielt danach, bei “GIVICI” mitzumachen.

“Als ich angefangen habe, Theologie zu studieren, hat mich meine Leiterin gefragt, ob ich Bock habe, da mitzumachen”, erzählt Li Marie in einem Video. “Ich hab natürlich ja gesagt.” 

Klar: Schließlich ist es auch schwer sich etwas zu verweigern, was die Leiterin der eigenen Akademie vorschlägt – und was möglicherweise auch die Kommilitonen machen. 

Sektenforscher Stamm spricht von einer “autoritären Gruppendynamik”. Diese sei gefährlich, da sie oft zur “Entfremdung vom tradierten Weltbild und der angestammten Umgebung” führe. 

Die Werbegesichter Jesu

Die “GIVICI”-YouTuber seien hauptsächlich Studenten, sagt Zimmerer. Er verrät auch: Die Themen werden ihnen vorgegeben.

Heißt: Die YouTuber sprechen nicht frei, sondern sind nur die Gesichter für das Unternehmen, das hinter ihnen steht. Man könnte auch sagen: Sie lassen sich bereitwillig ausnutzen.

Bevor sie im Namen von “GIVICI” über den Youtube-Kanal ihren Glauben verbreiten dürfen, müssen sie sich casten lassen. Es ist also kein Zufall, dass die “GIVICI”-YouTuber vor allem junge, attraktive Menschen sind. 

“Ein Franchise-Unternehmen für Christen”  

Der nächste Meilenstein für “GIVICI”, also beziehungsweise für Jesus, seien 5.000 Klicks auf ein Video, sagt Vorstand Zimmerer. “GIVICI” vergleicht sich mit McDonalds. Sie wären gerne “ein Franchise-Unternehmen für Christen”.

Die Arbeit mit Influencern aus anderen Gebieten würde man nicht ablehnen, sagt Zimmerer.

“Wir könnten uns gegenseitig unterstützen.” Ja, sie würden den Influencern auch Geld zahlen, wenn sie “GIVICI” weiterverbreiten würden.  

Mehr zum Thema: “Ein Tag beim Influencer-Seminar hat mir gezeigt: Um unsere Welt steht es schlimmer als gedacht” 

“Wir haben auch zu Firmengründern Kontakt und geben denen Tipps”, sagt Zimmerer. Auch mit einem Immobilienmaklerbüro und einem Automobil-Hersteller sei man in Kontakt. 

Wo aber liegt die Grenze zwischen Glaubensgemeinschaft und Unternehmen? 

“Wir sind wie ein kleines StartUp”, sagt Zimmerer selbst. 

“GIVICIS” Vorbild: die Hillsong-Church

Offenbar hat “GIVICI” auch ein Vorbild aus den USA: die Hillsong Church. 

Li Marie erzählt in einem Video, sie fände es schade, dass es so viele christliche Gemeinden gebe, die einfach niemand kenne. Wie zum Beispiel die “Hillsong Church”. 

Glücklicherweise, könnte man da sagen. 

Die Kirche versucht mit einem ähnlichen Konzept wie “GIVICI” zu punkten, nur etwas erfolgreicher. Die Freikirche wurde 1983 in Australien gegründet. Einer ihrer bekanntesten Unterstützer ist Sänger Justin Bieber. 

Durch Konzerte und emotionale Predigten wird jeder Gottesdienst zu einem Event. Bei jungen Gläubigen kommt sie in den USA und Australien so gut an, dass allein in New York jeden Sonntag bis zu 8.000 Menschen zu einem ihrer Gottesdienste gehen. Zum Vergleich: Der Kanal “GIVICI Youth” hat bisher nicht einmal 4.000 Abonnenten. 

Freikirchen wie die “Hillsong Church” sind komplett von Spenden abhängig. Die Anzahl bekannter Unterstützer ist also wichtig. 

Die Ähnlichkeit zu “GIVICI” ist offensichtlich.

Bei Spenden bitte auch Kreditkarteninformationen angeben

Die “Hillsong Church” wird immer wieder kritisiert. In der Facebook-Gruppe “Hillsong Church: What they don’t want you to know” schrieben Nutzer laut der “Zeit”, Pastoren würden ausgedachte Fake-Storys predigen.

Das Ziel dahinter: Spenden. Bei Spenden würde die Kirche sogar die Kreditkarteninformationen einsammeln. Jedes “Hillsong”-Mitglied soll ein Zehntel seines Gehalts geben. 

Jenny Alloway, Sprecherin der “Hillsong Church Deutschland” in Konstanz, begründet das im Gespräch mit dem BR so: “Die Bibel sagt: Je großzügiger du wirst, desto größer wird dein Leben durch Gott.” 

Und da man ja eh nicht reich in den Himmel kommt, ist es natürlich praktisch, wenn man vor dem Tod alles an Hillsong oder “GIVICI” gespendet hat.